Signale für die Musikalische Welt, vol. 12, no. 52 (December, 1854): 429-30.


Zwei Soireen von Frau Clara Schumann und Herrn Joachim, welche dieselben am 10. und 16. Dec. im Saale der Singacademie in Berlin gaben, waren sehr zahlreich besucht, das Programm ein ausgewähltes und die Executirung der einzelnen Nummern von rauschendem Applaus begleitet. Folgende Stücke kamen in der ersten Soiree zur Aufführung: Sonate für Clavier und Violine (A dur) von J. S. Bach. — Romanze in G dur für Violine von Beethoven. — Sinfonische Etuden für das Pianoforte von R. Schumann. — Ciaconne für Violine von J. S. Bach. — Andante und Scherzo aus der F moll–Sonate von J. Brahms. — Sonate für Pianoforte und Violine in A dur Op. 47 von Beethoven. Außerdem Gesangsvorträge des Herrn von der Osten. Die Nationalzeitung sagt unter anderen: Indem sich ein paar künstlerische Persönlichkeiten, aus so edlem Stoffe gebildet wie diese Beiden, zum Vortrag der Bach’schen A dur-Sonate und der Kreutzer-Sonate von Beethoven vereinigten, mußte natürlich die Wirkung eine überwältigende sein. Wir hatten überall den Eindruck der getreusten Reproduction und sahen einmal wieder von Angesicht zu Angesicht jene beiden größten Meister, welche die entgegengesetzten Grenzen eines langen, entwicklungsreichen Zeitraums bezeichnen und doch durch die innerste Verwandtschaft verbunden sind. Von der Pianistin allein hörten wir: Sinfonische Etuden in Form von Variationen von Robert Schumann, eine seiner geistreichsten und gediegensten Claviercompositionen, und Andante und Scherzo aus einer F moll-Sonate von Johannes Brahms. In beiden Werken be-

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wies sie wieder die bewunderungswürdigste Ausdauer, Fertigkeit und Energie des Ausdrucks. Die Sonate schließt sich der Schumannschen Richtung an und legt Zeugniß ab von einem hervorragenden Productions-Vermögen. Das Andante trägt das Motto: “Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint, da sind zwei Herzen in Liebe vereint und halten sich selig umfangen.” Herr Joachim hatte sich zu seinen Soli die bekannte G dur-Romanze von Beethoven und Bachs berühmte Ciaconne gewählt. Der zarteste Duft und Farbenschmelz zeichnete die Eine, markige Kraft und meisterhafte Charakteristik die Andere aus. Herr von der Osten sang in seiner ansprechenden Weise die große Tenor-Arie aus der Schöpfung, ein sehr inniges, schon neulich von uns erwähntes Lied von Radecke und die Widmung von Schumann. Die zweite Soiree brachte folgende Werke: Sonate für Pianoforte in D moll von Robert Schumann. — Präludium und Fuge für Violine von Bach. — Variationen von Mendelssohn für Pianoforte, Op. 83. — Sonate für Pianoforte und Violine von Beethoven, Op. 30 in G dur. — Fantasiestück von W. Bargiel aus Op. 8. — Notturno in E moll von Chopin. — Rondo von Weber aus der C dur-Sonate für Pianoforte. — Präludium in E dur von J. S. Bach. Variationen von Paganini für Violine. Ferner trug der Sternsche Gesangverein zwei Lieder von Mendelssohn und zwei Lieder von Robert Schumann vor. Am 20. Dec. werden Clara Schumann und Joachim eine dritte und letzte Soiree geben.

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