Gustav von DiestAus dem Leben eines Glücklichen, Berlin: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, 1904, pp. 236-241.


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Gustav von Diest

Ich bewohnte in Düsseldorf ein sehr schönes Quartier am Schwanenspiegel, einem großen Teiche, der von Gartenanlagen eingefaßt ist. Ich hatte viel Gelegenheit, gute Musik zu hören und auch dabei mitzuspielen. Das rheinische Musikfest zu Pfingsten 1855 war durch den herrlichen Gesang von Jenny Lind besonders schöne ausgefallen; in den Ouvertüren und Symphonien durfte ich am ersten Cellopult neben dem großen Cellisten Davidoff mitspielen. Als ich eines Tages in meiner Wohnung das Konzert von Molique geübt hatte, trat der Wirt in meine Stube und teilte mir mit, daß ein junger Mann seit einigen Tagen in den Stuben, die den meinigen gegenüber zu ebener Erde lagen, eingezogen sei, daß er aber sofort wieder ausziehen müsse, wenn ich noch einmal Cello spielte, den seine Nerven könnten keine Musik vertragen. Der Wirt kannte den Namen dieses Herrn nicht, Frau Clara Schumann aber habe für ihn diese Wohnung gemietet, er habe einen Violinkasten bei sich, habe aber noch nie Violine gespielt, sondern schreibe den ganzen Tag Noten. Ich sagte nun dem Wirt, er möge dem Unbekannten bestellen, daß ich nur sehr selten auf dem Cello übe und es später immer nur dann tun würde, wenn er ausgegangen sei. Am folgenden Tage trat ich eine mehrwöchentliche Dienstreise nach dem Überschwemmungsgebiet an.

Ich machte diese Reise auf meinem sehr schönen Pferde, einer falben Stute, den Mantelsack hinter den Sattel geschnallt. Nach meiner Rückkehr hatte ich den unbekannten Herrn in meinem Hause ganz vergessen, und so war ich sehr erstaunt, als es früh morgens während meines Frühstücks an meine Tür klopfte und auf mein “Herein” ein junger Mann in meine Stube trat mit den Worten: “Ich komme, Ihnen zu danken, daß Sie nicht mehr Cello gespielt haben, und um Sie aufzufordern, mit mir zusammen zu musizieren.” Trotz meiner Bitte, er möge Platz nehmen und mir seinen Namen nennen, und trotz meiner Erklärung, daß ich gar keinen Dank verdient habe, blieb er, sichtlich verlegen, immer nur bei seinem Vorschlage, ohne seinen Namen zu nennen, und meinte, er könne mit mir sehr gut ein Streichquartett verabreden, da er noch zwei tüchtige Kräfte für die zweite Violine und die Bratsche zur Verfügung habe.

Als er nun endlich auf meine wiederholte Bitte sagte, er heiße Joachim, mußte ich ihm voller Staunen erklären, daß ich nicht im stande sei, mit einem so berühmten Manne Quartett zu spielen; den schon acht Jahre vorher hatte mir Felix Mendelssohn erzählt, daß er nie einem tüchtigeren Geiger begegnet sei als dem damals fünfzehnjährigen Joachim, welcher geradezu ein Phänomen sei.

Zaghaft ging ich aber doch auf seinen Vorschlag ein, da ich ja seit dem Jahre 1837 nichts Lieberes und Schöneres kannte, als im Streichquartett mitzuspielen, auch besaß ich ja sämtliche Quartette der berühmtesten Komponisten. So wurde denn meine Stube schon an demselben Nachmittag der Hörsaal des herrlichen Joachimschen Spieles, und der Dritte und Vierte im Bunde waren die Schüler Joachims, welche ihm nach Düsseldorf nachgereist waren, die später auch rühmlichst bekannt gewordenen Musiker Bargher [Carl Louis Bargheer *1831-†1902] und [Valdemar] Tofte [*1832-†1907]. Ich sagte eben, daß meine Stube zum Hörsaal geworden sei, und wahrlich, wenn auch in derselben nur wir vier Spieler waren, so waren doch die ganzen Ufer des Schwanenteiches mit Hunderten von Menschen besetzt, welche auf unser Spiel lauschten, den wir spielten bei offenen Fenstern, und die Wasserfläche trug die Töne klar und deutlich hinüber. Nur zwei Zuhörer fanden sich später in meiner Wohnung ein, es waren Clara Schumann, die mit ihrem schwerkranken Manne nahe bei mir wohnte, und der damals 22jährige Brahms.

