Karl Ernst Henrici, Versteigerung 155, am 5 Juli 1929, I. Autographen aus verschiedenen Gebieten; II. Handschriftlicher Nachlaß der Bettine von Arnim; Dritter und letzter Teil, pp. 58-60, item 180.


 

Henrici Catalogue: Joachim’s Letters to Bettine

A priceless, confessional, collection of letters from Joseph Joachim to Bettine von Arnim was auctioned off in Berlin on 5 July 1929, along with other items from Bettine’s estate. They have not been seen since. The whereabouts of these important letters is currently unknown. They contain, among other things, a music manuscript and a series of aphorisms that also found their way into Johannes Brahms’s commonplace book,  Des Jungen Kreislers Schatzkästlein. 

Bettina Arnold copy

Joachim, Joseph, der Violinvirtuose; 1831-1907. 27 eigh. Briefe m. U.: “Jussuph”, “Joseph Joachim”, “Benjamin”, “Benjamin J. Joachim” etc. aus den Jahren 1853—1856 und undatiert. Zusammen etwa 110 Seiten. Verschiedene Formate. An Bettine. — Beilagen: Eigh. Schriftstück: “Kleine Sätze für mich”. 8 Seiten Sentenzen. — Eigh. Musikmanuskript mit Pianofortebeleitung. Hannover, d. 23 März 1853. 3 ½ Seiten. Quer-4o.

Joseph Joachim war in seinen Jugendjahren ein begeisterungsvoller Vereher der Bettine von Arnim und ihrer Tochter Gisela. Diese Tatsache spiegelt sich in den vorliegenden Briefen des jungen Künstlers wieder, aus deren Inhalt nur einiges mitgeteilt werden möge: “Nicht länger kann ich sie ertragen, diese fürchterliche Einsamkeit, in die ich mich seit unserer Trennung immer mehr hineingelebt, aus der mich nichts heraus zu reissen vermochte! Am liebsten wäre ich in die Baumans- oder Bielshöhle gezogen, um allein zu sein mit mir, nachzuhängen dem Ineinanderwogen aller meiner Gefühlsnerven, der Sehnsucht nach Schmerzen in mir. Untauglich war ich geworden zu jedem Verkehr…. Es war eine trübe Zeit; frage mich jetzt nicht, was sie veranlasst hat. Vielleicht später einmal erzähle ich Dir’s ungefragt. Ich schreibe so kühn zu Dir hin, vielleicht “später” — und wer weiss, ob Du mich überhaupt noch hören magst, ob Dich mein unglückseliges Schweigen nicht von mir gewandt? Ach, es war recht unhöflich, ungesittet, ich weiss es wohl; aber sollte ich den einzigen Wesen gegenüber, von denen ich nicht erkannt zu sein mit recht weh thun würde, denen ich frei und offen, ganz ich selbst, oder gar nicht sein will, auch ein geborgtes Wesen vorheucheln, um einer Höflichkeitsforderung zu genügen. Du wärst nicht Bettine, wolltest Du mit keinem “Nein” darauf antworten. Ich weiss es, Du wirst mir wieder angehören, mir wieder schreiben; und soll ich Dir es sagen, was mich dessen so freudig gewiss macht: das grüne Aestchen, das in Eurem Weihnachts-Glase vor mir steht….” “Ich habe gekämpft und gekämpft, bevor ich mich zu dem Schritt entschloss, den ich thue, indem ich Dir diese Zeilen schreibe. Ich muss Gewissheit haben, ob ich wieder mit denen, die mir auf Erden am höchsten stehen, verkehren darf, mit Euch, deren liebendes Vertrauen mich zuerst aus meiner Dumpfheit gerissen, die mich der Natur zurückgeführt, mich mir selbst wiedergegeben haben….” “Ich liebe die Giesel (sie weiss das selbst nicht, und wird es auch wohl nie erfahren) mit der ganzen Macht, die meiner Seele zu Gebote steht; aber ich liebe sie eben mehr wie mich, wie meine bessern Anlagen, die getrennt von meinen Schwächen, zur Vollkommenheit gediehen sind….”

Aus dem Schriftstück: “Kleine Sätze für mich”, dass dem Briefe aus Hannover, den 10 August 1853 von Joachim beigelegt wurde, seien nachfolgende Auszüge gegeben: “Künstler sollen nicht Diener, sondern Priester des Publikums sein.” — “Wir müssen uns hüten, dass der Geist eines geliebten Genius nicht für uns zur Flamme werde, an der wir armen Schmetterlinge im Umflattern untergehe(n).” — “Nur der ist echter Künstler, bei dem das Leben verherrlichend eingreift, dem die Kunst kein Geschmeide ist, das er nach Belieben um- und abhängt.” — “Bei Schiller war die Speculations-Periode nicht Gefühlskälte, nur die nothwendige Dämmerungskühle zwischen der Nacht der Ungewissheit und dem nahenden Licht höherer Vollkommenheit.” — “Nicht loben und bewundern: lieben und nachahmen wollen wir!” — Schubert ist der eigentlichste Romantiker der Musik; in seinen Tönen liegt für mich ein Hingeben an die heftigste Sinnlichkeit, Nachschwelgen, reiches, fast weichliches Versenken in die Erinnerung; Wehmuth, schmerzliches Empfinden des Contrastes mit der Gegenwart; zerrissenes Hinbrüten im Bewusstsein der Schuld, Aufschwung zur Reue; vergebenes Ringen, dem Herzen die ursprüngliche, Natur begeisterte, reine Empfindung zurückzuführen; Rückfall in den wildesten betäubendsten Taumel, bacchantisch, ohne Versöhnung. Er ist unendlich reich und namentlich in der Harmonik auch neben Beethoven selbständig, aber ohne plastische Gestaltungskraft wie dieser Grösste.

Hieran anknüpfend möge folgende Beethoven betreffende Stelle aus einem Briefe Joachims an Bettine aus Hannover, d. 30 Dezember 1855 noch erwähnt werden: “….Auch vorgestern Abend redeten meine Wünsche laut zu Dir; ich hatte das erstemal im Leben die Freude die Cmol Sinfonie B’s zu dirigiren, und als einige Barbarinnen, deren Namen ich zum Glück nicht weiss, während der Musik fortlieften, hatt ich unwillkürlich Dein tröstendes Bild vor der Seele, wie es sich in den grauen Mantel hüllte, und die Augen schloss, nicht um zu schlafen, wohl aber doppelt zu lauschen…. Die Sing-Akademie studirt die Bach’sche Matthaeus Passion ein; ich singe mit, und freue mich allemal auf den Chor in dem Bach bei den Worten: “Sind Blitze und Donner in Wolken verschwunden” die Chöre aufwärts rollen lässt, während das Orchester in zackigen Rhytmen blitzt. Es ist zu schön, sich eine Weile als ein Stück Natur-Gewalt fühlen zu dürfen! Nach der Passion soll die Freude, d. h. die neunte Sinfonie erst recht anfangen, die zu dirigiern ich von der Sing-Akademie beauftragt worden bin Mit ihrer Aufführung würde einer meiner frühesten Wünsche in Erfüllung gehen; wahrscheinlich im März, und ich wollte Du könnetst Deine Braunschweiger Angelegenheit in derselben Zeit ordnen, damit Du durchreisend hier wärest….”

Beigelegt: Bettine. Eigh. Entwurf eines Briefes an Jos. Joachim. Undatiert. 2 Seiten. 40. — Bleistiftschrift.