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Joseph Joachim

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Joseph Joachim

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Heinrich Ehrlich: Joseph und Amalie Joachim (1873)

25 Sunday Feb 2024

Posted by Joachim in Biographical Sketches

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Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, (ed. Julius Rodenberg), vol. 1 (Leipzig: A. H. Payne, 1873), 43-55.


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Joseph und Amalie Joachim

     

         Die lezten Jahre haben nicht allein der deutschen Nation glänzende Siege, politische Einigung, die höchsten Güter nationalen Bewußtseins verliehen, sie haben auch der Kunst den Vortheil gebracht, daß auf ihrem Gebiete — wie auf dem politischen — die Partei sich bilden kann, welche, aller Exclusivität fremd, das Gute auf jeder Seite anerkennt, widerstrebende Elemente zu versöhnen und für allgemeine große Zwecke zu vereinigen strebt. Die Kunstgeschichte bietet ja fast dieselben Erscheinungen wie die politische: Wechselwirkung zwischen Nothwendigkeit und höherer Erkenntniß des Nothwendigen; Kampf verschiedenartiger Richtungen; scharfe Gegensätze selbst innerhalb der edelsten Bestrebungen nach gleichem Ziele; endlich Verständigung und gegenseitige Anerkennung bei vollkommener Wahrung der eigenen Ueberzeugung und Unabhängigkeit. Allerdings dürfen die Erscheinungen in der Kunst eben so wenig vom doctrinär ästhetischen Standpunkte beurtheilt werden, wie die im Staatenleben vom vorgefaßten politischen; der vielgeschmähte Constitutionalismus, der die verschiedenartigen Kräfte in dem einen Puncte: Zusammenwirken für das allgemeine Beste, zu vereinen sucht, ist auch in der Kunst der einzige richtige Leitfaden für unbefangenes und unabhängiges Urtheil. Doch — und das wollen wir hier gleich vollkommen genau feststellen — sein Wirken beginnt erst, wenn die Gegensätze im Kampfe sich gemessen und ihre Kräfte entfaltet haben; denn “der Streit ist der Vater der Dinge”.[1]

              Von diesem Standpunkte werden wir das Wesen und Wirken des größten ausübenden Meisters unserer Zeit prüfen und beurtheilen, Joseph Joachim’s, dessen künstlerische Entwicklung äußerlich als eine ganz gleichmäßige erscheint, in der That aber die bedeutsamsten Phasen des Musiklebens der letzten Jahre durchwandelt hat.

              Joseph Joachim ist am 18. Juni 1831 in Kittsee, einem kleinen Orte Oberungarns, geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, zog bald nach der Geburt dieses jüngsten Sohnes nach Pest. Der Knabe zeigte frühzeitig entschiedene Neigung für Musik, ward einem Lehrer anvertraut und schon in seinem siebenten Jahre in einem Concerte vorgeführt. Er spielte Variationen von Pechatschek[2] und ein Doppelconcert mit seinem Lehrer. Noch im Jahre 1844 erzählten Pester Musiker und Musikfreunde dem Verfasser von dem enormen Eindrucke, den der Knabe hervorbrachte, von dem ruhigen Ernst, mit dem er seine Aufgabe löste. Das allgemeine Urtheil bestimmte den Vater, ihn nach Wien zu führen, und der Leitung Hellmesbergers (Vater) anzuvertrauen.

