Bonawitz, Johann Heinrich. “Meine Reise mit Joachim in Rußland.” Wiener Signale: Wochenschrift für Theater und Musik 5, no. 3 (January 21, 1882); 5, no. 6 (February 11, 1882); 5, no. 7 (February 18, 1882).
Johann Heinrich Bonawitz (1839 – 1917)
Johann Heinrich Bonawitz’s “Meine Reise mit Joachim in Rußland” (1882) is a lively, often humorous report of a concert tour that took Joseph Joachim and the author through Germany and Austria-Hungary to the Russian Empire, with stops in Breslau, Krakau, Saint Petersburg, Moscow, Kiev, Odessa, and Lemberg. Alongside anecdotes about eccentric fellow-travellers, house porters watching for nihilist proclamations, and the perils of thawing Moscow streets, Bonawitz offers detailed, first-hand observations of Joachim’s programs, collaborators, and reception, as well as of operatic and institutional life in the major Russian musical centers. Read today, the article is not only an entertaining piece of travel writing, but also a valuable primary source for Joachim’s repertory and artistic prestige in the early 1880s, and for German perceptions of Slavic musical culture on the eve of Russia’s emergence as a self-conscious “third musical power” alongside Germany and Italy.
Musik.
Meine Reise mit Joachim in Rußland.
Von J. H. Bonawitz.
[English translation below]
I.
In der Weihnachtswoche trat ich, von London aus, die Reise nach Rußland an. In Kissingen angelangt, wo wir etwa eine halbe Stunde auf die Weiterfahrt warten mußten, ergözte ein, mitten im Wartesaal I. und II. Classe stehender Hahn im Korbe die anwesenden Passagiere durch sein unaufhörliches „Kikeriki“, und als der Conducteur das Zeichen zum Einsteigen gab, wollte die Eigenthümerin des seltsamen Passagieres (eine nach Berlin reisende Frau in den besten Jahren) durchaus ihren Liebling mit in’s Coupé nehmen. Doch mußte sie sich schließlich den Anordnungen des Eisenbahntyrannen fügen und den Vogel im Gepäckwagen unterbringen.
Die arme Frau that mir leid, denn sie hatte offenbar den Hahn lieb, und der garstige Conducteur sah vielleicht nur einen Rivalen in ihm, denn er half in der That alle Stationen ausrufen: Breda! Kikeriki! Benlo! Kikeriki! Goch! Kikeriki!
Eine junge mit uns reisende Engländerin schien sehr erbittert über die gestellte Zumuthung der Hahnfreundin, das arme harmlose Thier in unserem Coupé unterbringen zu wollen, denn sie raisonnirte, während sie auf einer stummen Claviatur klimperte, unaufhörlich, und wer weiß, ob nicht noch ein Kampf um den Hahn entstanden wäre, wenn ich nicht, um dem Streit ein Ende zu machen, folgendes Gespräch mit der clavierklimpernden Engländerin angeknüpft hätte.
„Sie scheinen die Kunst des Clavierspielens eifrig zu betreiben?“
„Ich bin Virtuosin und spiele viel öffentlich!“
„Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie auch in London concertiren?“
„Gewiß. Die „Foreigners“ jedoch nehmen uns die besten Engagements weg. Meine Landsleute, die Engländer, sind die größten Dummköpfe, die es gibt. Sie lassen nur solche gelten, die entweder „Herr“ oder „Signor“ „Madame“ oder „Mademoiselle“ vor ihre Namen setzen, oder doch wenigstens ihre Studien in Deutschland gemacht haben. Wir Engländer leisten ganz ebensoviel und vielleicht mehr als alle in den letzten Jahren zu uns nach England gekommenen „Foreigners“ — Of course, Joachim und Frau Schumann ausgenommen.“
„Of course,“ sagte ich und zog meinen Hut ab, als Zeichen meiner Bewunderung ihres Heldenmuthes, den von der ganzen Welt hochverehrten Künstlern ebenfalls ihre Anerkennung gezollt zu haben.
„Die meisten Uebrigen aber,“ fuhr sie fort, „sind nur mittelmäßige Talente, die kaum so viel leisten als wir.“
Nachdem sich meine englische Collegin noch, ihrer Ansicht entsprechend, über verschiedene meiner in London lebenden geachteten deutschen Collegen geäußert hatte, frug ich sie, ob ihr auch ein gewisser Bonawitz bekannt sei. Doch der gütige Leser erlasse mir die Schilderung der Hinrichtung meines Namens, die darauf erfolgte.
Ich wurde förmlich mit Keulen todtgeschlagen, und würde bitterlich zu weinen angefangen haben, wenn nicht der Hahn aus dem Gepäckswagen heraus unaufhörlich „kikerikit“ hätte. Da mir meine unbarmherzige Collegin im Laufe des Gespräches mitgetheilt, daß sie (um den Ansprüchen ihrer „dummen Landsleute“ zu genügen, die durchaus deutsch-musikalische Ausbildung verlangen) auf ein Jahr nach . . . . . gehe, nahm ich Veranlassung, ihr eine Einführungskarte an meinen dort lebenden Freund Prof. N. anzubieten, dem sie sich persönlich vorstellen wollte. Ich gab ihr jedoch meine Karte mit der Empfehlung an meinen Freund erst im Moment des Umsteigens. Ob sie wohl Gebrauch davon machen wird?!!
Gern hätte ich einen Abstecher nach Leipzig gemacht, um mich mit der nöthigen Weihe für die bevorstehende Tournée zu versehen, aber ich wollte doch die Unmenschlichkeit nicht zu weit treiben, denn es war mir unterwegs ein Hund anvertraut worden, den ich in Berlin abliefern mußte, und bei der bekannten Furcht der Sachsen vor wüthenden Hunden (die gar nicht einmal wüthend sind) wäre dies geradezu polizeiwidrig gewesen. Ich verzichtete daher aus Menschlichkeit, weil ich die guten Sachsen „nich ferchten machen wollte“, auf Blümchenkaffee und Weihe, und ging direct nach Berlin, wo ich gerade noch rechtzeitig eintraf, um einem Quartett-Abend der Herren Joachim, de Ahna, Wirth und Hausmann beiwohnen zu können. Das unvergleichliche Quartett entzückte mich mehr als je an jenem Abend, und namentlich unvergeßlich wird mir die Ausführung des Mozart’schen G-moll-Quintetts (mit Hinzuziehung einer zweiten Bratsche) bleiben. Man mag über Joachim als Solospieler urtheilen wie man will, als Quartettspieler steht er einzig und unerreicht da.
