Das Magazin für Literatur, Vol. 68, No. 18 (May 6, 1899), p. 425.


 

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Musikalisches.

Am 17. März waren es sechzig Jahre, daß Joseph Joachim in Pest vor die Oeffentlichkeit getreten. Damals spielte der kleine “Pepi” im Adels-Kasino Pechatscheks “Variationen über Schuberts Trauerwalzer” und gemeinsam mit seinem Lehrer Serwaczynski ein Doppeltkonzert von Eck. Was seitdem Joseph Joachim der Kunst geworden ist, was er ihr heute noch bedeutet, wissen wir alle. Und so hat man eine schöne Gelegenheit, einen Meister zu feiern, nicht vorübergehen lassen wollen. In den Räumen der Philharmonie fanden sich am Sonnabend (22. April) die Spitzen der Berliner Gesellschaft zusammen. Auf dem Podium saß ein Orchester, dessen größter Teil aus Schülern Joachims gebildet wurde. Es war, als huldigte eine Familie ihrem verehrten Oberhaupt. Um 1/2 7 erschien Joachim, begrüßt von schmetternden Fanfaren, die Herr Professor Roßberg in Uniform kommandierte. Auf einem mit Blumen geschmückten Sessel nahm der Jubilar Platz. Rosa Poppe sprach einen schlichten Prolog Herman Grimms, an dessen letzte Zeilen der feurige Vortrag von Weber “Euryanthe” Ouvertüre sich anschloss. An diesem Tage gab Herr Generalmusikdirektor Fritz Steinbach sein bestes. Herr Petri spielte Joachims “Variationen” für Violine und Orchester mit untadeliger Technik; nach ihm das Orchester unter Steinbach Schumanns “Ouvertüre zu Genoveva,” die zum “Sommernachtstraum” und den letzten Satz aus Brahms C-moll-Symphonie. Nr. 6 des Programms war frei geblieben. Drei Sternchen ließen etwas besonderes ahnen. Während die Anfangstakte von Beethovens Violinkonzert erklangen, schritten auf Joachim auserwählte Jungfrauen zu und überreichten ihm die Geige. Der Jubilar verstand sofort den Sinn dieser symbolischen Handlung, sträubte sich zwar ein Weilchen, stieg endlich aber doch aufs Podium und begann nach einer kleinen Rede, die auf seine wund geklatschten Hände hinwies und bemerkte, daß hier Leute säßen, die es ebenso gut machten. Das war natürlich nur eine kleine Schmeichelei. Nachher zeigte er diesen Leuten, daß ihnen der Meister doch über ist. Joachim spielte, nachdem er eine anfängliche Unsicherheit schnell überwunden, herrlich wie nur je, eben, wie man es seit Jahren von ihm gewohnt ist. Ein ungeheurer Jubel erhob sich am Schluß des Konzertes. Joachim aber war jetzt in Stimmung. Und er leitete dann noch ohne Fürbitte weißbekleideter Jungfrauen Bachs G-Dur-Konzert für 3 Violinen, 3 Violen, 3 Violoncello und Basso continuo. Ein Bankett, an dem tausend Personen teilgenommen haben sollen, sorgte nach soviel geistigen Genüssen in würdige Weise auch für des Leibes Wohl.

E. U.

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