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Joseph Joachim

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Joseph Joachim

Monthly Archives: October 2014

Obituary: Mährisches Tagblatt

10 Friday Oct 2014

Posted by Joachim in Obituaries

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Mährisches Tagblatt, Vol. 28, No. 185 (August 16, 1907), pp. 1-3.

N. B.: Obituaries are posted for historical interest only, and should not be taken as sources of accurate biographical information.


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Feuilleton

____

Josef Joachim †.

(Nachdruck verboten.)

Berlin, 16. August. Der Violinvirtuose Joseph Joachim ist gestern gestorben.

Eine der ehrwürdigsten Persönlichkeiten der Gegenwart, eine der bedeutendsten Künstlererscheinungen aller Zeiten ist mit Joseph Joachim vom Schauplatz abgetreten. Zugleich mit den Größten des vorigen Jahrhunderts, Liszt und Wagner, erschien auch er, um eine Zeitlang mit ihnen verbunden, denselben neuen Zielen zuzustreben. Dann aber schwenkte er plötzlich ab, und in dem Streit der Parteien, der damals die Musikwelt in zwei Lager teilte, bekannte er sich rückhaltlos als Gegner der modern-reformatorischen sogenannten neudeutschen Richtung. Unter Mendelssohns Augen war seine musikalische Erziehung abgeschlossen worden. Jetzt verband ihn eine immer enger werdende Freundschaft mit Schumann, die ihre innigste Bekräftigung erhielt, als der junge, unbekannte Johannes Brahms von Joachim Schumann zugeführt und von diesem als “Messias der Tonkunst” begeistert aufgenommen wurde. Der Zusammenschluß mit Brahms gab Joachims künstlerischem Charakter den entscheidenden Zug für sein ganzes Leben. In unbeirrbarer, überlegener Ruhe blieb er der erkämpften Ueberzeugung treu und wurde schließlich ihr Opfer. Er erlebte den endgiltigen Sieg Wagners, und wenn auch die Brahms-Gemeinde allmählich Boden gewann, so blieb sie doch stets auf einen engen Kreis beschränkt.

Dieser vergebliche Kampf gegen die künstlerischen Machthaber der Gegenwart gibt dem reichgesegneten Leben Joachims einen tragischen Akzent. Er isolierte sich dadurch und mußte es schließlich mitansehen, wie er als Inhaber einer der einflußreichsten Stellungen der Reichshaputstadt mehr und mehr die Fühlung mit den vorwärtstreibenden Kräften verlor. Es ist eine im Grunde müßige Spekulation, zu überlegen, welche Vorteile der Kunst aus einem Zusammenwirken Joachims und der um Wagner und Liszt gruppierten Künstler hätten erwachsen können. Sicher ist jedenfalls, daß durch jene unfruchtbaren Parteikämpfe viele kostbaren Fähigkeiten nutzlos vergeudet und manche große Kunsttat im Keime erstickt wurde. Was Joachim von Wagner forttrieb, war vielleicht im tiefsten Innern die Empfindung, daß Wagner für sein Werk von jedem der Beteiligten die volle, restlose Hingabe der Persönlichkeit verlangte, während Joachim eine so unbedingte Konzentration aller Kräfte an eine einzige Aufgabe nicht wenden mochte. Allein war er aber nicht reich genug, um Wagner gegenüber sich als selbstständige gegnerische Erscheinung behaupten zu können. So suchte und fand er zur Ergänzung des ihm Fehlenden erst Schumann und dann Brahms. Und an der Seite dieser Mitkämpfer, die ihm mehr persönliche Freiheit ließen als der despotische Bayreuther Meister, entwickelte und kräftigte er all die großen Eigenschaften, welche ihm von Gottes Gnaden verliehen waren.

