Siebenter Bericht des Mozart-Vereins zu Dresden 1906-1908, Dresden: Hansa-Druckerei, pp. 35-40.

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Gedächtnisrede
anläßlich der Trauerfeier für Joseph Joachim
am 27. Oktober 1907
gehalten von Andreas Moser aus Berlin.

,,Der Mensch erfährt,
Er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück
Und einen letzten Tag!

            Die hehren Klänge Beethovens [Cavatina from String Quartet no. 13 in B-flat Major, op. 130], die soeben an uns vorübergezogen sind, dieselben, mit denen vor 21/2 Jahren Joachim in der Berliner Sing-Akademie den Manen Adolf Menzel’s gehuldigt hat, sind so recht dazu angetan, die bittere Wahrheit des Goetheschen Spruches, den ich vorausgeschickt habe, zu deuten und zu mildern. Mit ihrem Wechsel zwischen andachtsvollem Beten und schmerzlicher Beklommenheit, die schließlich in die demütige Ergebung vor dem Unbegreiflichen ausklingt, gemahnten sie uns daran, daß wir zwar einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, einen Verlust aber, der zugleich etwas Versöhnendes in sich trägt. Wir wollen trauern um den großen Toten, dessen Gedenken diese Weihestunde gewidmet ist, aber wir dürfen nicht wehklagen! Denn er hat ein Leben gelebt, so lang und schön und reich, wie es nur wenigen Auserwählten beschieden ist, und alles, was uns Menschen begehrenswert scheint, ward ihm zuteil in überströmender Fülle. Generationen haben zu ihm aufgeschaut als zu dem geweihtesten Hüter seiner Kunst, und auch kommende Geschlechter noch warden in Ehrfurcht seinen Namen nennen, da mit reineren Händen nie ein Amt verwaltet ward al smit den seinen! Einem Patriarchen gleich ragte er in die Gegenwart herein als das lebendige Bindeglied zwischen uns und längst vergangenen Zeiten; eine Rieseneiche, um die so mancher Sturm gebraust, und die doch grünte bis ans Ende, da die tötliche Axt sie fällte.

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Einem Patriarchen gleich! Denn wie die sanfte Morgenröte den jungen Tag küßt, der, traumverloren und taubeschwert, noch nicht weiß, daß ihn in wenigen Stunden schon der leuchtende Sonnenball am Firmament in vollem Glanz bestrahlen wird, so grüßt in Joachims Kindheit der hehre Name “Beethoven” hinein. Hat er doch “die unsterbliche Geliebte” des Tongewaltigen noch gekannt, in Joseph Böhm einen Lehrer besessen, dem als Leiter eines Streichquartetts Beethoven und Schubert ihren künstlerischen Odem eingehaucht hatten, und schon als 13jähriger Knabe das Violinkonzert von Beethoven öffentlich gespielt!

Nachdem er in der Schule Mendelsohns [sic] den Schlüssel gefunden hatte, der ihm das Zauberland Joh. Seb. Bachs erschloß, fan der sich alsbald zo heimisch darin, daß Schumann den damals 22jährigen “den besten Dolmetsch dieser Wundermusik” nennen konnte. Als ihm der Tod diesen Führer entrissen hatte, der ihm zugleich ein Freund für’s Leben zu warden versprach, hat er sich mit seinem “Kriegskameraden” Johannes Brahms weitergebildet in allen Zweigen seiner Kunst und teilgenommen an allem, was schön und edel ist auch außerhalb seines engeren Berufskreises. Und als man ihm die Götter rauben wollte, die er anbetete, um an deren Stelle andere zu setzen, ist er männlich eingetreten für seine Überzeugung und hat nicht gewankt, wie heftig auch die Wellenschläge der Zeit und Mode seinen Standpunkt zu gefährden schienen.

