Herman Grimm: Violinphantasie für J. J.

Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm 1848 copy
Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm, 1848

Violinphantasie für J. J.

Vom Blütendufte ist der Himmel trunken,
Die Nacht ist finster und die Bäume rauschen;
Als wär’ die ganze Welt in Schlaf gesunken,
So einsam sind die Straßen und so still.
Kein Mensch, der mir begegnet, wo ich schreite,
Da tönt Gesang — wie lieblich, ihm zu lauschen!
Unruhig schlägt das Herz mir in der Seite,
Ach, und ich weiß nicht, was es sagen will.

An’s Gitter lehn’ ich, wo die Fenster leuchten,
Durch Blätter dringt mein Blick in’s offne Zimmer,
Den Nacken seh ich wohl, den vorgebeugten,
Das Licht, das auf die weiße Schulter fällt,
Durch den belaubten Vorhang der Gezweige
Berührt mich sein zerstreuter Strahlen Schimmer;
Sie singt nicht mehr: es ist der Ton der Geige,
Der zaubrisch meinen Sinn gefangen hält.

Es klingt zu mir wie ein verstecktes Weinen,
Dann wieder rauh, als käme Sturm geflogen,
Dann kühl, wie Waldes Hauch in heil’gen Hainen,
Dann, wie die Wüstensonne, heiß und grell;
Schüchtern, als hört’ ich Psyche leise schleichen,
Sanft, wie ein Seufzen, durch das Schilf gezogen,
Anschwellend, wie der Wind in hohen Eichen,
Geschwätzig wieder, wie ein Wiesenquell.

Ich seh’ ein einsam felsiges Gestade,
Seh’ Nymphen, die die blauen Wellen theilen,
Das Plätschern hör’ ich im belebten Bade,
Die Muscheln seh’ ich und der Sonne Glanz;
Der Wellen weiße Häupter seh’ ich steigen,
Wie sie in langen Reih’n zum Ufer eilen,
Sich grüßend vor den alten Felsen neigen,
Und schäumend löst sich auf der kühle Tanz.

Und träge plötzlich seh’ ich Wolkenschatten
Sanft über weite Kiesernwälder gleiten,
Die Wärme saug’ ich ein, ein süß Ermatten
Quillt aus dem glatten Boden in mich ein.
Die schlanken Bäume stehen ohne Wanken,
Allüberall umher nach allen Seiten,
Und ihre hochgewölkten Kronen tranken
Den Windesathem und den Sonnenschein.

Und plötzlich seh’ ich sich die Wolken ballen,
Schneeweiß und rosenroth, und dann zerreißen,
Und Schwäne werden plötzlich da aus allen,
Sie schweben singend über mir dahin;
Und senken dann im Fluge sich hernieder —
Sind Schiffe, fahrend mit den vollen, weißen,
Gebauschten Segeln, und verschwinden wieder —
Und Rom steht da, die Weltbesiegerin!

Ein Heer zieht triumphirend durch die Thore,
Des Volkes Murmeln schwillt, Posaunen brausen —
Da steh’ ich einsam im verlaßnen Chore
Der Kirche, den das Abendroth durchbrach.
Die Orgel murmelt summend durch die Räume —
Ist’s Blätterrauschen? nein die Winde sausen —
Nein Sturm, nein Klagen, nein die schönsten Träume —
Nein es ist ferner Nachtigallen schlag.

Am Teiche singt sie, der den Mond gefangen
Und alle Sterne, aus der Tiefe blinkend —
Was kommt dort durch die Bäume leis gegangen?
Ein Hirsch, der vorsichtsvoll die Läufe setzt.
Sieh das Geweih, wie leicht der Hals es wieget,
Er neigt es zum Gewässer durstig trinkend,
Wie er es schlürfend nun zum Nacken bieget,
Und tröpfelnd sich das Fell am Hals benetzt.

Ist er nicht weiß? Sinds leuchtende Gewänder?
Ja, und ein Mädchen ist’s das sie umkleiden,
Im Haare seh’ ich golddurchwirkte Bänder,
Sandalen schützen ihrer Füße Gang;
Und Palmen sinds, die hoch sie überragen,
Die schwarz das glüh’nde Sternenheer durchschneiden,
Um die sich feurig große Käfer jagen,
Und ihrer Flügel Schwirren ist Gesang.

Gesang, ein breiter Fluß von Rosenblüten,
Die ineinanderschmelzend weiterfließen,
Die golden dann und grün und silbern glühten,
Und blau zuletzt, wie bei Sorrent das Meer.
Da scheints, als ob sie windgekräuselt wären,
Sich mit der Hand geduldig halten ließen,
Da waren’s silbern grünlich graue Aehren,
Und streichelnd fuhr der Wind darüber her.

Lichtwechselnd wie im ersten Frühling schaute
Der Himmel, wo sich blasse Wolken stritten,
Doch sonnig nebelhafter Regen thaute
Rings nieder, solche Farben sah ich nie!
Und aufwärts hob das Korn sich, plötzlich reifend,
Ich geh hindurch mit frischbelebten Schritten,
Die hohen Aehren mit dem Haare streifend,
Und um mich her ist alles Melodie.

Sie schweigt, still ist’s, ich geh versteckt im Golde,
Das blau und rothe Blumen viel erfüllen,
Da tönt mir nah und näher eine holde,
Einfache Stimme, und sie singt ein Lied.
Nah ist sie mir, daß ich die Worte hörte,
Doch Aehren sind es stets, die sie verhüllen,
Bis ich, den ihr Gesang so tief bethörte,
Sie suchend in die Irre ganz gerieth.

Und plötzlich war ich neben ihr, sie blickte
Mich freundlich an, und warf die dunklen Flechten
Erathmend in den Nacken, stand und rückte
Das lose Tuch am Busen wieder fest;
Gesundheit klopfte warm in ihren Wangen,
Und mit dem Blumenstrauße in der Rechten
Versucht sie, ob der Athem, der vergange,
Sich wieder in die Lippen fächeln läßt.

Und es verging das hohe Korn im Kreise,
Fast schwindelnd fühlt’ ich mich emporgehoben,
Sie neben mir und um uns tönt es leise,
Und Alles sank so tief um uns hinab.
Da waren wir auf eines Berges Spitze,
Sahn Wälder, Flüsse, Berge fern von oben,
Wir waren so allein auf unserm Sitze,
Wo Windsgeräusch alleinzig uns umgab.

Mein Arm — wer lehrt es ihn? — hielt sie umschlungen,
Und ihren Athem fühlt’ ich mich berühren,
Von tausend Feuern war ich da durchdrungen,
Von einem Muthe den ich nie gekannt;
Die Lippen zuckten mir, die Wangen glühten —
Da plötzlich fühlt’ ich etwas sie entrühren,
Und, wie sich angstvoll meine Sinne mühten,
Blaß wurde alles, ach, und sie verschwand.

Und fremde Dinge, unerträglich drückend,
Umgaben mich und zwangen mich zu denken,
Was ich so ganz verlernt, und um mich blickend
Betrübt’ es mich, daß ich mein Glück versäumt.
Da stehst du, legst die Geige aus den Händen,
Und statt mir den Moment des Glücks zu schenken,
Den angefangnen Zauber zu vollenden,
Fragst du, ob ich geschlafen und geträumt.