Das Merkwürdige an Joachim besteht darin: er ist eigentlich nur ausübender Instrumentalvirtuos. Seine eingeborenen allgemein musikalischen Gaben sind aber so bedeutend, daß sie ihm eine Position verschaffen, wie sie sonst nur Künstler von weit umfassender Begabung einzunehmen befähigt sind. Bei ihm baut sich alles auf der Basis des Violinspiels auf. Aber die damit scheinbar gegebene enge Begrenzung verliert sich ganz, und ein Musiker von denkbar höchstem Intellekt, von vielseitigster Aufnahmefähigkeit, von feinstem allumfassenden Empfinden, von einer seltenen Bildung des Geschmackes, von Verständnis für die subtilsten Kunstfragen steht vor uns. Man muß sich diesen geistigen Vollgehalt von Joachims Natur vor Augen halten, um seine Bedeutung für die Musikgeschichte richtig zu würdigen. Es ist daher schwer, den Geiger Joachim gesondert von dem Musiker zu betrachten, denn beide erklären erst einander. Einen Fortschritt auf speziell violinistischem Gebiet hat uns Joachim nicht gebracht. Fortschrittsmänner, die der Technik neue Wege erschlossen, unbekannte Ausdrucksquellen aufdeckten, waren unmittelbar vor ihm Nicolo Paganini oder Louis Spohr gewesen. Paganini als abenteuerlicher Zaubermann, dessen märchenhafte technische Künste Anlaß zu Legendenbildung gaben und die größten Geister seiner faszinierten — ohne daß es ihm je gelungen wäre, tieferen Gemütsanteil zu erwecken. Anders geartet war der deutsche Spohr, eine feinpoetische Natur mit reicher produktiver Veranlagung. Ihm gelang es, durch Aneignung und Weiterbildung der französischen Violinkunst eines Rode, Kreutzer usw. der deutschen Schule neue fruchtbare Elemente zuzuführen und ebenso originell wie meisterhaft zu verarbeiten. Neben Spohr gehalten, verblaßt Joachims Bild etwas. Jener war der geborene Komponist, der zufällig Geige spielte. Joachim war der geborene Geiger, dem kein anderes Ausdrucksmedium zu Gebote stand, dem die Produktionskraft versagt blieb. Man kann daher wohl von Spohrscher Technik, Spohrscher Kantilene sprechen — aber man kann die gleichen Worte nicht in Bezug auf Joachim anwenden. Wir Jüngeren, die ihn nicht mehr im Vollbesitz seiner Fähigkeiten hören konnten, sind ohne abschließendes Bild seiner Kunst, und spätere Generationen werden ihn nur der Sage nach kennen. Paganinis oder Spohrs Spiel dagegen kann man sich immerhin aus ihren Kompositionen annähernd rekonstuieren.

Aber dieses Manko von Joachims Begabung wurde gleichzeitig das Fundament seiner Größe. War es ihm verschlossen, persönliche Eitelkeit zu pflegen, so nahm er sich der vererbten älteren Literatur umso eifriger an. Und war es ihm versagt, durch unentdeckte mechanische Fertigkeiten die Leute zu verblüffen, so strebte er desto inniger, die übernommenen Vorlagen geistig zu durchdringen, ihren Inhalt zu erforschen und als reproduzierender Künstler im edelsten Sinne aus seinem Spiel die Psyche des Werkes selbst aufleuchten zu lassen. Ein natürlicher Ernst des Charakters ließ ihn von vornherein alle leichte Ware, alles Reißertum verschmähen. Und eine gewisse, angeborene Schwerfälligkeit (— es ist bekannt, daß Joachim nie ein gutes Staccato besessen hat —) [1] hielt ihn noch mehr von der gangbaren Virtuosenliteratur zurück. So wandte er sein Können ungeteilt an die musikalischen Meisterwerke der Violinliteratur, die uns Bach, Mozart und Beethoven geschenkt haben. In der lebens- und schönheitsvollen Gestaltung dieser Stücke liegt der Schwerpunkt von Joachims Künstlerschaft. Hier war es ihm gegeben, ohne eigentlich selbstschöpferische Veranlagung, doch produktiv im weitesten Sinne zu wirken — wenn man mit Goethe von einer “Produktivität der Taten” reden will.

Joachims Ton blendete und schmeichelte nicht durch empfindsame Sinnlichkeit. Seinem Spiel wie seiner Persönlichkeit lag jedes äußere Dekor fern. Es war ein Ton, der innerlich wärmte, zu Fühlen und Denken in absoluter Reinheit anregte, ein Ton, der in seiner keuschen Schönheit etwas Transzendentes an sich trug. Joachims Spiel vergeistigte, verklärte. Es lag nichts Gefallsüchtiges, gar keine Koketterie darin. Sondern das Streben zu abstrohieren, eine geheime Neigung zur Mystik. Das Mechanische blieb bei ihm stets in untergeordneter Bedeutung, und wenn er es schon liebte, etwas massive Doppelgriff-Technik gelegentlich anzuwenden, so wußte er doch stets die rechtfertigende gedankliche Grundlage zu schaffen. Ich denke hier an seine Kadenzen zu Beethovens Violinkonzert, die fraglos vor allen ähnlichen Versuchen andrer Geiger den Vorzug verdienen.

