Joseph Joachim: The Musical Times, (April 1, 1893).


31 Friday Jul 2020
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Joseph Joachim: The Musical Times, (April 1, 1893).


30 Thursday Jul 2020
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Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm, 1848

Violinphantasie für J. J.
Vom Blütendufte ist der Himmel trunken,
Die Nacht ist finster und die Bäume rauschen;
Als wär’ die ganze Welt in Schlaf gesunken,
So einsam sind die Straßen und so still.
Kein Mensch, der mir begegnet, wo ich schreite,
Da tönt Gesang — wie lieblich, ihm zu lauschen!
Unruhig schlägt das Herz mir in der Seite,
Ach, und ich weiß nicht, was es sagen will.
An’s Gitter lehn’ ich, wo die Fenster leuchten,
Durch Blätter dringt mein Blick in’s offne Zimmer,
Den Nacken seh ich wohl, den vorgebeugten,
Das Licht, das auf die weiße Schulter fällt,
Durch den belaubten Vorhang der Gezweige
Berührt mich sein zerstreuter Strahlen Schimmer;
Sie singt nicht mehr: es ist der Ton der Geige,
Der zaubrisch meinen Sinn gefangen hält.
Es klingt zu mir wie ein verstecktes Weinen,
Dann wieder rauh, als käme Sturm geflogen,
Dann kühl, wie Waldes Hauch in heil’gen Hainen,
Dann, wie die Wüstensonne, heiß und grell;
Schüchtern, als hört’ ich Psyche leise schleichen,
Sanft, wie ein Seufzen, durch das Schilf gezogen,
Anschwellend, wie der Wind in hohen Eichen,
Geschwätzig wieder, wie ein Wiesenquell.
Ich seh’ ein einsam felsiges Gestade,
Seh’ Nymphen, die die blauen Wellen theilen,
Das Plätschern hör’ ich im belebten Bade,
Die Muscheln seh’ ich und der Sonne Glanz;
Der Wellen weiße Häupter seh’ ich steigen,
Wie sie in langen Reih’n zum Ufer eilen,
Sich grüßend vor den alten Felsen neigen,
Und schäumend löst sich auf der kühle Tanz.
Und träge plötzlich seh’ ich Wolkenschatten
Sanft über weite Kiesernwälder gleiten,
Die Wärme saug’ ich ein, ein süß Ermatten
Quillt aus dem glatten Boden in mich ein.
Die schlanken Bäume stehen ohne Wanken,
Allüberall umher nach allen Seiten,
Und ihre hochgewölkten Kronen tranken
Den Windesathem und den Sonnenschein.
Und plötzlich seh’ ich sich die Wolken ballen,
Schneeweiß und rosenroth, und dann zerreißen,
Und Schwäne werden plötzlich da aus allen,
Sie schweben singend über mir dahin;
Und senken dann im Fluge sich hernieder —
Sind Schiffe, fahrend mit den vollen, weißen,
Gebauschten Segeln, und verschwinden wieder —
Und Rom steht da, die Weltbesiegerin!
Ein Heer zieht triumphirend durch die Thore,
Des Volkes Murmeln schwillt, Posaunen brausen —
Da steh’ ich einsam im verlaßnen Chore
Der Kirche, den das Abendroth durchbrach.
Die Orgel murmelt summend durch die Räume —
Ist’s Blätterrauschen? nein die Winde sausen —
Nein Sturm, nein Klagen, nein die schönsten Träume —
Nein es ist ferner Nachtigallen schlag.
Am Teiche singt sie, der den Mond gefangen
Und alle Sterne, aus der Tiefe blinkend —
Was kommt dort durch die Bäume leis gegangen?
Ein Hirsch, der vorsichtsvoll die Läufe setzt.
Sieh das Geweih, wie leicht der Hals es wieget,
Er neigt es zum Gewässer durstig trinkend,
Wie er es schlürfend nun zum Nacken bieget,
Und tröpfelnd sich das Fell am Hals benetzt.
Ist er nicht weiß? Sinds leuchtende Gewänder?
Ja, und ein Mädchen ist’s das sie umkleiden,
Im Haare seh’ ich golddurchwirkte Bänder,
Sandalen schützen ihrer Füße Gang;
Und Palmen sinds, die hoch sie überragen,
Die schwarz das glüh’nde Sternenheer durchschneiden,
Um die sich feurig große Käfer jagen,
Und ihrer Flügel Schwirren ist Gesang.