              Die österreichische Hauptstadt galt damals noch als die, welche allein neben Paris Ruhmesdiplome für Virtuosen ausstellen durfte. Durch ihre Entscheidung war Liszt das Primat zuerkannt worden, um welches zwei Jahre früher Thalberg in Paris und London mit ihm kämpfen durfte, und gerade zur Zeit, als Joachim ankam, fällte sie in dem Wettstreite zweier berühmter Geiger das entscheidende Urtheil. Beriot, das Haupt (“chef d’école”) der neuen französisch-belgischen Violinschule[3] hatte eben durch sein außerordentlich feines, elegantes und sicheres Spiel große Erfolge errungen, und sein drittes Concert angezeigt, als Ernst erschien. Vor dem Glanze seiner Leistungen, vor seiner Elegie, den Othello-Variationen und dem damals ganz neuen “Carneval von Venedig” erblich das bengalische Theaterfeuer des Franzosen; Wien proclamirte Ernst als den ersten Geiger seiner Zeit. Der treffliche Künstler war auch damals noch nicht durch Kränklichkeit und die Ermüdungen eines fahrenden Virtuosenlebens geschwächt, in seinen Vorträgen zeigte sich noch keine Spur jener Unsicherheit und Ungleichheit späterer Jahre, die zwar manchmal vor dem Aufflammen einer erlöschenden genialen Kraft zurückwich, aber immer mehr Herr über ihn ward und ihn zuletzt vom Concertsaale ganz fern hielt. Seine Technik war noch mächtig und außerordentlich glänzend, sein Ton klang gewaltig, schön, edel; seinen Vortrag erfüllte eine tiefe elegische Wehmuth die erst später in winselndes Klagen ausartete und feuriger Schwung; und seine Compositionen, wenn auch mehr von effectanstrebender als künstlerischer Richtung,trugen doch edles und individuelles Gepräge und boten nicht den Mischmasch von trockener Generalbaß-Gelehrsamkeit, süßlichem Geklingel und etüdenhaftem Passagenwerke, wie die später vielbeklatschten Concerte und Phantasien von Vieurtemps. Ernst’s Elegie und manche seiner Duos für Clavier und Violine, die er im Verein mit Steffen Heller componirte, können noch heute als Muster ihrer Gattung gelten.

Er stand im vollsten Glanze seines Ruhmes, als ihm der kleine Joachim vorgeführt wurde; und sofort erkannte er den jungen Stamm der Eiche, die einst über Alle hinausragen sollte. Noch in seinen letzten Lebensjahren rühmte er sich öfters mit Behagen seiner Prophezeiung vom Jahre 1841, daß in Joachim der größte Geiger heranwachse; und in seinen niederdrückenden körperlichen und moralischen Leiden war es ihm ein Freudentag , ein Tag erhebenden Trostes, wenn er vernahm, daß der Künstler, dessen Größe er vorausgekündigt, eine von seinen Compositionen öffentlich vorgetragen hatte. Der arme Ernst! Er ist vor wenigen Jahren gestorben, aber sein Name, einst so hochgeehrt, so berühmt, war schon längst verschollen. Wohl selten ist ein bedeutender Künstler und edler Mensch in größerm Weh zu Grunde gegangen!

Seinem Rathe zufolge ward Joachim — dessen weitere Erziehung Verwandte in Wien übernommen hatten — der Leitung Böhm’s anvertraut, der nach Maiseder als Virtuos, Quartettspieler und Lehrer das bedeutendste Ansehen genoß.[4] Unter diesem studirte der junge Künstler bis zum Jahre 1844, in welchem er an dem ersten entscheidenden Wendepunkte seiner künstlerischen Entwickelung anlangte, Das Leipziger Conservatorium war eben gegründet worden durch die Anregung Mendelssohn’s , unter dessen Leitung die Gewandhausconcerte sich zur höchsten Blüthe und Bedeutung erhoben. Eine in Leipzig verheirathete Anverwandte Joachim’s schrieb oft und dringend, er solle nach ihrer neuen Heimat kommen, dort auftreten und seine Studien unter Mendelssohn und David vollenden; die Familie, deren Obhut er anvertraut war, entschloß sich, ihn auf die “weite Reise” mit der Post nach Dresden und von da auf der Eisenbahn nach Leipzig zu senden.

              Wenn sie dabei wol mehr von dem Gedanken, daß der Knabe “im Auslande” bekannt werde, sich leiten ließ, als von dem seiner künstlerischen Ausbildung in Leipzig, so darf sie nicht der leiseste Tadel treffen. Man konnte von Kaufleuten nicht höhere Kunstanschauungen verlangen, als im elegantesten Wiener Publicum vorherrschten. Die glänzenden Erfolge und reichlichen Concerteinnahmen reisender Wunderkinder waren eine unleugbare, allgemein anerkannte Thatsache, aber die Bedeutung des neu gegründeten Conservatoriums in Leipzig, und die von dort ausgehende Kunstrichtung ward nur in Norddeutschland — und auch da nicht ohne Anfechtung — erfaßt, im Süden fast gar nicht beachtet. Mendelssohn galt noch der Mehrzahl der Wiener Kritiker und Fachleute als Verstandesmusiker; Schumann war dem Publicum zumeist als Gatte der Clara Wieck, deren Vater die Ehe so lange nicht zugeben gewollt, romanhaft interessant; aber seine Compositionen, für die Wien jezt mehr schwärmt, als der Norden, und sein Wirken als Kunstkritiker kannten nur sehr Wenige; die Masse verhielt sich ganz gleichgiltig gegen ihn.[5]