Nachdem ich noch einige angenehme Tage bei dem „Meister der Meister“ in Berlin verbracht, traten wir unsere Reise an. In Breslau fand am 2. Jänner das erste Concert statt. Meister Joachim und ich eröffneten dasselbe mit der Brahms’schen Sonate in G-dur, die ungemein gefiel. Dann folgten Violinsoli von Tartini, Viotti, Paganini und Schumann; ferner Claviersoli von Chopin, und die Frl. Rosa und Blanca Thiel (aus Breslau) sangen Duette von Carissimi, Händel, Schumann, Löwe und Hollstein.
Am 3. Jänner spielten wir in Krakau. Das Programm war folgendes: 1. Concert von Bruch (Joachim). 2. Nocturne und Polonaise von Chopin (Bonawitz). 3. Romanze F-dur von Beethoven, Sarabande und Tambourin von Leclair, ungarische Tänze von Brahms-Joachim (Joachim). 4. Introduction und Scherzo von Bonawitz (Bonawitz). 5. Concert von Mendelssohn (Joachim).
Nach dem Concert waren wir bei dem berühmten polnischen Schauspielerin Modrzejewska zum Souper eingeladen. Unter anderen Gästen war auch der polnische Componist Zelenski erschienen, der, gemeinschaftlich mit Joachim und einem tüchtigen Cellisten, ein interessantes Trio eigener Composition vorführte. Während des Mahles ließen wir die Polen leben, und sie uns, und nachdem wir uns Tags darauf noch die Hauptsehenswürdigkeit der ehemaligen polnischen Königsstadt, die Schloßkirche mit ihren Königsgrüften, angesehen, zogen wir gegen St. Petersburg.
II.
Am 15. Jänner (3. Jänner russischen Datums) fand unser erstes Concert in St. Petersburg statt. Dasselbe wurde unter Leopold Auer’s umsichtiger Leitung mit der „Sommernachtstraum“-Ouverture eröffnet. Hierauf folgte die Hauptnummer des Abends, das Beethoven- oder vielmehr das Beethoven-Joachim’sche Violinconcert, denn es spielt’s Joachim doch keiner nach. Zweite Hauptnummer war die Joachim gewidmete Schumann’sche Phantasie, die außer dem großen Geiger bekanntlich Niemand öffentlich zu spielen wagt, und die — troß aller Hochachtung für Schumann sei es gesagt — auch nur unter seinen Händen genießbar ist. Es folgten dann kleinere Piecen von Viotti, Joachim und Paganini, und zwischen den Solovorträgen Joachim’s spielte ich Claviersoli von Chopin, Schumann und Mendelssohn. Der Erfolg Joachim’s war, wie er selbst zugesteht, der größte eines Lebens.
Am darauf folgenden Abend gaben wir ein Concert in Wiborg (Finnland), in welchem die Brahms’sche Clavier-Violin-Sonate (G-dur) Hauptnummer des Programmes war. Da wir gleich nach dem Concerte nach St. Petersburg zurückkehrten, hatte ich — zwischen dem ersten und zweiten dortigen Auftreten — mehrfach Gelegenheit, mich mit den Musikverhältnissen der Hauptstadt Rußlands bekannt zu machen.
Petersburg besißt zwei kaiserliche Opern, eine russische und eine italienische. In der russischen Oper sind Chor und Orchester besser als bei den Italienern. Ueber die Solosänger vermag ich keinen Vergleich anzustellen, da ich nur einen Theil des Personales zu hören bekam. Was übrigens die „mise en scene“ anbelangt, so übertrifft die Petersburger italienische Oper Alles, was ich bis jetzt gesehen. Bei den Russen hörte ich die „Novgoroder“ von Napravnik, unter des Componisten Leitung, und bei den Italienern Massenet’s „Der König von Lahore“. Während mich Napravnik’s Oper ihrer slavischen Färbung wegen interessirte, konnte ich dem bombastischen, von Reminiscenzen strotzenden „König von Lahore“ nicht den geringsten Geschmack abgewinnen.
Die kaiserlich russische Musikgesellschaft, welche über das ganze Reich verzweigt ist, und (unter des Großfürsten Constantin’s Patronage) ihren Hauptsiz in St. Petersburg hat, veranstaltet (unter Davidoff’s Leitung, der zugleich Director des Conservatoriums ist) jährlich acht große Concerte. Leider gab es keine Gelegenheit, eines davon zu hören; auch das vielgerühmte Quartett: Auer, Pickel, Weickmann, Davidoff, pausirte gerade. Dagegen hatten wir Gelegenheit, einer Production des Kammermusik-Vereines beizuwohnen, welcher durch Albrecht, Hildebrand, Hille, Werschbilowitsch und Klimoff Quartette von Davidoff und Tschaikoffsky und ein Claviertrio von Napravnik zu Gehör brachte.
Das Conservatorium der k. russischen Musikgesellschaft hat Namen wie Auer, Brassin, Davidoff, Klimoff etc. unter seinen Professoren aufzuweisen, und soll jeder erste Professor den Rang eines „Oberst“ haben. Dabei sehen aber die Herren, etwa Brassin ausgenommen, nichts weniger als „militärisch“ aus.
Am 18./6. Jänner fand unser zweites und letztes Concert (für Kammermusik) in St. Petersburg statt. Joachim spielte mit Pickel, Weickmann, Hildebrand und Davidoff Mozart’s G-moll-Quintett und Beethoven’s C-dur-Quartett, Op. 59, und mit mir die Brahms’sche G-dur-Sonate. Der enthusiastische Beifall, der nach dem C-dur-Quartett losbrach, veranlaßte Joachim, außer der Chaconne noch verschiedene andere Sachen von Bach zuzugeben, und wäre es auf’s Publikum angekommen, so hätte er bis den anderen Tag gespielt. Die von mir benügten Concertflügel waren aus der 1818 gegründeten Fabrik des Herrn C. M. Schröder in St. Petersburg. Was Größe und Qualität des Tones anbetrifft, können diese Instrumente den vorzüglichsten der alten und neuen Welt an die Seite gestellt werden; ihre Spielart wird vielleicht nur von Erard übertroffen.