In dieser Weise im Strom der Welt und im Kampf der Meinungen ein Charakter geworden, hat sich bei ihm zugleich jenes universelle Stilgefühl ausgebildet, das ihn, den urdeutsch empfindenden Künstler, die Brücke finden ließ, die zu den französischen und italienischen Klassikern des Violinspiels hinüberführt. Andererseits hat er sich bis ins Greisenalter jenen kindlichen Frohsinn und schalkhaften Humor bewahrt, der die unerläßliche Voraussetzung für die lebendige Wiedergabe der Werke Haydns und Mozarts bildet.

Mozarts! Es ist kein Zufall, daß wir uns heute gerade im Rahmen des Vereins zusammengefunden haben, der sich die Pflege dieses göttlichen Meisters zur Aufgabe gestellt

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hat. Wir haben es vielmehr getan, um an den Manen Joachim seine Dankesschuld abzutragen. Denn vom Tag der Gründung bis zu seinem Hinscheiden hat Joachim den Bestrebungen dieses Vereins nicht nur Sympathien entgegengebracht, sondern durch wiederholte Mitwirkung bei Aufführungen bewiesen, daß ihm die Verherrlichung Mozart seine Herzensangelegenheit war. Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als ich vor drei Jahren auf einer gemeinschaftlichen Sommerreise mit ihm entblössten Hauptes vor dem Standbild Mozarts in Salzburg stand und er mir sagte: “Weißt Du, Moser, wenn wahre Schönheit oder schöne Wahrheit den Wert eines Kunstwerkes bestimmt, dann war der da droben doch der größte Künstler von allen!” —

Leider haben wir die traurige Pflicht, heute nicht nur des Meisters zu gedenken, der seine Sendung hienieden erfüllt hat, sondern noch eines zweiten Ehrenmitgliedes des Mozartvereins, den der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hat. Am 3. dieses Monat sist Alfred Reisenauer in Libau an einem Herzschlag plötzlich verstorben. Wenn ich bedenke, was dieser feinsinnige Künstler in den 25 Jahren seines Wirkens in der Öffentlichkeit geleistet hat und was von ihm noch zu erwarten stand, so bin ich sicher, daß nicht nur die Mitglieder des Mozartvereins, sondern weiteste Kreise das frühe Hinscheiden des reichbegabten “Musikers am Klavier” und liebenswürdigen Menschen auf das innigste bedauern warden. Sein Andenke wird bei allen, die ihn gehört und gekannt haben, unvergessen bleiben. —

Muß bei der Würdigung eines Künstlers der Nachdruck ganz naturgemäß auf seine Kunstleistungen gelegt warden, so überkommt uns doch auch wieder ein wohltuendes Gefühl der Befriedigung, wenn wir erfahren, daß der betreffende Künstler nicht nur Bewunderung ausgelöst, sonder nob seiner menschlich schönen Eigenschaften auch Liebe verdient hat. Als Joachims langjähriger Freund und Mitarbeiter habe ich einen solchen Einblick in sein Innenleben gewonnen, daß ich sagen darf: nur Wenige haben, wie er, das Goethesche Wort erfüllt: “Hilfreich sei der Mensch, edel und gut!” Man braucht nr die Briefe Mendelssohns und Schumanns an

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und über Joachim zu lessen, um sich sofort darüber klar zu sein. Die freudigste Genugtuung aber warden Sie empfinden, wenn erst der von mir vorbereitete Briefwechsel zwischen Brahms und Joachim zur Ausgabe gelangt sein wird. Ein Charakterbild wird sich Ihnen daraus erschließen, in seiner schlichten Einfalt zo rührend groß, daß es mich unwillkürlich an den Vers erinnert, in dem Franz Grillparzer das Wesen des Instrumentes besungen, mit dessen meisterlicher Beherrschung sich Joachim so oft in unsere Seelen hineingespielt hat:

“Vier arme Saiten — es klingt wie ein Scherz —
Für alle Wunder des Schalles;
Hat doch der Mensch nu rein einziges Herz,
Und reicht doch hin für alles!”

