Neue Zeitschrift für Musik, 6 February 1880: 75.
[English translation below (c) Robert W. Eshbach, 2025]

Château Valrose, Nice
Joachim in Italien
Deutsche Kunst fährt gegenwärtig fort, in Italien sich ungewöhnliche Sympathien zu erwerben, die sensationellsten Erfolge zu erringen. Jetzt war es Joseph Joachim, welcher in Oberitalien einem Triumphzug gleiche Siege feierte, was um so mehr sagen will, da der Italiener wohl die Gründlichkeit bei deutschen Virtuosen bereitwilligst schätzt und anerkennt, dagegen den künstlerischen Funken sehr häufig bei ihnen vermißt und nur zu gern für sich allein in Anspruch nimmt.
J.‘s erstes Concert fand in Nizza statt, wo der reiche russische Baron v. Derwies sich unter Leitung des geistvollen Müller-Berghaus ein ausgezeichnetes Privatorchester hält. Als D. erfuhr, daß Joachim dort concertiren wolle, stellte er ihm sein Orchester und seinen prachtvollen Concertsaal kostenfrei zur Verfügung, eine Auszeichnung, welche bisher noch keinem Künstler widerfahren war. Andrang und Aufnahme waren so stürmisch und enthusiastisch, daß der Reinertrag des dortigen Concertes 5000 Frs. betrug.
Am Glanzvollsten aber gestaltete sich Joachims Empfang in Mailand. „Kaum hatte der Großmeister aller Violinisten die ersten Tacte von Spohr’s ‚Gesangscene‘ gespielt, so brach ein Beifallsturm los, der sich während des ganzen Stückes, fast nach jedem achten Takte, wiederholte.“ Joachim selbst erklärte: einen ähnlichen Erfolg bisher nicht erlebt zu haben, und wer Joachims Erfolge in Deutschland, Paris, England etc. kennt, wird begreifen, was dieser Ausspruch bedeutet. Die dortigen Zeitungen überboten sich förmlich in ihrem Enthusiasmus über den „Unerreichbaren“ und massenhafte Einladungen langten täglich aus allen Theilen Italiens an, die aber J. nur zum kleinsten Theile zu berücksichtigen vermochte. Nach dem ersten Concert in Mailand wurde Joachim zum Ehrenmitgliede der mit Recht hochrenommirten Società del Quartetto ernannt, auf deren besondere Einladung J. nach Mailand gekommen war. Der als Fortschrittskämpfer bekannte freisinnige Filippi in Mailand, welcher sich u. a. um das Verständniß Wagner’s in Italien so große Verdienste erwerben, schildert in der Perseveranza den Eindruck folgendermaßen: „Der berühmte Violinmeister stellte sich uns vor in der Ueberfülle seines außerordentlichen Talentes, dem der Weltruf eines ernsten, gediegenen Künstlers ohne irgend welchen Schatten eitlen Flitters noch Scharlatanismus vorherging. Joachim, ein Ungar, geboren 1831, ist also nun fast ein halbes Jahrhundert alt, mit dem Außern ungefähr eines Vierzigers. Ein starker künstlerischer Kopf mit dunklem Bart und vollem Haar, kleinen lebhaften Augen und sehr sympathischem Ausdruck, seine Erscheinung groß und stattlich, athletische Schultern, die Hände fleischig aber nervig und die linke Hand von überraschender Biegsamkeit, hat Joachim eine ganz eigenthümliche Art, die Violine zu halten — wie Gesänge aus heiligen Hallen erklingen die Weisen auf seinem prachtvollen Stradivario. Der leichtbeschwingte Bogen wird mit einer Eleganz, einer Mäßigung geführt, wie ich nie gesehen. Die Finger der linken Hand berühren die Saiten so, daß sie sprechen, singen, seufzen in einer das Herz in Entzücken versetzenden Weise, und mit vollkommener Reinheit der Intonation. Schwierigkeiten existiren nicht für Joachim, doppelte und dreifache Noten, Sprünge, Triller, Scalen, wirbelnde Arpeggien, sich kreuzende Motive, alle transcendentalen Teufeleien, wie in der Schumann’schen Phantasie, erklingen alle in blühendster Weise oder steigen brausend empor auf der obersten Saite bis zu gewagtester Höhe. Aber alles Dies ist gar Nichts im Vergleich mit den Geistesschätzen, für die dieser vollendete Mechanismus nur der folgsamste Diener ist. Diese Schätze sind der Styl, die Farbe, aber speciell das vollendete rhythmische Gefühl, stetigstes Ebenmaaß; nicht die geringste Koketterie, kein Flecken von Manirirtheit trübt die