Zwei Stunden vor unserer Abreise von St. Petersburg nach Moskau hatten wir noch die Ehre, im Palaste der Großfürstin Katharina zu spielen. Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Großfürstin, sowie die übrigen anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des Hauses Romanoff schienen sich lebhaft für die Brahms’sche Sonate (die natürlich wieder auf dem Programm stand) zu interessiren.
Nach 19stündiger Fahrt langten wir am 20. Jänner in Moskau an, wo wir von dem Director des Conservatoriums, Herrn N. Hubert, in liebenswürdigster Weise empfangen wurden.
III.
Wer das Glück hat, Moskau in gefrorenem Zustand zu treffen, der wird von einigen asiatischen Stadttheilen — insbesondere vom Kremel — einen feenhaften Eindruck bekommen. Wehe aber, wenn Thauwetter eintritt! Geht man zu Fuß, so wadet man zolltief im Schmutz, und fährt man, so kehrt man bis über die Ohren besprißt nach Hause zurück, denn die Fahrzeuge sind alle offen und sehr niedrig. Man thut zu solchen Zeiten gut, einfach zu Hause zu bleiben, denn Moskau ist nur „gefroren“ genießbar. In der Nacht machen die vor jedem Haus sitzenden armen Hausmeister, die Acht zu geben verpflichtet sind, daß keine nihilistischen Proclamationen angeklebt werden, einen mitleiderregenden Eindruck. Was würden wohl die Wiener gnädigen Herren Hausmeister sagen, wenn man ihnen etwas Derartiges zumuthete?
Die Moskauer Musikverhältnisse sind denen von St. Petersburg sehr ähnlich. Die kaiserlich russische Musikgesellschaft gibt jährlich zehn große Concerte (gegenwärtig unter Hofcapellmeister Erdmannsdörfer’s Leitung), das damit verbundene Quartett: Hrimaly, Hill, Babuschka, Fitzenhagen, ebenso viele Kammermusik-Abende, und die kaiserlich russische Oper führt, wie in St. Petersburg, vorzugsweise nationale Opern auf. Die italienische Oper ist seit Kurzem eingegangen. Das Conservatoriumsgebäude (früher ein fürstliches Schloß) wurde der kais. russischen Musikgesellschaft von Herrn Nicolai Alexandrovitsch Alexcieff geschenkt. Nicolaus Rubinstein, der Gründer des Moskauer Conservatoriums, soll einmal in Gegenwart dieses hochherzigen Mannes die Hoffnung ausgesprochen haben, die Mittel zum Ankauf dieses schönen Gebäudes mit der Zeit zu erlangen, worauf Herr von Alexcieff, ohne sich lange zu besinnen, das Schloß, im Werthe von 150,000 Rubel, der kais. russischen Musikgesellschaft schenkte. Das Conservatorium wird, wie das St. Petersburger und das Warschauer, von der Regierung subventionirt, zählt über 400 Schüler und 50 Professoren, darunter Dr. Neitzel, Pabst, Fitzenhagen, Hrimaly, Hill und Albrecht.
In der russischen Oper hörte ich Tschaikovsky’s „Eugen Onegin“. Das Werk, welches sich, wie alle slavische Musik, vorzugsweise in Molltonarten bewegt, macht einen sehr edlen Eindruck. Es liegt in der Musik der Slaven ein großer Schaß begraben. Ersteht der Nation ein bahnbrechendes Genie, wie Bach oder Gluck, dann wird Rußland, neben Deutschland und Italien, die dritte musikalische Großmacht der Welt. An Talent fehlt es den Slaven ebensowenig als den Deutschen oder Italienern, an Gemüthstiefe und Innigkeit stehen sie vielleicht am höchsten, aber die „Schule“ fehlt noch, und deshalb macht ihre Musik (besonders die dramatische) häufig den Eindruck des Unfertigen, Unbeholfenen.
Eigene Concerte gab Joachim in Moskau nicht. Er war von der Musikgesellschaft für zwei Concerte mit Orchester und einen Kammermusikabend gewonnen worden. Im zweiten Concerte mit Orchester hatte auch ich die Ehre, mitzuwirken. Die Programme der beiden Orchesterconcerte enthielten die Violinconcerte von Brahms und Beethoven; Schumann’s C-dur-Symphonie, die Coriolan-Ouverture, eine Serenade von Tschaikovsky, Schubert’s Divertissement (von Erdmannsdörfer orchestrirt) und diverse Clavier- und Violin-Soli von Spohr, Leclair, Paganini, Viotti, Chopin u. s. w. Der Kammermusikabend fand, wie die Orchesterconcerte, im großen Adelssaale statt; Hauptnummern des Programmes waren die Quartette in A-dur und Cis-moll von Schumann und Beethoven. Zwischen dem zweiten und dritten Concert reisten wir nach Tula, wo wir am 25. Jänner spielten, kehrten aber noch in derselben Nacht nach Moskau zurück.
In einer Soirée des Violin-Professors Besekierski hörten wir, nach unserer Rückkehr von Tula, dessen 13jährigen Schüler Charles Gregorovitch. Er spielte das Bruch’sche G-moll-Concert und kleinere Piecen von Ernst. Joachim findet schon jetzt seine Technik „fabelhaft“ und glaubt, daß bei fortgeseztem Studium, das Höchste von ihm zu erwarten sei. — Ich brauche wohl nicht erst zu versichern, daß auch hier der Erfolg Joachim’s ein wahrhaft großartiger war. Er hätte, wenn er nicht ein abgesagter Feind aller Reclame wäre, mit demselben Recht wie einst Julius Cäsar die Worte: „Veni, vidi, vici!“ nach Hause berichten können. Nachdem wir uns noch das größte Wunder der Stadt Moskau, die zum Andenken an „1812“ gestiftete „Erlöserkirche“, die noch in diesem Jahre (zur Kaiserkrönung) eröffnet werden soll, und 120 Millionen Rubel gekostet hat, angesehen, reisten wir nach Orel, wo wir am 30. Jänner spielten.
Ueber Orel läßt sich in musikalischer Beziehung nicht viel mehr sagen, als daß das dortige Publikum sehr liebenswürdig ist, und selbst eine Schumann’sche Violin-Phantasie zu würdigen versteht. Kieff bietet schon mehr des musikalisch Interessanten. Es existirt dort ein kleines Conservatorium und eine russische Oper, welche 7 bis 8 Monate im Jahre spielt. Bemerkenswerth ist, daß in dieser von 150.000 Menschen bewohnten Zuckerfabriksstadt 30.000 Juden leben, wovon jedoch nur 3.000 Asylrecht haben. Was auswärtige Zeitungen über die in Kieff stattgehabten Judenverfolgungen berichteten, soll nicht übertrieben gewesen sein.
