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Hans Sommer: Erinnerungen an Joseph Joachim und seine Beziehungen zu Braunschweig (1913)

09 Wednesday Oct 2024

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Sommer, H. “Erinnerungen an Joseph Joachim und seine Beziehungen zu Braunschweig.” Braunschweigerisches Magazin 19, no. 2 (1913): 20-22.



Erinnerungen an Joseph Joachim und seine Beziehungen zu Braunschweig
Hans Sommer

       [English translation below]

            Von seinem ersten Auftreten in Braunschweig hat der große Künstler selbst, aufs lebhafteste gefeiert, 1903 das fünfzigjährige Jubiläum begehen können. Zuerst führte ihn hierher das denkwürdige Konzert vom 25. Oktober 1853, mit dem die Witwen-und Waisen-Pensionsanstalt der Herzoglichen Hofkapelle begründet wurde, und das durch mehrere Werke Berlioz’, von ihm selbst vorgeführt, seine eigentliche Prägung erhielt. So wurde es zum Ereignis für weiteste Kreise, nicht nur für Litolff, Wiedebein, Methfessel, Abt, die Gebrüder Müller und Griepenkerl, damals die musikalischen Häupter der Stadt. Überall sprach man über den Verlauf der Proben, wobei auch heitere Episoden nicht fehlten. Weshalb, wurde z. B. gefragt, nennt den Berlioz den Konzertmeister immer Caesar? er heißt doch Karl! Bei wohlgelungenen Stellen hatte ihm nähmlich Berlioz erfreut zugerufen: c’est ça! c’est ça! Als Ohrenzeuge kann ich nur über die Generalprobe im alten Hoftheater berichten, in die mich heranwachsenden Enthusiasten eine günstige Fügung geführt hatte, und lebhaft erinnere ich mich noch, daß Berlioz’ heiligem Eifer mehrere am Dirigentenpulte angebrachte Lampencylinder klirrend zum Opfer fielen. Damals kam der jugendliche Joachim von Weimar, wo er unter Liszt Konzertmeister war; er hat von Liszt’s Vortragskunst manches gelernt und fühlte sich dort in der fortschrittlichen Atmosphäre wohl. Später ward es bekanntlich anders: er und Brahms veröffentlichten 1857 sogar einen Fehdebrief an Liszt und Wagner. Ob Joachim in den nächsten Jahren in Braunschweig aufgetreten ist, weiß ich nicht; ich studierte damals in Göttingen; dort aber, wo Joachim mit Robert Schumanns Familie im Sommer öfters sich aufzuhalten pflegte, habe ich bei Julius Otto Grimms musikalischen Veranstaltungen den Meister vielfach gehört, auch mit seinem vortrefflichen, leider früh verstorbenen Schüler Friedemann Bach mich eng befreundet. In nähere Beziehung [21] zu Joachim trat ich erst 1863 mit der Gründung des Vereins für Konzertmusik, den mein Freund, Kommerzienrat Adolf Schmidt, und ich geschäftlich und musikalisch zu leiten hatten, natürlich im Einvernehmen mit dem übrigen Vorstande, dem, unter dem Vorsitze des Geheimrats von Liebe, Major Hollandt, Ehrenfried Hornig, Theodor Müller, Eduard Schade, von Schmidt-Phiseldeck, Major von Unger und Friedrich von Voigtländer angehörten. 