              Von einem Geiger “David” hatte noch Niemand reden hören, der “alte Moscheles” gehörte einer längst entschwundenen Periode des Clavierspieles an. Wenn wir also behaupten, daß nicht die Bedeutung des Leipziger Conservatoriums der für die Verwandten Joachim’s entscheidende Grund seiner Uebersiedelung war, so glauben wir um so weniger zu irren, als selbst sein Lehrer Böhm , der vortreffliche classisch gebildete Musiker unbegreiflich fand, daß ein so hochbegabter Knabe, anstatt in Paris höchste virtuose Ausbildung und Ruhm zu suchen, in “Leipzig” Musik studiren wollte. Und am so höher ist das Geschick zu preisen, welches durch einen äußerlichen Anlaß des jungen Künstlers Schritte dahin lenkte, wo er jene harmonische Entwickelung fand, deren Mangel selbst große Künstler schmerzlich empfanden. Wie vieler Kämpfe bedurfte es zu der vollkommenen Reinstimmung, die jetzt sein Wesen kennzeichnet, wenn er die unermeßlich wichtige Uebergangszeit vom dreizehnten bis zum zwanzigsten Jahre anstatt in Leipzig unter Mendelssohn’s Einflusse, in Paris verbrachte, wohin damals noch alle Wege wiesen!

              Als er Mendelssohn vorgeführt wurde, von dessen Entscheidung die Aufnahme in das Conservatorium abhing, erkannte der große Meister sofort die ganz künstlerisch angelegte Natur des Knaben, und faßte einen schnellen, seinen Charakter bezeichnenden Entschluß: unter seiner unmittelbaren Leitung, nicht als Schüler des Conservatoriums sollte er studiren — von David im Geigenspiel so viel als nöthig unterrichtet werden. Er beaufsichtigte seine Arbeiten, musicirte sehr oft mit ihm, sein Rath und seine Anleitung entwickelten die Auffassung und den Vortrag des jungen Künstlers und gaben ihm den sichern Compaß für die Richtung nach dem Höchsten.

              Fünf Jahre blieb Joachim in Leipzig, zuerst als Lernender, dann als erster Geiger, endlich als zweiter Concertmeister der Gewandhausconcerte, von den Besten geliebt und geleitet. In dieser Zeit unternahm er auch seine erste Reise nach London, auf Anregung seines Meisters und Freundes. Dieser war in der Themsestadt fast noch höher geehrt als in Deutschland, beim musikalischen Publicum populär durch seine herrlichen Compositionen und sein wundervolles Clavierspiel, d e m nicht musikalischen sehr interessant als des berühmten Philosophen Enkel, der nun auch einen berühmten Namen erworben hatte, selbst bei der damals noch ganz intoleranten aristokratischen Gesellschaft wol angesehen, weil er nicht als “professional” auftrat, für seine Leistungen in Privatzirkeln kein Honorar annahm, und also zu den Gästen gehörte und nicht hinter dem Seile stand, welches die bezahlten Künstler selbst die Malibran von der Zuhörerschaft trennte.[6] Durch seine Verwendung und Empfehlung erlangte Joachim das höchste Zugeständniß des strengst abgeschlossenen musikalischen Vereins: die Philharmonic society, in deren Concerten, den Statuten zufolge, nur ausgebildete Künstler, keine Wunderkinder (prodigies) auftreten durften, öffnete ihm, den fünfzehnjährigen Jüngling, ihre Pforten und ließ ihn das Concert von Beethoven vortragen. 

              Der Leser mag sich eine Vorstellung bilden von der Scene, wie das classische, exclusive Publicum einer Nation, die noch heute an alten Formen mit pünktlicher Genauigkeit festhält, in deren Parlamente zwar die Mitglieder mit dem Hute auf dem Kopf und in Jagdstiefeln, der Präsident (speaker) jedoch nur im alterthümlichen Costüme und mit einer ungeheuren Perrücke erscheinen dürfen, wie dieses Publicum zuerst den jungen “Burschen” betrachtete, der ihm das Concert von Beethoven vorspielen sollte, wie es nach und nach den Widerstand gegen die ungewohnte Form aufgiebt, sich dem Eindruck der Leistung überläßt, sich immer mehr erwärmt, bis es zuleßt in einen donnernden Applaus ausbricht, wie er die Räume der Hannover concert rooms nur selten durchbraust hatte! An jenem Tage gründete Joachim seinen Ruhm in England und die Ausnahmestellung, auf die wir später zurückkommen werden.