In den am 31. Jänner und 2. Februar stattgehabten Concerten spielten wir u. A. die Kreuzer-Sonate, die Chaconne von Bach, die Clavierphantasie, Op. 17, von Schumann, Violinconcerte von Spohr und Bruch etc. Herr Kaulfuß, der erste Claviermeister und Schüler von Carl Tausig, ist seit einer Reihe von Jahren in Kieff ansässig.
Odessa ist ohne Zweifel in musikalischer Beziehung die glücklichste Stadt der ganzen civilisirten Welt, denn die „Conservatoriumsseuche“ ist dort nie zum Ausbruch gekommen, obgleich so vortreffliche Künstler wie Feldau und Tedesco, denen es gewiß nicht an Macht und Einfluß gefehlt hätte, Conservatorien zu gründen, sich dort aushalten. Aber sie thut’s aus Humanität nicht, weil sie in Südrußland kein musikalisches Proletariat schaffen wollten. Die Hauptstadt Südrußlands hat aber keine Symphonie- und Kammermusik-Concerte, und das ist sehr zu bedauern. Warum ruft Herr Feldau, Odessas erste Autorität, nicht solche Concerte in’s Leben? Wir concertirten in Odessa am 5. und 6. Februar. Unsere Programme enthielten u. A. die Brahms’sche Clavier-Violin-Sonate, Schumann’s Clavier-Phantasie, Op. 17, Bach’s Chaconne für Violine, und Concerte von Bruch und Mendelssohn. Daß Joachim hier wie überall in Rußland förmlich auf den Händen getragen wurde, ist buchstäblich wahr.
Der Kunstsinn der Russen ist ein ganz außerordentlicher, und wäre dies gewiß höchst erfreulich, wenn nicht dabei ein fast allzustarker Autoritätsglaube verbunden wäre. Ich habe bei Slaven überhaupt die Wahrnehmung gemacht, daß sie berühmten Künstlern, selbst wenn ihnen deren Leistungen noch völlig unbekannt, die überschwenglichsten Sympathien entgegenbringen, während sie anderen ganz tüchtigen Menschen, die aber nicht das Glück haben, berühmt zu sein, nur geringe Beachtung schenken. Der Autoritätsglaube existirt zwar auch bei uns in Deutschland, aber doch nicht in dem Grade. Man findet bei uns immer noch Leute genug, die sich nicht von der Einbildung allein beherrschen lassen. Daher kommt es auch, daß hervorragende Musiker wie Clementi, Cherubini, Berlioz, Rubinstein und Saint-Saëns in Deutschland früher Anerkennung fanden, als bei ihren, vom Autoritätsglauben stärker beeinflußten Landsleuten. — Dieser Objectivität und Gerechtigkeitsliebe hat Deutschland gewiß mit zum Theil seine Superiorität in künstlerischen Dingen zu verdanken.
Mit Odessa war eigentlich unsere russische Tournée zu Ende, aber wir gaben auf der Heimreise noch ein Concert in Lemberg (am 8. Februar), von welchem ich, da die dortigen Musikverhältnisse gewiß jedem Leser dieser Blätter zur Genüge bekannt, nur das Programm anführen will. Wir spielten folgendes: 1. Concert von Bruch. 2. Phantasie, Op. 17, von Schumann. 3. Adagio von Viotti. 4. Variationen von Joachim. 5. Introduction und Scherzo von Bonawitz. 6. Ungarische Tänze von Brahms-Joachim.
Ich muß nun von den geehrten Lesern der „Wiener Signale“ für kurze Zeit Abschied nehmen. Nach London zurückgekehrt, werde ich meinen „amerikanischen“, „italienischen“ und „russischen“ Musikberichten bald einen „englischen“ folgen lassen. An Stoff dazu fehlt es, der dortigen höchst eigenthümlichen Musikverhältnisse wegen, keinesfalls. *)
*) Der geehrte Herr Verfasser, dessen Beiträge uns, und hoffentlich auch unseren Lesern jederzeit sehr willkommen sind, wird entschuldigen, wenn wir uns erlaubt haben, den Schlußpassus seines Aufsatzes wegzulassen. Es ist in demselben dem Eigenthümer der „Wiener Signale“ in Bezug auf das Arrangement der Tournée Joachim ein großes Compliment gemacht; der Eigenthümer der „Wiener Signale“ aber besitzt eingedenk des bekannten Sprichwortes vom Eigenlobe in dieser Beziehung eine vielleicht etwas weitgehende Empfindlichkeit.
Die Redaction.