erhabne Reinheit dieser Töne, dieser Phrasen. Die einzige lebende Künstler, der mit ihm verglichen werden könnte, ebenso geachtet und ihm nahekommend, ist ein Italiener, nämlich Piatti. Joachim, welcher speciell mit ihm gespielt hat, spricht nicht anders als mit aufrichtiger begeisterter Bewunderung von ihm. Ein anderer bedeutender italienischer Künstler, für welchen Joachim besondere Sympathien hat, ist unser Bazzini. Mit ihm begann Joachim seine glänzende Laufbahn in Leipzig; es war im Jahre 1843. Joachim war 12 Jahre alt, als er im Gewandhaus auftrat und mit Maurer’s Concert für 4 Violinen einen glänzenden Erfolg erzielte, welches er mit seinem Lehrer David, Ernst und Bazzini spielte. Von diesen Vieren sind zwei gestorben. Joachim aber steht heut in vollster Größe da, ein gefeierter Name, bestimmt, Epoche zu machen, wie einst Nardini, Viotti, Paganini. Ich habe Joachim nur 2 Mal gehört, zuerst in Paris 1866, und in diesen 14 Jahren ist er riesengroß geworden. Das erste Mal hörte ich ihn in intimem Kreise bei Szarvady, dem Gatten der berühmten Pianistin Clauß. Dort waren auch Piatti und Clara Schumann, welche großes Talent zur Sängerin hatte und uns viele Lieder von Schumann hören ließ, bewunderungswürdig ausgeführt. Drei Stunden lang spielten Joachim, Piatti und Frau Szarvady-Clauß ununterbrochen Sonaten, Trios und Solostücke von Beethoven, Mendelssohn, Schumann und haupsächlich von Bach, Joachims Lieblingscomponisten. J. hatte damals dasselbe stille Aussehen, aber weniger jugendlich, wie heute nach 14 Jahren. Das zweite Mal hörte ich von ihm Mendelssohn’s Concert im Circus Pasdeloup inmitten von 5000 Menschen mit überraschend klangvoller Wirkung.“
„Sein diesmaliges hiesiges Auftreten eröffnete J. mit Spohr’s abgeblaßter ‚Gesangscene‘, welche sich besonders im Adagio und Recitativ in solcher Wiedergabe wunderbar verjüngte. Hierauf spielte er Tartini’s Teufelssonate in einer Weise, daß, wäre ich Violinspieler, ich meine Violine mit meinen Füßen zertreten hätte. Wunderbar erklang nicht nur der phantastische schwere Theil bis zum letzten dämonischen Triller, sondern auch der erste süß melodische Theil, verschönt durch ausgesuchteste effectvolle melodiöseste Rococo-Tournüre. Hier zeigte sich noch kein ernstlich gemeinter Teufel, sondern hier sang vielmehr ein Engel aus dem Paradiese. In der Phantasie von Schumann, einer sehr schönen aber nicht leicht zu verstehenden Composition, bewunderte der intelligente Theil der Zuhörer, welcher ihre violinistische Schwierigkeit ahnte, die enorme Virtuosität, mit der Joachim sie besiegte, wie seine olympische Ruhe. Als Schlußnr. Spielte Joachim das sehr schöne und charakteristische Andante seines ungarischen Concertes, geschrieben in dem die Musik der Zigeuner wiedergebenden Styl, einem Styl von ganz eigenthümlichem Colorit und melodischen Wendungen. J. führte sie aus mit der ganzen ihm eigenen Nervosität, mit welcher er nachher ebenso bewunderungswürdig die ungarischen Tänze von Brahms durchglühte. Mit Violine machen sie doppelten, drei- und vierfachen Effect, aber es ist nöthig, daß sie eben ein Joachim spielt. Als das Publikum sie so hörte, vermochte es keinen Augenblick seinen Enthusiasmus zu unterdrücken, sondern brach fortwährend in Beifallsstürme aus.“
Einen höchst ebenbürtigen Kunstgenossen hatte sich übrigens J. in Heinrich Bonawitz aus Wien beigesellt, dessen Name bisher noch unbekannt war, ein gediegener Pianist, reich an seltenen Eigenschaften, ein pietätvoller ausgezeichneter Darsteller, glücklicher Interpret von Chopin und Schumann. Chopin’s Bmollscherzo z. B. haben wir bisher noch nie in so vollendeter Weise von irgend einem Andern gehört, als von Bonawitz, von welchem Joachim entzückend begleitet wurde. Ja da sind wahre und ungetrübte Feste und Freuden der Kunst, welche ebenso viele dramatische und musikalische Foltern, ebenso viele choreographische Qualen aufwiegen, zu denen die arme Kritik unaufhörlich verdammt ist.