Gesang, ein breiter Fluß von Rosenblüten,
Die ineinanderschmelzend weiterfließen,
Die golden dann und grün und silbern glühten,
Und blau zuletzt, wie bei Sorrent das Meer.
Da scheints, als ob sie windgekräuselt wären,
Sich mit der Hand geduldig halten ließen,
Da waren’s silbern grünlich graue Aehren,
Und streichelnd fuhr der Wind darüber her.
Lichtwechselnd wie im ersten Frühling schaute
Der Himmel, wo sich blasse Wolken stritten,
Doch sonnig nebelhafter Regen thaute
Rings nieder, solche Farben sah ich nie!
Und aufwärts hob das Korn sich, plötzlich reifend,
Ich geh hindurch mit frischbelebten Schritten,
Die hohen Aehren mit dem Haare streifend,
Und um mich her ist alles Melodie.
Sie schweigt, still ist’s, ich geh versteckt im Golde,
Das blau und rothe Blumen viel erfüllen,
Da tönt mir nah und näher eine holde,
Einfache Stimme, und sie singt ein Lied.
Nah ist sie mir, daß ich die Worte hörte,
Doch Aehren sind es stets, die sie verhüllen,
Bis ich, den ihr Gesang so tief bethörte,
Sie suchend in die Irre ganz gerieth.
Und plötzlich war ich neben ihr, sie blickte
Mich freundlich an, und warf die dunklen Flechten
Erathmend in den Nacken, stand und rückte
Das lose Tuch am Busen wieder fest;
Gesundheit klopfte warm in ihren Wangen,
Und mit dem Blumenstrauße in der Rechten
Versucht sie, ob der Athem, der vergange,
Sich wieder in die Lippen fächeln läßt.
Und es verging das hohe Korn im Kreise,
Fast schwindelnd fühlt’ ich mich emporgehoben,
Sie neben mir und um uns tönt es leise,
Und Alles sank so tief um uns hinab.
Da waren wir auf eines Berges Spitze,
Sahn Wälder, Flüsse, Berge fern von oben,
Wir waren so allein auf unserm Sitze,
Wo Windsgeräusch alleinzig uns umgab.
Mein Arm — wer lehrt es ihn? — hielt sie umschlungen,
Und ihren Athem fühlt’ ich mich berühren,
Von tausend Feuern war ich da durchdrungen,
Von einem Muthe den ich nie gekannt;
Die Lippen zuckten mir, die Wangen glühten —
Da plötzlich fühlt’ ich etwas sie entrühren,
Und, wie sich angstvoll meine Sinne mühten,
Blaß wurde alles, ach, und sie verschwand.
Und fremde Dinge, unerträglich drückend,
Umgaben mich und zwangen mich zu denken,
Was ich so ganz verlernt, und um mich blickend
Betrübt’ es mich, daß ich mein Glück versäumt.
Da stehst du, legst die Geige aus den Händen,
Und statt mir den Moment des Glücks zu schenken,
Den angefangnen Zauber zu vollenden,
Fragst du, ob ich geschlafen und geträumt.
Ach ja geträumt; war es nicht Nacht? ich horchte
Am Gitter doch dem Spiele? Nein; verflogen
Ist aller Traum, und von der Wahrheit borgte
Den Gürtel Phantasie, die mich berückt;
Und sie, das schönste Bild erblühten Lebens,
O Götter, warum habt ihr mich betrogen,
Und wollt, daß ich den Tag fortan vergebens
Erwarte, der sie mir entgegenschickt?
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Grimm sent this poem, by way of Woldemar Bargiel, to Clara Schumann, with the inscription: “An Frau Clara Schumann mit der bitte um freundliches andenken…
Herman Grimm
Berlin 18 Sept
1854
Herman Grimm to Joseph Joachim
Berlin, 21 Sept. 1854.
“… Bargiel ist ein ganz andrer kerl, seit die guten nachrichten von Schumann da sind, diese heilung ist, wenn sie stich hält, mehr als ein wunder, ich hätte nie geglaubt, daß die sehnsucht und hofnung seiner armen frau soviel klüger gewesen wäre als wir alle miteinander, die wir jetzt mit wonne unsere dummheit bekennen. Bargiel hat ihr meine violinphantasie geschickt, ich habe ihr ein paar freundliche worte drauf geschrieben. der papa findet sie auch schön. [BRIEFE I, p. 208.]