Ach ja geträumt; war es nicht Nacht? ich horchte
Am Gitter doch dem Spiele? Nein; verflogen
Ist aller Traum, und von der Wahrheit borgte
Den Gürtel Phantasie, die mich berückt;
Und sie, das schönste Bild erblühten Lebens,
O Götter, warum habt ihr mich betrogen,
Und wollt, daß ich den Tag fortan vergebens
Erwarte, der sie mir entgegenschickt?

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Grimm sent this poem, by way of Woldemar Bargiel, to Clara Schumann, with the inscription: “An Frau Clara Schumann mit der bitte um freundliches andenken…
Herman Grimm
Berlin 18 Sept
1854


Herman Grimm to Joseph Joachim

Berlin, 21 Sept. 1854.

“… Bargiel ist ein ganz andrer kerl, seit die guten nachrichten von Schumann da sind, diese heilung ist, wenn sie stich hält, mehr als ein wunder, ich hätte nie geglaubt, daß die sehnsucht und hofnung seiner armen frau soviel klüger gewesen wäre als wir alle miteinander, die wir jetzt mit wonne unsere dummheit bekennen. Bargiel hat ihr meine violinphantasie geschickt, ich habe ihr ein paar freundliche worte drauf geschrieben. der papa findet sie auch schön. [BRIEFE I, p. 208.]

Elsewhere in the letter, Grimm writes: “… dagegen singt die Giesel [Gisela von Arnim] das bachsche erbarme dich mit leidenschaft und so unendlicher Wiederholung, daß die Bettine [von Arnim] und ich unserseits um erbarmen flehen, aber fruchtlos.” [BRIEFE I, p. 207] Erbarme dich, from the St. Matthew Passion of Bach, is an aria with violin accompaniment.

Footnote, p. 208: “Ein Gedicht von H. Gr., Joachim gewidment, nicht erschienen.”

Nevertheless, the poem was later published in the Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Otto Friedrich Gruppe (ed.), Berlin: Reimer (1855), 49-54.


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Source: SLUB Dresden Sammlung Handschriften, Musik, Robert und Clara Schumann; Signatur: Mus.Schu.99 [Public Domain]

https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/332262/1/ 


Musenalmanach: Grimm Violinphantasie für J. J. Musenalmanach

Andreas Moser: Gedächtnisrede anläßlich der Trauerfeier für Joseph Joachim, am 27. Oktober 1907

Siebenter Bericht des Mozart-Vereins zu Dresden 1906-1908, Dresden: Hansa-Druckerei, pp. 35-40.

Gedächtnisrede
anläßlich der Trauerfeier für Joseph Joachim
am 27. Oktober 1907
gehalten von Andreas Moser aus Berlin.

,,Der Mensch erfährt,
Er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück
Und einen letzten Tag!

            Die hehren Klänge Beethovens [Cavatina from String Quartet no. 13 in B-flat Major, op. 130], die soeben an uns vorübergezogen sind, dieselben, mit denen vor 21/2 Jahren Joachim in der Berliner Sing-Akademie den Manen Adolf Menzel’s gehuldigt hat, sind so recht dazu angetan, die bittere Wahrheit des Goetheschen Spruches, den ich vorausgeschickt habe, zu deuten und zu mildern. Mit ihrem Wechsel zwischen andachtsvollem Beten und schmerzlicher Beklommenheit, die schließlich in die demütige Ergebung vor dem Unbegreiflichen ausklingt, gemahnten sie uns daran, daß wir zwar einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, einen Verlust aber, der zugleich etwas Versöhnendes in sich trägt. Wir wollen trauern um den großen Toten, dessen Gedenken diese Weihestunde gewidmet ist, aber wir dürfen nicht wehklagen! Denn er hat ein Leben gelebt, so lang und schön und reich, wie es nur wenigen Auserwählten beschieden ist, und alles, was uns Menschen begehrenswert scheint, ward ihm zuteil in überströmender Fülle. Generationen haben zu ihm aufgeschaut als zu dem geweihtesten Hüter seiner Kunst, und auch kommende Geschlechter noch warden in Ehrfurcht seinen Namen nennen, da mit reineren Händen nie ein Amt verwaltet ward al smit den seinen! Einem Patriarchen gleich ragte er in die Gegenwart herein als das lebendige Bindeglied zwischen uns und längst vergangenen Zeiten; eine Rieseneiche, um die so mancher Sturm gebraust, und die doch grünte bis ans Ende, da die tötliche Axt sie fällte.

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Einem Patriarchen gleich! Denn wie die sanfte Morgenröte den jungen Tag küßt, der, traumverloren und taubeschwert, noch nicht weiß, daß ihn in wenigen Stunden schon der leuchtende Sonnenball am Firmament in vollem Glanz bestrahlen wird, so grüßt in Joachims Kindheit der hehre Name “Beethoven” hinein. Hat er doch “die unsterbliche Geliebte” des Tongewaltigen noch gekannt, in Joseph Böhm einen Lehrer besessen, dem als Leiter eines Streichquartetts Beethoven und Schubert ihren künstlerischen Odem eingehaucht hatten, und schon als 13jähriger Knabe das Violinkonzert von Beethoven öffentlich gespielt!

Nachdem er in der Schule Mendelsohns [sic] den Schlüssel gefunden hatte, der ihm das Zauberland Joh. Seb. Bachs erschloß, fan der sich alsbald zo heimisch darin, daß Schumann den damals 22jährigen “den besten Dolmetsch dieser Wundermusik” nennen konnte. Als ihm der Tod diesen Führer entrissen hatte, der ihm zugleich ein Freund für’s Leben zu warden versprach, hat er sich mit seinem “Kriegskameraden” Johannes Brahms weitergebildet in allen Zweigen seiner Kunst und teilgenommen an allem, was schön und edel ist auch außerhalb seines engeren Berufskreises. Und als man ihm die Götter rauben wollte, die er anbetete, um an deren Stelle andere zu setzen, ist er männlich eingetreten für seine Überzeugung und hat nicht gewankt, wie heftig auch die Wellenschläge der Zeit und Mode seinen Standpunkt zu gefährden schienen.

In dieser Weise im Strom der Welt und im Kampf der Meinungen ein Charakter geworden, hat sich bei ihm zugleich jenes universelle Stilgefühl ausgebildet, das ihn, den urdeutsch empfindenden Künstler, die Brücke finden ließ, die zu den französischen und italienischen Klassikern des Violinspiels hinüberführt. Andererseits hat er sich bis ins Greisenalter jenen kindlichen Frohsinn und schalkhaften Humor bewahrt, der die unerläßliche Voraussetzung für die lebendige Wiedergabe der Werke Haydns und Mozarts bildet.