Filippi.“
Mit ebenso enthusiastischer Emphase stempelten Franzioli und andere angesehene ital. Referenten das Erscheinen Joachims in Italien zu einem ungewöhnlichen Ereigniß in den Annalen ihrer Kunstgeschichte. Nie sei das dortige Publikum von einem deutschen Virtuosen so entzündet worden, sodaß nach dem letzten Concerte die Beifallsstürme, Hervorrufe und Zurufe „Auf Wiedersehn“ kein Ende nehmen wollten. —
[Heinrich Schmidt]

Concert hall, Château Valrose, Nice
[photos-hdr.com]
Joachim in Italy
German art is currently gaining unusual sympathy in Italy and achieving sensational successes. Now it was Joseph Joachim who, in Northern Italy, celebrated triumphant victories — which is the more remarkable given that, while Italians readily appreciate and acknowledge the thoroughness of German virtuosos, they often find the artistic spark lacking in them that they are only too happy to claim for themselves.
J.’s first concert took place in Nice, where the wealthy Russian Baron von Derwies[1] maintains an excellent private orchestra under the direction of the talented Müller-Berghaus. When D. learned that Joachim intended to perform there, he made his orchestra and magnificent concert hall available to him free of charge, an honor that no artist had received before. The attendance and reception were so stormy and enthusiastic that the net proceeds of the concert amounted to 5,000 francs.
But the most brilliant reception was in Milan. “Hardly had the grandmaster of all violinists played the first bars of Spohr’s ‘Gesangscene’ when a storm of applause broke out, repeating almost every eighth bar throughout the entire piece.” Joachim himself declared that he had never experienced a similar success before, and anyone familiar with Joachim’s successes in Germany, Paris, England, etc., will understand what this statement means. The local newspapers outdid each other in their enthusiasm for the “Unsurpassable One,” and daily massive invitations arrived from all parts of Italy, which Joachim could only consider in the smallest part. After the first concert in Milan, Joachim was made an honorary member of the rightly highly reputed Società del Quartetto,[2] at whose special invitation Joachim had come to Milan.
The liberal-minded Filippi in Milan, known as a fighter for progress and who earned great merits for promoting Wagner’s understanding in Italy, described the impression in the Perseveranza as follows:
“The famous violin master presented himself to us in the abundance of his extraordinary talent, preceded by the world reputation of a serious, solid artist without any shadow of vain glitter or charlatanism. Joachim, a Hungarian born in 1831, is now almost half a century old, appearing about forty. A strong artistic head with dark beard and full hair, small lively eyes, and a very sympathetic expression; his appearance is tall and stately, with athletic shoulders, fleshy but sinewy hands, and a left hand of surprising flexibility. Joachim has a very peculiar way of holding the violin — the melodies on his magnificent Stradivarius sound like songs from sacred halls. The gracefully floating bow is guided with an elegance and moderation I have never seen before. The fingers of the left hand touch the strings so that they speak, sing, sigh in a way that delights the heart, and with perfect purity of intonation. Difficulties do not exist for Joachim: double and triple stops, leaps, trills, scales, swirling arpeggios, crossing motifs, all transcendental devilries as in Schumann’s Fantasy, all sound in the most flourishing manner or roar up on the highest string to daring heights.
But all this is nothing compared to the treasures of spirit for which this perfect mechanism is only the most obedient servant. These treasures are style, color, but especially the perfect rhythmic feeling, constant evenness; not the slightest coquettishness, no trace of mannerism mars the sublime purity of these tones, these phrases. The only living artist who could be compared to him, equally respected and approaching him, is an Italian, namely Piatti. Joachim, who has played especially with him, only speaks of him with sincere enthusiastic admiration. Another important Italian artist for whom Joachim has special sympathies is our Bazzini. With him, Joachim began his brilliant career in Leipzig in 1843. Joachim was 12 years old when he appeared at the Gewandhaus and achieved a brilliant success with Maurer’s Concerto for four violins, which he played with his teacher David, Ernst, and Bazzini. Of these four, two have died. Joachim today stands in full greatness, a celebrated name destined to create an epoch, like Nardini, Viotti, and Paganini once did. I have heard Joachim only twice, first in Paris in 1866, and in these 14 years he has become a an artistic giant. The first time I heard him was in an intimate circle at Szarvady’s, the husband of the famous pianist Clauß. Piatti and Clara Schumann, who had great talent as a singer and let us hear many songs by Schumann, admirably performed, were also there. For three hours Joachim, Piatti, and Szarvady-Clauß played, without interruption, sonatas, trios, and solo pieces by Beethoven, Mendelssohn, Schumann, and especially Bach, Joachim’s favorite composer. J. then had the same quiet appearance, but less youthful than today after 14 years. The second time I heard him was in Mendelssohn’s concerto at the Circus Pasdeloup amidst 5,000 people, with surprisingly resonant effect.”
