E. Bernsdorf, „Elftes Abonnement-Concert im Saale des Gewandhauses zu Leipzig. Mittwoch, den 1. Januar 1879,“ Signale für die musikalische Welt 37, no. 2 (January 1879): 23–24.

Elftes Abonnement-Concert im Saale des Gewandhauses zu Leipzig.
Mittwoch, den 1. Januar 1879.
Erster Theil: Ouvertüre (aus der Suite IV) von Franz Lachner. — Arie aus der Oper: „Die Entführung aus dem Serail“ von W. A. Mozart, gesungen von Fräulein Marcella Sembrich, Königl. Sächs. Hofopernsängerin aus Dresden. — Concert für die Violine von Joh. Brahms (neu, Manuscript, unter Leitung des Componisten), vorgetragen von Herrn Joseph Joachim. — Lieder mit Pianoforte, gesungen von Fräulein Marcella Sembrich. a) Notturno; b) Mazurka von Chopin. — Chaconne für die Violine von Joh. Seb. Bach, vorgetragen von Herrn Joseph Joachim. — Zweiter Theil: Symphonie (Nr. 7, Adur) von Ludwig van Beethoven.
Die hauptsächlichste Attraction dürfte das elfte Gewandhausconcert auf Viele wohl durch seine solistischen Bestandtheile ausgeübt haben: gab es doch in dieser Beziehung erstens ein neues Werk von Brahms, dann eine für hier neue Sängerinnen-Erscheinung und endlich den für uns nicht neuen, aber stets hochwillkommenen Joseph Joachim, der noch dazu die neue Schöpfung seines Freundes hier in Leipzig sozusagen aus der Taufe hob und sie zum ersten Male der Oeffentlichkeit unterbreitete — also Alles Personen und Sachen, die wohl Spannung und Interesse zu erregen vollkommen geeignet waren. Was nun zuerst das Concert von Brahms anlangt, so haben wir dasselbe zu den eingänglichsten, klarsten und spontanst erfundenen Erzeugnissen dieses Componisten zu zählen, ebenso wie zu den formell abgerundetsten und in der Darstellung prägnantesten. Es ist in der guten alten dreisätzigen Weise construirt und dürfte nach unserer Schätzung unter diesen Sätzen der erste, der gewichtigste, das Adagio der herztreffendste und das Finale der originellste sein. Die Principalstimme speciell hat öfter Mühe sich als solche dem reich ausgestatteten, hin und wieder sozusagen dicht belaubten und verwachsenen Orchester gegenüber zu behaupten, und ist überdies technisch so schwierig und heikelig geartet, daß selbst Joachim, der gestählte und kampfgewohnte Ringer, ihrer nur mit ersichtlicher Anstrengung Herr wurde. Der Verfassrr [sic] der Novität (der, wie aus dem Progamm [sic] ersichtlich, auch in höchsteigener Person als Dirigent fungirte), sowie der Interpret wurden durch reichen Beifall und einhellige Hervorrufe ausgezeichnet, ein Umstand, der für Herrn Joachim speciell in fast noch erhöhter Intensität nach Darbietung der Bach’schen Chaconne sich bemerklich machte, in welchem Stücke er denn auch in der That ganz und ungehemmt er selbst war.
Fräulein Sembrich offenbarte sich uns als Sängerin mit nach der Höhe zu ungewöhnlich umfangreicher und eben in den hohen Chorden auch sehr angenehm klingender, aber in den mittleren und tieferen theils zu schwacher, theils einen etwas gaumigen Anflug verrathender Stimme, ferner mit nicht unbeträchtlicher Kehlfertigkeit. Wenn es ihr gelingt, ihrer Coloratur noch mehr Glanz und ihrem Triller im Besondern noch mehr Beweglichkeit und Correctheit zu verleihen, und wenn sie sich außerdem noch etwas mehr Innerlichkeit und Wärme des Vortrags anzuschaffen vermag, so hat sie einer glänzenden Zukunft sich zu versehen. Den der Sängerin nach den beiden Chopin’schen Sachen in besonders reichem Maße gespendeten Beifall unterschreiben wir für unsere Person insofern nicht ganz bereitwillig, als wir uns dieselben nicht nur noch viel feiner und pikanter (auch fehlerloser) gesungen denken können, sondern als sie uns überhaupt auch in der als Gesangstücke zugerichteten Gestalt durchaus unglücklich vorkommen.
Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß die beim Wiederanhören uns abermals viel Vergnügen machende Lachner’sche Ouvertüre sehr gut, die Beethoven’sche in aller Unwiderstehlichkeit wirkende Sinfonie sogar sehr ausgezeichnet (trotz einiger innerhalb des Chors der ersten Violinen vorgekommenen Voreiligkeiten) executirt wurde.
E. Bernsdorf.
English Translation
Eleventh Subscription Concert in the Hall of the Gewandhaus at Leipzig.
Wednesday, January 1, 1879.
First Part: Overture (from Suite IV) by Franz Lachner. — Aria from the opera “Die Entführung aus dem Serail” by W. A. Mozart, sung by Fräulein Marcella Sembrich, Royal Saxon Court Opera singer from Dresden. — Concerto for the violin by Joh. Brahms (new, manuscript, under the direction of the composer), performed by Herr Joseph Joachim. — Songs with pianoforte, sung by Fräulein Marcella Sembrich. a) Notturno; b) Mazurka by Chopin. — Chaconne for the violin by Joh. Seb. Bach, performed by Herr Joseph Joachim. — Second Part: Symphony (No. 7, A major) by Ludwig van Beethoven.
For many, the chief attraction of the eleventh Gewandhaus concert will no doubt have been its solo components: for in this respect there was, first, a new work by Brahms, then a singer new to our city, and finally the — for us not new, but always most welcome — Joseph Joachim, who moreover stood godfather here in Leipzig, so to speak, to his friend’s new creation and presented it to the public for the first time — all of them, then, persons and things perfectly calculated to arouse anticipation and interest. As regards, first, the concerto by Brahms, we must count it among the most readily accessible, the clearest, and the most spontaneously invented products of this composer, just as among the most formally rounded and the most concise in presentation. It is constructed in the good old three-movement manner, and in our estimation, among these movements, the first is of the greatest moment, the Adagio the most touching to the heart, and the Finale the most original. The principal part in particular often has difficulty in asserting itself against the richly appointed orchestra — here and there, so to speak, densely leaved and overgrown — and is moreover of so difficult and ticklish a technical character that even Joachim, that seasoned and battle-hardened fighter, mastered it only with evident exertion. The author of this novelty (who, as is evident from the program, also functioned in his own most personal capacity as conductor), as well as the interpreter, were honored with rich applause and unanimous curtain calls — a circumstance that in Herr Joachim’s case made itself felt with almost even greater intensity after his performance of the Bach Chaconne, in which piece he was indeed wholly and unconstrainedly himself.
Fräulein Sembrich revealed herself to us as a singer with a voice of unusually wide compass toward the top, and precisely in the high notes also very agreeable in sound, but in the middle and lower registers partly too weak and partly betraying a somewhat palatal approach; further, with no inconsiderable agility of throat. If she succeeds in imparting still more brilliance to her coloratura and, particularly, still more flexibility and correctness to her trill, and if she can moreover acquire somewhat more inwardness and warmth of delivery, then she may look forward to a brilliant future. The applause bestowed on the singer in especially rich measure after the two Chopin pieces we personally endorse only with some reservation, inasmuch as we can not only imagine them sung far more finely and piquantly (and also more faultlessly), but as they in general strike us as thoroughly unfortunate in the form in which they have been fitted out as vocal pieces.
It remains only to mention that the Lachner overture, which on renewed hearing again gave us much pleasure, was very well executed, and the Beethoven symphony, effective in all its irresistibility, even excellently so (despite early entrances within the ranks of the first violins).
E. Bernsdorf.