J. H. Bonawitz – Meine Reise mit Joachim in Rußland
Reiseplan und Programme (nach den Wiener Signale‑Berichten, 1882)
Weihnachtswoche (Ende 1881)
- London → Kissingen (Bad Kissingen) → Berlin
2. Jänner – Breslau (Wrocław)
- Ort: Breslau
- Programm:
- Brahms: Sonate G‑dur für Clavier und Violine (Joachim, Bonawitz)
- Tartini: Violinsolo (Joachim)
- Viotti: Violinsolo (Joachim)
- Paganini: Violinsolo (Joachim)
- Schumann: Violinsolo (Joachim)
- Chopin: Claviersoli (Bonawitz)
- Duette von Carissimi, Händel, Schumann, Löwe, Hollstein (Frl. Rosa und Blanca Thiel, aus Breslau)
3. Jänner – Krakau (Kraków)
- Ort: Krakau
- Programm:
- Bruch: Violinkonzert (Joachim)
- Chopin: Nocturne und Polonaise (Bonawitz)
- Beethoven: Romanze F‑dur (Joachim)
– Leclair: Sarabande und Tambourin (Joachim)
– Ungarische Tänze von Brahms–Joachim (Joachim)
- Bonawitz: Introduction und Scherzo (Bonawitz)
- Mendelssohn: Violinkonzert (Joachim)
15. Jänner (3. Jänner russischen Datums) – St. Petersburg (Sankt-Peterburg)
- Ort: St. Petersburg
- Programm:
- Mendelssohn: „Sommernachtstraum“-Ouverture (Orchester, Leitung: Leopold Auer)
- Beethoven: Violinkonzert (Joachim)
- Schumann: Phantasie (Joachim gewidmet) (Joachim)
- Viotti: Stück für Violine (Joachim)
- Joachim: Stück(e) für Violine (Joachim)
- Paganini: Stück für Violine (Joachim)
- Chopin: Claviersoli (Bonawitz)
- Schumann: Claviersoli (Bonawitz)
- Mendelssohn: Claviersoli (Bonawitz)
(Zwischen dem 15. und 18./6. Jänner) – Wiborg (Viipuri/Vyborg, Finnland)
- Ort: Wiborg
- Programm:
- Brahms: Sonate G‑dur für Clavier und Violine (Joachim, Bonawitz)
- (weitere Nummern nicht näher bezeichnet)
18./6. Jänner – St. Petersburg (zweites Concert, Kammermusik)
- Ort: St. Petersburg
- Programm:
- Mozart: G‑moll‑Quintett (Joachim, Pickel, Weickmann, Hildebrand, Davidoff)
- Beethoven: C‑dur‑Quartett, Op. 59 (Joachim, Pickel, Weickmann, Hildebrand)
- Brahms: Sonate G‑dur für Clavier und Violine (Joachim, Bonawitz)
- Zugaben: Bach: Chaconne und weitere Stücke (Joachim)
20. Jänner – Moskau (Moskva)
- Ort: Moskau (Ankunft; mehrere Concerte mit der kaiserlich russischen Musikgesellschaft)**
Erstes und zweites Orchesterconcert der Musikgesellschaft (Daten nicht einzeln genannt)
- Ort: Moskau, im Rahmen der Concerte der kaiserlich russischen Musikgesellschaft
- Programm (Auswahl):
- Violinkonzert von Brahms (Joachim)
- Violinkonzert von Beethoven (Joachim)
- Schumann: C‑dur‑Symphonie (Orchester)
- Beethoven: „Coriolan“-Ouverture (Orchester)
- Tschaikovsky: Serenade (Orchester)
- Schubert: Divertissement (orchestriert von Erdmannsdörfer) (Orchester)
- Clavier- und Violinsoli von Spohr, Leclair, Paganini, Viotti, Chopin u. s. w. (Joachim, Bonawitz)
Kammermusikabend der Musikgesellschaft (Datum nicht einzeln genannt)
- Ort: Moskau, großer Adelssaal
- Programm (Hauptnummern):
- Schumann: Quartett A‑dur
- Beethoven: Quartett Cis‑moll
- (Zwischen- und Beiprogramm nicht näher bezeichnet)
25. Jänner – Tula (Tula)
- Ort: Tula
- Programm:
- (Programm nicht im einzelnen angegeben; Konzert zwischen dem zweiten und dritten Moskauer Concert)
30. Jänner – Orel (Oryol)
- Ort: Orel
- Programm:
- Schumann: Violin‑Phantasie (Joachim)
- (weitere Stücke nicht im einzelnen angegeben)
31. Jänner und 2. Februar – Kieff (Kiev/Kyiv)
- Ort: Kieff
- Programme (Auswahl):
- Beethoven: „Kreuzer‑Sonate“ (Joachim, Bonawitz)
- Bach: Chaconne für Violine (Joachim)
- Schumann: Clavier‑Phantasie, Op. 17 (Bonawitz)
- Violinkonzerte von Spohr und Bruch (Joachim)
- (weitere Nummern nicht im einzelnen bezeichnet)
5. und 6. Februar – Odessa (Odesa)
- Ort: Odessa
- Programme (Auswahl):
- Brahms: Clavier‑Violin‑Sonate G‑dur (Joachim, Bonawitz)
- Schumann: Clavier‑Phantasie, Op. 17 (Bonawitz)
- Bach: Chaconne für Violine (Joachim)
- Violinkonzerte von Bruch und Mendelssohn (Joachim)
8. Februar – Lemberg (Lviv)
- Ort: Lemberg
- Programm:
- Bruch: Violinkonzert (Joachim)
- Schumann: Phantasie, Op. 17 (Bonawitz)
- Viotti: Adagio (Joachim)
- Joachim: Variationen (Joachim)
- Bonawitz: Introduction und Scherzo (Bonawitz)
- Brahms–Joachim: Ungarische Tänze (Joachim)
Nach dem 8. Februar – Rückkehr nach London
Music.
My Journey with Joachim in Russia.
By J. H. Bonawitz.
I.
During the Christmas week I set out, from London, on the journey to Russia. On reaching Kissingen, where we had to wait about half an hour for the onward connection, a rooster in a basket standing in the middle of the waiting room for first and second class amused the passengers present with his incessant “cock‑a‑doodle‑doo,” and when the conductor gave the signal to board, the owner of this odd passenger (a lady in her prime, travelling to Berlin) was absolutely determined to take her darling with her into the compartment. In the end, however, she had to bow to the orders of this railway tyrant and have the bird stowed in the luggage van.
The poor woman made me feel sorry for her, for she was evidently fond of the rooster, and the nasty conductor perhaps saw only a rival in him, since he really did help to call out all the stations: “Breda! – Cock‑a‑doodle‑doo! – Benlo! – Cock‑a‑doodle‑doo! – Goch! – Cock‑a‑doodle‑doo!”
A young Englishwoman travelling with us seemed greatly incensed at the proposal of the rooster’s friend to house the poor harmless creature in our compartment, for she went on reasoning without ceasing—while tinkling away on a dumb keyboard—and who knows whether a fight over the rooster might not have broken out if I had not, in order to put an end to the quarrel, struck up the following conversation with the keyboard‑tinkling Englishwoman.
“You seem to be practising the art of piano playing quite diligently?”
“I am a virtuoso, and I play a great deal in public!”
“May I ask whether you also appear in concert in London?”
“Certainly. The ‘foreigners,’ however, take the best engagements away from us. My compatriots, the English, are the greatest fools that exist. They recognize only those who either put ‘Herr’ or ‘Signor,’ ‘Madame’ or ‘Mademoiselle’ in front of their names, or at least have done their studies in Germany. We English achieve just as much, and perhaps more, than all the ‘foreigners’ who have come to us in England in recent years—of course excepting Joachim and Madame Schumann.”
“Of course,” I said, raising my hat as a sign of my admiration for her heroism in according recognition even to artists who are held in the highest esteem throughout the world.
“Most of the others, though,” she continued, “are only mediocre talents, who can scarcely do as much as we can.”