Mozarts! Es ist kein Zufall, daß wir uns heute gerade im Rahmen des Vereins zusammengefunden haben, der sich die Pflege dieses göttlichen Meisters zur Aufgabe gestellt

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hat. Wir haben es vielmehr getan, um an den Manen Joachim seine Dankesschuld abzutragen. Denn vom Tag der Gründung bis zu seinem Hinscheiden hat Joachim den Bestrebungen dieses Vereins nicht nur Sympathien entgegengebracht, sondern durch wiederholte Mitwirkung bei Aufführungen bewiesen, daß ihm die Verherrlichung Mozart seine Herzensangelegenheit war. Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als ich vor drei Jahren auf einer gemeinschaftlichen Sommerreise mit ihm entblössten Hauptes vor dem Standbild Mozarts in Salzburg stand und er mir sagte: “Weißt Du, Moser, wenn wahre Schönheit oder schöne Wahrheit den Wert eines Kunstwerkes bestimmt, dann war der da droben doch der größte Künstler von allen!” —

Leider haben wir die traurige Pflicht, heute nicht nur des Meisters zu gedenken, der seine Sendung hienieden erfüllt hat, sondern noch eines zweiten Ehrenmitgliedes des Mozartvereins, den der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hat. Am 3. dieses Monat sist Alfred Reisenauer in Libau an einem Herzschlag plötzlich verstorben. Wenn ich bedenke, was dieser feinsinnige Künstler in den 25 Jahren seines Wirkens in der Öffentlichkeit geleistet hat und was von ihm noch zu erwarten stand, so bin ich sicher, daß nicht nur die Mitglieder des Mozartvereins, sondern weiteste Kreise das frühe Hinscheiden des reichbegabten “Musikers am Klavier” und liebenswürdigen Menschen auf das innigste bedauern warden. Sein Andenke wird bei allen, die ihn gehört und gekannt haben, unvergessen bleiben. —

Muß bei der Würdigung eines Künstlers der Nachdruck ganz naturgemäß auf seine Kunstleistungen gelegt warden, so überkommt uns doch auch wieder ein wohltuendes Gefühl der Befriedigung, wenn wir erfahren, daß der betreffende Künstler nicht nur Bewunderung ausgelöst, sonder nob seiner menschlich schönen Eigenschaften auch Liebe verdient hat. Als Joachims langjähriger Freund und Mitarbeiter habe ich einen solchen Einblick in sein Innenleben gewonnen, daß ich sagen darf: nur Wenige haben, wie er, das Goethesche Wort erfüllt: “Hilfreich sei der Mensch, edel und gut!” Man braucht nr die Briefe Mendelssohns und Schumanns an

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und über Joachim zu lessen, um sich sofort darüber klar zu sein. Die freudigste Genugtuung aber warden Sie empfinden, wenn erst der von mir vorbereitete Briefwechsel zwischen Brahms und Joachim zur Ausgabe gelangt sein wird. Ein Charakterbild wird sich Ihnen daraus erschließen, in seiner schlichten Einfalt zo rührend groß, daß es mich unwillkürlich an den Vers erinnert, in dem Franz Grillparzer das Wesen des Instrumentes besungen, mit dessen meisterlicher Beherrschung sich Joachim so oft in unsere Seelen hineingespielt hat:

“Vier arme Saiten — es klingt wie ein Scherz —
Für alle Wunder des Schalles;
Hat doch der Mensch nu rein einziges Herz,
Und reicht doch hin für alles!”

            In seiner edelsten Gestalt tritt uns das Menschentum Joachims namentlich in seiner Eigenschaft als Lehrer und Bildner der Jugend entgegen. Er war seinen nach vielen Hunderten zählenden Schülern nicht nu rein künstlerischer Berater, sondern zugleich ein väterlicher Freund und Helfer, von dem keener ungetröstet fortging. So manche Geige, die da klingt und singt an dem verschiedensten Orten der Welt, ist ein Geschenk von ihm, der ihrem gegenwärtigen Besitzer damit den Weg geebnet hat zur Ausbildung und zum weiteren Fortkommen. Und dann seine Geige, seine Finger und sein Bogen! Wie viel Tränen haben sie getrocknet, wie viel Sorge verscheucht und Not gelindert durch ihre stete Bereitschaft einzutreten für die Armen und Mühseligen! Aus all’ dem erkennen wir, daß Joachim nicht nur einer der größten Künstler aller Zeiten gewesen ist, sondern zugleich ein Mann, den die edelsten Eigenschaften des Herzens geziert haben.

Er hat aber auch den schönsten Lohn dafür geerntet. Wie seine ganze Künstlerlaufbahn vom hellsten Sonnenschein bestrahlt wurde, so hat auch über seinem Sterbebette ein gutter Stern geleuchtet. In Schönheit dürfte er sanft entschlummern, ohne von dem Kuß des Todesengels auch nur die leiseste Ahnung gehabt zu haben.

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Sein Name gehört der Geschichte an; sein Menschentum aber ist eingegraben in unsere Herzen, unauslöschich, tief und treu! —

Die Weihestunde, die mich heute nach Dresden geführt hat, um mit Ihnen vereint den Manen des größten ausübenden Tonkünstlers unserer Zeit zu huldigen, ruft in mir die Erinnerung an eine Totenfeier wach, die vor über zweihundert Jahren dem größten schaffenden Musiker seiner Zeit gegolten hat. Als 1672 Heinrich Schütz gestorben war, richtete der Magister Herzog vor der Beisetzung der Leiche in der Vorhalle der hiesigen alten Frauenkirche die folgenden Wrote an die versammelten Mitglieder der Chors und Orchesters:

“Nun, ihr edlen Musici, ihr Virtuosi und treue Clienten eures eisgrauen Senioris, umfanget und begleitet mit Thränen den Cörper des seeligen Herrn Capellmeisters zu seiner Grabstätte. Machet und haltet anitzo ihm nach Churfürstlicher gnädiger Anordnung die angestellte Kirchenmusik bei der Bestattung auf das Beweglichste, und wisest, daß ihm seine letzte Ehre zwar hiedurch erwiesen, die eurige aber hiedurch wachsen und euch bei Hohen und Niedrigen noch mehr beliebt machen. wird.

Hiermit trägt man Schützens Kunst
samt seiner Hand zu Grabe,
Die unserer Hofcapell den besten
Zierrath gabe;
Ein Mann, der seinen Gott und
Fürsten true geliebt;
Dieß ist die Grabeschrift, die ihm
Chursachsen giebt.” —

So bitte ich nun auch Dich, lieber Freund und Genosse Petri, den unser heimgegangener Meister stets “eines seiner liebsten Kinder” genannt hat: Nimm Geig’ und Bogen in die Hand und ehre Dich, uns und den großen Toten mit den Klängen, die er seinerzeit erdacht, um das Andenken seiner Freundin Gisela von Arnim festzuhalten [Joachim, Violin Concerto no. 3 in G Major, dedicated to the memory of Gisela von Arnim].Und wenn sich

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dann in der Mitte des zweiten Satzes allmählich der düstere Wolkenschleier zur Seite schiebt und sich wie aus klarblauem Himmel tröstend und mild eine Lichtgestalt herniedersenk, die uns zuflüstert, daß im Jenseits Ruh’ und Frieden, so wird dieses B ild auch in unseren Herzen nicht nur das Gefühl der Befreiung auslösen, sondern, versöhnt mit dem Schicksal, warden wir mit dankbarem Stolz sagen dürfen: Der herrliche Künstler und Mensch, zu dessen Ehrung wir uns heute zusammengefunden haben, er war unser!

Concert: Oxford, November 29, 1906


The Oxford Magazine, 
vol. 25, no. 8, (December 5, 1906), p. 135.


