Arno Kleffel, „Das Joachim’sche Quartett,“ Schorers Familienblatt 11, Nr. 11 (1894): 41–42.
English translation below

Das Joachim’sche Quartett
Das war am 25. Januar dieses Jahres ein denkwürdiger und für alle, die ihn miterlebt, ein erhender Abend. Von Meister Joachim und seinen ausgezeichneten Genossen, den Professoren Kruse, Wirth und Hausmann, denen sich diesmal zur Ausführung der zweiten Violastimme noch Herr Concertmeister Eldering angeschlossen, war soeben als Schlußnummer des Programms Beethoven’s C-dur-Quintett beendet worden, als sich plötzlich die gesamte Zuhörerschaft erhob und in eine Beifallsovation ausbrach, wie sie die Räume der Singakademie in so demonstrativer Weise und in gleich zündender Unmittelbarkeit wohl kaum noch vernommen, und die nicht eher zu dämpfen war, als bis Joachim auf dem Podium zu verschiedenen Malen den Danktribut der begeisterten Zuhörerschaft in Empfang genommen hatte. Was war, hätte man fragen können, geschehen, um diesen außergewöhnlichen Jubelausbruch zu entfesseln? Weder das Werk noch dessen Wiedergabe konnten dazu die Veranlassung gegeben haben, denn daß von dem Joachim’schen Quartett immer nur das Beste in der vollendetsten Ausführung geboten wird, muß ja jedem von vornherein als selbstverständlich gelten. Niemand von den Zuhörern würde im Augenblick die rechte Antwort gefunden haben. Jeder fühlte nur, daß sein Herz nach überquellender Dankesäußerung verlange. In dieser, vom Augenblick geborenen Huldigung liegt vielleicht die höchste Ehre, die einer Kunstleistung zu Teil werden kann. Es bedarf heutigen Tages keines Hinweises mehr, welche Stellung das Joachim’sche Quartett in Berlin, ja in der gesamten musikalischen Welt einnimmt. Wie es noch niemals einen mit blendendster Virtuosität ausgestatteten Künstler gegeben hat, der mit Verachtung jedweden äußeren Effektmittels sich während seines ganzen Lebens in so selbstloser Weise dem Dienst der Kunst geweiht hat, wie Joachim, ebenso wenig wird es auf der Welt eine zweite Künstlervereinigung geben, welche die bedeutendsten Schätze unserer Kammermusikliteratur in gleich vollkommener Stilreinheit, mit gleich pietät- und weihevoller Hingabe auszuführen im Stande ist, wie das Joachim’sche Quartett. Wie Joachim der erste war, der die musikalische Welt mit den Bach’schen Violinwerken bekannt machte, der es ferner wagte, das halbvergessene Beethoven’sche Violinconcert bei Gelegenheit des Düsseldorfer Musikfestes im Jahre 1853 zum ersten Mal öffentlich zu spielen, ebenso kannte er als Führer seiner Quartettvereinigung kein höheres Ziel, als das Verständnis des deutschen Volkes für die bisher gefürchteten und unausführbar geltenden letzten Beethoven’schen Streichquartette zu erschließen. Wie es seiner Anregung und thätigen Mithilfe erst zu danken war, daß in Bonn Beethoven’s Geburtshaus angekauft und zu einem künftigen Beethoven-Museum bestimmt wurde, so bildete seine Quartettvereinigung wiederum ein Mittelpunkt der musikalischen Aufführungen, als vor vier Jahren in Bonn das erste Beethoven-Kammer-Musikfest ins Leben gerufen wurde, um diesem Museum den ersten nennenswerten Beitrag als Stammfond zuzuführen. Wie Joachim niemals ein Tonstück zur Folie seiner außerordentlichen Kunstfertigkeit verwendet, sondern einzig und allein in möglichst abgeklärter Reproduktion desselben sein künstlerisches Genüge findet, ebenso ist man beim Anhören jeder seiner Quartettdarbietungen überzeugt, daß sich der Schöpfer so und nicht anders sein Werk gedacht haben mag. Nie hört man ein Hervordringen eines Instruments, jede Stimme scheint der anderen liebevoll
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entgegen zu kommen, und so vereinigen sich alle vier zu einem harmonisch vollkommenen Ganzen. Es hat deshalb etwas wunderbares, mit welcher Deutlichkeit bei diesem Sichtergänzen und Ineinanderfügen der Stimmen doch die Fäden des Gewebes unserem Auge klargelegt, wie die geheimsten Gänge und Irrpfade unserem Geiste erschlossen werden. Man muß vor vier Jahren in Bonn Zeuge gewesen sein, wie mächtig, wie Offenbarungen gleich die beiden Riesenquartette von Beethoven in Cis-moll und B-dur auf die Zuhörer wirkten. Man stand unter dem Eindruck, daß Vollkommeneres nicht zu leisten, dem menschlichen Auge wenigstens nicht mehr erkennbar sei. So bilden seit Jahren die Joachimschen Quartettabende nicht nur den Brennpunkt des Berliner Musiklebens, sondern die denkbar vollkommenste Künstlervereinigung überhaupt. Während sich das Publikum sonst in den Concert- oder Theateraufführungen aus den verschiedensten Schichten des Volkes zusammensetzt, besteht die Zuhörerschaft der Joachim-Abende fast ausschließlich aus dem geistigen Adel der Residenz.
