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Joachim und die Berliner Hochschule für Musik.

Das Hinscheiden Joseph Joachims bedeutet für die “Königl. akademische Hochschule für Musik” zu Berlin=Charlottenburg einen unersetzlichen Verlust. In meinem Abriß der Geschichte dieser Hochschule (“Neue Musik=Zeitung”, 16. August 1906) bemerkte ich bereits, daß sie sich fast ganz mit der Biographie Joachims decke. Dem großen Meister, der seit ihrer Begründung an der Spitze der Hochschule stand, verdankt sie einzig und allein ihren Weltruf, ihren Rang in der Kunstgeschichte. Wohl finden sich in der langen Liste der Lehrer seit Bestehens der Anstalt noch manche glänzende Namen (z. B. Kiel, Spitta), aber kein einziger dessen Nennung eine solche faszinierende Wirkung, einen solchen Enthusiasmus erregte wie der Joseph Joachims! Wagner und Liszt waren die Schöpfer des künstlerischen, stilgemäßen Vortrages in der Musik, Bülow und Joachim ihre Apostel. Anton Rubinstein, der gleichfalls zu den Unersetzlichen gehört, wirkte mehr durch sein unvergleichliches Temperament, seine durch augenblickliche Inspiration beeinflußte Offenbarung, Bülow und Joachim durch ihre immer abgeklärten, der geringsten Effekthascherei abholden, nur dem Dienste des Höchsten geweihten Auslegungen. Das erhellt schon aus ihrem Repertoire, das nur aus den Werken der allerersten Meister bestand. Obgleich Joachim mit seinem Freunde Brahms die bekannte eigentümliche Erklärung gegen die “neudeutsche Kunstrichtung” erlassen und unterzeichnet hatte, kann man es doch als sicher hinstellen, daß er hauptsächlich durch seinen intimen Verkehr mit Liszt während seines Weimarer Aufenthaltes (als Konzertmeister des Hoftheaters unter Liszts Direktion) und durch die Freundschaft mit Bülow als Vortragskünstler zu einem unsterblichen Hohenpriester der Kunst sich entwickelte. Die Schriften Bülows sind voll von Lobeshymnen auf Joachim. So schreibt er z. B. (“Ausgewählte Schritte”, Breitkopf & Härtel, S. 79): “Wenn Liszt einem ihn besuchenden Fremden einmal einen recht exquisiten Genug erschaffen wollte, so spielte er ihm mit seinem

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Landsmann Joseph Joachim und dem Violoncellisten Coßmann das Trio von Volkmann vor.” Das muß in der Tat ein “exquisiter Genuß” gewesen sein: das bedeutendste Werk eines bedeutenden Meisters von den bedeutendsten Vertretern ihrer respektiven Instrumente vorgetragen! — Richard Wagner schreibt in seine Abhandlung “Über das Dirigieren” (am Schluß): “Eine solche Schule (die Kgl. Hochschule zu Berlin) ohne Herrn Joachim zu begründen wo dieser zu gewinnen war, hätte jedenfalls als bedenklicher Fehler erscheinen müssen. Was mich für diesen hoffnungsvoll einnimmt, ist, daß allem nach, was ich über sein Spiel erfahren habe, dieser Virtuos genau den Vortrag kennt und selbst ausübt, welchen ich für unsere große Musik fordere.” — Auch Joseph Joachim war eine von den Erscheinungen, welche sich, wie Hans von Bronsart bei Bülows Scheiden aus Hannover so richtig bemerkte, wenn überhaupt, kaum alle Jahrhundert einmal wiederholen. — Die Berliner Kgl. Hochschule hat jetzt die schwerste Krisis seit ihrem fast vierzigjährigen Bestehen durchzumachen. Zurzeit ist ihr leuchtendster Stern Max Bruch (sein erstes Violin=Konzert in g moll ist Joachim gewidmet). Ersetzt kann Joachim nicht werden, denn einen Ersatz für ein Genie gibt es nicht, aber einen Nachfolger als erster Lehrer der Ausbildungsklasse wird die Hochschule ihm geben. Wen wird die Wahl treffen? Ysaye, Kreisler, Hermann, Marteau, Burmeister?