MUSIC OF THE WEEK

THERE was the usual crowded and enthusiastic audience to welcome the Joachim Quartet at the Public Classical Concert on Thursday afternoon: the programme consisted of three string quartets, Mozart in D minor, Brahms in B flat, and Beethoven in C minor. Professor Wirth being still unable to play owing to eye-trouble, Herr Karl Klingler has been making his first visit to England, and, much younger than his famous colleagues though he is, he proves himself in every way worthy of the honour: the great viola passages in the Brahms quartet were played with quite superb breadth and insight, and throughout all the works his splendid tone and exceptional musicianship were very noticeable. Professors Halir and Hausmann were as wonderful as ever; and the passage of time leaves no trace on all the essential things in Dr. Joachim’s playing, nor is there any change in the extraordinary perfection of ensemble with which his colleagues reproduce every tinge of his moods. All his many long years of intimate love of the great music have resulted now in a style of extraordinarily ripe and mellow beauty: there is a lifetime of thought and reverence behind every note he plays, and at the age of seventy-five he can still teach us the last word in the art of interpretation. And yet there is nothing in the least degree stereotyped about his conceptions: absolutely faithful as they have always been, they are yet creative, and have varied, and still vary, to a considerable extent. On Thursday he was in a, on the whole, somewhat specially quiet and meditative vein: when we next hear him again, he might very possibly, in the same works, reveal to us different but equally great treasures from his inexhaustible store.

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The Athenæum: Review of Opp. 9 and 10, Hebrew Melodies and Variations on original Air

The Athenæum, No. 1471 (5 January 1856), p. 18.


NEW PUBLICATIONS

Hebrew Melodies — Impressions of Byron’s Poems, for Tenor and Pianoforte, Op. 9. — Variations on and Original Air, for Tenor and Pianoforte, Op. 10. By Joseph Joachim. (Ewer  Co.) — We are disconcerted, rather than surprised, by the quality of these compositions. We know that creative power is not ensured by the possession of science or executive facility; but the absence of originality is here accompanied by a prominent uncouthness and eccentricity, to be regretted in one who commenced his artistic career so well (because so reverentially) as Herr Joachim. Yet however sorry we may be, we are not astonished. The school to which Herr Joachim has notoriously devoted himself on his arrival at years of discretion can only produce fruits like these. Critics who find that Dr. Schumann is deep while Haydn is shallow, — that Herr Wagner is poetical while Mendelssohn is mechanical, — may possibly recognize beauty, significance, idea, where we are merely aware of darkness, ambition, and unloveliness; but those with whom free judgment does not mean fanaticism, — who fancy that the Art of the Future must complete and carry out, not contradict, the Art of the Past, — will not receive these things as music. How curious is the choice which has made Herr Joachim write for pianoforte and tenor! That low-voiced “viol” has charming and effective qualities of its own, but these are not developed when it is used as a solo instrument, still less in combination with the pianoforte. There is more of whimsy than of wit in thus giving prominent employment to an instrument which is, and must be to the end of time, a secondary — nay, a ternary — instrument: — it being recollected that the instrumental is not like the vocal tenor, a reflection — or reproduction — with the new characteristics and new brilliancies — of the soprano. — Then, the subjects of these compositions may be described by the language employed by Olaus Magnus, in his chapter on ‘Snakes in Iceland.’ “Snakes in Iceland” (says the historian) “there be none.” A group of notes tumbled together does not make it either a “Hebrew melody” or an “Original air.” The first condition of a theme for variations is, that it should fix itself on the ear. It is true with that in his ‘Eroica’ and Choral Symphonies, and still more in his Posthumous Quartetts, the endeavour of Beethoven seems to have been to gratify the hearer by puzzling him; but it is no less true, that though Beethoven sometimes thought it fit to confuse his composition, by mixing up adjuncts and essentials, ritornels and melodies, his themes when reached, or however set, were in themselves distinct, symmetrical, seizing. This cannot be said, by the most exercised listener, of Herr Joachim’s “original air,” — which appears as if it had been expressly constructed to avoid beauty, and to throw out memory. The ‘Hebrew Melodies’ are still more mysterious, one phrase excepted, — the episode in A flat, p. 7, which must be noticed as almost the solitary example of form in these strange rhapsodies. Of which among Byron’s Hebrew Melodies are they impressions? — ‘The wild gazelle on Judah’s hills’? — ‘The Assyrian came down like the wolf on the fold’? — ‘Oh, Mariamne’? They might, for any pertinence or propriety that we can discern, be “impressions” of the ‘Hydrotaphia,’ or the Funeral Sermon for the Countess of Carbery, or Johnson’s Preface to his Dictionary. — The name of Poetry is invoked, but the nature of Music is absent.

E. Joseph Müller: Joseph Joachims Wirken im Lichte der Gegenwart (1917)

Neue Musik-Zeitung, Stuttgart/Leipzig, vol. 38, no. 22 (1917): 347-349.


Joseph Joachims Wirken im Lichte der Gegenwart.

Von E. JOSEPH MÜLLER (Eschweiler)

Zehn Jahre sind es her, da wurde ein an Erfolgen und Arbeit reiches Leben beschlossen: Joseph Joachim starb am 15. August 1907. Schneller als der schaffende Künstler entschwindet der reproduzierende dem Blicke der Nachwelt, schneller ist aber auch das Urteil über ihn gefunden. Die zehn Jahre seit Joachims Tode gestatten wohl einen Rückblick auf seine Wirksamkeit, um so mehr als der Krieg mit seinen Erfahrungen auch in diesem Falle nicht nur doppelt zählt, sondern mit seinen vielen Wechseln auf die Zukunft unseres Volkes und der Kunst auch einen neuen Maßstab zur Beurteilung von hervorragenden Männern an die Hand gibt.

Lange Jahre hindurch war Joachim der größte Violinspieler seiner Zeit; die ganze Welt, besonders das Ausland, sah in ihm den Repräsentanten des deutschen Virtuosentums. Er war im Vollbesitz aller Mittel des Virtuosen: Glänzende, nie versagende Technik, Kraft und Schönheit des Tones, wundervolle Süßigkeit und Wärme der Melodie, rhythmische Straffheit und Freiheit zugleich, Temperament und Leidenschaft verschafften ihm Anerkennung und Ruhm.

Und doch war er kein Virtuose im eigentlichen Sinne, ja, es will fast scheinen, als ob der Name eine Ehrenkränkung für ihn sei. Er hatte nichts von dem Aeußerlichen eines Virtuosen an sich, Eigendünkel und Eitelkeit waren ihm fremd; kein Blender war er, der durch äußere Kunststücke, durch willkürliche Auffassung und Effekthascherei von sich reden machen wollte. Das unstete Wanderleben gefiel ihm nicht recht, und er wußte zwischen den Konzerten, zu denen er gewünscht wurde, Zeit zur Ruhe und Sammlung und zu ernsten Studien zu gewinnen. Gerne beteiligte er sich dagegen an großen, regelmäßig wiederkehrenden Musikveranstaltungen, weil sich dabei eine engere Verbindung zwischen Künstler und Zuhörern anbahnte.

Joachim war mehr als ein Virtuose; er war ein großer Musiker, ein edler Künstler, ja, mehr noch, ein vornehmer, echter Mensch, der von einer wahrhaft priesterlichen Auffassung seines Künstlerberufes durchdrungen war. Diese Eigenschaft hob ihn turmhoch über andere damals wirkende Geigenspieler hinaus und machte ihn zu ihrem Fürsten und Führer. Er hatte nicht nötig, wie einst Liszt, nach einer an äußeren Erfolgen unerhört reichen, unruhigen und innerlich doch nicht befriedigenden Virtuosenzeit sich plötzlich zurückzuziehen und sich selbst wiederzufinden; denn er war nicht wie dieser so im Virtuosenleben aufgegangen, hatte sich selbst nie verloren, und darum konnte ihn nie Ueberdruß erfassen. Bei allem, was Joachim wirkte, trat seine Person zurück; sein oberstes Gesetzt war, der Kunst und den Menschen zu dienen. Bei seinem Spiel ließ er den Komponisten zum Zuhörer sprechen; er war nur der Mittler zwischen beiden. Er ging ganz in dem Werke, das er spielte, auf, versenkte sich in dessen Inhalt und las heraus, was in ihm stand. Keiner wußte so wie er den Stil der verschiedenen Komponisten zu treffen und ihren Intentionen gerecht zu werden. So wurde er der vollkommenste Interpret, der ganz sein eigenes Ich zu vergessen schien.

