Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm 1848 copy
Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm, 1848

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Violinphantasie für J. J.

Vom Blütendufte ist der Himmel trunken,
Die Nacht ist finster und die Bäume rauschen;
Als wär’ die ganze Welt in Schlaf gesunken,
So einsam sind die Straßen und so still.
Kein Mensch, der mir begegnet, wo ich schreite,
Da tönt Gesang — wie lieblich, ihm zu lauschen!
Unruhig schlägt das Herz mir in der Seite,
Ach, und ich weiß nicht, was es sagen will.

An’s Gitter lehn’ ich, wo die Fenster leuchten,
Durch Blätter dringt mein Blick in’s offne Zimmer,
Den Nacken seh ich wohl, den vorgebeugten,
Das Licht, das auf die weiße Schulter fällt,
Durch den belaubten Vorhang der Gezweige
Berührt mich sein zerstreuter Strahlen Schimmer;
Sie singt nicht mehr: es ist der Ton der Geige,
Der zaubrisch meinen Sinn gefangen hält.

Es klingt zu mir wie ein verstecktes Weinen,
Dann wieder rauh, als käme Sturm geflogen,
Dann kühl, wie Waldes Hauch in heil’gen Hainen,
Dann, wie die Wüstensonne, heiß und grell;
Schüchtern, als hört’ ich Psyche leise schleichen,
Sanft, wie ein Seufzen, durch das Schilf gezogen,
Anschwellend, wie der Wind in hohen Eichen,
Geschwätzig wieder, wie ein Wiesenquell.

Ich seh’ ein einsam felsiges Gestade,
Seh’ Nymphen, die die blauen Wellen theilen,
Das Plätschern hör’ ich im belebten Bade,
Die Muscheln seh’ ich und der Sonne Glanz;
Der Wellen weiße Häupter seh’ ich steigen,
Wie sie in langen Reih’n zum Ufer eilen,
Sich grüßend vor den alten Felsen neigen,
Und schäumend löst sich auf der kühle Tanz.

Und träge plötzlich seh’ ich Wolkenschatten
Sanft über weite Kiesernwälder gleiten,
Die Wärme saug’ ich ein, ein süß Ermatten
Quillt aus dem glatten Boden in mich ein.
Die schlanken Bäume stehen ohne Wanken,
Allüberall umher nach allen Seiten,
Und ihre hochgewölkten Kronen tranken
Den Windesathem und den Sonnenschein.

Und plötzlich seh’ ich sich die Wolken ballen,
Schneeweiß und rosenroth, und dann zerreißen,
Und Schwäne werden plötzlich da aus allen,
Sie schweben singend über mir dahin;
Und senken dann im Fluge sich hernieder —
Sind Schiffe, fahrend mit den vollen, weißen,
Gebauschten Segeln, und verschwinden wieder —
Und Rom steht da, die Weltbesiegerin!

Ein Heer zieht triumphirend durch die Thore,
Des Volkes Murmeln schwillt, Posaunen brausen —
Da steh’ ich einsam im verlaßnen Chore
Der Kirche, den das Abendroth durchbrach.
Die Orgel murmelt summend durch die Räume —
Ist’s Blätterrauschen? nein die Winde sausen —
Nein Sturm, nein Klagen, nein die schönsten Träume —
Nein es ist ferner Nachtigallen schlag.

Am Teiche singt sie, der den Mond gefangen
Und alle Sterne, aus der Tiefe blinkend —
Was kommt dort durch die Bäume leis gegangen?
Ein Hirsch, der vorsichtsvoll die Läufe setzt.
Sieh das Geweih, wie leicht der Hals es wieget,
Er neigt es zum Gewässer durstig trinkend,
Wie er es schlürfend nun zum Nacken bieget,
Und tröpfelnd sich das Fell am Hals benetzt.

Ist er nicht weiß? Sinds leuchtende Gewänder?
Ja, und ein Mädchen ist’s das sie umkleiden,
Im Haare seh’ ich golddurchwirkte Bänder,
Sandalen schützen ihrer Füße Gang;
Und Palmen sinds, die hoch sie überragen,
Die schwarz das glüh’nde Sternenheer durchschneiden,
Um die sich feurig große Käfer jagen,
Und ihrer Flügel Schwirren ist Gesang.

Gesang, ein breiter Fluß von Rosenblüten,
Die ineinanderschmelzend weiterfließen,
Die golden dann und grün und silbern glühten,
Und blau zuletzt, wie bei Sorrent das Meer.
Da scheints, als ob sie windgekräuselt wären,
Sich mit der Hand geduldig halten ließen,
Da waren’s silbern grünlich graue Aehren,
Und streichelnd fuhr der Wind darüber her.

