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August Wilhelm Ambros: Review of Joachim’s Orchestration of Schubert’s Grand Duo, Op. posth. 140, D812. Wiener Zeitung, No. 260 (November 12, 1872): 1785. (Second concert of Hans von Bülow, November 7, 1872, in the small hall of the Vienna Musikverein).


Eine Symphonie von Franz Schubert schloß das Concert oder eigentlich eine Uebersetzung des Duo, Op. 140, aus dem Pianoforte ins Orchestrale. Joachim, der Uebersetzer, hat die Aufgabe glänzend gelöst. Schon Rob. Schumann hatte anfangs das Klavier-Duo für eine arrangirte Symphonie gehalten und war nur durch Schuberts eigenhändige Bezeichnung auf dem Originalmanuscript eines Anderen zu belehren. Man höre ja, meinte Schumann, ganz deutlich, selbst auf dem Klavier, die Orchestertutti, Horn- und Oboeneinsätze, Paukenwirbel u. s. w. Joachim hat das alles auch gehört und an rechte Stelle hinzuschreiben gewußt. Seine Bearbeitung macht durchaus den Eindruck eines Originalwerkes – sie sagt exoterisch, was esoterisch in dem Schubert’schen Klavierstück verborgen ist. Die Anklänge an Beethovens zweite und siebente Symphonie hat schon Schumann bemerkt.

Kaum ein anderes Werk Schuberts läßt die directe Einwirkung Beethoven’scher Vorbilder so deutlich erkennen als dieses dennoch originelle und echt Schubert’sche Duo. Auch darin ist es echt schubertisch, daß Freund Franz im Finale wie gewöhnlich die Ausgangsthüre eine gute Weile sucht, ehe er sie endlich findet. Er gleicht in der That in seinen größeren Instrumentalwerken ein wenig dem Blutegel des Horatius im Schlußvers des Pisonen-Briefes. Schumann zählt das Duo (mit Recht) zu Schuberts besten Arbeiten – „wir haben eine Symphonie mehr“, sagt er. Jetzt haben wir sie durch Joachim wirklich und wahrhaftig, und wir danken ihm dafür!


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