Seiner strengen Musikauffassung entsprach es, daß er vor allem sich der klassischen Musik zuwandte und auf diesem Gebiete seine größten Taten vollbrachte. Besonders durch seine Sorge um die letzen Werke Beethovens erfüllte er eine Mission von höchster Bedeutung, die so groß ist, daß ihm schon deswegen seine Abwendung von der neudeutschen Musik verzeihen werden muß. Seine Einseitigkeit erscheint als ein Fehler seiner zielsicheren Konsequenz; jedenfalls kann man nicht sagen, daß er sich von der neueren Musik abgewendet habe, ohne sie zu kennen; er hat doch selbst jahrelang dem Weimarer Kreise angehört.

Die Wirkung von Joachims Spiel auf die Zuhörer war stets groß und bedeutend und es hat ihm an äußeren Ehren nicht gefehlt. Lorbeer und Ehrengaben wurden ihm im reichen Maße zuteil, aber sie bedeuteten für ihn mehr als die im Rausche und impulsiv dargebrachten Huldigungen, die einem blendenden Virtuosen zuteil werden; sie bedeuteten den Dank und die innige Zuneigung froh beglückter und zum Schönen und Hohen emporgeführter Menschen. Denn sein Spiel berauschte nicht und machte nicht trunken, aber es machte froh und glücklich und ließ alles Erdenschwere weit hinter sich: daher war es ein Erlebnis, ein hoher geistiger Gewinn. Solches Spiel kann nie das Ergebnis bloßen technischen, einseitig musikalischen Studiums sein, sondern kann nur herwachsen aus einem allgemein gebildeten, innerlich ausgereiften, edlen Charakter, den Joachim durch fortgesetzte ernste Studien immer mehr zu vertiefen suchte. Daher auch das Geheimnis, daß in seinen späteren Jahren sein Spiel nicht etwa wirkungsloser, sondern reiner, tiefer und zwingender wurde. Als alter Mann, der, da seine Technik etwas nachzulassen begann, besser getan hätte, wenn er einige Jahre früher dem öffentlichen Spiel entsagt hätte, wußte er doch noch die Klarheit seines Geistes, seine edle Auffassung, sein herrliches Interpretationstalent zu beweisen und die Seele über den Körper herrschen zu lassen.

Was aber sagt uns dieses alles über Joachims Bedeutung über seine Zeit hinaus? Vor allem das eine: Joachim war trotz allem einer der modernsten Musiker seiner Zeit, ja noch heute müßte er zu den fortschrittlichsten, die Zeit vollkommen verstehenden Meistern gezählt werden. Und warum? Nun, weil unsere Zeit und die Zukunft vom Musiker gerade das verlangt, was Joachim in so vollkommenem Maße erfüllte: das Zurücktreten hinter das Werk, das Neuschaffen und die Anregung zum schöpferischen Hören. Mehr und mehr wird ein guter Kunstgeschmack erkennen, daß der reproduzierende Künstler nicht zwischen das Werk und den Zuhörer zu treten hat, sondern lediglich beide miteinander in direkteste Verbindung setzen muß. Der Personenkultus früherer Zeiten ist glücklicherweise geschwunden. Der Zuhörer lauscht jetzt nicht dem Geiger oder dem Klavierspieler, sondern Bach, Beethoven und den anderen großen Meistern selbst. Der gebildete Zuhörer will und muß selbst an dem Aufbau des Werkes beteiligt sein; für ihn ist Musikhören ein Akt intensiver Mitarbeit, nicht bloßen passiven Genusses. Die größte Forderung an den reproduzierenden Künstler der Gegenwart und der Zukunft heißt, so zu spielen, daß dieses aktive Zuhören möglich ist. Die Erfüllung dieser Forderung ist die schwerste Aufgabe für den Künstler, denn das Werk soll nicht in der Verzerrung erscheinen, sondern rein und klar wie im Spiegel. Und ein Spiegel soll das Spiel des echten Musikers sein, wie es das Spiel Joachims war. Joachims Beispiel wird daher noch in weiter Zukunft wirksam sein und anregend auf jeden Künstler, der gleich ihm das Höchste erreichen und die Zeichen der Zeit verstehen will.

Es ist ganz natürlich, daß ein solch eminenter Musiker wie Joachim nicht nur dem Solospiel sich hingab, sondern daß seine Deutungskunst und seine allgemeine musikalische Kraft ihn auch andern Gebieten der Musikausbildung zuführte. Mag seiner Tätigkeit als Dirigent und Komponist keine große Bedeutung zuerkannt werden, dann muß ihm eine um so größere auf dem Gebiete der Kammermusik zugesprochen werden. Er ist der Begründer des modernen Quartettspiels und erreichte mit seinen Mitspielern eine Vollkommenheit des Spieles und eine Reinheit des Stils, eine Einheit der Musikauffassung, daß auch hierbei der Zuhörer an seiner eigenen Mitwirkung im Aufbau des Werkes nicht gestört wurde. Ein solches Musikgenießen, wie es bei Joachim möglich war, gleicht dem Lesen der Bibel ohne Kommentar, dem eigenen Aus-deuten des Wortes ohne die fremden Suggestionen der Fußnote.

Das Große in Joachim ist, daß er bloß ein Führer sein wollte zu den Quellen, aus denen lebendiges Wasser fließt. Joachims größter Ehrentitel ist daher nicht der eines Meisters und Künstlers, sondern der Titel aller Titel, nämlich der eines großen Erziehers; denn der besagt, daß neben einem reichen großen Können auch das edelste Wollen einhergeht, das Bemühen anderer wegen seine Kunst auszuüben, andere zu beglücken. Es sind die Tugenden eines rechten Bürgers, dem das Gemeinwohl oberstes Gesetz ist. Die erzieherische Tätigkeit eines Musikers wie Joachim stellt ihn in unmittelbare Nähe neben andere Erzieher, Seelsorger und Volksfreunde. Wäre doch diese Ansicht von der erzieherischen Bedeutung des Musikerberufs nicht nur bei den Musikern selbst, sondern bei allen Menschen herrschend! Wie würde das dem Stande der Musiker, aber auch der Allgemeinheit zum Nutzen gereichen! Der Künstler, ein Erzieher, der ebenso an der Höherentwicklung des Menschengeschlechtes mitwirkt, wie der Dichter durch sein Wort, wie der Prediger durch seine Lehre, der Lehrer durch seinen Unterricht, der Regierende durch seine Gesetze! Die Zeit wird kommen und vielleicht ist sie nahe, daß diese Auffassung des Musikerberufes herrschend wird. Dann werden Persönlichkeiten, wie Joachim eine war, in ihrem Werte erst voll erkannt werden.