After my English colleague had further expressed herself, in keeping with her opinion, about several of my respected German colleagues living in London, I asked her whether she was acquainted with a certain Bonawitz. But the kindly reader will spare me the depiction of the execution of my name that followed.
I was, as it were, beaten to death with clubs, and would have begun to weep bitterly if the rooster, from out of the luggage van, had not gone on crowing incessantly. Since, in the course of our conversation, my merciless colleague had confided to me that she was going for a year to . . . . . (in order to satisfy the demands of her “stupid compatriots,” who insist on a German musical training), I took the opportunity to offer her a letter of introduction to my friend Prof. N., who lives there, and whom she wished to visit in person. I gave her my card with the recommendation to my friend only at the moment of changing trains. Will she make use of it?!!
I would gladly have made a detour to Leipzig, in order to equip myself with the necessary consecration for the impending tour, but I did not want to carry inhumanity too far, for on the way I had been entrusted with a dog that I had to deliver in Berlin, and in view of the well‑known fear of the Saxons of rabid dogs (that in fact are not rabid at all), such a thing would have been downright contrary to police regulations. I therefore renounced, out of humanity, because I did not want to “make the good Saxons afraid,” both the flower‑coffee and the consecration, and went straight to Berlin, where I arrived just in time to be able to attend a quartet evening given by Messrs. Joachim, de Ahna, Wirth, and Hausmann. The incomparable quartet delighted me more than ever that evening, and in particular I shall never forget the performance of Mozart’s G minor Quintet (with the addition of a second viola). People may judge Joachim as a soloist as they will; as a quartet player he stands alone and unsurpassed.
After I had spent a few more pleasant days with the “master of masters” in Berlin, we set out on our journey. In Breslau the first concert took place on 2 January. Master Joachim and I opened it with the Brahms Sonata in G major, which pleased extremely. Then followed violin solos by Tartini, Viotti, Paganini, and Schumann; further, piano solos by Chopin, and Misses Rosa and Blanca Thiel (from Breslau) sang duets by Carissimi, Händel, Schumann, Löwe, and Hollstein.
On 3 January we played in Krakau. The program was as follows: 1. Concerto by Bruch (Joachim). 2. Nocturne and Polonaise by Chopin (Bonawitz). 3. Romance in F major by Beethoven, Sarabande and Tambourin by Leclair, Hungarian Dances by Brahms–Joachim (Joachim). 4. Introduction and Scherzo by Bonawitz (Bonawitz). 5. Concerto by Mendelssohn (Joachim).
After the concert we were invited to supper by the famous Polish actress Modrzejewska. Among the other guests was also the Polish composer Zelenski, who, together with Joachim and a capable cellist, performed an interesting trio of his own composition. During the meal we drank to the health of the Poles, and they to ours, and after we had viewed on the following day the chief sight of the former Polish royal city, the castle church with its royal tombs, we set off in the direction of St. Petersburg.
II.
On 15 January (3 January Russian style) our first concert in St. Petersburg took place. It was opened, under Leopold Auer’s careful direction, with the Midsummer Night’s Dream Overture. This was followed by the main number of the evening, the Beethoven—or rather Beethoven–Joachim—Violin Concerto, for no one indeed plays it after Joachim. The second main number was the Schumann Fantasy dedicated to Joachim, which, as is well known, no one but the great violinist ventures to play in public, and which—despite all respect for Schumann, be it said—is also only under his hands truly enjoyable. There then followed shorter pieces by Viotti, Joachim, and Paganini, and between Joachim’s solo appearances I played piano solos by Chopin, Schumann, and Mendelssohn. Joachim’s success was, as he himself admits, the greatest of his life.
On the following evening we gave a concert in Wiborg (Finland), in which the Brahms Sonata in G major for piano and violin was the chief number of the program. Since we returned to St. Petersburg immediately after the concert, I had—between the first and second appearances there—ample opportunity to acquaint myself with the musical conditions of the Russian capital.
Petersburg possesses two imperial opera houses, one Russian and one Italian. In the Russian opera the chorus and orchestra are better than with the Italians. As for the solo singers, I am unable to make a comparison, as I heard only part of their personnel. In respect of the mise en scène, however, the Italian opera in Petersburg surpasses everything I have seen up to now. At the Russian opera I heard The Novgorodians (Novgoroder) by Napravnik, conducted by the composer himself, and at the Italian opera Massenet’s Le Roi de Lahore (The King of Lahore). While Napravnik’s opera interested me because of its Slavonic coloring, I could not take the slightest pleasure in the bombastic King of Lahore, which teems with reminiscences.
The Imperial Russian Musical Society, which ramifies throughout the entire empire and, under the patronage of Grand Duke Constantine, has its main seat in St. Petersburg, presents, under Davidoff’s direction (he is also director of the Conservatory), eight large concerts every year. Unfortunately there was no opportunity to hear one of these; the much‑praised quartet Auer, Pickel, Weickmann, Davidoff was also just taking a break. We did, however, have the opportunity to attend a concert of the Chamber Music Society, at which Albrecht, Hildebrand, Hille, Werschbilowitsch, and Klimoff performed quartets by Davidoff and Tschaikovsky and a piano trio by Napravnik.
The Conservatory of the Imperial Russian Musical Society counts names such as Auer, Brassin, Davidoff, Klimoff, etc., among its professors, and each first professor is said to hold the rank of a “colonel.” The gentlemen, however—Brassin perhaps excepted—look anything but “military.”
On 18/6 January our second and last concert (a chamber music concert) took place in St. Petersburg. Joachim played, with Pickel, Weickmann, Hildebrand, and Davidoff, Mozart’s G minor Quintet and Beethoven’s C major Quartet, Op. 59, and with me the Brahms Sonata in G major. The enthusiastic applause that broke out after the C major Quartet induced Joachim, in addition to the Chaconne, to give various other pieces by Bach, and had it been up to the audience, he would have played until the next day. The concert grand pianos that I used came from the factory of Mr. C. M. Schröder in St. Petersburg, founded in 1818. As far as size and quality of tone are concerned, these instruments can be ranked alongside the finest of the Old and New Worlds; their touch is perhaps surpassed only by Erard’s.
Two hours before our departure from St. Petersburg for Moscow, we still had the honor of playing in the palace of Grand Duchess Katharina. Her Imperial Highness the Grand Duchess, as well as the other princes and princesses of the House of Romanoff who were present, appeared to take a lively interest in the Brahms Sonata (which, naturally, was again on the program).