            Joachim lebte damals, mit der Sängerin Amalie Weiß jung verheiratet, in Hannover unter dem Titel Konzertdirektor, da ihm auch die Leitung von Abonnement-Konzerten oblag. Von seinerWohnung aus, die überschwemmten Wiesen an der Masch über-blickend, wies er mir den Schauplatz seiner miß-glückten Schlittschuhlauf-Versuche und bestätigte die Richtigkeit einer vielerzählten Anekdote (Der Anschnaller, der den unsanft Hingepurzelten wieder auf die Beine gestellt, hatte nämlich gemeint: “Ja, ja, Herr Konzertdirektor, sau lichte is dat nich, as dat Vijelinspeelen!”). Er folgte öfters unserer Einladung zu Konzerten, spielte besonders gern mit Frau Clara Schumann Kammermusik und — edelmütig, wie er war — wies er uns dann an, auch sein Honorar (20 Frsd’or) der Partnerin auszuhändigen, die es allerdings als Komponisten-Witwe zudem als Mutter von 9 [sic] unversorgten Kindern, dringend benötigte. Joachim kam auch in Begleitung seiner Frau, als wir diese eingeladen hatten, den Gluck’schen “Orpheus” im Konzert zu singen. BEide wohnten damals im gastlichen Voigtländerschen Hause. Eine leichte Verstimmung zeigte sich, als Joachim mit seinen hannöverschen Genossen einen Quartett-Abend hier veranstaltete und nur einen spärlich besetzten Saal (im Hotel de Prusse) vorfand. Ich hatte, bei Übernahme der Vorbereitungen, ihn darüber nicht im Zweifel gelassen, daß nur, wenn Frau Joachim durch Lieder-Vorträge das Programm mannigfaltiger gestaltete, auf größeres Publikum zu rechnen sei und hatte leider hierin recht behalten. Von seinen Quartettgenossen, denen er übrigens die ganze Einnahme überließ, erfuhr ich bei dieser Gelegenheit, daß das Zusammenspiel mit ihm überaus schwierig sei. Da helfe auch alles Probieren nicht: am Abend lasse Joachim doch seinen Inspirationen freien Lauf, und die anderen müßten Ohren und Nerven aufs äußerste anspannen, wollten sie ihm folgen. Da künstlerisch das Hannöversche Quartett reiche Ehren einheimste, war die Verstimmung nicht erheblich. Höchst erstaunt aber waren wir, als er 1865 die Mittwirkung im Musikfeste, das der Verein in der Aegidienkirche veranstaltete, mit kurzen Worten ablehnte. Was hatte das zu bedeuten? Erst viel später erfuhren wir es aus seiner Äußerung: “Wohl wußte ich, daß sie mich für einen vortrefflichen Spieler hielten; doch durfte ich erwarten, auch als Dirigent von Ihnen gewürdigt und demgemäß zur Leitung des Musikfestes berufen zu werden.” Du lieber Himmel! Darauf war keiner gekommen. Aber wenn auch — und wenn wir ihn auch als Musterdirigenten geschätzt hätten — unmöglich wär’s gewesen! Besondere Umstände hatten uns nämlich bereits der Dirigenten drei beschert: J. Herbeck aus Wien, C. L. Fischer aus Hannover und den heimischen F. Abt. Mehr als genug! Und jeder hatte es natürlich auf die fettesten Bissen des Programms, namentlich die 9. Symphonie abgesehen. Abt freilich war bescheiden, die Ansprüche der andern aber hätten beinahe zu einem Krach geführt. Und nun noch ein Vierter? Der natürlich ebenfalls auf die Neunte erpicht war!? Das wäre unmöglich gewesen, auch wenn wir Joachims Dirigenten-Ehrgeiz hätten ahnen, auch wenn wir das Zukünftige hätten voraussehen können. Der Bruch war nämlich unheilbar. Bis zum Jahre 1870, mit welchem der Verein seine Tätigkeit einstellen mußte, gelang es uns nur noch einmal, Joachim zum Auftreten zu bewegen. Durch den jugendfrischen August Wilhelmj suchten wir ihn zu ersetzen. In den Konzerten des jüngeren Vereins, der von 1871 an unser Stelle trat, hat Joachim zweimal gespielt, in 1872 und 1874. Bald darauf versuchte er es wiederum mit einem Quartett-Abend. Abermals gähnte dem unvergleichlichen Kammermusikspieler ein halb leerer Saal entgegen. Da zog er sich grollend zurück und ich auch, wie Kundige versichern, in den achtziger und neunziger Jahren unserer Stadt fern geblieben. Erst das Jubiläumskonzert von 1903 hat den Zweiundsiebenzigjährigen wieder hieher geführt. Und noch einmal ist es gekommen, am 25. Februar 1905, um im Konzert der Hofkapelle zum letzten Male das Beethovensche Konzert vorzutragen, das kein Lebender besser zu spielen vermochte, größer im Stil, edler im Ausdruck, als der nun verewigte Meister. Um meinen Sohn das noch erleben zu lassen, hatte ich ihn um diese Wahl gebeten, und freundlichst folgte er meiner Anregung.