Wir spielten hauptsächlich Haydn, Mozart und Beethoven, mindestens drei Quartette, oft auch vier an einem Abend. Brahms setzte sich immer in die Ecke meines Sofas, mit der Hand vor den Augen, und man konnte ihm anmerken, obwohl er kein Wort sprach, daß er von dem Zauber dieser, von ihm damals noch wenig gekannten Musik tief ergriffen war. Als wir einmal das vierte Quartett spielten, und zwar eines von Mozart und mitten in dem herrlichen Adagio waren, erhob sich plötzlich Brahms, ging mit schweren Schritten zur Tür hinaus und warf sie dann sehr laut hinter sich zu. Wir waren über diese Störung höchst ärgerlich. Am anderen Tage kam aber Joachim, um mir zu melden, daß Brahms tausendmal um Entschuldigung für sein Benehmen bitte, er habe das Zimmer schnell verlassen müssen, denn es sei ihm zu Mute gewesen wie einem Seekranken, und er sei so voll von Musik gewesen, daß er keinen Ton mehr weiter habe hören dürfen.

Es wurde nun verabredet, daß wir wöchentlich zweimal spielten und zwar jeden Mittwoch bei mir Streichquartett (manchmal auch Quintett) und jeden Sonnabend bei Clara Schumann Klaviertrios und –Quartetts. Dies Vergnügen dauerte einige Monate hindurch. Es war eine herrliche Zeit für mich, denn abgesehen von der Gewalt, welche Joachim durch sein Spiel auf die Seele übte, lernte ich ihn in seiner ganzen Liebenswürdigkeit genau kennen. Meine Freundschaft mit ihm hat denn auch seitdem 48 Jahre hindurch unverändert fortbestanden, und unsere Lebenswege haben sich oft berührt.

Sehr schön war es, daß Joachim auch im folgenden Sommer 1856 seinen ganzen Urlaub von Hannover her in Düsseldorf verlebte, wieder mit mir Stube an Stube wohnte, auch Brahms hinkam, und daß das Quartettvergnügen vom Jahre vorher ebenso eifrig fortgesetzt wurde.

Als mein Freund Keudell bei mir zu Besuch war, und wir gerade am offenen Parterrefenster beim ersten Frühstück saßen, ging Joachim an unserem Fenster vorbei. Kaum hatte ich ihn Keudell gezeigt, als dieser sofort zum Fenster hinaussprang und Joachim umarmte und küßte. Verwundert fragte ich Keudell, wie er zu einer so freundschaftlichen Begrüßung Joachims gekommen sei, da er ihn doch nur einmal vor vielen Jahren bei Felix Mendelssohn getroffen habe. “Ach”, entgegnete Keudell, “ich liebe Joachim viel zu sehr, und unter den sich kennenden Musikern ist das Küssen althergebracht.”

Joachim liebte mein schönes Reitpferd ganz besonders und wünschte sehnlichst, einmal darauf reiten zu können. All mein Abraten dahin, daß das Pferd viel zu kitzlich und schwer zu reiten sei, half nichts, und Joachim bestieg auf der offenen Reitbahn neben meiner Wohnung die falbe Stute; er kniff sie aber, sichtlich um recht fest zu sitzen, viel zu stark mit seinen Schenkeln, und so fiel das Pferd zuerst in Trab, dann in Galopp und endlich in die schärfste Gangart, wo denn Joachim auf dem Pferdehals lag, um sich festzuhalten. Er fiel natürlich herunter! Voll Schreckens hob ich ihn auf und ließ ihn auch nicht wieder aufsteigen, obwohl er das, mutig genug, sofort wollte.

An den musikalischen Abenden in Schumanns Wohnung setzte sich fast immer Brahms und nicht Frau Schumann ans Klavier. Auf meine Bitte, daß sie, die große Meisterin, doch Brahms manchmal ablösen möge, erwiderte sie mir: “Ich spiele nicht gern, wenn Brahms dabei ist, denn seine Kritik ist zu scharf, und er hat leider immer Recht!” Wohl erinnerlich ist mir auch, daß Frau Schumann mir in Gegenwart von Brahms und in vollem Enthusiasmus für ihn mitteilte, daß ihr Mann oft den jungen Brahms als den zweiten Beethoven bezeichnet habe; sie lachte herzlich, als ich ihr darauf sagte, sie möge doch den jungen Mann (Brahms) nicht so fürchterlich verwöhnen. Wer von uns allen konnte damals die einstige Größe von Brahms ahnen? Das Ehepaar Schumann hat es getan!