            In seiner edelsten Gestalt tritt uns das Menschentum Joachims namentlich in seiner Eigenschaft als Lehrer und Bildner der Jugend entgegen. Er war seinen nach vielen Hunderten zählenden Schülern nicht nu rein künstlerischer Berater, sondern zugleich ein väterlicher Freund und Helfer, von dem keener ungetröstet fortging. So manche Geige, die da klingt und singt an dem verschiedensten Orten der Welt, ist ein Geschenk von ihm, der ihrem gegenwärtigen Besitzer damit den Weg geebnet hat zur Ausbildung und zum weiteren Fortkommen. Und dann seine Geige, seine Finger und sein Bogen! Wie viel Tränen haben sie getrocknet, wie viel Sorge verscheucht und Not gelindert durch ihre stete Bereitschaft einzutreten für die Armen und Mühseligen! Aus all’ dem erkennen wir, daß Joachim nicht nur einer der größten Künstler aller Zeiten gewesen ist, sondern zugleich ein Mann, den die edelsten Eigenschaften des Herzens geziert haben.

Er hat aber auch den schönsten Lohn dafür geerntet. Wie seine ganze Künstlerlaufbahn vom hellsten Sonnenschein bestrahlt wurde, so hat auch über seinem Sterbebette ein gutter Stern geleuchtet. In Schönheit dürfte er sanft entschlummern, ohne von dem Kuß des Todesengels auch nur die leiseste Ahnung gehabt zu haben.

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Sein Name gehört der Geschichte an; sein Menschentum aber ist eingegraben in unsere Herzen, unauslöschich, tief und treu! —

Die Weihestunde, die mich heute nach Dresden geführt hat, um mit Ihnen vereint den Manen des größten ausübenden Tonkünstlers unserer Zeit zu huldigen, ruft in mir die Erinnerung an eine Totenfeier wach, die vor über zweihundert Jahren dem größten schaffenden Musiker seiner Zeit gegolten hat. Als 1672 Heinrich Schütz gestorben war, richtete der Magister Herzog vor der Beisetzung der Leiche in der Vorhalle der hiesigen alten Frauenkirche die folgenden Wrote an die versammelten Mitglieder der Chors und Orchesters:

“Nun, ihr edlen Musici, ihr Virtuosi und treue Clienten eures eisgrauen Senioris, umfanget und begleitet mit Thränen den Cörper des seeligen Herrn Capellmeisters zu seiner Grabstätte. Machet und haltet anitzo ihm nach Churfürstlicher gnädiger Anordnung die angestellte Kirchenmusik bei der Bestattung auf das Beweglichste, und wisest, daß ihm seine letzte Ehre zwar hiedurch erwiesen, die eurige aber hiedurch wachsen und euch bei Hohen und Niedrigen noch mehr beliebt machen. wird.

Hiermit trägt man Schützens Kunst
samt seiner Hand zu Grabe,
Die unserer Hofcapell den besten
Zierrath gabe;
Ein Mann, der seinen Gott und
Fürsten true geliebt;
Dieß ist die Grabeschrift, die ihm
Chursachsen giebt.” —

So bitte ich nun auch Dich, lieber Freund und Genosse Petri, den unser heimgegangener Meister stets “eines seiner liebsten Kinder” genannt hat: Nimm Geig’ und Bogen in die Hand und ehre Dich, uns und den großen Toten mit den Klängen, die er seinerzeit erdacht, um das Andenken seiner Freundin Gisela von Arnim festzuhalten [Joachim, Violin Concerto no. 3 in G Major, dedicated to the memory of Gisela von Arnim].Und wenn sich

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dann in der Mitte des zweiten Satzes allmählich der düstere Wolkenschleier zur Seite schiebt und sich wie aus klarblauem Himmel tröstend und mild eine Lichtgestalt herniedersenk, die uns zuflüstert, daß im Jenseits Ruh’ und Frieden, so wird dieses B ild auch in unseren Herzen nicht nur das Gefühl der Befreiung auslösen, sondern, versöhnt mit dem Schicksal, warden wir mit dankbarem Stolz sagen dürfen: Der herrliche Künstler und Mensch, zu dessen Ehrung wir uns heute zusammengefunden haben, er war unser!