              Mit dem Jahre 1850 beginnt eine zweite bedeutsame Phase in der Entwickelung unseres Künstlers. Seit dem Tode Mendelssohn’s mochte er wol in Leipzig sich vereinsamt fühlen; er hatte nicht blos den persönlichen Gönner und Freund verloren, auch den hellblickenden großen Meister, dessen ganzes Wesen ihm höchste Anregung im Leben wie in der Kunst verlieh. Er war gewohnt neben einem Größern zu stehen und zu wirken, immer Neues, Bedeutsames kennen zu lernen und weiter zu befördern. Das fehlte ihm. Eine Reise nach Paris, die er mit dem trefflichen Cellisten Coßmann unternahm, brachte ihm in Trio-Soiréen und Concerten größte Erfolge, beste gesellschaftliche Aufnahme, aber keine innere künstlerische Befriedigung, keinen Ersatz für den bisherigen Wirkungskreis.

              Gerade zu jener Zeit entstand die große Bewegung in der Musikwelt, die, von Wagner ausgehend,von Liszt mit allen Kräften unterstützt, einen mächtigen, nicht zu unterschätzenden Umschwung hervorbrachte. Um für ihre Bedeutung und Berechtigung den richtigen Maßstab zu gewinnen, muß man vor Allem sich die Periode vergegenwärtigen, in welcher sie entstand, die Factoren, welche dabei mitthätig auftreten, die allgemeinen politischen und socialen Zustände. 

              Den überschwänglichen, nebelhaften, zerfahrenen politischen Experimenten war ein scharf gegensätzlicher Umschwung gefolgt, der um so tiefer demüthigend und niederdrückend wirken mußte, als die Nation aus der Revolution nicht einmal das Bewußtsein äußerer Machtentfaltung mitnehmen konnte, wie einst die englische, deren Cromwell ihre Seemacht gründete, und den protestantischen Glauben überall beschüßte, oder die französische, die gerade in der schrecklichsten Zeit der neunziger Jahre gegen Europa siegreichen Krieg geführt hatte. Eine dumpfe Apathie lastete auf dem geistigen Leben Deutschlands. Die politische Literatur beschäftigte sich mit mehr oder minder gehässig geschriebenen Parteischriften, und mit dem wenig erquicklichen Broschüren- und Zeitungsstreite zwischen Oesterreich, das durch Rußlands erbetene Dazwischenkunft vom Zerfalle gerettet worden war, und Preußen, welches diesem Oesterreich in allen nationalen Fragen weiteste Zugeständnisse eingeräumt hatte. Kunst und Wissenschaft lagen danieder, das Musikleben kann nicht bezeichnender geschildert werden, als durch die Thatsache, daß Meyerbeer’s Prophet und Schulhoff’s Concerte den Glanzpunkt bildeten.

              So standen die Verhältnisse, als ein schaffender Künstler, der als solcher noch wenig genannt worden war, aber durch seine Betheiligung am Dresdener Aufstande die damals noch Werth verleihende Bedeutung des politischen Flüchtlings genoß, mit einer Schrift hervortrat, die an staunenswerther Kühnheit, an revolutionärem Tone, aber auch an künstlerischem. Feuer und Schwunge alles bisher in dieser Gattung Geleistete übertraf; der Mann wagte in jener Zeit den künstlerischen Verfall den elenden politischen Verhältnissen zuzuschreiben, wagte es, an das Volk zu appelliren für Rettung der Kunst. Das ungeheure Aufsehen, welches diese Schrift in den verschiedenartigsten Kreisen erregte, war noch nicht geschwunden, als er ein zweites Werk — dieses Mal ein wissenschaftliches, weitausgesponnenes — veröffentlichte, worin er seine Grundthesen einer gänzlichen Umgestaltung der dramatischen Musik aufstellte. Der apodictische Ton der Behauptungen und Urtheile, die rücksichtslose Kühnheit der Angriffe, aber auch die unleugbare Wahrheit vieler Aussprüche und Betrachtungen über dramatische Musik, Operntexte, Stil und Färbung, gaben diesem neuen Werke eine noch größere Bedeutung als das erste erlangen gekonnt. Den großartigen Erfolg des Schriftstellers Wagner steigerte der Componist Wagner durch gleichzeitige Herausgabe von “Lohengrin”, worin er zeigte, wie er seine Theorien auch durch die künstlerische That verwirklichen könne. Kein Hofintendant oder Theaterdirector wagte damals, das Werk des verbannten Kapellmeisters und revolutionären Schriftstellers vorzuführen. Nur Liszt in Weimar ließ sich durch kein Bedenken zurückhalten, entschied durch seine Stellung als Hofkapellmeister und durch seinen Einfluß bei Hofe die Aufführung, die einen großartigen Erfolg erzielte, und schrieb in die damals weitest verbreitete Leipziger Illustrirte Zeitung einen von Begeisterung erfüllten Artikel mit Notenbeispielen, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Oper lenkte. Der Anstoß zur Polemik war nun gegeben, und sie brach allseitig mit einer Heftigkeit hervor, die, wenn auch unleugbar durch die Wichtigkeit der Frage und die rücksichtslose Herausforderung Wagners, doch auch zum großen Theil durch die damalige politische Stagnation zu erklären ist, in welcher die Erregung bedürftigen Geister jede Gelegenheit, sich Luft zu machen, an irgend einem Streite sich zu betheiligen, begierig erfaßten.