Dagegen gelang es Joachim nicht, mit seinen übrigen Kompositionen weitere Kreise zu interessieren. Viel hat er überhaupt nicht geschrieben — bekannt geworden sind nur: das 2. (ungarische) Violinkonzert, die ungarischen Variationen für Violine mit Orchester und die Ouverture zu “Heinrich IV.” Sämtliche Werke zeichnen sich durch peinliche Gediegenheit aus, lassen aber so wenig originelle Phantasie und Gestaltungskraft erkennen, daß einzig der Name ihres Autors ihnen vorübergehende Beachtung verschafft hat. Länger als der Komponist wird der Geiger Joachim im Gedächtnis der Nachwelt leben: als kongenialer Interpret Bachs und Beethovens in Solo- wie in Kammermusikwerken. Die Joachimsche Quartettkunst wird allen unvergeßlich bleiben, welche sie je miterlebt haben. Denn was der Solist Joachim noch dem Virtuosentum and Tribut entrichten mußte, das fiel beim Kammermusikspiel gänzlich fort. Hier bot Joachim etwas, das in solcher Vollendung kaum je dagewesen ist und schwerlich wiederkommen wird, nach seinem Muster Ensemblekunst zu treiben. Denn all denen seiner Schüler, die versuchen, fehlt doch bei allem Eifer das wesentlichste: die große, tiefschauende und denkende Persönlichkeit, die bis auf den Grund der Dinge blickt und die geheimsten Intentionen der großen Genien nachfühlend zu deuten weiß. Joachim ist der apollinische Künstler. Darum fand die größte Bewegung des 19. Jahrhunderts keine dauernde Teilnahme bei ihm — darum besaß er doch Gaben, die ihn zu einer ganz einzigen Erscheinung der Musikgeschichte stempeln.

Man hat Joachim oft einen Vorwurf aus seiner langen öffentlichen Betätigung gemacht und ihm gegenüber auf Liszt hingewiesen, der sich auf dem Höhepunkte seines Könnens vom großen Publikum verabschiedete. Abgesehen von der Verschiedenheit der beiden hier verglichenen Künstlercharaktere, abgesehen von den Gründen rein privater Natur, die Joachim zu öffentlichen Musizieren veranlaßten, läßt man außer acht, daß Liszt sich mittlerweile einen ganz neuen Wirkungskreis geschaffen hatte, während Joachim zeitlebens an das Konzertieren als Hauptberuf gefesselt blieb, denn die Möglichkeit zu pädagogischer Wirksamkeit, die ihm in die Hände gegeben war wußte er nicht richtig auszunützen. Die einseitigkeit seiner Kunstanschauung war hier ein Hemmnis für ihn. Er beging den Fehler, an die von ihm organisierte und bis zu seinem Tode geleitete Berliner Hochschule für Musik ausschließlich Lehrer seiner Gesinnung zu berufen und impfte dem Institut dadurch von vornherein den Geist dogmatischer Rückständigkeit und Unfreiheit ein. Auch seiner Tätigkeit als Violinlehrer im besonderen fehlten die großen Erfolge. Er bildete gediegene Musiker und tüchtige Geiger, aber er verstand es nicht eigene Individualitäten zu wecken und wenn vor der ehrwürdigen, beinahe schon historisch gewordenen Persönlichkeit Joachim manches scharfe Urteil bisher zurückgehalten wurde, so darf man doch jetzt auf eine gründliche Neugestaltung der Hochschulorganisation hoffen.

