Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, vol. 1, no. 16 (Köln, 15 October, 1853), p. 124.

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Aus der Brieftasche eines wandernden Sängers.

 […] Was die hohen Kunstgenüsse betrifft, die ich gehabt, so steht Hannover oben an, und vor Allem das zweitägige Zusammensein mit dem genialen Joachim. Sie werden mich beneiden, zu vernehmen, dass ich zwei Bach’sche Fugen eben so classisch schön zu Gehör bekam, wie in Düsseldorf die Ciacconna; dann den Schubert’schen “Erlkönig” mit einer so vollendeten Technik, dass man gar nicht zu Glauben kommt, dass zu diesem Vortrage Technik nöthig sei, und mit einer Wahrheit im Ausdrucke, dass man sich eines geheimen Schauers nicht erwehren kann. Joachim wird damit mehr Wirkung hervorbringen, als mancher Sänger, indem er nicht nur mit Geist, sondern auch aus vollem Herzen, aus tiefster Seele seine Töne gibt, die bis ins innerste Mark des Hörers dringen und solches freudig erregen oder tief erschüttern. Mit den einschmeichelnden Flageolet-Tönen zu den Worten: “Du liebes Kind, komm, geh mit mir!” wird Joachim mehr wirken als der Sänger, der, wenn er auch noch so sehr nuancirt, schwerlich das Geisterhafte in den Ton bringen wird, wie ich es eben bei Joachim gehört. Beim Schluss des Liedes: “In seinen Armen das Kind — war todt!” wird der Sänger mehr im Vortheil sein; ich hatte wenigstens durch das Spiel nicht den Eindruck, den der Sänger durch die tonlosen Worte hervorzubringen im Stande ist. Wie gern möchte ich Ihnen noch von dem Vortrage eines Werkes berichten, womit Joachim mich so hoch erfreut! Allein ich darf nicht davon plaudern, und so schwer es mir auch fällt, muss ich doch meine Begeisterung in mich verschliessen. Ich bin aufs Neue in meiner Ansicht bestärkt worden, dass Joachim eine so grosse Zukunft vor sich hat, wie sie selten einem Künstler zu Theil wird. Seine Jugend, seine geistige Reife, seine hohe Künstlerschaft und seine gediegene Richtung sind Bürgen dafür. Als ausübenden Künstler kenne ich ihn und freue mich nun, ihn auch bald noch mehr als schaffenden Künstler kennen zu lernen, wenn, wie man hört, die Stadt Düsseldorf seine Ouverture zu Hamlet in einem ihrer Concerte vorführen wird.

PDF: 1853-10-15_01