Blätter für Theater, Musik u. Kunst, Vol, 7, No. 13 (February 12, 1861), p. 49


 

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Concerte.

Joachim.

Unter allen großen Geigern der Gegenwart, welchen Joachim unbedingt zuzuzählen ist, hat dieser am längsten gezögert, sich in Wien hören zu lassen. Trotz des vollkommen begründeten Bewußtseins seiner außerordentlichen Leistungsfähigkeit mochte eine geheime Stimme ihm zuflüstern, daß es in seinem Kunstvermögen einen Punct gebe, der an die Forderung des Wiener Publicums nicht hinanreicht. War diese Besorgniß der Grund, der ihn bestimmte, seinen oft kundgegebenen Vorsatz, nach Wien zu kommen, eben so oft zu verschieben, so dürfte auch die merkbare Befangenheit, die sein Spiel, zu Anfang wenigstens, verrieth, aus derselben Quelle geflossen sein.

Das Wiener Kunstpublicum ist vorwiegend sinnlich, wenngleich der Geistigkeit nicht unzugänglich. Es verlangt kräftige Emotionen, will von der Kunst leidenschaftlich aufgeregt werden. Es hat durch den reichen Beifall, den es den Leistungen des Hrn. Joachim rückhaltslos spendete, bewiesen, daß es die großen Eigenschaften dieses Künstlers, in so streng objective Fassung sie sich auch geben mögen, vollauf zu würdigen verstehe. Zu dem Beifall der Bewunderung würde sich aber auch der Jubel des Entzückens gesellt haben, wenn es Hrn. Joachim gelungen ware, in seinen Vortrag die Glut subjectiver Empfindung zu legen.

Ohne Frage beherrscht Hr. Joachim seine Kunst als vollendeter Meister. Er beherrscht sie, das dürfte der richtige Ausdruck sein, er hat sich sie völlig unterthan gemacht, sie ist seine Sclavin. Sie gehorcht ihm auf’s unfehlbarste; mehr aber leistet sie nicht. Man muß die Kunst lieben, als Geliebte umfassen, sich ihr mit ganzer Seele hingeben, dann, aber nur dann, jauchzt und jubelt sie mit dem Künstler. In diesem Verhältnisse scheint Hr. Joachim zu seiner Muse nicht zu stehen. Die Macht, mit der er sie an sich gefesselt, geht nicht vom Herzen, sondern vom Verstande aus. Er fühlt nicht, er denkt in Tönen, er repräsentirt, wenn man so sagen darf, die Philosophie des Violinspiels.

An Sicherheit, an Durchbildung der Technik steht Hr. Joachim mindestens keinem der jetzt lebenden Violinspieler nach, wenn er sie nicht alle übertrifft. Hinsichtlich der Eleganz und Lebhaftigkeit des Ausdrucks reicht er jedoch weder an Hellmesberger, noch bezüglich der Wärme und Intensität der Betonung an Vieuxtemps hinan. Sein Ton ist edel, kräftig, markig, seine Intonation die Unfehlbarkeit selbst, weder sein Bogen noch sein Fingerspiel kennen eine Schwierigkeit, die zu überwinden ihnen nicht bloß ein Spiel ware, seine Auffassung ist würdevoll bis zur Erhabenheit, durchdacht bis zum Tiefsinne, keusch und rein. Und so wie jede der unzähligen, unaufzählbaren Einzelheiten seines Spiels zur unbedingten Bewunderung nöthigt, so zwingt sein Spiel überhaupt zur höchstmöglichen Anerkennung, aber — es zündet nicht.