Arthur Laser (Berlin)


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Joachim als Lehrer

Joseph Joachim ist tot, und allerorten, wo nur Schreibfedern in Bewegung sind, beeilt man sich, ihn auch ordnungsgemäß beizusetzen. Wir werden belehrt, daß Joachim “der letzte Klassiker” war, ein fossiler Rest aus vergangenen Epochen; seine ablehnende Haltung gegenüber der Aura Wagner=Liszt und deren Deszendenz gibt Veranlaßung zu Betrachtungen, “wie wir’s so herrlich weit gebracht”; man anerkennt das Außerordentliche, ja Einzige einer Persönlichkeit, die auf das erfolgreichste, glänzendste Virtuosentum die Krone einer umfassenden, weitausschauenden allgemeinen Bildung zu setzen vermochte, und vergißt nicht zu bemerken, daß die Tage seines Virtuosenglanzes längst vorüber, seine Virtuosität überhaupt hundertfach überboten, seine organisatorische Befähigung beschränkt, seine Erfolge als Komponist und Dirigent nur vorübergehend gewesen seien — und was alles noch zum notwendigen Requisit einer regelrechten Einrangieren und Einregistrierung gehört, so daß der Verstorbene nunmehr fertigmumifiziert in seinem Fache untergebracht ist und in dem Gange der Musikgeschichte, wie unsere Tagesschreiber ihn dem lieben Gott diktieren, keinerlei Störung mehr verursachen kann.

Ueber all diesen so wahren und richtigen Bemerkungen wird nur meistens eine Kleinigkeit vergessen — und merkwürdigerweise ist es gerade diese Kleinigkeit, die Joachims Gestalt aus der Reihe derer, denen die Nachwelt keine Kränze flicht, hinausrückt in die Linie der Großen und Unvergänglichen unserer Zeit. So viele vom Tageslärm verstumpfte Sinne, auch in der nächsten Nähe des Meisters, haben es ganz übersehen, daß er ein Erzieher war, nicht mit Wort und Willen, sondern eine der ganz seltenen Individualitäten, die durch ihr persönliches, nur auf die nächsten Ziele gerichtetes Wirken, durch ihre Art zu schaffen, durch ihr Denken und Fühlen, kurz durch ihr Wirkung ausüben. Wie anders wäre es sonst zu erklären, daß er, der Virtuose, der nie anderen als Geigenunterricht erteilt hat, seine geistigen Schüler in allen Schichten unserer heutigen Musikergeneration besitzt? Daß es Tausende von Künstlern, vom Sänger und Virtuosen jeder Gattung, Dirigenten, Wissenschaftler bis zum Orchestermusiker gibt, die mit vollem Recht und tiefinnerer Ueberzeugung es aussprechen, daß sie das Beste ihrer Kunst, ihres künstlerischen Ichs Joseph Joachim verdanken? — Das ist mehr, als es ein Virtuose, und sei er der größte der Welt, vermag; mehr auch als der erfahrenste, gewissenhafteste Pädagog mit allem Fleiß zustande bringt — das ist lebendig wirkende Persönlichkeit, unter deren Strahlen alles verschwindet, was zeitlich und vergänglich an Meister Joachim war, die ihn in die Zahl derer einreiht, die nicht vergessen werden können, weil ihr Sein und Wirken fortlebt in denen, die davon berührt wurden.

Es liegt nahe, Joachim mit seinem einmaligen Freunde und späteren Antipoden Liszt zu vergleichen — eine in mancher Hinsicht lehrreiche und interessante Parallele. Aber mir scheint, dazu ist die Zeit noch nicht gekommen. Im allzuschnell fertigen Urteil würde man nicht umhin können, dem Einen oder dem Anderen unrecht zu tun. Daß Joachims Wirken ein stilleres, weniger von äußerem Glanz umstrahltes war, beweist nichts gegen dessen Tiefe und Dauerhaftigkeit. Wer das Glück gehabt hat, dem Meister jahrelang in seiner Arbeit als Lehrer sowie als ausübendem Künstler in Konzert= und Kammermusik, als Leiter der Hochschule und des Orchesters in Proben und Aufführungen nahe zu sein, für den  bedarf es nicht vieler Worte, um zu verstehen, welcher Art die Wirkung war, die er ausübte. Gewiß war sein Streben mehr auf Erhaltung und Ausbau eines festen Besitzstandes, denn auf Eroberung neuer, unbekannter Gebiete gerichtet; aber wenn man unter “konservativ” das starre Festhalten an ererbten Traditionen, das Arbeiten nach unbeweglichen Formeln und Dogmen versteht, so war alles andere als konservativ. Wenn er seinen Beethoven spielte, so konnte auch der gründlichste Kenner seines Spieles nicht im voraus sagen, wie er dies und jenes machen würde; im Augenblick entstand alles neu in seiner selbstschaffenden Phantasie, frisch wie eine Improvisation, modern wie eine ebengeschriebene Komposition trat es ans Tageslicht. Es gab keine noch so abgebrauchte Floskel, keine ehrwürdig=stereotype Wendung, die nicht unter seiner Hand junges Leben gewann, so daß er sie im Momente neu gefunden zu haben schien. Was er spielte, schuf er aufs neue aus sich heraus; hierin und nicht in irgendwelchen technischen Dingen liegt der himmelweite Unterschied zwischen Joachim und allen übrigen Virtuosen.

