Wiener Zuschauer. Zeitschrift für Gebildete, Vol. 36 (March 4, 1846), pp. 285–286.

jj-initials

Zweites Konzert des J. Joachim,
am 28 . Februar, um halb 10 Uhr Abends, im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde.

Selten hat ein jugendlicher Violinist in so hohem Grade die allgemeine Anerkennung einer ebenso rigorosen Kritik, als eines musikgebildeten Publikums zu erringen gewußt, als Joachim in seinem von ihm im vorigen Monat veranstalteten Konzert. Der glänzende Erfolg des zweiten bestätigte, wie wahr und gerecht damals beide in ihren Urtheilsäußerungen sich zeigten. In eine Poesiewelt, in ein Land der süßesten Träume, in ein Reich, wo der holdlächelnde Frühling für ewig seinen Thron aufgeschlagen, glaubte der Zuhörer sich versetzt, als er mit einer Zartheit und Delikatesse des Vortrages, mit entzückend-schönem warm und innig gefühltem Ausdruck ein wunderbarergreifendes “Konzert” von Felix Mendelssohn-Bartholdy von Joachim spielen hörte. Wer staunet nicht über ein so, frühes Talent, wie das des Konzertgebers, der an einem künstlerischen Erfassen großartiger Ideen, einem ruhigen Eingehen in die verschiedenartigsten Kompositionen edler Tongeister keinen Augenblick zweifeln läßt. Wieder war Joachim’s “Adagio: ein verkörpertes, schmerzlich bewegtes Gemütsleben, sein “Allegro” eine frische, jugendlich-kräftige Tonwelt. Gleich tüchtig erwies er sich auch in “Introduktion und Variationen über ein Original-Thema,” von Ferdinand David, einer Komposition, die in der Überwindung ungeheurer Schwierigkeiten einen Meister in der Technik sucht und ihn in dem jungen Joachim gefunden. Die preiswürdigste Leistung jedoch war wieder “Ciaconna” von Joh. Seb. Bach, das “auf Verlangen” vom Konzertgeber uns zu Gehör gebracht, ob der meisterhaften Exekutirung eine noch mehr begeisternde Theilnahme, als im ersten Konzerte, für Joachim wachrief. In ein paar Jahren glauben wir ihn, wenn er immer mehr und mehr an seiner Vervollkommnung arbeitet, den glänzendsten Violinisten der Gegenwart beizählen zu können.

Noch sang Fräulein Betti Bury zwei Lieder mit verständiger Auffassung und wohl-nuancirtem Ausdruck, ferners ein Hr. Wieselmann eine Arie aus “Othello.” Stimme ist viel werth, aber sie ist noch nicht Alles. Es genügt nicht blos eine kräftige, volltönende Stimme, wir wollen auch singen hören. Der Besuch war gewählt und zahlreich, die

286

Begeisterung für das blühende Talent des Konzertgebers eine, im oftmaligen Hervorruf und mehrmals sehr lebhaften Beifall sich kundgebende. Daß dises noch dazu in einem Nacht-konzerte so lebhaft geweckt ward, spricht noch deutlicher für dessen große Befähigung als produzirender Künstler.

C. Mr.