Johannes Otzen

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Abschiedsworte des Präsidenten der Kgl. Akademie der Künste
Geh. Regierungsrat Prof. Dr. ing. Joh. Otzen

Hochgeehrte Trauerversammlung!

Wir stehen hier im Angesichte eines Ereignisses, das, so sehr es den Grenzen menschlichen Daseins entsprechen mag, uns dennoch aufs tiefste erschüttert — der grosse Meister Joseph Joachim ist tot.

Diese Kunde ist in den Trauertagen der letzten Woche durch die ganze Kulturwelt geflogen, und wohl an jeder Stelle, an der seine gottbegnadigte Geige geklungen, wird sie das Gefühl eines unersetzlichen Verlustes auslösen.

Es hat ja vor ihm und neben ihm grosse Geiger gegeben. Die meisten sind vergessen; und bei den nicht ganz Vergessenen ist es fast immer nur ein grosses Virtuosentum gewesen, das ihren Namen der Nachwelt erhalten hat.

Wie anders hier.

Hochverehrte Trauer-Versammlung! Sie werden es mir nachfühlen, dass ich in diesm Augenblicke wünschen muss, ich wäre ein Musiker — oder aber ein solcher, der zu des Meisters Füssen gesessen und seines Geistes voll ist, stände an meiner Stelle.

Ich kann und ich darf nicht wagen, die unsterblichen künstlerischen verdienste des grossen Meisters auch nur zu berühren, die ich kaum zu ahnen, nicht zu verstehen, und noch weniger zu schildern vermag

Diese Tat, die volle Würdigung des künstlerischen Wesens und Wirkens von Joseph Joachim, muss zunächst einer Trauerfeier der Musik vorbehalten bleiben und wird in ihrer vollen Lösung wohl erst späteren Geschlechtern zufallen.

Was ich aber darf und was ich kann, das ist, in dieser feierlichen Abschiedsstunde des schönen Menschentums unsers Verblichenen zu gedenken und insbesondere sein Verhältnis zu uns, den Mitgliedern der Akademie, in Liebe und Wehmut zu zeigen.

Ihnen Allen, hochverehrte Mitglieder dieser Versammlung, die voll Ehrfurcht vor der Majestät solches Toten hier erschienen sind, wird es, auch wenn Sie den Musiker Joachim in erster Reihe verehren, doch schwer werden, diesen von dem Menschen Joachim zu trennen.

Wie oft und wie schmerzlich vermissen wir bei hoher Künstlerschaft dasjenige, was erst wahre Grösse verleiht: die harmonische Durchdringung des Künstlers mit dem Menschen.

Aber, daher auch das Sieghafte solcher Erscheinung. Es ist, als wenn die Menschheit aus dieser erst ihr wahres Ziel und ihren wahren Wert erkennt — aber auch die bedrückende Gewissheit, dass eine solche Harmonie nur von den ganz Auserwählten und Lieblingen der Götter zu erreichen ist.

Ein solcher Liebling war unser Joseph Joachim und dabei von einer Bescheidenheit, Güte und wahrer Menschenliebe erfüllt, die ihn Jedem unversgesslich machte, der auch nur vorübergehend je das Glück seiner Bekanntschaft genossen hat.

Gewohnt, auf den Höhen des Lebens zu wandeln mit den Grössten unserer Erde und ihren erlauchtesten Geistern zu verkehren, — selbst ein Fürst unter Fürsten, war er dennoch gegen Alle, die ihm nahe traten, und mochten sie noch so arm, so einfach und bescheiden in ihrer Lebensstellung sein, von unerschöplichem Wohlwollen.

Gegen die Genossen seiner Kunst und seiner Arbeit, gegen die trauernden Reste des weltberühmten Joachim’schen Quartetts; die betäubt von dem sie betroffenen Schlage an dieser Bahre stehen — von gleichbleibender Liebenswürdigkeit und voll Hingabe an die gemeinsame künstlerische Aufgabe.

Gegen die Akademie, deren Mitglied er seit 1874 und deren Vize-Präsident er seit 7 Jahren gewesen ist —, von treuer Pflichterfüllung und herzlicher Kollegialität erfüllt.

So wird er denn auch nicht am wenigsten von uns — so lange ein Zeuge seines Wesens unter uns lebt, mehr wie schmerzlich vermisst werden.

Sein edles Aeussere, das wunderbare Organ seiner wie Musik klingenden lieben Stimme, wird uns fehlen und niemals ersetzt werden.

Aber sind wir bildenden Künstler auch diesen ästhetischen Eindrücken mehr preisgeben, wie andere Menschen, — wir werden darüber nie vergessen, dass die Schönheit und edle Würde des Aeusseren im lieben Meister Joachim nur das Spiegelbild seiner edlen Seele waren.

Alles zusammen ein Gemälde von ergreifender Einfachheit, Schönheit und Kraft.

Auch wir legen unsern heissen Dank zu den Füssen dieses Sarges nieder und rufen dem teuren Entschlafenen in Wehmut, Ehrfurcht und Liebe zu:

Lebe wohl! grosser Meister und lieber Freund, lebe wohl! Möge dein Beispiel und dein Wesen, zu dem wir verehrend aufschauen, befruchtend und veredlend wirken auf alle kommenden Geschlechter, dass sie in Kunst und Leben dir nachstrebend das grosse Ziel des harmonischen Menschentums erkennen und erreichen.

Das walte Gott!


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