Der Humorist, No. 137 (June 7, 1844), p. 548.


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Musikalisches.

(Joseph Joachim) ist noch immer der musikalische Löwe in London. Sein Spiel hat die frostige Seele John Bull’s aufgethaut, und die Bewunderung für ihn wird desto größer, je mehr er gehört wird. Unlängst spielte er in einem Philharmonic=Concert Beethoven’s herrliches Violin=Concert, zu welchem er sich selbst Kadenzen komponierte, in denen sich ein so feiner Geschmack und so viel frische Fantasie bekundete, daß Mendelssohn beim Anblicke der Komposition Freudentränen vergoß. Diese Kadenzen sind so im Geiste und des Charakters des Concertes selbst gehalten, daß man die für einen integrirenden Theil desselben hält. Die “Morning Post” bemerkt dabei, daß moderne Fantasien=Macher von Joachim lernen können, sich den Ideen der Meister anzuschmiegen. Der “Morning herald” sagt Folgendes über des jungen Joachim’s, welches Jedermann mit Bewunderung erfüllt, das Beethoven‘sche Concert, vor welchem selbst die hochgespieltesten Künstler zurückfahren, wurde, so viel wir wissen, hier bloß von Mori, Blagrove und Eliasson, und zwar nicht mit vollständigem Erfolge exekutirt. Wir thun nicht zuviel, wenn wir sagen, daß Joachim sie alle Drei hierin übertraf, ja, selbst den Erstgenannten von ihnen, so groß und bewundernswert dieser auch war. Daß ein Knabe von 13 oder 14 Jahren mit viel Fertigkeit spielt, ist gegenwärtig keine so besondere Merkwürdigkeit; daß sich aber in dieser Fertigkeit eine seltene Vollkommenheit sowohl des Vortrages, als auch der Intonation offenbart, daß der Ton sich ebenso durch Reinheit als durch Fülle und Schönheit, daß die ausgedehntesten Distanzen, selbst in den schwierigsten Gängen mit unfehlbarer Präcision ausgeführt werden, daß zu dem Allen sich ausgezeichnetes Gefühl und tiefes Verständniß der erhabensten und idealsten Musik gesellt, daß diese Vorzüge alle bei einem Kinde vereinigt sein sollen, das ist’s was Einen ganz aus der Fassung bringt. Die Erscheinung des Jungen im Orchester, mit seinem lächelnden und klugen Angesichts, mit auf die Schulter zurückgeschlagenen Kragen, die Taschen wahrscheinlich noch mit Spielkugeln und Peitschenschnüren voll gestopft, ist gewiss ein Anblick, welcher die Greifköpfe stutzen macht. Da steht er, seine Violine mit der Leichtigkeit und Zuversicht eines Paganini greifend, die Leitung der Philharmonic=Professoren übernehmend, und ihnen ihre Zeichen gebend, als wäre das Ganze bloß ein Spaß — bloß ein kindischer Zeitvertreib. An Joachim‘s Leistungen kann jeder Maßstab angelegt werden. Sein Styl ist rein und ungeziert, seine Ausführung vollendet, sein Geschmack künstlerisch und gediegen. Die Leistung wurde mit Entzücken aufgenommen, die sogar das Orchester theilte; es waren gewiß wenige anwesend, welche nicht bekennen mußten, daß dies die außerordentlichste Erscheinung frühgereiften Talentes sei, welche ihnen noch vorgekommen ist. Die Wirkung wurde durch die gediegensten Mittel hervorgebracht: es war ein schönes, gediegenes Spiel — die Ausführung eines Meisters, das Verständnis eines Musikers! Jäckchen und Höschen wurden ganz vergessen! —


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This story was most likely “planted” by Joachim’s family with clippings sent from London.