Wenn man einmal alle die Namen derjenigen in Erfahrung bringen könnte, welche die andächtige Gemeinde nur eines einzigen dieser Abende bilden, man würde über die große Zahl hervorragender, teils weltberühmter Kapacitäten erstaunt sein. Gleichviel welchem Zweig der Wissenschaft, der Kunst oder welchem Beruf er sonst angehören mag, jeder Zuhörer findet dort Anregung und Erbauung, jeder erlebt dort Stunden reinen, ungetrübten Glücks. Der Dank für diese Stunden und das Überströmen der Freude, daß der Meister, der sie uns geboten, als leuchtendes Vorbild noch in voller Manneskraft unter uns weilt, hatte plötzlich die Herzen an jenem Abend erglühen gemacht. So glänzende und rauschende Ovationen auch Joachim erlebt haben mag, vielleicht wird er auf keine mit größerem Stolz und innigerer Freude zurückblicken, als auf jene Huldigung am 25. Januar.
English translation
It was, on the 25th of January of this year, a memorable evening—one that proved uplifting for all who experienced it. Master Joachim and his distinguished colleagues, Professors Kruse, Wirth, and Hausmann—joined on this occasion for the performance of the second viola part by Concertmaster Eldering—had just concluded Beethoven’s C-major Quintet as the final number on the program, when suddenly the entire audience rose to its feet and burst into an ovation such as the halls of the Singakademie have scarcely ever heard in so demonstrative a form and with such immediate fervor, and which could not be subdued until Joachim, on the podium, had received the tribute of thanks from the enthusiastic audience several times over.
What, one might have asked, had occurred to unleash this extraordinary outburst of jubilation? Neither the work itself nor its performance could have been the cause; for it must be taken as self-evident that the Joachim Quartet always offers only the finest in the most perfect execution. No one among the listeners would, in that moment, have found the proper answer. Each felt only that his heart demanded an overflowing expression of gratitude. In such homage, born of the moment, perhaps lies the highest honor that can be bestowed upon an artistic achievement.
Nowadays, it needs no further explanation what position the Joachim Quartet occupies in Berlin, indeed in the entire musical world. Just as there has never been an artist endowed with the most dazzling virtuosity who, with disdain for every outward effect, devoted himself so selflessly throughout his life to the service of art as Joachim, so too there can scarcely exist another ensemble capable of performing the greatest treasures of our chamber music literature with equal purity of style and with such reverent and consecrated devotion as the Joachim Quartet. As Joachim was the first to acquaint the musical world with Bach’s works for violin, and further dared, on the occasion of the Düsseldorf Music Festival in 1853, to perform publicly for the first time the half-forgotten Beethoven Violin Concerto, so also, as leader of his quartet, he knew no higher aim than to open the understanding of the German people to the last Beethoven string quartets, hitherto feared and deemed unperformable.
Just as it was due to his initiative and active assistance that Beethoven’s birthplace in Bonn was purchased and designated as a future Beethoven museum, so too his quartet formed a central focus of musical performances when, four years ago in Bonn, the first Beethoven Chamber Music Festival was established in order to provide this museum with its first substantial endowment. As Joachim never uses a musical work as a mere foil for his extraordinary technical skill, but finds his artistic fulfillment solely in its most purified reproduction, so one is convinced, in hearing each of his quartet performances, that the composer must have conceived the work precisely thus and not otherwise. One never hears any instrument thrust itself forward; each voice seems to meet the others with loving consideration, and thus all four unite into a harmoniously perfect whole.
It is therefore something remarkable how clearly, in this mutual complementing and interweaving of the voices, the threads of the texture are laid bare to the eye, how the most hidden pathways and byways are revealed to the mind. One must have witnessed, four years ago in Bonn, how powerfully—like revelations—the two gigantic quartets of Beethoven in C-sharp minor and B-flat major affected the listeners. One stood under the impression that nothing more perfect could be achieved, at least nothing further perceptible to the human eye. Thus for years the Joachim Quartet evenings have formed not only the focal point of Berlin’s musical life, but the most perfect ensemble of artists imaginable.
Whereas audiences at concerts or theatrical performances are otherwise drawn from the most varied strata of society, the listeners at Joachim’s evenings consist almost exclusively of the intellectual aristocracy of the capital. If one could ascertain all the names of those who form the devout congregation of even a single such evening, one would be astonished at the great number of eminent—some world-renowned—figures. Whatever branch of science, art, or profession they may belong to, every listener finds there stimulation and edification; each experiences hours of pure, unclouded happiness. Gratitude for these hours, and the overflowing joy that the master who has granted them to us still dwells among us in the full vigor of manhood as a shining example—this it was that suddenly set hearts aflame on that evening. However brilliant and resounding the ovations Joachim may have experienced, he may look back on none with greater pride and more heartfelt joy than on that tribute of January 25.

