“Odessa, den 8. Februar.” Wiener Signale. Wochenschrift für Theater und Musik (Vienna), February 11, 1882, 48–49. 

[English translation below]

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Odessa, den 8. Februar.

Nach den glänzenden Erfolgen und Triumphen, welche Joachim in Petersburg, Moskau und Kieff feierte, kam endlich der große Meister auch zu uns. Ich sage „endlich“, denn seit Jahren hatte man mit Sehnsucht sein Hieherkommen erwartet, umsomehr, da das hiesige Publicum Gelegenheit hatte, so ziemlich alle bedeutenden Erscheinungen der Musikwelt kennen zu lernen, und nur Joachim, obschon wiederholt angesagt, bisher der „Perle des schwarzen Meeres“ fern geblieben war. Groß waren die Erwartungen aller Musikliebhaber, und das allgemeine Interesse war so hoch gespannt, daß längst vor dem Eintreffen Joachim’s die beiden für zwei aufeinanderfolgende Abende angekündigten Concerte bereits ausverkauft waren. Er brauchte gar nicht veni vidi zu sagen, aber vici konnte der Meister wohl ausrufen, denn eines so großartigen Erfolges hatte sich bisher kein Instrumentalkünstler noch in Odessa zu erfreuen, und dies hat viel zu bedeuten in einer Stadt, wo die beiden Rubinstein, Laub, Bülow, Tausig, Wieniawski, die Florentiner, die Damen Wilt, Essipoff u. A. glänzende Erfolge hatten. Aber ein solcher Andrang des Publikums, eine solche Ueberfüllung des Börsesaales war meines Wissens noch nie hier vorgekommen, — und all’ dieß auf eine kleine Annonce, ohne irgendwelche Reclame in den Journalen (Memento Sarah Bernhardt). Dieser außerordentliche materielle Erfolg wurde jedoch noch übertroffen von dem moralischen Erfolge der beiden Concerte. Ich habe bei mehreren der obenerwähnten Künstler schon viele enthusiastische Kundgebungen miterlebt, aber solcher Ovationen, wie sie dem „Könige der Geiger“ zu Theil wurden, kann ich mich nicht erinnern. — Sehr richtig bemerkt heute eine russische Zeitung, daß im zweiten und letzten Concerte der Künstler fast während einer ganzen Stunde hindurch mit den Hervorrufen zu thun hatte, theils Stücke zugebend, theils sich verneigend vor den enthusiastischen Beifallsbezeugungen des Publikums, welches sich zum Schlusse des zweiten Concertes in dichten Massen um die Estrade sammelte, den Künstler von allen Seiten umringend. Herr Joachim mag nicht wenig erstaunt gewesen sein, als er plötzlich von der studirenden Jugend emporgehoben und nun nach russischem Brauche unter betäubenden Hurrahrufen fünf- bis sechsmal in den Lüften „gehutscht“ wurde. Und Alles dies hat Joachim nicht mit Flageolet=Stückchen, nicht mit Feuerwerks=Raketen — nein, diesen Siedepunkt des Enthusiasmus hat der große Künstler mit Bach’s „Chiaconne“ [sic], mit Tartini’s „Teufels“=Sonate, mit Spohr’s Gesangs=scene, mit Mendelssohn’s und Bruch’s Concerten hervorgebracht. Dann zweifle man noch an der Zaubergeige des „Geigerkönigs“. Allgemein und tief war das Bedauern des Odessaer Publikums, daß der Meister seinen Aufenthalt auf 2 Tage beschränken mußte; hätte er an den folgenden zwei Tagen noch zwei Concerte angezeigt, sie wären ebenso überfüllt gewesen. Auch der „Englische Club“ (des Casino unserer high-life) hatte auf den berühmten Künstler für einen Abend gerechnet und die Mitglieder waren geradezu trostlos über die Ablehnung ihrer Einladung. Ueberdieß kamen während dieser zwei Tage aus mehreren umliegenden Städten Telegramme mit der Bitte, Herrn Joachim zu bewegen, die dortigen Bewohner wenigstens mit je einem Concerte zu beglücken. Aus Kischeneff kam sogar eine solche telegrafische Bitte im Namen der gesammten dortigen Gesellschaft mit der Unterschrift des Stadtoberhauptes. Wenn nun nach dem Gesagten die Erfolge des Herrn Joachim als Künstler wirklich zu den außerordentlichsten gerechnet werden müssen, welche überhaupt je hier vorkamen, so verdient es gleichzeitig hervorgehoben zu werden, daß der große Künstler im Laufe dieser zwei unvergeßlichen Tage auch als Mensch die Sympathien aller Jener im Sturme eroberte, welche das Glück hatten, mit ihm in Berührung zu kommen. Eine seltene harmonische Vereinigung von Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und loyaler Collegialität, wie sie eben in Joachim’s Wesen liegen, müssen natürlich Jeden magnetisch fesseln.