              Die politischen Leidenschaften hatten ein Feld gefunden, auf dem sie sich frei bewegen durften; sie konnten bei dieser künstlerischen Frage auch die staatlichen mit in’s Spiel ziehen; in den Musikzeitungen durfte so Vieles gesagt werden, was eine politische auszusprechen nimmermehr wagte! Die Anhänger Wagner’s pflanzten das Banner des Fortschritts, der Menschheit, der Aufklärung — auch der neuesten Schopenhauer’schen Philosophie auf, die damals gerade Boden zu fassen begann; die Gegner der “Zukunftsmusik” stritten nicht allein für die Gesetze der Kunst, sondern auch für “Erhaltung des Staates”, den Wagner zertrümmern wollte. Jeder freiheitlich Gesinnte mußte — zumal in den Kleinstaaten — ein Wagnerianer sein, sonst galt er für einen verkappten Reactionair, oder wenigstens für einen “Gothaer”. Andererseits durfte man, vorzüglich in Preußen, Sachsen und Oesterreich, die Einleitung zum Lohengrin nicht preisen, wenn man denk maßgebenden Kreisen nicht als Demokrat oder wenigstens als “angeröthelt” erscheinen wollte.

              Die specifisch musikalische Partei Wagner’s war damals noch klein. An der Spitze der Bewegung stand Liszt; ja man kann sagen er hat sie gebildet, organisirt und geleitet. Seinen Namen umgab ein noch ganz ungetrübter Glanz. Er war noch nicht als Componist von “Symphonischen Dichtungen” und “Oratorien” aufgetreten zwischen denen die gleichzeitig entstandenen Transcriptionen von “Rigoletto”, “Trovatore”, Faustwalzer, “Afrikanerin” u . dgl. sich seltsam genug ausnehmen und seine unübertroffene Meisterschaft als ausübender Künstler war selbst von Denen anerkannt, die, dem eigentlichen Virtuosenthum abhold, der rein classischen Richtung anhingen, aber seiner Genialität die Fähigkeit, classische Werke vollendet wiederzugeben, zugestehen mußten. Er beherrschte das künstlerische Leben in Weimar, das sich zu jener Zeit ganz und gar in der Musik concentrirte; und von dort aus übte er mächtigen Einfluß nach den verschiedensten Seiten. In der Aristokratie, die noch den vergötterten Pianisten und bezaubernden Weltmann im Auge hatte, und in einem großen Theil der wahrhaft begeisterten Jugend zählte er verläßliche Anhänger, denen sein Urtheil als Gesetz galt. Sein genialer Scharfblick errieth bald, welche große künstlerische und für seine neue Richtung entscheidende Kraft in Joachim gewonnen werden konnte, und auf seine Anregung stellte der Weimarsche Hof dem jungen Künstler in Leipzig glänzende Anträge: lebenslängliche Anstellung als Concertmeister, ein verhältnißmäßig hohes Gehalt, und alle gesellschaftlichen Vortheile. Joachim durfte nicht zaudern, einen solchen Wirkungskreis, und neben Liszt, anzunehmen! Wir haben in diesen Blättern[7] bereits einmal ausführlich von der Persönlichkeit Liszt’s gesprochen, von seinen außerordentlichen geistigen Gaben, von dem Zauber, den er auf seine Umgebung auszuüben vermochte; und es läßt sich wol denken, in welchem Grade er den zwanzigjährigen Joachim — dem gegenüber er alle seine Kräfte als Künstler, als Musiker von reichstem Wissen, als geistreicher Weltmann entfaltete, und den er als einen Ebenbürtigen behandelte einnehmen mußte. Das Verhältniß zwischen ihnen war Jahre lang ein freundschaftliches, bis die Verschiedenheit der Ansichten, vielleicht auch die gesteigerten Ansprüche Liszt’s, der durchaus als großer Componist anerkannt sein will, allmälig eine Entfremdung, zuleßt die gänzliche Trennung herbeiführten.