After a journey of 19 hours we arrived on 20 January in Moscow, where we were received most kindly by the director of the Conservatory, Mr. N. Hubert.
III.
Anyone who has the good fortune to encounter Moscow in a frozen state will receive, from certain Asiatic parts of the city—above all from the Kremlin—a fairy‑tale impression. But woe if a thaw sets in! If one goes on foot, one wades ankle‑deep in mud, and if one drives, one returns home splashed up to the ears, for all the vehicles are open and very low. At such times one does well simply to stay at home, for Moscow is only enjoyable “frozen.” At night the poor house janitors sitting in front of every house, who are obliged to keep watch that no nihilist proclamations are pasted up, make a pitiable impression. What, one wonders, would the gracious gentlemen house janitors in Vienna say if something of this sort were demanded of them?
The musical conditions in Moscow are very similar to those in St. Petersburg. The Imperial Russian Musical Society gives ten large concerts each year (at present under the direction of Court Kapellmeister Erdmannsdörfer); the associated quartet—Hrimaly, Hill, Babuschka, Fitzenhagen—gives an equal number of chamber music evenings, and the Imperial Russian Opera, as in St. Petersburg, performs chiefly national operas. The Italian opera has recently ceased operations. The Conservatory building (formerly a princely palace) was given to the Imperial Russian Musical Society by Mr. Nicolai Alexandrovitsch Alexcieff. Nicolaus Rubinstein, the founder of the Moscow Conservatory, is said once, in the presence of this generous man, to have expressed the hope of someday acquiring the means to purchase this fine building, whereupon Mr. von Alexcieff, without much hesitation, donated the palace, valued at 150,000 rubles, to the Imperial Russian Musical Society. The Conservatory, like those in St. Petersburg and Warsaw, is subsidized by the government and has over 400 students and 50 professors, among them Dr. Neitzel, Pabst, Fitzenhagen, Hrimaly, Hill, and Albrecht.
At the Russian opera I heard Tschaikovsky’s Eugene Onegin. The work, which moves, like all Slavonic music, predominantly in minor keys, makes a very noble impression. A great treasure lies buried in the music of the Slavs. Should a path‑breaking genius arise for the nation, like Bach or Gluck, then Russia will, alongside Germany and Italy, become the third great musical power in the world. The Slavs are in no way lacking in talent as compared with Germans or Italians; in depth of feeling and inwardness they perhaps stand highest of all, but what they lack is “school,” and therefore their music (especially dramatic music) often gives an impression of something unfinished, awkward.
Joachim gave no separate concerts in Moscow. He had been engaged by the Musical Society for two concerts with orchestra and one chamber music evening. In the second orchestral concert I too had the honor of taking part. The programs of the two orchestral concerts contained the violin concertos of Brahms and Beethoven; Schumann’s Symphony in C major, the Coriolan Overture, a serenade by Tschaikovsky, Schubert’s Divertissement (orchestrated by Erdmannsdörfer), and various piano and violin solos by Spohr, Leclair, Paganini, Viotti, Chopin, etc. The chamber music evening took place, like the orchestral concerts, in the great Nobles’ Hall; the chief items of the program were the quartets in A major and C sharp minor by Schumann and Beethoven. Between the second and third concert we travelled to Tula, where we played on 25 January, but returned to Moscow again the same night.
At a soirée given by the violin professor Besekierski, after our return from Tula, we heard his thirteen‑year‑old pupil Charles Gregorovitch. He played Bruch’s G minor Concerto and shorter pieces by Ernst. Joachim already finds his technique “fabulous” and believes that, with continued study, the very highest is to be expected of him. I hardly need say that Joachim’s success here too was truly magnificent. Had he not been a sworn enemy of all publicity, he might, with the same right as Julius Caesar of old, have reported home in the words: Veni, vidi, vici! After we had also seen the greatest wonder of the city of Moscow, the “Church of the Redeemer,” founded in commemoration of “1812,” which is to be opened this year (for the coronation) and has cost 120 million rubles, we travelled on to Orel, where we played on 30 January.
Musically there is not much more to be said about Orel than that the audience there is very amiable and knows how to appreciate even a Schumann violin fantasy. Kieff already offers more that is of musical interest. There is a small conservatory and a Russian opera which plays seven to eight months of the year. Remarkable is the fact that in this sugar‑factory city of 150,000 inhabitants there live 30,000 Jews, of whom only 3,000 have the right of residence. What foreign newspapers reported about the persecutions of Jews that took place in Kieff is said not to have been exaggerated.
In the concerts that took place on 31 January and 2 February we played, among other works, the “Kreutzer” Sonata, the Chaconne by Bach, the Piano Fantasy Op. 17 by Schumann, violin concertos by Spohr and Bruch, etc. Mr. Kaulfuß, the leading piano teacher and pupil of Carl Tausig, has been settled in Kieff for a number of years.
In musical respects Odessa is without doubt the happiest city in the whole civilized world, for the “conservatory epidemic” has never broken out there, although such excellent artists as Feldau and Tedesco—who certainly would not have lacked the power and influence to found conservatories—reside there. But they refrain from doing so out of humanity, because they do not wish to create a musical proletariat in southern Russia. The capital of southern Russia, however, has no symphony and chamber music concerts, and that is very much to be regretted. Why does Mr. Feldau, Odessa’s first authority, not bring such concerts into being? We gave concerts in Odessa on 5 and 6 February. Our programs included, among other works, the Brahms Sonata for piano and violin, Schumann’s Piano Fantasy Op. 17, Bach’s Chaconne for violin, and concertos by Bruch and Mendelssohn. That Joachim was here, as everywhere in Russia, literally carried on the hands of the public is no mere figure of speech.
The artistic sense of the Russians is quite extraordinary, and this would certainly be most gratifying were it not combined with an almost excessive belief in authority. Among the Slavs in general I have noticed that they bestow the most exuberant sympathies on famous artists, even when they are still entirely unacquainted with their achievements, while paying only scant attention to other quite capable people who do not have the good fortune to be famous. Belief in authority exists with us in Germany as well, but not in the same degree. With us one still finds enough people who are not governed solely by imagination. It is for this reason also that outstanding musicians such as Clementi, Cherubini, Berlioz, Rubinstein, and Saint‑Saëns found recognition earlier in Germany than among their own compatriots, who are more strongly influenced by belief in authority. To this objectivity and love of justice Germany surely owes, at least in part, its superiority in artistic matters.