So war denn auch nicht die Virtuosität, sondern das Musizieren der Kern seines Spieles, und daher kam er — besonders in den letzten Jahren — ganz von selbst dazu, den Schwerpunkt seiner Künstlerschaft in die Kammermusik, in sein unerreichtes und unerreichbares Quartettspiel zu verlegen. Insbesondere sind wohl die Proben seiner Quartettabende, die vormittags in ganz intimem Kreise in der Hochschule stattfanden, allen unvergeßlich, die jemals daran teilgenommen haben. Es waren weihevoll feierliche und doch trauliche Stunden, wie man sie unter Menschen erlebt, die sich durch

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ein gemeinsames geistiges Band verbunden wissen. Da gab es keinen Beifallslaut, kein geräuschvolles Versammeln und Auseinandergehen, wie sonst in Konzerten. Es war ein Sprechen von Mensch zu Mensch, ein unmittelbares Mitteilen höchster Kunst, höchster Lebenserfahrung, wobei man die Grenzlinien nicht mehr empfand, die Kunst und lebendige Sprache von einander trennen. Hier war sein Bayreuth, hier geschahen seine größten Taten; hier lehrte er uns den alten Beethoven und den jungen Brahms kennen und lieben. Aber über solche Einzeltaten hinaus gab er uns das, was unverlierbar ist: das feste Bewusstsein von der Wahrheit und Würde der Kunst. Das prägte sich den jungen Seelen unverwischbar ein, wenn sie den Altmeister in der schlichten Größe seines Wesens sahen und hörten; so lernten sie liebend verehren, lernten an der Hand dieses getreuen Eckart Ehrfurcht empfinden vor allen guten Geistern unserer Kunst.

Nur einmal trat der Bund, der sich bei aller Verschiedenheit der Richtungen und Meinungen wie eine Familie um Joachim scharte, auch machtvoll imponierend an die Oeffentlichkeit: es war bei Joachims sechzigjährigem Künstlerjubiläum im Jahre 1898. Hier hatte sich die Jüngerschaft des Altmeisters aus aller Herren Ländern ein Stelldichein gegeben, ein Orchester war gebildet, in dem allein 120 Streicher — lauter Konzertmeister! — beisammen saßen. Und als dann in der Mitte des Festprogramms der Meister selbst auf das stürmische Drängen seiner Getreuen die Geige ergreifen und als improvisierte Nummer noch einmal das Werk spielen mußte, das er und das ihn berühmt gemacht hat — Beethovens Violinkonzert —, da ging wohl durch die ganze Masse der Ausführenden und Zuhörenden ein Hauch von dem Bewusstsein, daß sie alle sich eins fühlten, Glieder einer Familie durch den Geist dieses Mannes, dessen ganzes Wesen eine Verkörperung, eine volltönende Antwort war auf Schillers Mahnwort: Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben; bewahret sie! —

Am offenen Sarge ist nicht der Platz, das hervorzuheben, was ihm fehlte, die Dinge aufzuzählen, in denen er irrte. Sicherlich hat es größere Organisatoren, bedeutendere Dirigenten gegeben als ihn; sicherlich unterlag in seinen Anschauungen und Urteilen auch er großen Irrtümern. Aber selbst in seinen Irrtümern und Fehlern war er er selbst. Er hätte nicht anders gekonnt, selbst wenn er gewollt hätte. Und das Größte, was er wirkte, lag nicht in seinen Handlungen, sondern in seinem Sein. Er lebte uns das ideale Bild des reinsten Künstlertums vor, er war in allen Regungen seines Ichs eins mit sich selbst, ein großer Künstler und ein großer Mensch. Und so behält denn jenes Wort zuletzt doch recht, das ihn einen “Klassiker” nennt; aber der Stern seines Lebens und unser aller Hoffnung ist es, daß er nicht der letzte war.

So bleibt uns sein Bild: der mächtige, ehrfurchtgebietende Künstlerkopf mit dem Blicke unbeschreiblicher Güte für immer ins Herz eingeprägt. Mild freundlich und doch hoheitsvoll groß scheint er uns mit Schumanns Worten zuzurufen: “Jünglinge, ihr habt einen langen, schweren Gang vor euch. Es schwebt eine seltsame Röte am Himmel, ob Abend= oder Morgenröte, weiß ich nicht. Schafft fürs Licht!”

Glogau                                                          G. v. Lüpke.