Joachims Lebensgang bewegt sich in verhältnismäßig einfachen Linien. Am 28. Juni 1831 zu Kittsee bei Preßburg geboren, kam er als Wunderzögling der Wiener Geigerschule bald in die Welt hinaus, und empfing in Leipzig die letzten gründlichen Einführungen in alle Disziplinen der Musikwissenschaft. Von großen Kunstreisen, die ihn namentlich in England bekannt und populär machten, abgesehen, bilden Weimar und Hannover die markanten, größeren Stationen auf seinem Wege. 1866 (?) vertauschte er Hannover mit Berlin, um hier die neugegründete Hochschule für Musik zu leiten. Bewunderungswürdig war seine Frische und lebendige Rüstigkeit, die er sich bis auf die letzte Zeit bewahrte — wer ihn sah, staunte über die urgesunde, kräftige, körperliche Natur des Sechsundsiebzigjährigen ebenso wie über sein geistiges wachsames Interesse für die ihn berührenden Dinge. Zweifellos, daß eine Persönlichkeit von so hohem, berechtigtem Selbstgefühl starke Einseitigkeiten in sich trug, namentlich durch die rücksichtslose Schärfe manches Urteils vielen Schaden gestiftet hat. Versöhnend wirkt solchen Fehlern gegenüber die innere Ehrlichkeit der Ueberzeugung, welche man bei Joachim stets voraussetzen kann. Er war ein echter freier Künstler. “Frei, aber einsam” lautete sein Wahlspruch.

Und hinter ihm, im wesenlosen Scheine

Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.


 

[1] In his youth, Joachim was famous for his staccato.

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Obituary: Elsa Bienenfeld in Neues Wiener Journal

10 Friday Oct 2014

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Neues Wiener Journal, Vol. 15, No. 4962 (August 16, 1907), pp. 1-2.

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Obituary: Pester Lloyd

09 Thursday Oct 2014

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Pester Lloyd, No. 195 (August 16, 1907), pp. 3-4.

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Joachim

— Nachruf. —

Von einem seiner einstigen Schüler.

In Schönheit leben — in Schönheit sterben: das viel mißbrauchte, noch öfter mißverstandene Wort Ibsen’s ist Wahrheit geworden. Die Kunde von Josef Joachim’s Tod ist da. Sechsundsiebzig Jahre alt ist er heute gegen 2 Uhr Nachmittag in Berlin gestorben. Und es wäre vergebliche Mühe, in der weiten Welt, auf den Gebieten praktischen Schaffens oder ideal-künstlerischer Bethätigung nach einem Lebenslauf zu suchen, der an Harmonie, Würde, Majestät dem Joachim’s verglichen werden dürfte. Selbst der Tod trat nicht rauh an das Lager dieses Künstlers heran. Die Qualen des Sterbens blieben ihm erspart, es gab keinen Kampf vor dem ewigen Frieden und kein erregtes Finale vor dem großen Schweigen. Auch die Trauer um den Entschlummerten wird fein müssen, wie er selber gewesen: groß, schlicht und ruhig. Die Klage um ihn wäre seiner nicht würdig, wollte sie in Phrase und Ueberschwang sich ergehen.

Seinen Werth abzuwägen, seine Bedeutung zu messen, ist schwer, doch nicht unmöglich. Nur hüten mag man sich nach gängigem Maß und Gewicht zu langen und wie bei anderen Künstlern die Persönlichkeit bis auf den letzten Nest ausschöpfen zu wollen. Das geht nicht bei Joachim, gleichwie es bei Beethoven nicht anging, obzwar dieser uns den besten Theil seines Genies als Erbe hinterließ, dessen Durchforschung schließlich uns doch zur Persönlichkeit des Erblassers führt. Um Joachim nach Gebühr zu schätzen, hat man heute eigentlich nur einen einzigen Prüfstein: das ehrfürchtige Schweigen der Nörgler, die Thatsache, daß sechs Jahrzehnte, hunderterlei Strömungen kamen und gingen, daß die Mode, der Geschmack von Musikergenerationen umstützende Wandlungen durchmachten, daß trotzdem der Kranz auf seinem Haupte grün blieb und keine der vielen Revolutionen im Reiche der Musik seinen Thron zum Wanken brachte. Selbst die extremsten Neuerer beugten sich ehrerbietig vor der Autorität, die Joachim mehr als fünfzig Jahre lang in der Musikwelt vertrat. Auch in seinem Leben hatte es eine Zeitspanne gegeben, in der er sich als Fortschrittler bekannte. Das war damals, als ihn intimere Beziehungen an Franz Liszt knüpften und der Meister den Adepten vor den Triumphwagen Richard Wagner’s spannen wollte. Allein Joachim that nicht lange mit. Er wollte, konnte auch nicht den Triumphzug aufhalten, aber das Tempo ging ihm wider den Strich, die Art der Propaganda behagte ihm nicht und so eigentlich fehlte ihm ja auch die tiefere Neigung für das dramatische Element in der Musik. Er selbst, als Komponist, fühlte sich zwar von Hamlet und Demtrius angezogen, allein die Art und Weise, wie er dann seine Aufgabe löste, bewies, daß sein ganzes reflektirendes Wesen immer wieder mit Vorliebe musikalischer Epik und Lyrik sich zuwandte. Er war ein Mann von seltenem Geist und starker Erkenntniß. Darum stemmte er sich weder gegen dasjenige, was wirkliche Entwicklung war, noch gegen das, was blos vorgab, Evolution zu sein. Das heißt, in seinem engeren Berufskreise machte er kein Hehl aus seiner Gegnerschaft, allein er fand das Allheilmittel gegen ungesunde Strömungen in der intensiven Pflege des Klassizismus. Als Lehrer und als ausübender Künstler war er der stärkste, der edelste Vorkämpfer der klassischen Richtung.