Joachims Erzieherberuf spricht sich am klarsten darin aus, daß er die vielen Schüler, die sich im Laufe der Jahre zu ihm fanden, in seinem Geiste zu erziehen und anzuregen wußte. Wie wenige hat Joachim Schule gemacht. Darum sind seine Gedanken nicht mit ihm ins Grab gesunken, sondern sie leben fort und erneuern sich in seinen Schülern immer wieder und durchdringen die ganze musikalische Welt. Ueberall wirken seine Schüler in seinem Sinne weiter. Wo sie als Solospieler, als Kammermusiker, als Konzertmeister und Lehrer tätig sind, da erkennt man die gute, künstlerische Art ihres Meisters. Was das für die Geschmackbildung und die Verbereitung der Musikkultur bedeutet, das ist nicht zu sagen. Seien wir daher des alten Meisters dankbar eingedenk. Daß sein Beispiel so fruchtbringend werden konnte, das ist vielverheißend für die Zukunft.

Wenn die allgemeine Umbildung der Gesellschaftsordnung, die eine Folge des durch den Krieg so stark gewordenen Einheitsgefühls unseres Volkes sein wird, nach und nach sich vollzieht, dann wird man sich der Kunst vor allem erinnern, die dazu angetan ist, einigend, beglückend zu wirken, der Musik, die wie keine andere Kunst eine soziale Macht ist, und dann wird man als die besten Künstler die erkennen, denen die Kunst ein Mittel ist, Freude zu bringen und Gutes zu tun und die mit Richard Wagner sagen: „Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen, als in dem der Liebe.“

August Wilhelm Ambros: Review of Joachim’s Orchestration of Schubert’s Grand Duo, Op. posth. 140, D812

August Wilhelm Ambros: Review of Joachim’s Orchestration of Schubert’s Grand Duo, Op. posth. 140, D812. Wiener Zeitung, No. 260 (November 12, 1872): 1785. (Second concert of Hans von Bülow, November 7, 1872, in the small hall of the Vienna Musikverein).


Eine Symphonie von Franz Schubert schloß das Concert oder eigentlich eine Uebersetzung des Duo, Op. 140, aus dem Pianoforte ins Orchestrale. Joachim, der Uebersetzer, hat die Aufgabe glänzend gelöst. Schon Rob. Schumann hatte anfangs das Klavier-Duo für eine arrangirte Symphonie gehalten und war nur durch Schuberts eigenhändige Bezeichnung auf dem Originalmanuscript eines Anderen zu belehren. Man höre ja, meinte Schumann, ganz deutlich, selbst auf dem Klavier, die Orchestertutti, Horn- und Oboeneinsätze, Paukenwirbel u. s. w. Joachim hat das alles auch gehört und an rechte Stelle hinzuschreiben gewußt. Seine Bearbeitung macht durchaus den Eindruck eines Originalwerkes – sie sagt exoterisch, was esoterisch in dem Schubert’schen Klavierstück verborgen ist. Die Anklänge an Beethovens zweite und siebente Symphonie hat schon Schumann bemerkt.

Kaum ein anderes Werk Schuberts läßt die directe Einwirkung Beethoven’scher Vorbilder so deutlich erkennen als dieses dennoch originelle und echt Schubert’sche Duo. Auch darin ist es echt schubertisch, daß Freund Franz im Finale wie gewöhnlich die Ausgangsthüre eine gute Weile sucht, ehe er sie endlich findet. Er gleicht in der That in seinen größeren Instrumentalwerken ein wenig dem Blutegel des Horatius im Schlußvers des Pisonen-Briefes. Schumann zählt das Duo (mit Recht) zu Schuberts besten Arbeiten – „wir haben eine Symphonie mehr“, sagt er. Jetzt haben wir sie durch Joachim wirklich und wahrhaftig, und wir danken ihm dafür!


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The Correspondence between Joseph Joachim and Herman Grimm

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Herman Grimm by Ludwig Emil Grimm, 1848


The Correspondence between Joseph Joachim and Herman Grimm


Joachim/BRIEFE I: 36

An Herman Grimm

Weimar 10. Dez. 1852

Lieber Grimm!

Es hätte mir nach dem Durchlesen Ihres Armin (1) mit Ihrer Freundin (2) nichts Freudigeres begegnen können, als der Empfang Ihres Briefes, der mich berechtigt, mich Ihrer Freundschaft ganz, rückhaltlos zu erfreuen. Das kräftig geistige Leben, das alle Gestalten in Ihrem Armin athmen, der rhythmische Schwung der Sprache, die hohe Begeisterung darin, Alles hat mich mächtig erregt und ließ mir des Autors Bild recht lebendig vor die Seele treten, ganz so, wie es mir zuerst hier (3) „in Mitte göttlicher Bekannten” erschienen war, wie ich es seitdem so freudig in meinem Innern trug, aus dem ich es nur mit tiefstem Schmerz würde verbannt haben, hätte ich gemußt. Ihr Brief sagt mir, daß es mir bleiben darf; er enthält nichts, das mich befürchten ließe, es könnte je wieder eine unheimlich folternde Spannung eintreten, die (wie hier beim Quartett, als sonst klingende Saiten rissen) mit dem Zerstören innerer Harmonien aufhörte.

Dank Ihnen dafür!

Ich sehe nun meinem Besuch in Berlin mit großer Freude entgegen, wo ich am 13ten dieses zuerst einmal vor das Publikum treten soll. (4) Schon morgen reise ich dahin ab und werde also wenige Stunden nach diesem Brief bei Ihnen besuchend eintreffen, um Ihnen recht viel von unseren Weimaraner Freuden und Leiden seit Ihrer Abreise zu erzählen.

Auf ein fröhlich Wiedersehen

Joseph Joachim.

(1) Armin. Ein Drama in fünf Aufzügen. Leipzig 1851.
(2) Gisela von Arnim, später Herman Grimms Gattin.
(3) Über das erste Zusammentreffen Grimms mit Joachim bei Bettina von Arnim im “Elephanten” zu Weimar siehe Grimms Fünfzehn Essays 3 Folge S. 283; auch die Briefe Bülows an seine Mutter aus jener Zeit.
(4) In einem Konzert des Sternschen Gesangvereins; vgl. Moser I 128 f.

To Herman Grimm

Weimar Dec. 10, 1852

Dear Grimm!

After reading your Armin (1) with your girlfriend (2), I could have encountered nothing more joyful than receiving your letter, which permits me to enjoy your friendship completely and without reservation. The vigorous spiritual life that all the characters breathe in your Armin, the rhythmic energy of the language, the high enthusiasm in it — everything excited me powerfully and made the author’s image come alive to me, just as it first appeared to me here (3) “in the midst of divine acquaintances,” as I have since carried it so joyfully within me, from which I would only have banished it with the deepest pain, if I had had to. Your letter tells me that it may remain with me; it does not contain anything that should make me fear that there could ever again occur a sinister, tormenting tension that ceased [sic] with the destruction of inner harmonies (as here with the quartet, when otherwise-resounding strings break).

Thank you for that!

I am now looking forward with great pleasure to my visit to Berlin, where on the 13th of this month I shall for the first time appear in public. (4) I leave for there already tomorrow, and will arrive a few hours after this letter to tell you a great deal about our Weimaraner joys and sorrows since you left.

Looking forward to a joyous reunion,

Joseph Joachim.

(1) Armin. A drama in five acts. Leipzig 1851.
(2) Gisela von Arnim, later Herman Grimm’s wife.
(3) For Grimm’s first meeting with Joachim at Bettina von Arnim’s rooms at the Hotel Elephant in Weimar, see Grimm’s  Fifteen Essays  3 Series p. 283; also Bülow’s letters to his mother from that time.
(4) In a concert by the Stern Gesangverein; see. Moser I 128 f.