            Persönlich bin ich in den letzten Jahrzehnten nur selten mit ihm zusammengetroffen; waren doch auch unsere Anschauungen über neuere Musik ganz divergierende. Aber als Richard Strauß, Max Schillings und ich 1898 einen Aufruf zur Gründung einer Genossenschaft Deutscher Tonsetzer erließen, als sich demgemäß Fortschrittler und Konservative, alle, die sich seit Jahrzehnten arg befedet, einheitlich zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen zusammenfanden, war Joachim einer der ersten, die sich uns anschlossen. Überließ er es nun auch im Vorstande meist seinem Gesinnungsgenossen Ernst Rudorff, seine Ansichten zu vertreten, so hat doch sein Beispiel viel Gutes gewirkt, und true hat er zur gemeinsamen Sache gehalten. Persönlich eingegriffen hat er nur einmal, da aber in engerer [22] Sitzung mit größter Energie und entscheidend: es gelang ihm, die Folgen eines übereilten Schrittes abzuwenden und das, was auseinander zu fallen drohte, zusammenzuhalten.

            Ehre also dem großen Künstler, der vielfach auch in unserer Vaterstadt das heilige Feuer der Kunst geschürt, Ehre nicht minder dem edelsinnigen und charaktervollen Mann, als welchen sich Joseph Joachim mir stets erwiesen hat.

Dr Hans Sommer.



Memories of Joseph Joachim and his Connections to Braunschweig

            In 1903, the great artist was personally able to celebrate the enthusiastically received fiftieth anniversary of his first appearance in Braunschweig. He was first brought here by the memorable concert on October 25, 1853 that established the Widows’ and Orphans’ Pension Institute of the Ducal Court Orchestra, and that received its distinctive character through several works by Berlioz, performed by the composer himself. Thus, it became an event for the widest circles, not just for Litolff, Wiedebein, Methfessel, Abt, the Müller brothers, and Griepenkerl, who at that time were the musical leaders of the city. Everywhere, people talked about the progress of the rehearsals, which also included some amusing episodes. For example, it was asked, why does Berlioz always call the concertmaster Caesar? His name is Karl! At well-executed passages, Berlioz had exclaimed with delight: “C’est ça! C’est ça!” (That’s it! That’s it!). As an ear-witness, I can only report on the dress rehearsal in the old court theater, to which a fortunate circumstance had led me, a growing enthusiast. I vividly remember that several lamp cylinders attached to the conductor’s podium fell victim to Berlioz’s holy zeal, shattering noisily. At that time, the young Joachim came from Weimar, where he was concertmaster under Liszt; he had learned much from Liszt’s manner of performance and felt comfortable in the progressive atmosphere there. Later, as is well known, things changed: in 1857, he and Brahms even published a letter of protest against Liszt and Wagner. Whether Joachim performed in Braunschweig in the following years, I do not know; I was studying in Göttingen at the time. However, in Göttingen, where Joachim often used to stay with Robert Schumann’s family during the summer, I frequently heard the master at Julius Otto Grimm’s musical events. I also became close friends with his excellent student Friedemann Bach, who unfortunately passed away at an early age. I only entered [21] into a closer relationship with Joachim in 1863 with the founding of the Association for Concert Music, which my friend, Commercial Councilor Adolf Schmidt, and I managed both commercially and musically, naturally in agreement with the rest of the board. This board included, under the chairmanship of Privy Councilor von Liebe, Major Hollandt, Ehrenfried Hornig, Theodor Müller, Eduard Schade, von Schmidt-Phiseldeck, Major von Unger, and Friedrich von Voigtländer.