“His current appearance here opened with Spohr’s now-faded ‘Gesangscene,’ which was wonderfully rejuvenated in this performance, especially in the adagio and recitative. He then played Tartini’s Devil’s Sonata in such a way that, if I were a violin player, I would have trampled my violin under my feet. Not only did the fantastic difficult part sound wonderfully up to the last demonic trill, but also the first sweet melodic part, beautified by the most exquisite, effective, melodious Rococo turns. Here, no seriously meant devil appeared; rather, an angel from paradise sang. In Schumann’s Fantasy, a very beautiful but not easy to understand composition, the intelligent part of the audience, which suspected its violinistic difficulty, admired the enormous virtuosity with which Joachim conquered it, as well as his Olympic calm. As a final number, Joachim played the very beautiful and characteristic Andante of his Hungarian concerto, written in the style representing the music of the Gypsies, a style of very peculiar color and melodic turns. J. performed it with all his own nervous energy, with which he later also admirably ignited Brahms’s Hungarian Dances. With the violin, they produce double, triple, and quadruple the effect, but it is necessary that it be played by a Joachim. When the audience heard them like this, it could not suppress its enthusiasm for a moment but repeatedly broke out in storms of applause.”
Incidentally, J. had a highly worthy artistic companion in Heinrich Bonawitz[3] from Vienna, whose name was previously unknown — a solid pianist rich in rare qualities, a respectfully excellent performer, and a fortunate interpreter of Chopin and Schumann. For example, we have never heard Chopin’s B-flat minor Scherzo in such a perfect manner from anyone else as from Bonawitz, who was delightfully accompanied by Joachim. Yes, there are true and unclouded festivals and joys of art, which outweigh as many dramatic and musical tortures, as many choreographic torments to which poor criticism is incessantly condemned.
— Filippi.”
… With equally enthusiastic emphasis, Franzioli and other respected Italian reviewers received Joachim’s appearance in Italy as an unusual event in the annals of their art history. Never had the local audience been so inflamed by a German virtuoso that after the last concert the storms of applause, calls, and shouts of “Goodbye” seemed never-ending.
— Z. [Heinrich Schmidt]
[1] Baron Paul von Derwies (also spelled Derwies, Derviz, or von der Wiese), was a prominent Russian railway magnate, entrepreneur, and patron of the arts in the 19th century. He was born in 1826 in Lebedjan, Russia, and died in 1881 in Bonn, Germany. Derwies amassed significant wealth through his leadership roles in several major Russian railway companies during the rapid expansion of the rail network in the Russian Empire. His success enabled him to acquire estates in Russia, Switzerland, and France. In 1867, he purchased land in Nice and commissioned the construction of the Château de Valrose, a neo-Gothic palace completed between 1867 and 1870. The château featured lavish interiors and a concert hall, where he regularly hosted concerts with notable musicians such as Joseph Joachim, Adelina Patti, and Francis Planté.
Derwies was also known for his philanthropy, funding charitable works such as a local asylum (which later became a school) and supporting hospitals. He was a passionate music lover, a pianist and a sometime composer. He made Valrose a cultural center for the Russian and international elite wintering on the French Riviera. Today, the Château de Valrose houses the University of Nice’s Faculty of Science and is recognized as a historical monument.
[2] The Società del Quartetto di Milano has played a vital role in shaping Italy’s musical landscape. It was founded in 1864 by such notable figures such as Arrigo Boito and Tito Ricordi. Though primarily dedicated to the promotion and performance of chamber music, especially string quartets, it has hosted numerous larger events, including the first Italian performance of Beethoven’s Ninth Symphony in 1878 and the first Milanese performance of Bach’s St. Matthew Passion in 1911.
[3] Johann Heinrich Bonawitz (12 April 1839, Dürkheim am Rhein, Germany – 15 August 1917, London, England).