Die Trauer der armen Frau Schumann um ihren schwerkranken Mann war jammervoll mit zu erleben. Bald wurde denn auch Schumann in die Anstalt für Gemütskranke nach Endenich bei Bonn gebracht, wo er gestorben ist. Er hat, wie mir von zuverlässiger Seite mitgeteilt wurde, schon vor Ausbruch seiner Krankheit großen Seelenschmerz darüber empfunden, daß seine Kompositionen so wenig verstanden und gewürdigt wurden, und ich selbst bin Zeuge davon, wie langsam sich die Erkenntnis seiner herrlichen Schöpfungen Bahn gebrochen hat. Wie ist es doch auch mit dem Verständnis der Kompositionen Johann Seb. Bachs ebenso langsam gegangen; gehörte nicht der ganze Fleiß der Freunde Bachs, wie namentlich Felix Mendelssohns und des Geheimrats v. Winterfeldt dazu, um die Zahl der Verehrer Bachs von ganz wenige bis zu Tausenden und Abertausenden zu vermehren? Ich selbst habe vieler Jahre bedurft, um mir innerliche Freude an Bachscher Musik zu erwerben, obwohl ich doch schon am Ende der dreißiger Jahre in dem kleinen Chore, welchen Winterfeldt sich in seinem Berliner Hause gebildet hatte, als Altist mitwirken durfte.

Eine große Freude wurde mir, als mir Joachim später die Photographie schenkte, auf welcher er und Brahms als junge Männer in der Düsseldorfer Zeit abgebildet sind: Brahms sitzend und Joachim neben ihm stehend, beide noch ganz bartlos. Als Brahms nicht lange vor seinem Tode einer Einladung nach Merseburg gefolgt war und in einem Konzert in dem akustisch vorzüglichen Saal des Gartenpavillons herrlich gespielt hatte, schickte er mir von Wien aus seine große Photographie und hatte an die Ecke desselben sein kleines Porträt aus der Düsseldorfer Zeit geklebt mit der Unterschrift: “Johannes Brahms, Düsseldorf, Wien, Merseburg. Mit verbindlichstem Dank für Ihre Liebenswürdigkeit, die auf das beste erfreut hat Ihren ergebensten alt-jungen Düsseldorfer.”

Auch Joachim hat wiederholdt in dem oben genannten Saale gespielt und seine Freude über die schöne Akustik desselben ausgesprochen. Bei den Gewandhauskonzerten in Leipzig traf ich mit Joachim öfter zusammen, und es wird mir unvergeßlich bleiben, als er mir dort mitteilte, daß er stets, wenn er öffentlich auftreten müsse, eine große Ängstlichkeit im Herzen trage, ob ihm auch sein Spiel gelingen werde. An einem Abende war er nun besonders befangen, weil seine Tochter Marie zum ersten Male im Gewandhaus sang. Ja, der erste Geiger des Gewandhaus-Orchesters sagte mir in einer Pause, daß er große Besorgnis habe, ob Joachim mit seinem Spiel zu Ende kommen würde, denn er, der neben Joachim gesessen, habe das ängstliche Zittern der rechten Bogenhand beobachtet. Ich konnte im Gespräch mit Joachim nicht begreifen, wie ihn, den großen und an das öffentliche Spielen so gewöhnten Künstler, Bangigkeit erfassen könne, und äußerte daß ich nun darüber getröstet sei, daß auch ich armseliger Dilettant stets eine große Herzensangst verspüre, wenn ich irgend vor vielen Zuhörern spielen solle. Joachim umarmte mich herzlich, als ich nun den Grund dadurch erklärte, daß man Furcht im Herzen trage, man könne irgend etwas an der heiligen Frau Musika verfehlen und sundigen.