Sein ganzer Werdegang erklärt das. Man weiß, daß Joachim von Geburt Ungar, der Sohn eines armen Kittseer Lehrers war. Minder bekannt ist, daß er im alten Pest zwei Lehrer hatte, den alten Ellinger, der vor wenigen Jahren starb, und einen der besten Geiger jener Zeit, Szervaszinsky. Bei Ellinger erging es dem kleinen Joachim ungefähr so, wie später in Wien bei Hellmesberger sen., der den halbwüchsigen Jungen wegen Unbrauchbarkeit der rechten Hand aus der Schule entließ. Wie Ellinger über seinen Schüler dachte, erhellt am besten aus einer Anekdote, die in unseren Musikerkreisen noch heute fortlebt. Zwei Knaben genossen in einer und derselben Stunde Ellinger’s Unterricht: Josef Joachim und Karl M., nachmals ein sehr geschätzter volkswirthschaftlicher Schriftsetller. Der Professor wurde nicht müde, Joachim immerfort auf das Talent seines Unterrichtsgenossen zu verweisen, diesen als nachahmenswerthes Muster zu preisen, dem kleinen Josef aber jede Zukunft abzusprechen. Welche Prophetengabe in dem sonst ausgezeichneten Lehrer steckte, wurde schon ein Jahr später offenbar, als Joachim, der inzwischen bei Szervaszinsky überraschende Fortschritte gemacht hatte, im März 1839 öffentlich auftrat und in Gemeinschaft mit seinem Lehrer ein Konzert von Eck unter beispiellosem Jubel spielte. Der

[p.4]

Kritiker des Blattes der damaligen vornehmen Welt, des “Spiegel”, sagte dem siebenjährigen “musikalischen Wunderknaben” eine beispiellose Carrière voraus und dieser Mann hatte mit seiner Prophezeihung entschieden mehr Glück als der brave Ellinger.