Elsewhere in the letter, Grimm writes: “… dagegen singt die Giesel [Gisela von Arnim] das bachsche erbarme dich mit leidenschaft und so unendlicher Wiederholung, daß die Bettine [von Arnim] und ich unserseits um erbarmen flehen, aber fruchtlos.” [BRIEFE I, p. 207] Erbarme dich, from the St. Matthew Passion of Bach, is an aria with violin accompaniment.
Footnote, p. 208: “Ein Gedicht von H. Gr., Joachim gewidment, nicht erschienen.”
Nevertheless, the poem was later published in the Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Otto Friedrich Gruppe (ed.), Berlin: Reimer (1855), 49-54.







Source: SLUB Dresden Sammlung Handschriften, Musik, Robert und Clara Schumann; Signatur: Mus.Schu.99 [Public Domain]
https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/332262/1/
Musenalmanach: Grimm Violinphantasie für J. J. Musenalmanach
29 Wednesday Jul 2020
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Siebenter Bericht des Mozart-Vereins zu Dresden 1906-1908, Dresden: Hansa-Druckerei, pp. 35-40.

Gedächtnisrede
anläßlich der Trauerfeier für Joseph Joachim
am 27. Oktober 1907
gehalten von Andreas Moser aus Berlin.
,,Der Mensch erfährt,
Er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück
Und einen letzten Tag!
Die hehren Klänge Beethovens [Cavatina from String Quartet no. 13 in B-flat Major, op. 130], die soeben an uns vorübergezogen sind, dieselben, mit denen vor 21/2 Jahren Joachim in der Berliner Sing-Akademie den Manen Adolf Menzel’s gehuldigt hat, sind so recht dazu angetan, die bittere Wahrheit des Goetheschen Spruches, den ich vorausgeschickt habe, zu deuten und zu mildern. Mit ihrem Wechsel zwischen andachtsvollem Beten und schmerzlicher Beklommenheit, die schließlich in die demütige Ergebung vor dem Unbegreiflichen ausklingt, gemahnten sie uns daran, daß wir zwar einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, einen Verlust aber, der zugleich etwas Versöhnendes in sich trägt. Wir wollen trauern um den großen Toten, dessen Gedenken diese Weihestunde gewidmet ist, aber wir dürfen nicht wehklagen! Denn er hat ein Leben gelebt, so lang und schön und reich, wie es nur wenigen Auserwählten beschieden ist, und alles, was uns Menschen begehrenswert scheint, ward ihm zuteil in überströmender Fülle. Generationen haben zu ihm aufgeschaut als zu dem geweihtesten Hüter seiner Kunst, und auch kommende Geschlechter noch warden in Ehrfurcht seinen Namen nennen, da mit reineren Händen nie ein Amt verwaltet ward al smit den seinen! Einem Patriarchen gleich ragte er in die Gegenwart herein als das lebendige Bindeglied zwischen uns und längst vergangenen Zeiten; eine Rieseneiche, um die so mancher Sturm gebraust, und die doch grünte bis ans Ende, da die tötliche Axt sie fällte.
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Einem Patriarchen gleich! Denn wie die sanfte Morgenröte den jungen Tag küßt, der, traumverloren und taubeschwert, noch nicht weiß, daß ihn in wenigen Stunden schon der leuchtende Sonnenball am Firmament in vollem Glanz bestrahlen wird, so grüßt in Joachims Kindheit der hehre Name “Beethoven” hinein. Hat er doch “die unsterbliche Geliebte” des Tongewaltigen noch gekannt, in Joseph Böhm einen Lehrer besessen, dem als Leiter eines Streichquartetts Beethoven und Schubert ihren künstlerischen Odem eingehaucht hatten, und schon als 13jähriger Knabe das Violinkonzert von Beethoven öffentlich gespielt!
Nachdem er in der Schule Mendelsohns [sic] den Schlüssel gefunden hatte, der ihm das Zauberland Joh. Seb. Bachs erschloß, fan der sich alsbald zo heimisch darin, daß Schumann den damals 22jährigen “den besten Dolmetsch dieser Wundermusik” nennen konnte. Als ihm der Tod diesen Führer entrissen hatte, der ihm zugleich ein Freund für’s Leben zu warden versprach, hat er sich mit seinem “Kriegskameraden” Johannes Brahms weitergebildet in allen Zweigen seiner Kunst und teilgenommen an allem, was schön und edel ist auch außerhalb seines engeren Berufskreises. Und als man ihm die Götter rauben wollte, die er anbetete, um an deren Stelle andere zu setzen, ist er männlich eingetreten für seine Überzeugung und hat nicht gewankt, wie heftig auch die Wellenschläge der Zeit und Mode seinen Standpunkt zu gefährden schienen.