With Odessa our Russian tour was really at an end, but on the return journey we gave another concert in Lemberg (on 8 February), regarding which, since the musical conditions there are surely known well enough to every reader of these pages, I shall confine myself to giving the program. We played the following: 1. Concerto by Bruch. 2. Fantasy Op. 17 by Schumann. 3. Adagio by Viotti. 4. Variations by Joachim. 5. Introduction and Scherzo by Bonawitz. 6. Hungarian Dances by Brahms–Joachim.
I must now take leave of the esteemed readers of the Wiener Signale for a short time. Once back in London, I shall soon let an “English” report follow my “American,” “Italian,” and “Russian” musical reports. As to material, there will certainly be no lack, given the highly peculiar musical conditions there.
*) The esteemed author, whose contributions are at all times very welcome to us and, we trust, also to our readers, will forgive us if we have taken the liberty of omitting the concluding passage of his article. In it, a great compliment is paid to the proprietor of the Wiener Signale with regard to the arrangement of the Joachim tour; the proprietor of the Wiener Signale, however, mindful of the well‑known proverb about self‑praise, has in this respect perhaps an unduly delicate sensibility.
The Editors.
J. H. Bonawitz – My Journey with Joachim in Russia
Itinerary and programs (from the Wiener Signale reports, 1882)
Christmas week (late 1881)
- London → Kissingen (Bad Kissingen) → Berlin
2 January – Breslau (Wrocław)
- Place: Breslau
- Program:
- Brahms: Sonata in G major for piano and violin (Joachim, Bonawitz)
- Tartini: violin solo (Joachim)
- Viotti: violin solo (Joachim)
- Paganini: violin solo (Joachim)
- Schumann: violin solo (Joachim)
- Chopin: piano solos (Bonawitz)
- Duets by Carissimi, Händel, Schumann, Löwe, Hollstein (sung by Misses Rosa and Blanca Thiel, from Breslau)
3 January – Krakau (Kraków)
- Place: Krakau
- Program:
- Bruch: Violin Concerto (Joachim)
- Chopin: Nocturne and Polonaise (Bonawitz)
- Beethoven: Romance in F major (Joachim)
– Leclair: Sarabande and Tambourin (Joachim)
– Hungarian Dances by Brahms–Joachim (Joachim)
- Bonawitz: Introduction and Scherzo (Bonawitz)
- Mendelssohn: Violin Concerto (Joachim)
15 January (3 January Russian style) – St. Petersburg (Sankt-Peterburg)
- Place: St. Petersburg
- Program:
- Mendelssohn: A Midsummer Night’s Dream Overture (orchestra, conducted by Leopold Auer)
- Beethoven: Violin Concerto (Joachim)
- Schumann: Fantasy (dedicated to Joachim) (Joachim)
- Viotti: piece for violin (Joachim)
- Joachim: piece(s) for violin (Joachim)
- Paganini: piece for violin (Joachim)
- Chopin: piano solos (Bonawitz)
- Schumann: piano solos (Bonawitz)
- Mendelssohn: piano solos (Bonawitz)
(Between 15 and 18/6 January) – Wiborg (Viipuri/Vyborg, Finland)
- Place: Wiborg
- Program:
- Brahms: Sonata in G major for piano and violin (Joachim, Bonawitz)
- (other items not specified in detail)
18/6 January – St. Petersburg (second concert, chamber music)
- Place: St. Petersburg
- Program:
- Mozart: G minor String Quintet (Joachim, Pickel, Weickmann, Hildebrand, Davidoff)
- Beethoven: String Quartet in C major, Op. 59 (Joachim, Pickel, Weickmann, Hildebrand)
- Brahms: Sonata in G major for piano and violin (Joachim, Bonawitz)
- Encores: Bach: Chaconne and further pieces (Joachim)
20 January – Moskau (Moscow)
- Place: Moskau (arrival; several concerts with the Imperial Russian Musical Society)**
First and second orchestral concerts of the Society (dates not individually given)
- Place: Moskau, within the concerts of the Imperial Russian Musical Society
- Program (selection):
- Violin Concerto by Brahms (Joachim)
- Violin Concerto by Beethoven (Joachim)
- Schumann: Symphony in C major (orchestra)
- Beethoven: Coriolan Overture (orchestra)
- Tschaikovsky: Serenade (orchestra)
- Schubert: Divertissement (orchestrated by Erdmannsdörfer) (orchestra)
- Piano and violin solos by Spohr, Leclair, Paganini, Viotti, Chopin, etc. (Joachim, Bonawitz)
Chamber music evening of the Society (date not individually given)
- Place: Moskau, Great Nobles’ Hall
- Program (main works):
- Schumann: String Quartet in A major
- Beethoven: String Quartet in C sharp minor
- (further items not specified in detail)
25 January – Tula (Tula)
- Place: Tula
- Program:
- (program not given in detail; concert between the second and third Moscow concerts)
30 January – Orel (Oryol)
- Place: Orel
- Program:
- Schumann: Violin Fantasy (Joachim)
- (further works not specified in detail)
31 January and 2 February – Kieff (Kiev/Kyiv)
- Place: Kieff
- Programs (selection):
- Beethoven: “Kreutzer” Sonata (Joachim, Bonawitz)
- Bach: Chaconne for violin (Joachim)
- Schumann: Piano Fantasy, Op. 17 (Bonawitz)
- Violin concertos by Spohr and Bruch (Joachim)
- (other items not specified in detail)
5 and 6 February – Odessa (Odesa)
- Place: Odessa
- Programs (selection):
- Brahms: Piano–Violin Sonata in G major (Joachim, Bonawitz)
- Schumann: Piano Fantasy, Op. 17 (Bonawitz)
- Bach: Chaconne for violin (Joachim)
- Violin concertos by Bruch and Mendelssohn (Joachim)
8 February – Lemberg (Lviv)
- Place: Lemberg
- Program:
- Bruch: Violin Concerto (Joachim)
- Schumann: Fantasy, Op. 17 (Bonawitz)
- Viotti: Adagio (Joachim)
- Joachim: Variations (Joachim)
- Bonawitz: Introduction and Scherzo (Bonawitz)
- Brahms–Joachim: Hungarian Dances (Joachim)
After 8 February – Return to London