Auch nach der Düsseldorfer Zeit, namentlich in Danzig und Merseburg, habe ich mit Joachim Quartett spielen können. Und wie herrlich waren die musikalischen Matinees, welche er in seinem Berliner Hause in der Beethovenstraße veranstaltete, und zu welchen er mich einlud. Am häufigsten aber begegnete ich ihm in der neuesten Zeit, seitdem er dasselbe Haus mit meinem Freunde Keudell in der Bendelerstraße 17 bewohnt. Dort gab Keudell eine Abendgesellschaft, zu welcher er nur die auserlesensten Künstler eingeladen hatte, welche Mitglieder der Kommission sind, die die Gelder aus dem Kunstfonds des Kultusministeriums zu verteilen hat. Keudell ist stellvertretender Vorsitzender dieser Kommission, und es waren erschienen die Maler Gebhart, Knaus, Graf Harrach, Carl Becker, die Bildhauer Schaper, Calandrelli, der Architekt Schwechten und viele andere. Dort erfreute nun Joachim mit dem ausgezeichneten Cellisten Robert v. Mendelssohn und Frau v. Keudell die ganze Gesellschaft mit den herrlichsten Vorträgen.

Große Mühe habe ich mir gegeben, das von mir hoch verehrte, so überaus glückliche Ehepaar Joachim, das leider seit vielen Jahren voneinander getrennt lebte, wieder zu vereinigen. Leider sind meine Bemühungen vergeblich gewesen! Mehrere Briefe habe ich von Frau Joachim und noch dazu zwei sehr lange aus Amerika erhalten, und wie viel tiefgehende Gespräche habe ich mit Herrn Joachim darüber geführt. Es war eine Tragik ohnegleichen, wie lieb sich beide noch gegenseitig hatten und wie doch eine Wiedervereinigung nicht zu stande zu bringen war!

Das sechzigjährige Künstlerjubiläum Joachims habe ich am 22. April 1899 mitgefeiert und zwar von 11 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachts! Kaum je ist ein Künstler mit so viel Ehren überschüttet worden, wie Joachim an jenem Tage. Von einem Orchester aus über 160 Musikern, die alle Joachims Schüler gewesen und von weit und breit nach Berlin gekommen waren, wurden die herrlichsten Musikstücke in einer Art ausgeführt, wie ich sie so vollkommen noch nie gehört habe. Eine besondere Freude hatte ich aber, daß ich an jenem Ehrentage am Mittagessen im engsten Familienkreise an Joachims Seite teilnehmen durfte. Die Gratulationsbriefe und Telegramme lagen in hohen Haufen da, und die Wohnung war über und über mit den schönsten Blumengeschenken geschmückt. Selten ist es wohl auch, daß bei Lebzeiten eines großen Mannes schon seine Lebensgeschichte veröffentlicht wird; Joachims Lebensgeschichte von Moser ist dabei so schön geschrieben, daß sie für jeden, namentlich für jeden Musiker höchst lesenswert ist.

Wie vielen großen Musikern bin ich in meinem langen Leben begegnet und habe sie persönlich kennen gelernt, aber keiner reicht meines Erachtens an die Höhe Joachims heran. Von Violinisten nenne ich nur, abgesehen von vielen tüchtigen Dilettanten, Wuerst, mit dem ich in meiner Jugend viel musiziert, die beiden alles bezaubernden Schwestern Millanollo, ferner Laub, Wilhelmi, Rebiczek etc.; von Cellospielern hört ich oft und lernte sie kennen: Servais, Franchomme, de Swert, Popper, Goldermann, Hausmann; von Klavierspielern: Liszt, der ja in den vierziger Jahren die musikalische Welt Berlins in fieberhafte Aufregung versetzte, Thalberg, Rosenthal, v. Pachmann, d’Albert, der uns oft in Merseburg besuchte und erfreute, und neuerdings noch den wunderbar begabten Hofmann, der in Merseburg erst seinen zwanzigsten Geburtstag feierte. Von bedeutenden Dilettanten auf dem Klavier nenne ich nur die mir eng befreundeten v. Keudell und seine Frau, den Oberregierungsrat Pogge und Fräulein Lulu Schulz in Merseburg. Große Sänger und Sängerinnen habe ich in zahlloser Menge gehört und kennen gelernt — aber Joachim und seine Frau haben immer in meinen Ohren und in meinem Herzen obenan gestanden.


See also: Joachim in Düsseldorf, 1855