In dieser Weise im Strom der Welt und im Kampf der Meinungen ein Charakter geworden, hat sich bei ihm zugleich jenes universelle Stilgefühl ausgebildet, das ihn, den urdeutsch empfindenden Künstler, die Brücke finden ließ, die zu den französischen und italienischen Klassikern des Violinspiels hinüberführt. Andererseits hat er sich bis ins Greisenalter jenen kindlichen Frohsinn und schalkhaften Humor bewahrt, der die unerläßliche Voraussetzung für die lebendige Wiedergabe der Werke Haydns und Mozarts bildet.
Mozarts! Es ist kein Zufall, daß wir uns heute gerade im Rahmen des Vereins zusammengefunden haben, der sich die Pflege dieses göttlichen Meisters zur Aufgabe gestellt
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hat. Wir haben es vielmehr getan, um an den Manen Joachim seine Dankesschuld abzutragen. Denn vom Tag der Gründung bis zu seinem Hinscheiden hat Joachim den Bestrebungen dieses Vereins nicht nur Sympathien entgegengebracht, sondern durch wiederholte Mitwirkung bei Aufführungen bewiesen, daß ihm die Verherrlichung Mozart seine Herzensangelegenheit war. Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als ich vor drei Jahren auf einer gemeinschaftlichen Sommerreise mit ihm entblössten Hauptes vor dem Standbild Mozarts in Salzburg stand und er mir sagte: “Weißt Du, Moser, wenn wahre Schönheit oder schöne Wahrheit den Wert eines Kunstwerkes bestimmt, dann war der da droben doch der größte Künstler von allen!” —
Leider haben wir die traurige Pflicht, heute nicht nur des Meisters zu gedenken, der seine Sendung hienieden erfüllt hat, sondern noch eines zweiten Ehrenmitgliedes des Mozartvereins, den der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hat. Am 3. dieses Monat sist Alfred Reisenauer in Libau an einem Herzschlag plötzlich verstorben. Wenn ich bedenke, was dieser feinsinnige Künstler in den 25 Jahren seines Wirkens in der Öffentlichkeit geleistet hat und was von ihm noch zu erwarten stand, so bin ich sicher, daß nicht nur die Mitglieder des Mozartvereins, sondern weiteste Kreise das frühe Hinscheiden des reichbegabten “Musikers am Klavier” und liebenswürdigen Menschen auf das innigste bedauern warden. Sein Andenke wird bei allen, die ihn gehört und gekannt haben, unvergessen bleiben. —
Muß bei der Würdigung eines Künstlers der Nachdruck ganz naturgemäß auf seine Kunstleistungen gelegt warden, so überkommt uns doch auch wieder ein wohltuendes Gefühl der Befriedigung, wenn wir erfahren, daß der betreffende Künstler nicht nur Bewunderung ausgelöst, sonder nob seiner menschlich schönen Eigenschaften auch Liebe verdient hat. Als Joachims langjähriger Freund und Mitarbeiter habe ich einen solchen Einblick in sein Innenleben gewonnen, daß ich sagen darf: nur Wenige haben, wie er, das Goethesche Wort erfüllt: “Hilfreich sei der Mensch, edel und gut!” Man braucht nr die Briefe Mendelssohns und Schumanns an
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und über Joachim zu lessen, um sich sofort darüber klar zu sein. Die freudigste Genugtuung aber warden Sie empfinden, wenn erst der von mir vorbereitete Briefwechsel zwischen Brahms und Joachim zur Ausgabe gelangt sein wird. Ein Charakterbild wird sich Ihnen daraus erschließen, in seiner schlichten Einfalt zo rührend groß, daß es mich unwillkürlich an den Vers erinnert, in dem Franz Grillparzer das Wesen des Instrumentes besungen, mit dessen meisterlicher Beherrschung sich Joachim so oft in unsere Seelen hineingespielt hat:
“Vier arme Saiten — es klingt wie ein Scherz —
Für alle Wunder des Schalles;
Hat doch der Mensch nu rein einziges Herz,
Und reicht doch hin für alles!”