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Joachim/BRIEFE I: 37-38

An Joseph Joachim

Berlin am 4. Februar 1853.

Lieber Joachim.

Es ist spät abends. ich saß vorhin bei der Bettine, es waren mehr leute da, unten im hause ward clavier gespielt und eine geige klang dazu, ich konnte nichts erhorchen, aber ich bekam einen ekel vor dem sprechen, das um mich herum war, ihre weimarsche stube fiel mir ein mit den reben vor dem Fenster und ich sehnte mich dahin, nach einer milden frühlingssonne durch die blätter und ein paar tönen von Ihrer geige. da wäre es eine lust nachzudenken. ich schriebe jetzt so gern vieles auf, das mir gewiß nie wieder so klar durch die seele geht, aber es ist ein solches geräusch von menschheit tagtäglich um mich her, daß wenn ich endlich allein bin, mir doch die ohren davon klingen, bis ich wieder hinein zurück muß. ich begreife nicht, daß ich es noch so aushalte und nicht verwirrt darüber werde.

warum schreiben Sie mir nicht? ich erinnere Sie nicht an das versprechen auf der wirthshaustreppe, denn dergleichen vergißt sich. Aber ich denke, wir kennen uns zu wenig um so lange zu schweigen und zuviel, um wieder abzubrechen. es soll dies keine mahnung sein, vielleicht aber (ich denke mir die möglichkeit) hätten Sie mir geschrieben und fanden keinen anfang zum briefe.

frau von Arnim und Giesela sind seit vorigen sontag hier, bis jetzt aber gelang es mir noch nicht völlig das netz zu durchbrechen, in das ich mich seit ihrer abwesenheit geworfen; die ansprüche vieler leute auf meine abende. bald hoffe ich kommen ruhigere zeiten. sie sind beide wohl. Armgard kommt erst in einer woche. die Giesel hat mir auch erzählt, Sie hätten während Ihrer anwesenheit hier so gern über manches mit mir gesprochen, der Bettina aber gelobt dies zu unterlassen. ich gestehe, daß ich begreife, wie Sie das versprechen konnten, aber nicht, daß Sie es hielten.

leben Sie wohl

Ihr

Herman Gr.

Lincksstraße 7.


Hotel Les Trois Rois in Basel

Joachim/BRIEFE I: 82-83

An Herman Grimm

Basel, am 7ten Oktbr. [1853]

Es ist vielleicht ein besonders günstiges Omen, daß ich Ihnen zuerst aus der Schweiz einmal einen schriftlichen Gruß sende; es mag aufrecht freien, aufrichtigen Verkehr deuten! Seit gestern Abend bin ich hier, in Basel, mit Liszt Wagnern zu besuchen. Der Rhein zieht gar majestätisch ruhig mit seinen blaugrünen Wogen vor den „Drei-Königs” Fenstern hinab zu Heben Freunden (1); es ist mir recht heiter in der Seele, nach allem Geräusch von dem eben beendeten Musikfest in Karlsruh mit dem bunten Menschen- und Töne-Wechsel mir selbst wieder einige Augenblicke anzugehören. Ich denke an gute Dinge und ernstlich daran, einen schon seit Monaten, in Göttingen, gefaßten Entschluß auszuführen, Sie in Berlin zu besuchen. Es ist mir, als müßten wir uns erst wieder sehen, um dann desto enger auch in der Ferne einander anzugehören, und ich freue mich, daß mir meine Zeit bald einen Ausflug nach der Links-Straße gestatten wird. Sie werden mich, glaube ich, verändert finden. Sie haben ein arbeitsames Jahr hinter sich, seit dem Weimar’schen Herbst! Wenn ich es Ihnen auch nicht schrieb, Sie haben doch hoffentlich nie einen Augenblick gezweifelt, mit welcher Theilnahme ich in mich aufnahm, was ich von Ihren Arbeiten erlangen konnte. Namentlich hat der Demetrius großen Eindruck auf mich gemacht, in seiner seelischen Wahrheit. Der Spur unserer innerlichen Erlebnisse nachzugehen bis auf ihren geheimsten Ursprung, scheint auch mir die edelste Aufgabe des Dichters, und, wenn ich auch nicht mit gleichem Erfolg in Tönen dasselbe versucht habe, freut mich doch die gleiche Neigung. — Nehmen Sie diesen flüchtigen Gruß einstweilen freundlich an !

Auf ein baldig Wiedersehen

Joseph Joachim.

(1) Arnims, die gerade in Bonn weilten.

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Hotel Les Trois Rois in Basel, Suite Napoleon

To Herman Grimm

Basel, 7 October 1853 [Friday]

It is perhaps a particularly auspicious omen that my first written greeting to you comes from Switzerland; it might foretell free, candid relations. I have been here in Basel since yesterday, with Liszt, to visit Wagner. The Rhein flows so majestically and peacefully, with its blue-green waves, before the “Three Kings’s” windows — down to dear friends; it puts me in quite a cheerful mood to belong to myself again for a few moments, after all the noise of the just-ended music festival in Carlsruhe, with its colorful diversity of people and sounds. I think on good things, and think seriously of carrying out a resolution that I made months ago in Göttingen to visit you in Berlin. It seems to me that we would need first to see one another again to belong more closely to one another at a distance, and I am glad that my schedule will soon allow me a foray to the Links-Strasse. I believe you will find me changed. You have a hard-working year behind you, since that Weimar Fall! Even if I haven’t written it to you, I hope you have never doubted for an instant the sympathetic interest with which I have assimilated what I could glean from your work. Your Demetrius has made an especially great impression on me, owing to its spiritual truth. To track our inner experiences to their most secret source also seems to me to be the noblest role of the poet, and if I have not had an equal success attempting the same thing in tones, I nevertheless rejoice in the same inclination. — In the meantime, kindly accept this passing greeting.

Goodbye until soon!

Joseph Joachim

(1) The Arnims, who were then in Bonn.


Joachim/BRIEFE I: 94-95

An Herman Grimm

[Oktober 1853.]

[Anfang fehlt].
. . . welches das Nachfühlen stört, so muß ich Ihnen Recht geben: es ist dies aber leider ein Fehler, der nicht nur an ihm, sondern an den meisten nach-Beethoven’schen Tondichtern zu finden wäre, ja in noch höherem Grade als bei Bargiel. Sie bemühen sich alle seit Beethoven (im besten Fall!), ihrer Seele eine charakteristische Seite abzulauschen, und ist diese glücklich erlauert, so bemühen sie sich dann diese auszubeuten: es wird die Zwangsjacke, mit der sie jeden Gedanken uniformiren — statt vielmehr ihr Sein frei und ungezwungen wie den Gang seiner Entwickelung zu geben. Beethoven, der trug oft wochenlang ein Thema in sich, bevor es ihm ganz Ausdruck seiner Stimmung geworden war: das merkt man aber auch dann bei der Durchführung seiner Gedanken! So ein Thema kömmt dann in den wunderbarsten Versetzungen wieder — aber es ist nicht Willkühr! man fühlt wirklich, daß es mit dem Meister all das erlebt hatte, daß es sein steter Freund und Begleiter gewesen war. Daher die Sympathische Wirkung — ich möchte eine Psychologie der Töne schreiben können ! . . .

[Schluß fehlt.]