Lichtwechselnd wie im ersten Frühling schaute
Der Himmel, wo sich blasse Wolken stritten,
Doch sonnig nebelhafter Regen thaute
Rings nieder, solche Farben sah ich nie!
Und aufwärts hob das Korn sich, plötzlich reifend,
Ich geh hindurch mit frischbelebten Schritten,
Die hohen Aehren mit dem Haare streifend,
Und um mich her ist alles Melodie.

Sie schweigt, still ist’s, ich geh versteckt im Golde,
Das blau und rothe Blumen viel erfüllen,
Da tönt mir nah und näher eine holde,
Einfache Stimme, und sie singt ein Lied.
Nah ist sie mir, daß ich die Worte hörte,
Doch Aehren sind es stets, die sie verhüllen,
Bis ich, den ihr Gesang so tief bethörte,
Sie suchend in die Irre ganz gerieth.

Und plötzlich war ich neben ihr, sie blickte
Mich freundlich an, und warf die dunklen Flechten
Erathmend in den Nacken, stand und rückte
Das lose Tuch am Busen wieder fest;
Gesundheit klopfte warm in ihren Wangen,
Und mit dem Blumenstrauße in der Rechten
Versucht sie, ob der Athem, der vergange,
Sich wieder in die Lippen fächeln läßt.

Und es verging das hohe Korn im Kreise,
Fast schwindelnd fühlt’ ich mich emporgehoben,
Sie neben mir und um uns tönt es leise,
Und Alles sank so tief um uns hinab.
Da waren wir auf eines Berges Spitze,
Sahn Wälder, Flüsse, Berge fern von oben,
Wir waren so allein auf unserm Sitze,
Wo Windsgeräusch alleinzig uns umgab.

Mein Arm — wer lehrt es ihn? — hielt sie umschlungen,
Und ihren Athem fühlt’ ich mich berühren,
Von tausend Feuern war ich da durchdrungen,
Von einem Muthe den ich nie gekannt;
Die Lippen zuckten mir, die Wangen glühten —
Da plötzlich fühlt’ ich etwas sie entrühren,
Und, wie sich angstvoll meine Sinne mühten,
Blaß wurde alles, ach, und sie verschwand.

Und fremde Dinge, unerträglich drückend,
Umgaben mich und zwangen mich zu denken,
Was ich so ganz verlernt, und um mich blickend
Betrübt’ es mich, daß ich mein Glück versäumt.
Da stehst du, legst die Geige aus den Händen,
Und statt mir den Moment des Glücks zu schenken,
Den angefangnen Zauber zu vollenden,
Fragst du, ob ich geschlafen und geträumt.

Ach ja geträumt; war es nicht Nacht? ich horchte
Am Gitter doch dem Spiele? Nein; verflogen
Ist aller Traum, und von der Wahrheit borgte
Den Gürtel Phantasie, die mich berückt;
Und sie, das schönste Bild erblühten Lebens,
O Götter, warum habt ihr mich betrogen,
Und wollt, daß ich den Tag fortan vergebens
Erwarte, der sie mir entgegenschickt?

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Grimm sent this poem, by way of Woldemar Bargiel, to Clara Schumann, with the inscription: “An Frau Clara Schumann mit der bitte um freundliches andenken…
Herman Grimm
Berlin 18 Sept
1854


Herman Grimm to Joseph Joachim

Berlin, 21 Sept. 1854.

“… Bargiel ist ein ganz andrer kerl, seit die guten nachrichten von Schumann da sind, diese heilung ist, wenn sie stich hält, mehr als ein wunder, ich hätte nie geglaubt, daß die sehnsucht und hofnung seiner armen frau soviel klüger gewesen wäre als wir alle miteinander, die wir jetzt mit wonne unsere dummheit bekennen. Bargiel hat ihr meine violinphantasie geschickt, ich habe ihr ein paar freundliche worte drauf geschrieben. der papa findet sie auch schön. [BRIEFE I, p. 208.]

Elsewhere in the letter, Grimm writes: “… dagegen singt die Giesel [Gisela von Arnim] das bachsche erbarme dich mit leidenschaft und so unendlicher Wiederholung, daß die Bettine [von Arnim] und ich unserseits um erbarmen flehen, aber fruchtlos.” [BRIEFE I, p. 207] Erbarme dich, from the St. Matthew Passion of Bach, is an aria with violin accompaniment.

Footnote, p. 208: “Ein Gedicht von H. Gr., Joachim gewidment, nicht erschienen.”

Nevertheless, the poem was later published in the Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Otto Friedrich Gruppe (ed.), Berlin: Reimer (1855), 49-54.


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Source: SLUB Dresden Sammlung Handschriften, Musik, Robert und Clara Schumann; Signatur: Mus.Schu.99 [Public Domain]

https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/332262/1/ 


Musenalmanach: Grimm Violinphantasie für J. J. Musenalmanach