In seiner edelsten Gestalt tritt uns das Menschentum Joachims namentlich in seiner Eigenschaft als Lehrer und Bildner der Jugend entgegen. Er war seinen nach vielen Hunderten zählenden Schülern nicht nu rein künstlerischer Berater, sondern zugleich ein väterlicher Freund und Helfer, von dem keener ungetröstet fortging. So manche Geige, die da klingt und singt an dem verschiedensten Orten der Welt, ist ein Geschenk von ihm, der ihrem gegenwärtigen Besitzer damit den Weg geebnet hat zur Ausbildung und zum weiteren Fortkommen. Und dann seine Geige, seine Finger und sein Bogen! Wie viel Tränen haben sie getrocknet, wie viel Sorge verscheucht und Not gelindert durch ihre stete Bereitschaft einzutreten für die Armen und Mühseligen! Aus all’ dem erkennen wir, daß Joachim nicht nur einer der größten Künstler aller Zeiten gewesen ist, sondern zugleich ein Mann, den die edelsten Eigenschaften des Herzens geziert haben.
Er hat aber auch den schönsten Lohn dafür geerntet. Wie seine ganze Künstlerlaufbahn vom hellsten Sonnenschein bestrahlt wurde, so hat auch über seinem Sterbebette ein gutter Stern geleuchtet. In Schönheit dürfte er sanft entschlummern, ohne von dem Kuß des Todesengels auch nur die leiseste Ahnung gehabt zu haben.
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Sein Name gehört der Geschichte an; sein Menschentum aber ist eingegraben in unsere Herzen, unauslöschich, tief und treu! —
Die Weihestunde, die mich heute nach Dresden geführt hat, um mit Ihnen vereint den Manen des größten ausübenden Tonkünstlers unserer Zeit zu huldigen, ruft in mir die Erinnerung an eine Totenfeier wach, die vor über zweihundert Jahren dem größten schaffenden Musiker seiner Zeit gegolten hat. Als 1672 Heinrich Schütz gestorben war, richtete der Magister Herzog vor der Beisetzung der Leiche in der Vorhalle der hiesigen alten Frauenkirche die folgenden Wrote an die versammelten Mitglieder der Chors und Orchesters:
“Nun, ihr edlen Musici, ihr Virtuosi und treue Clienten eures eisgrauen Senioris, umfanget und begleitet mit Thränen den Cörper des seeligen Herrn Capellmeisters zu seiner Grabstätte. Machet und haltet anitzo ihm nach Churfürstlicher gnädiger Anordnung die angestellte Kirchenmusik bei der Bestattung auf das Beweglichste, und wisest, daß ihm seine letzte Ehre zwar hiedurch erwiesen, die eurige aber hiedurch wachsen und euch bei Hohen und Niedrigen noch mehr beliebt machen. wird.
Hiermit trägt man Schützens Kunst
samt seiner Hand zu Grabe,
Die unserer Hofcapell den besten
Zierrath gabe;
Ein Mann, der seinen Gott und
Fürsten true geliebt;
Dieß ist die Grabeschrift, die ihm
Chursachsen giebt.” —
So bitte ich nun auch Dich, lieber Freund und Genosse Petri, den unser heimgegangener Meister stets “eines seiner liebsten Kinder” genannt hat: Nimm Geig’ und Bogen in die Hand und ehre Dich, uns und den großen Toten mit den Klängen, die er seinerzeit erdacht, um das Andenken seiner Freundin Gisela von Arnim festzuhalten [Joachim, Violin Concerto no. 3 in G Major, dedicated to the memory of Gisela von Arnim].Und wenn sich
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dann in der Mitte des zweiten Satzes allmählich der düstere Wolkenschleier zur Seite schiebt und sich wie aus klarblauem Himmel tröstend und mild eine Lichtgestalt herniedersenk, die uns zuflüstert, daß im Jenseits Ruh’ und Frieden, so wird dieses B ild auch in unseren Herzen nicht nur das Gefühl der Befreiung auslösen, sondern, versöhnt mit dem Schicksal, warden wir mit dankbarem Stolz sagen dürfen: Der herrliche Künstler und Mensch, zu dessen Ehrung wir uns heute zusammengefunden haben, er war unser!
21 Tuesday Jul 2020
Posted in Concert Reviews & Criticism
The Oxford Magazine, vol. 25, no. 8, (December 5, 1906), p. 135.