Auch seine weitere Ausbildung besorgten Ungarn: der in Wien lebende Virtuos Josef Böhm und dessen Schüler Heinrich Wilhelm Ernst, und schon dem zwölfjährigen Knaben war dann gegönnt, im Leipziger Gewandhause zu konzertiren, nachdem Ferdinand David, einer der berühmtesten Geiger seiner Zeit und vor Allem Felix Mendelssohn-Bartholdy des kleinen Ungars sich angenommen hatten. Die Urtheile gewiegter Fachmänner stimmten in dem Punkte überein, daß man es da mit einem Phänomen zu thun habe, dem nur zu wünschen sei, “daß seine Gesinnung so natürlich und anspruchslos bleibe, wie sie jetzt ist, sein Fleiß so emsig und sorgsam, wie er bisher gewesen sein muß”. Und da auch diese “Wünsche” sich erfüllten, wurde aus Joachim — Joachim. Welchen Einfluß übrigens ein Kreis wie Ferdinand David, Mendelssohn, Robert und Klara Schumann auf die geistige und seelische Entwicklung Joachim’s üben mußte — später trat noch ein wundersamer Puritaner, Johannes Brahms hinzu —, mag man sich leicht denken. Rührend war das Freundschaftsverhältniß, das im Laufe der Zeiten zwischen Schumann, Brahms und Joachim sich spann. Bei Klaus Groth lese man die ergreifenden Einzelheiten nach, ganz besonders die Schilderung jener dunklen Tage, da Schumann umdüsterten Geistes auf die Todtenbahre sank und dem Sarge des geliebten Freundes, barhaupt, Kränze in den Händen die beiden jungen Männer folgten: “Joachim dunkelbraun, Brahms hellblond, beiden Gesichtern in ebenso entschiedener Art die Genialität aufgeprägt.” Was anders hätte in solcher Umgebung aus Joachim werden können als ein Hüter und Pfleger der klassischen Ueberlieferungen? Beethoven’s Konzert machte ihn weltberühmt. Von dem Augenblicke an, da ihm Mendelssohn die Pforten der Londoner Konzertsäle erschlossen hatte, war seine Carrière entschieden. Man war entzückt, hingerissen von der wundersamen Stylreinheit seines Vortrages, von der Größe und Weichheit seines Tones, von der absoluten Vollendung einer Technik, die den Hörer über die gewaltigstn Schwierigkeitn hinwegtäuschte, ohne daß es dem Künstler je eingefallen wäre, mit solcher Fertigkeit zu prunken oder sie gar zu Virtuosenstückchen zu mißbrauchen.

Und da sind wir auch schon bei der edelsten, der hervorstechendsten Tugend Joachim’s angelangt. Bei seiner absoluten Selbstbeschränkung und Unterordnung unter den Geist, dem seine Kunst zu dienen vorhatte. Er war das unübertroffene, von keinem Zeitgenossen erreichte Muster des ausführenden Künstlers. Seine Mittel, sein souveränes Können hätten ihn gewiß befähigt, mehr zu bieten, als in einer Komposition drinn stand, alle erdenkbaren Hexereien spielen zu lassen, seine Hörer durch allerlei Blendwerk vom musikalischen Werke abzulenken. Niemals hat er das gethan. Mit rein äußerlichen Stücklein sich abzugeben, das war unter seiner Würde, aber einem klassischen Werke Gewalt anzuthun, es zu verstümmeln, den Geist und die strenge Formschönheit einer großen Komposition den Eitelkeitsgelüsten des Virtuosen hinzuopfern: das hielt er für ein Verbrechen. Und dieser Adel der künstlerischen Gesinnung, das Selbstgenügen: einem Kleinod diejenige Fassung zu geben, die alle Herrlichkeiten des musikalischen Juwels im rechten Licht erstrahlen läßt, — dieser seltene, ach so seltene Vorzug hebt Joachim hoch über seine Brüder in Apoll, macht ihn selber zum Klassiker unter den Geigern seiner Zeit. Seine strengen Grundsätze, sein eigenes musikalisches Ehrgefühl impfte Joachim später, als er 1869 Leiter der musikalischen Hochschule zu Berlin wurde, auch den Jüngern ein, die zu Hunderten kamen, um unter des Meisters Führung den Weg zur Künstlerschaft zu betreten. Was vorherging, Joachim’s Thätigkeit als Konzertmeister in Weimar, dann als Kammervirtuos in Hannover, das waren nur Episoden seines Lebens. Die erstere führt zu leichter Entfrremdung zwischen Joachim und Liszt, auch zu einer starken Spannung mit Wagner, der von Joachim’s Kompositionstalent wenig hielt, in vorderster Linie aber herzlich erbittert war, daß Joachim aus der Reihe seiner unbedingten Anhänger fahnenflüchtig geworden. Zu Wagner’s Ehre muß indeß bemerkt werden, daß selbst seine Verstimmung, sein Groll und seine üble Laune ihn nicht hinderten, Joachim’s Geigergenie anzuerkennen. Was im Uebrigen Haß und Gunst betrifft, die Joachim’s Schöpfergabe in den Bereich ihres Streites ziehen, so liegt die Wahrheit diesmal thatsächlich in der Mitte. Das “Konzert in ungarischer Weise” zählt unstreitig mit in der Violinliteratur, den Ouverturen fehlt dagegen die dramatische Wucht und stärkere Empfindung spricht uns nur dort an, wo Joachim auf fremde Motive sich stützen durfte, wie in den Hebräischen Melodien. In seinem unvergleichlichen Vortrage allerdings sang und klang Alles, gewann auch das Schwächliche Körper. Er hat als ausübender Künstler Schule gemacht, der Kunstwelt Meister wie Eugen v. Hubay, Theodor Nachèz, Karl Halir, Heinrich Petri, Franz Ondricek, Marie Soldat geschenkt.

