Ernst Rabich, Haus und Kirchenmusik, vol. 1, no. 1 (January 1, 1897), p. 15.


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Aus Robert Schumann’s letzten Tagen

Aus Robert Schumanns letzten Tagen veröffentlicht Ed. Hanslick in der “N. Fr. Pr.” bisher noch ungedruckte Briefe des geistig erkrankten Komponisten. Sie sind an Brahms und Joachim gerichtet und Hanslick leitet diese Veröffentlichung folgendermassen ein: “Brahms hatte auf die Nachricht von Schumanns Erkrankung sofort seinen Wohnsitz in Düsseldorf genommen, um in dieser schweren Prüfungszeit Frau Clara und ihren Kindern trost- und hilfreich zur Seite zu stehen. Schumann hatte zuerst an dem jungen Brahms das grosse Talent erkannt und anerkannt — jetzt bekam die Familie Gelegenheit, sein Herz kennen zu lernen. Brahms war der häufigste und willkommenste Besucher in Endenich; er kam wöchentlich ein-, auch zweimal zu dem Kranken, der mit zärtlicher Liebe an ihm hing. Sein Erscheinen wirkte offenbar freundlich beruhigend auf Schumann, mit dem er von dessen Angehörigen und über Musik sprach, auch vierhändig spielte. Sonst gestattete der Arzt nur sehr selten nahen Freunden den Zutritt zu Schumann, dem jede Aufregung sorgsam fernzuhalten war. Clara selbst durfte ihn erst ganz kurz vor seinem Tode sehen, als er nicht mehr sprechen konnte. Joachim schreibt mir bei Übersendung des letzten Schumannbriefes: “Ich habe Schumann dreimal in Endenich besucht; das erste Mal hatte ich trostreiche Eindrücke, es war ganz sein freundlicher Blick, das liebreiche, tieftreue Auge, wie es uns auch aus so vielen seiner Notenreihen, von schönen Welten träumend, entgegenleuchtet. Er sprach viel und hastig, freilich, frug nach Freunden und musikalischen Vorgängen und zeigte mir alphabetische Register von Städtenamen, die er emsig zusammengestellt. Als ich fort wollte, nahm er mich noch geheimnisvoll in eine Ecke (obwohl wir unbeachtet waren) und sagte, dass er sich von da vegsehne; er müsse von Endenich weg, denn die Leute verständen ihn gar nicht, was er bedeute und wolle. Es schnitt mir ins Herz! Zum Abschiede begleitete er mich noch ein Stück auf die Chausee und umarmte mich dann. (Ein Wärter war in der Ferne gefolgt.) Die beiden weiteren Male schwand leider jeder Hoffnungsschimmer; zusehends hatte er auch körperlich wie geistig abgenommen.”