In beiden Concerten des Herrn Joachim wirkte der Pianist Herr Bonawitz sowohl mit Solovorträgen, als auch accompagnirend mit, und hat nach beiden Richtungen allgemeine Anerkennung gefunden. Wenn man erwägt, wie schwierig es dem besten Pianisten wird, sich neben der mächtigen Geige eines Joachim, ohne den Nimbus einer unantastbaren Autorität, zu behaupten, so kann Herr Bonawitz mit seinem ehrenvollen und verdienten Erfolge zufrieden sein; denn er wurde nach seinen Solonummern jedesmal durch Beifall und wiederholten Hervorruf ausgezeichnet. Auch sein vortreffliches Accompagnement wurde allgemein bemerkt und in der Brahms’schen G-moll-Sonate für Clavier und Violine hat Herr Bonawitz sich als vorzüglicher Interprete des Kammermusik-Genres bekundet.

So sind denn die zwei Joachim’schen Festabende wie ein schöner Traum entschwunden; die Erinnerung daran wird lange in uns hier fortleben, und ganz Odessa hegt den Wunsch, sowie die Hoffnung, daß der Großmeister aller Geiger seinem Versprechen gemäß uns im nächsten Jahre auf längere Zeit hier besuchen werde.     R. F.

English Translation

Odessa, 8 February

After the brilliant successes and triumphs that Joachim has enjoyed in St. Petersburg, Moscow, and Kiev, the great master has at last come to us as well. I say “at last,” for his arrival here has been eagerly awaited for years — all the more so because the public in this city has had ample opportunity to become acquainted with virtually all the major figures of the musical world, and only Joachim, though repeatedly announced, had until now stayed away from the “Pearl of the Black Sea.” Expectations among music lovers were very high, and public interest so intense, that long before Joachim arrived the two concerts announced for successive evenings were already sold out. He had no need to say veni, vidi, but vici he could certainly have proclaimed, for no instrumental artist in Odessa has ever before enjoyed such an overwhelming success—and that is saying a great deal in a city where both Rubinsteins, Laub, Bülow, Tausig, Wieniawski, the Florentines, Mesdames Wilt and Essipoff, and others have all met with brilliant triumphs. Yet such a crush of people, such overcrowding of the Exchange Hall, has, to my knowledge, never been seen here before — and all this in response to a small advertisement, without any sort of newspaper publicity (memento Sarah Bernhardt).

The extraordinary “material” success of these evenings was surpassed only by their artistic impact. I have been present at many enthusiastic ovations for several of the artists named above, but I cannot recall anything like the homage paid to this “king of violinists.” A Russian paper remarked very aptly today that, at the second and final concert, the artist spent almost an entire hour responding to calls back to the stage — now adding encores, now bowing in acknowledgment of the audience’s passionate applause; by the end of the concert the listeners had surged in dense masses around the platform, surrounding the artist on all sides. Joachim can hardly have been prepared for the moment when the students suddenly hoisted him aloft and, according to Russian custom, tossed him five or six times into the air amid deafening cheers. And all this Joachim achieved not with flashy showpieces of harmonics, not with musical fireworks, but with Bach’s “Chaconne”, Tartini’s “Devil’s” Sonata, Spohr’s concert aria, and the concertos of Mendelssohn and Bruch. And yet people still dare to doubt the magic of the “violin king’s” instrument!

The regret in Odessa was deep and widespread when it became known that the master would limit his stay to only two days; had he announced two further concerts on the next two evenings, they would have been equally overcrowded. The “English Club” (the casino of our high life) had also counted on securing the famous artist for one evening, and its members were frankly inconsolable when he declined their invitation. In the course of these two days, telegrams arrived from several neighboring towns asking that Joachim be persuaded to favor their inhabitants with at least a single concert. From Kishinev there even came such a telegram in the name of the entire local society, bearing the signature of the city’s chief magistrate.

If, in light of all this, we must count Joachim’s artistic success among the most extraordinary our city has ever witnessed, it is equally worth emphasizing that during these two unforgettable days the great artist also, as a human being, won the hearts of all who had the good fortune to meet him. A rare and harmonious combination of amiability, kindness, and loyal collegiality — qualities so characteristic of Joachim — naturally exerts an irresistible attraction on everyone.

At both of Joachim’s concerts the pianist Herr Bonawitz appeared both as soloist and as accompanist, earning general recognition in both roles. Considering how difficult it is even for an excellent pianist to hold his own beside the commanding violin of a Joachim, without the protective aura of unassailable authority, Herr Bonawitz can be well satisfied with his honorable and well‑deserved success; after each of his solo numbers he was greeted with strong applause and repeated recalls. His fine accompanying also attracted general notice, and in Brahms’s G‑minor Sonata for piano and violin he proved himself an outstanding interpreter of chamber music.