Was Josef Joachim für die Kunst der Kammermusik bedeutet, das bildet ein besonderes Kapitel seines Ruhmes. Eines, das man speziell bei uns recht gut kennt und sicher nicht bald vergessen wird. Die Joachim-Quartett-Abende waren Jahrzehnte lang ständig wiederkehrende Erscheinungen unseres Konzertlebens und ebenso viele Quellen reinen, edlen Kunstgenusses. Aber auch heimgekommen, als Gast seines Geburtslandes, vermied er es wenn möglich, das nationale Moment zu berühren. Er fühlte sich durchaus als Deutschen. Was schließlich Niemanden Wunder nehmen darf. Draußen war er großgezogen worden, fern von der Geburtsstätte hatte er Förderer, Freunde, Familie, Ehren, Gold und Weltruhm gefunden, — Ungarn hatte Joachim an Europa verloren, wie Franz Liszt, wie Nikolaus Lenau. Den Tropfen Ungarblut, der ihm durch die Adern floß und heißer wallte, wenn er nach seiner Zaubergeige langte, den kriegte er freilich nicht los, trotz der deutschen Gelehrtenbrille, die er trug, trotz der deutschen Bart- und Haartracht. Das Fünkchen magyarischen Feuers war nicht zu ersticken in ihm; es durchwärmte seine Kunst, durchglühte sein Spiel und sprang über auf die Zuhörer, die mit zurückgedrängtem Athem lauschten, wenn Joachim ihnen auf seiner Geige die Träume Beethoven’s Bach’s oder Mendelssohn’s in die Herzen hineinsang, oder wenn er die Ziegeunerweisen aufstimmte und süße Wehmuth und jauchzende Leidenschaft aus den Saiten lockte. Den Saiten, die nun nimmer erklingen werden unter seiner erkaltenden Hand.


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Joachim/Moser Violin School (Violinschule)

09 Thursday Oct 2014

Posted by Joachim in Works

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Joseph Joachim and Andreas Moser, Violinschule, Berlin: Simrock, 1905.


I. Joachim/Moser Violin School (Violinschule) Volume 1: Violinschule I

II. Joachim/Moser Violin School (Violinschule) Volume 2: Violinschule II

III. Joachim/Moser Violin School (Violinschule) Volume 3: Violinschule III 

 

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Felix Possart: The Joachim Quartet in the Singakademie zu Berlin (1903)

08 Wednesday Oct 2014

Posted by Joachim in Iconography, Joachim Quartet

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Please acknowledge the source: http://www.josephjoachim.com; images are in the public domain.


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Felix Possart: Das Joachim-Quartett in der Singakademie zu Berlin

Joseph_Joachim_Quartet_(1)Image courtesy: Carl McTague

Possart JJ Quartet

The whereabouts of the original painting are currently unknown. The above engraving appeared as a Beilage to the Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 4/5 (1903), between pp. 240 and 241.

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Robert Schumann, Fantasie for Violin and Orchestra, op. 131, Holograph

01 Wednesday Oct 2014

Posted by Joachim in Scores

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Robert Schumann, Fantasie for Violin and Orchestra, op. 131, Holograph


Composed: Düsseldorf, completed September 7, 1853

Dedicated to Joseph Joachim

Formerly in the possession of Charles Malherbe (1853-1911)

Bibliothèque nationale de France, département Musique, MS-310.

Schumann Fantasie Title Pg

Schumann Fantasie Page 1

Click link for entire score: Schuman Fantasie op. 131 MS


Phantasie/für die Violine/mit Begleitung des Orchesters/J. Joachim zugeeignet/von/Robert Schumann

Holograph Manuscript, ink and pencil, 60 pages; 33.5 x 27 cm.

Bibliothèque nationale de France, département Musique, MS-310.

http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b52502310k.r=joseph+joachim+violon.langEN

Public domain

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