MUSIC OF THE WEEK
THERE was the usual crowded and enthusiastic audience to welcome the Joachim Quartet at the Public Classical Concert on Thursday afternoon: the programme consisted of three string quartets, Mozart in D minor, Brahms in B flat, and Beethoven in C minor. Professor Wirth being still unable to play owing to eye-trouble, Herr Karl Klingler has been making his first visit to England, and, much younger than his famous colleagues though he is, he proves himself in every way worthy of the honour: the great viola passages in the Brahms quartet were played with quite superb breadth and insight, and throughout all the works his splendid tone and exceptional musicianship were very noticeable. Professors Halir and Hausmann were as wonderful as ever; and the passage of time leaves no trace on all the essential things in Dr. Joachim’s playing, nor is there any change in the extraordinary perfection of ensemble with which his colleagues reproduce every tinge of his moods. All his many long years of intimate love of the great music have resulted now in a style of extraordinarily ripe and mellow beauty: there is a lifetime of thought and reverence behind every note he plays, and at the age of seventy-five he can still teach us the last word in the art of interpretation. And yet there is nothing in the least degree stereotyped about his conceptions: absolutely faithful as they have always been, they are yet creative, and have varied, and still vary, to a considerable extent. On Thursday he was in a, on the whole, somewhat specially quiet and meditative vein: when we next hear him again, he might very possibly, in the same works, reveal to us different but equally great treasures from his inexhaustible store.

17 Friday Jul 2020
Posted in Concert Reviews & Criticism, Works
The Athenæum, No. 1471 (5 January 1856), p. 18.

NEW PUBLICATIONS
Hebrew Melodies — Impressions of Byron’s Poems, for Tenor and Pianoforte, Op. 9. — Variations on and Original Air, for Tenor and Pianoforte, Op. 10. By Joseph Joachim. (Ewer Co.) — We are disconcerted, rather than surprised, by the quality of these compositions. We know that creative power is not ensured by the possession of science or executive facility; but the absence of originality is here accompanied by a prominent uncouthness and eccentricity, to be regretted in one who commenced his artistic career so well (because so reverentially) as Herr Joachim. Yet however sorry we may be, we are not astonished. The school to which Herr Joachim has notoriously devoted himself on his arrival at years of discretion can only produce fruits like these. Critics who find that Dr. Schumann is deep while Haydn is shallow, — that Herr Wagner is poetical while Mendelssohn is mechanical, — may possibly recognize beauty, significance, idea, where we are merely aware of darkness, ambition, and unloveliness; but those with whom free judgment does not mean fanaticism, — who fancy that the Art of the Future must complete and carry out, not contradict, the Art of the Past, — will not receive these things as music. How curious is the choice which has made Herr Joachim write for pianoforte and tenor! That low-voiced “viol” has charming and effective qualities of its own, but these are not developed when it is used as a solo instrument, still less in combination with the pianoforte. There is more of whimsy than of wit in thus giving prominent employment to an instrument which is, and must be to the end of time, a secondary — nay, a ternary — instrument: — it being recollected that the instrumental is not like the vocal tenor, a reflection — or reproduction — with the new characteristics and new brilliancies — of the soprano. — Then, the subjects of these compositions may be described by the language employed by Olaus Magnus, in his chapter on ‘Snakes in Iceland.’ “Snakes in Iceland” (says the historian) “there be none.” A group of notes tumbled together does not make it either a “Hebrew melody” or an “Original air.” The first condition of a theme for variations is, that it should fix itself on the ear. It is true with that in his ‘Eroica’ and Choral Symphonies, and still more in his Posthumous Quartetts, the endeavour of Beethoven seems to have been to gratify the hearer by puzzling him; but it is no less true, that though Beethoven sometimes thought it fit to confuse his composition, by mixing up adjuncts and essentials, ritornels and melodies, his themes when reached, or however set, were in themselves distinct, symmetrical, seizing. This cannot be said, by the most exercised listener, of Herr Joachim’s “original air,” — which appears as if it had been expressly constructed to avoid beauty, and to throw out memory. The ‘Hebrew Melodies’ are still more mysterious, one phrase excepted, — the episode in A flat, p. 7, which must be noticed as almost the solitary example of form in these strange rhapsodies. Of which among Byron’s Hebrew Melodies are they impressions? — ‘The wild gazelle on Judah’s hills’? — ‘The Assyrian came down like the wolf on the fold’? — ‘Oh, Mariamne’? They might, for any pertinence or propriety that we can discern, be “impressions” of the ‘Hydrotaphia,’ or the Funeral Sermon for the Countess of Carbery, or Johnson’s Preface to his Dictionary. — The name of Poetry is invoked, but the nature of Music is absent.