Alexander Siloti on Liszt and Joachim
Alexander Siloti, My Memories of Liszt (Edinburgh: Methven Simpson, Ltd., n.d.), 55-57.
[Deutsche Version unten]
It was quite by chance that I witnessed Liszt’s interview with Joachim. It was a day on which there were no lessons, and I was standing with Liszt by the piano, talking, when a lacquey interrupted us to announce Joseph Joachim. I made a move to go away, but Liszt stopped me, saying: “Stay here. This will interest you because it is in a sense a historic meeting between us.” Liszt then explained to me in a few words that he had done a great deal for Joachim… and that Joachim had not behaved very well to him. A minute later the door opened and Joachim came in. He threw himself into Liszt’s arms saying: “How glad I am to see you!” Liszt, with the manner of one who is anxious to ward off apologies or explanations, said: “All right, all right! Never mind about all that. Tell me how you are getting on yourself, and what great things you have been doing.” Then began a conversation in which Joachim had only to reply while Liszt interrogated. It was so evident from Liszt’s manner what he meant that I as an onlooker almost pitied Joachim. The conversation lasted about fifteen minutes, and in this quarter-of-an-hour it became evident to Joachim — and to me — that Liszt was not offended, that he had forgiven everything, and only regarded Joachim with the esteem due to a great artist. Just as he was leaving Liszt said: “Now you are here, why not stop and see what our playing is like?” He then made me play. I realized in a half-conscious way that at that moment I stood to represent a school which Joachim would hardly recognise, and I played with special pleasure and Stimmung. It seemed to me that Joachim was glad of the music, if only that it enabled him to sit in silence beside the man to whom he owed so much.
Alexander Siloti: Meine Erinnerungen an Franz Liszt
Alexander Siloti, “Meine Erinnerungen an Franz Liszt,” Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 14 (1913): 311-312.
Ganz zufällig hatte ich Gelegenheit bei Liszt’s Wiedersehen mit Joachim zugegen zu sein. Eines Tages (es gab an diesem Tage keine Stunden) war ich bei Liszt, und wir unterhielten uns am Flügel stehend; während der Unterhaltung meldete der Diener, daß J. Joachim gekommen sei. Ich wollte weggehen, aber Liszt hielt mich zurück: Bleiben Sie, das wird für Sie interessant sein, weil es, im gewissen Sinne, ein historisches Wiedersehen ist. Liszt erklärte mir mit kurzen Worten, daß er viel für Joachim getan hatte, dieser aber hatte sich ihm gegenüber nicht ganz korrekt verhalten. In wenigen Augenblicken öffnete sich die Tür, Joachim trat ein, stürzte sich in die Arme Liszt’s und sagte: “Wie ich mich freue Sie zu sehen…” Liszt antwortete, als ob er sich zu jemandem wendete, von dem er keine Erklärungen haben wollte: “Gut, gut, lassen wir das; erzählen Sie lieber, wie es Ihnen geht, was Sie Schönes tun.” Nun fing zwischen ihnen eine Unterhaltung an, in welcher Joachim nur antwortete, und Liszt weiter nichts als Fragen stellte. Dieses Benehmen von Liszt und die Absichtlichkeit, die sich darin aussprach, waren so auffallend, daß mir als Unbeteiligtem sogar — Joachim leid tat. Die Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde, und während dieser Viertelstunde wurde es Joachim (und mir) klar, daß Liszt nicht beleidigt war, alles verziehen hatte, und sich nur voll Achtung an den ausübenden großen Künstler wandte. Joachim wollte schon weggehen, als Liszt zu ihm sagte: “Sie müssen doch hören, wie man bei mir spielt,” und er veranlaßte mich vorzuspielen. Ich fühlte instinktiv, daß ich in diesem Augenblick der Vertreter der Schule war, die Joachim beinahe nicht anerkannte; ich spielte mit besonderem Vergnügen und in bester Stimmung. Es dünkte mich, dass es Joachim angenehm war, Musik zu hören, da er während dieser Zeit ruhig und ohne Unterhaltung in
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Gesellschaft mit dem Menschen sitzen konnte, dem gegenüber er eine Schuld fühlte…
[Translation from the Russian by Sophie Korsunska]