Hr. Joachim genießt in Norddeutschland den Ruf, im Vortrage des Beethoven’schen Concerts unübertroffen dazustehen. Möglich, daß wir hiernach unsere ERwartungen zu hoch gespannt hatten, möglich, daß der Künstler, der seine Production mit dieser Composition eröffnete, thatsächlich befangen war. Sollen wir aber nach dem Vernommenen urtheilen, so gestehen wir, dieses Stück von andern Virtuosen, wie Vieuxtemps, Laub, Hellmesberger, ja selbst von Singer nicht minder gut vortragen gehört zu haben. Eine neue, noch nicht gekannte Auffassung erschloß sich uns aus seiner Darstellung dieses Kunstwerkes wenigstens nicht. Auch bezüglich des Spohr’schen Adagio’s in C, welches er als zweite Nummer spielte, ließe sich kaum behaupten, daß es nicht mit mehr Innerlichkeit und Gefühlsanmuth wiederzugeben ware. Hingegen stehen wir nicht an, zuzugeben, daß die Art und Weise, wie Hr. Joachim Tartini’s “Teufelssonate”, namentlich den zweiten und letzten Satz, auffaßt und technisch wiedergibt, bisher ohne Beispiel war, und schwerlich zu erreichen sein dürfte. Ganz abgesehen von der Virtuosität der Streicharten, der Verzierungen, insbesondere der wie Raketenbrände prasselnden Pralltriller, liegt in der Auffassung und Betonung des Künstlers eine Kraft der Plastik, die das Stück gleichsam in Erz gegossen erscheinen läßt.

Einen großen Theil des guten Eindrucks, den Hr. Joachim mit seinem Spiele hervorbrachte, beeinträchtigten die von ihm componirten Cadenzen, die er sowohl in das Beethoven’sche Concert, wie auch in die Sonate, hier principiell unpassend, eingelegt hatte. Nebsstdem daß diese Cadenzen, zumal jene zum Concerte, an sich nicht bedeutend, ja vermöge ihrer chromatisch-harmonisierenden und vorwiegend accordlichen Structur nicht einmal effectvoll für das Instrument sind, weichen sie im Style so merklich von jenen des Concertes ab, daß man völlig aus der Stimmung geworfen wird. Einer, trotz der Wahrnehmung einzelner minder leuchtender Puncte, im Großen und Ganzen nichtsdestoweniger so hochbedeutenden Erscheinung gegenüber, wie sie Hr. Joachim unter allen Umständen ist und bleibt, darf ein nach einmaligem Anhören geschöpftes Urtheil dem empfangenen Eindrucke gemäß, wenngleich offen und freimüthig, doch nicht ohne Vorbehalt späterer Modificationen ausgesprochen werden. Es sollen daher mit dem Gesagten die Acten keineswegs geschlossen sein, ja es wird uns im Gegentheile sehr angenehm sein, wenn uns Hr. Joachim durch seine folgenden Leistungen zu dem Geständnisse bemüssigt, daß es nicht an seinem Spiele, sondern an unserer dießmaligen, vielleicht nicht entsprechenden Stimmung gelegen gewesen sei, jenem die Wärme abzusprechen, für das wir möglicher Weise gerade nicht die rechte und volle Empfänglichkeit mitbrachten.

Das Concert hatte ein überaus zahlreiches und höchst gewähltes Publicum versammelt und gewärte überdieß ein besonderes Interesse durch die Anwesenheit der Koryphäen des Violinspiels, wie Ernst, Mayseder, Böhm, Hellmesberger. Hr. Joachim wurde nach jeder Piece wiederholt gerufen. Die Begleitung des Hofopernorchesters unter Hrn. Dessoff’s Leitung ließ nichts zu wünschen übrig. Alles hingegen der Gesang eines die Zwischenpausen füllenden Fräuleins, das außer einer kräftigen und umfangreichen Stimme weder so viel technische noch musikalische Bildung besitzt, um mehr als dilettantischen Ansprüchen genügen zu können. Es sieht doch wahrhaftig traurig um die Gesangslehrer Wiens aus; seit zwölf Jahren haben sie nichts als Mittelmäßigkeiten zu Tag gefzuordert. An Stimmen ist kein Mangel. Fehlt es nun an Talenten, oder, was wahrscheinlicher, am Unterrichte? —

Z.

[Leopold Alexander Zellner]


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