Joachim/BRIEFE I: 122-124

An Herman Grimm

[Hannover] 11. Dez. [1853].

Lieber Grimm

Sei mir nicht böse, daß ich so lange nicht geschrieben, während Du mir so freundschaftlich wegen des Wohnens entgegenkamst. Ich “hasse” das Tintenfaß nicht, wenn es gilt Dir zu schreiben, aber es ist leider wahr — ich bin ein Geiger, wenn auch kein großer, und leider in diesem Moment auch Concertmeister, der vorgestern das erste seiner öffentlich unter seiner Leitung stehenden Concerte besorgte, und heute eins bei Hofe einzurichten hat. Das Übrige kannst Du Dir denken. Aber die Pein kennst Du nicht, eine beständige Musik im Innern zu haben, wie ich jetzt Deinen Demetrius, und dabei gezwungen zu sein, die durch andere fremde zu verdrängen, in Proben u. s. w. Das grenzt an Inquisitions-Tortur! So muß es einer Mutter zu Muth sein, der man ihr jüngstes, liebstes Kind von der Brust reißt um ihr eins aus Feindesland dran zu legen. Dabei verstehn die Leute nicht, wenn man nicht immer einer Tänzerin lachend Antlitz ihnen zuwendet!

Nun wegen Weihnachten und meines Kommens dazu: ich bin noch gar nicht gewiß, ob ich meinen Plan, die lockende Fahrt nach Berlin zu unternehmen, ausführen kann. Es wird alles davon abhängen, ob ich die ganze Demetrius-Ouverture, von der noch wenig auf dem Papier, aber fast das Ganze im Kopfe steht, in dieser Woche aufzeichnen kann oder nicht, denn vom 17ten an muß ich wieder 5 Tage einem vor langer Zeit gegebenen Versprechen opfern, in Köln und Elberfeld Violine zu spielen. Das ist schrecklich! Werde ich aber in dieser Woche nicht fertig, so würde ich dann Weihnachten mit dem Orchester in mir, das heraus auf Noten will, keine Freude und nur Unruhe haben und verbreiten, währenddem ich gerade hier um die Zeit köstlich ungestört schreiben könnte. Laß mich also noch ein paar Tage, ohne daß ich bestimmt zusagen muß. Herrliche Tage gab’ es freilich, wenn ich nach Berlin könnte — ein fortwährend Lichterbrennen in Kopf und Herz! Für alle Fälle danke Deinen Eltern in meinem Namen aufs herzlichste; es freut mich innig, daß sie mir theilnehmend gesinnt sein wollen, und ich bin wirklich stolz Euer Gastfreund zu sein.

Wegen der Ouvertüre bitte ich Dich noch nichts zu sagen, daß sie aufgeführt werden soll; bevor ich sie nicht gehört habe (was am 5ten Januar hier in einer Probe sein wird), gebe ich sie natürlich nicht zum Stück her. (1) Ich möchte nichts verderben. Aber fertig wird sie, und ich freue mich auf’s Aufschreiben, denn ich habe zum ersten Mal aus vollem Guß ein Werk entworfen. Zwei Motive treten auf und kreuzen sich, das eine im Blech (das war nicht zu vermeiden), das andere im Quartett: das letztere tritt eine Weile gedämpft zurück, wie aufhorchend — aber übel verstellt bricht es mit neuer Heftigkeit hervor, immer rascher, leidenschaftlich und beherrscht dann das Allegro. Es wird nur rhyth- misch schwierig auszuführen sein: den deutschen Orchestern gebricht es in der Regel an genauer Empfindung des Rhythmus. (2) Vielleicht klingt auch das ganze Ding, wenns fertig ist, gräulich. Dann muß der gute Wille, an den Du denken wirst, die ganze Dissonanz auflösen.

Adieu

Dein Joachim.

Grüße Fräulein Giesela.

(1) [Am Rand:] überhaupt nur, wenn die von Bargiel nicht besser ist. Ich hätte ihm geschrieben, daß ich auch eine Ouv. componire, wenn mich nicht die merkwürdige  Antwort, die er Dir gab, gestört hatte.

(2) Vgl. J.s Brief vom 16. Nov. 54 an Liszt.


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Joachim/BRIEFE I: 127-128

An Joseph Joachim

Berlin, 13 Dec. 1853.

Lieber Joachim

. . . mit dem kommen halte es nach deinem belieben, das wenige, was wir dir anbieten, d. h. das bett und die Stube und der warme ofen, laufen dir nicht fort, aber etwas andres must du wissen, Arnims gehn vielleicht über das fest auf das land, und du fändest dann kaum 10 procent des erwarteten Vergnügens, verzeih die prosaische art mich auszudrücken, mir würde es sehr leid thun, wieder einsamlich hier umherzulaufen, allein die beschlüsse sind in dem hause so wandelbar, daß man sich auf nichts bestimmte rechnung machen kann.

Bülow ist wieder fort, er hat hier einen entschieden vortheilhaften eindruck gemacht und er thut unrecht ihn nicht auszubeuten, (da er ja doch einmal in dieser art und weise die dinge betreibt.) er war mit den Zeitungen unzufrieden, und wollte mir nicht glauben, daß es hier anders ist wie in kleinen Städten, in denen sich ohne Zeitungen keine öffent- liche meinung bildet: hier laufen sie ganz nebenher und kein mensch giebt etwas auf ihr lob oder tadel, und das ist auch gut.

auf die Ouvertüre freue ich mich und habe gar keinen zweifel, daß sie mir gefallen wird, instrumentire nur die grundmotive recht klar, mir kommt vor, als wäre es jetzt zu sehr mode, mit dem rein melodiösen gleich von vorn herein eine frappante Stellung der instrumente zueinander zu verbinden, doch ich verstehe nichts davon, und das sage ich in allem ernste, ich verstehe wirklich nichts davon, nur das weiß ich, daß überall der gedanke höher gilt als der ausdruck. das höchste ist freilich eine Vereinigung beider wie bei schön gewandeten Statuen, wo das verhüllende faltenwerk wie zu einem theile des durchleuchtenden körpers wird und beides getrennt gar nicht zu denken wäre.

deine grüße bringe ich der Giesel heute abend. Liszt hat ein buch geschickt von Hoplit (1) mit einem französischen briefe von sich darin, ich will zu seiner ehre glauben, daß er sich ohne die fürstin nie so weit verirrt haben würde, wie kann man so die achtung, die man doch unverletzlich vor sich selbst haben muß, dem publicum preisgeben, die allgemeine stimme war gegen das fest, er nennt diese meinung des publicums eine Schlafmütze und appellirt doch an dies selbe publicum, als wenn ich zu einem sagte: „du bist zwar ein schuft, aber du sollst diesmal über meine ehre urtheilen, ” es giebt nur ein mittel sich am publicum zu rächen, aber nicht indem man altes vertheidigt sondern mit neuem überrascht, doch sie urtheilen vielleicht anders in Weimar und ich bescheide mich mit meinem berliner Standpunkt.

verzeih meine Schmiererei, es ist ein langer mißlungener versuch, meiner feder eine zeile abzugewinnen, mit der ich sie zum gutschreiben zwänge, sie ist so hartnäckig als ich, und das resultat bleibt kein entzückendes.

lebwohl
Dein Herman Gr.

ich schreibe schon an einem neuen stück, das giebt wieder eine Ouvertüre für dich.

(1) Richard Pohl’s brochure about the Karlsruhe music festival.