            At that time, Joachim, newly married to the singer Amalie Weiß, lived in Hanover with the title of Concert Director, as he was also responsible for conducting subscription concerts. From his apartment, overlooking the flooded meadows of the Masch, he showed me the scene of his unsuccessful ice-skating attempts and confirmed the accuracy of a widely-told anecdote. (The skate-fitter, who had helped the ungracefully fallen man back to his feet, had remarked: “Ja, ja, Herr Concert Director, it ain’t as easy as playin’ the violin!”) He often accepted our invitation to concerts, particularly enjoying playing chamber music with Frau Clara Schumann, and — generous as he was — he would then instruct us to hand over his fee (20 gold Friedrichs d’or) to his partner, who, as a composer’s widow and mother of 9 [sic] unprovided-for children, urgently needed it. Joachim also came accompanied by his wife when we invited her to sing Gluck’s “Orpheus” in concert. At that time, both were staying at the hospitable Voigtländer house. A slight tension arose when Joachim organized a quartet evening here with his Hanoverian colleagues and found only a sparsely filled hall (in the Hotel de Prusse). When taking on the preparations, I had made it clear to him that a larger audience could only be expected if Frau Joachim were to make the program more varied by performing songs, and unfortunately, I had been proven right in this. On this occasion, I learned from his quartet colleagues, to whom he had left the entire proceeds, that playing together with him was extremely difficult. No amount of rehearsing could help: in the evening, Joachim would give free rein to his inspirations, and the others had to strain their ears and nerves to the utmost if they wanted to follow him. Since the Hanoverian Quartet reaped rich artistic honors, the tension was not significant. However, we were utterly astonished when he briefly declined to participate in the music festival that the association organized in the Aegidien Church in 1865. What did this mean? Only much later did we learn from his statement: “I knew well that they considered me an excellent player; but I should have expected to be appreciated by you as a conductor as well and accordingly be called upon to direct the music festival.” Good heavens! No one had thought of that. But even if we had — and even if we had esteemed him as a model conductor — it would have been impossible! Special circumstances had already provided us with three conductors: J. Herbeck from Vienna, C. L. Fischer from Hanover, and the local F. Abt. More than enough! And naturally, each had set his sights on the choicest pieces of the program, particularly the 9th Symphony. Abt was certainly modest, but the demands of the others had almost led to a clash. And now a fourth one? Who would, of course, also be keen on the Ninth!? That would have been impossible, even if we had suspected Joachim’s ambition as a conductor, even if we could have foreseen the future. The rift was, in fact, irreparable. Until 1870, when the association had to cease its activities, we only managed to persuade Joachim to perform once more. We sought to replace him with the youthful August Wilhelmj. In the concerts of the newer association, which took our place from 1871 onwards, Joachim played twice, in 1872 and 1874. Soon after, he attempted another quartet evening. Once again, a half-empty hall stared back at the incomparable chamber music player. He then withdrew resentfully, and according to those in the know, stayed away from our city in the eighties and nineties. It was only the jubilee concert of 1903 that brought the seventy-two-year-old back here. And he came once more, on February 25, 1905, to perform Beethoven’s concerto for the last time in the court orchestra’s concert — a piece that no living person could play better, with greater style and nobler expression, than the now immortalized master. To allow my son to experience this, I had asked him for this choice, and he most kindly followed my suggestion.

            In recent decades, I rarely met with him personally; after all, our views on newer music were completely divergent. However, when Richard Strauss, Max Schillings, and I issued a call in 1898 to establish an Association of German Composers, as progressives and conservatives who had been fiercely feuding for decades came together to protect their economic interests, Joachim was one of the first to join us. While he usually left it to his like-minded colleague Ernst Rudorff to represent his views on the board, his example had a very positive effect, and he remained loyal to the common cause. He intervened personally only once, but then in a closed [22] meeting with great energy and decisively: he succeeded in averting the consequences of a hasty step and held together what threatened to fall apart.

            Honor, therefore, to the great artist who often kindled the sacred fire of art in our hometown, and no less honor to the noble-minded and principled man that Joseph Joachim has always proven himself to me to be.

Dr Hans Sommer. 

Translation © Robert Whitehouse Eshbach, 2024


Hans Sommer (1837-1922) was a German composer and mathematician born in Braunschweig (Brunswick). Initially pursuing a career in mathematics, he served as the director of the Braunschweig University of Technology from 1875 to 1881. Sommer later focused on music composition, particularly operas, beginning his compositional career at age 40. His works often featured fairy tale-inspired librettos, with notable productions including “Der Nachtwächter” (1865), “Loreley” (1891), and “Rübezahl und der Sackpfeifer von Neisse” (1904). He also composed songs, orchestral works, and male-voice choruses. Beyond his creative pursuits, Sommer played a significant role in establishing composers’ performance rights, involving Richard Strauss in this cause. Together with Strauss, he founded the Genossenschaft Deutscher Komponisten (Association of German Composers (1898–1903), of which he was Chair. Sommer’s dual expertise in mathematics and music, combined with his advocacy for composers’ rights, made him a unique and influential figure in late 19th and early 20th century German music.

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