              Joachim konnte während seines Aufenthaltes in Weimar und auch noch einige Zeit nachher von der Wagner’schen Partei als einer der Ihren betrachtet werden, denn wenn er auch seinem ganzen Wesen nach jedem Parteigetriebe fern stehen mußte, so äußerte er doch seine Sympathien für Wagner’s Opern unverholen und bei jeder Gelegenheit. Merkwürdigerweise zeigen seine Compositionen aus jener Periode nicht die leiseste Spur von Wagnerscher Melodienbildung oder Harmonisation. Sein erstes Concert, das er 1853, als er bereits nach Hannover übergesiedelt war, auf dem Karlsruher Musikfest unter Liszt’s Leitung vortrug, so wie seine Hamlet-Ouvertüre, Werke von vorwiegend düsterer Färbung tragen den unverkennbaren Stempel von Schumann’s und Berlioz’ Einfluß. Und diese Eigenthümlichkeit bietet einen bedeutsamen Aufschluß für das innere Wesen Joachim’s und eine bessere Erklärung für die spätere gänzliche Trennung von der Partei, als alle die unerquicklichen polemischen Andeutungen. Es ist viel darüber gestritten worden, in wie weit er diese Trennung öffentlich in den Zeitungen[8] kundgeben sollte; wir glauben, daß er nicht gut anders handeln konnte, sein Name wurde zu oft neben den Lenkern der Partei genannt, die Pflicht der Aufrichtigkeit gebot ihm, die Veränderung in seinen Ueberzeugungen eben so offen darzulegen, als er diese Ueberzeugungen früher ausgesprochen hatte.

              In Weimar blieb Joachim bis zum Jahre 1852, in welchem er als Concertmeister nach Hannover berufen ward.[9] Dort verweilte er bis zum Jahre 1865, nach allen Seiten hin rastlos künstlerisch thätig, fördernd, anregend. Dort brachte er durch unablässiges, allseitiges Studium seine Kunst zu jener Meisterschaft, die ihm den unbestrittenen ersten Platz unter allen ausübenden Musikern sichert. Dort bildete er seine künstlerischen Grundsätze um, bis sie zur unwandelbaren Festigkeit gediehen. Dort gründete er seine Häuslichkeit in der Verbindung mit Amalie Schneeweiß, die jetzt als Concertsängerin ihm würdig zur Seite steht. Seine Stellung in Hannover war die glänzendste. Der König, von aufrichtiger Liebe zur Kunst und zu den Künstlern beseelt, gab ihm wiederholte Beweise der Hochachtung, das Publicum ließ keine Gelegenheit vorübergehen, wo es sich ihm dankbar erweisen konnte für den Aufschwung, den die Orchesterconcerte unter seiner Anregung, Leitung und Mitwirkung nahmen.

              Nichtsdestoweniger fand er sich zu wiederholten Malen bewogen, seine Entlassung zu verlangen. Er konnte manche Verhältnisse in der Oberleitung nicht mit seinen Ueberzeugungen vereinbaren; zwar vermochte der König des Künstlers Bedenken durch erneute persönliche Gunstbezeugungen zu beschwichtigen, nicht zu beseitigen; auf die Dauer konnte sich der fest auftretende Joachim auf dem glatten Boden der Hofgemächer nicht behaglich fühlen, und sein Entschluß die Stellung aufzugeben, ward zuletzt ein unwiderruflicher. Doch blieb er noch in der Stadt, wo er und seine Frau viele liebe Freunde zählten, bis die veränderten politischen Verhältnisse, die warme Aufnahme, die er bei jedesmaligem Erscheinen in Berlin fand, endlich die Einladung des ehemaligen Cultusministers von Mühler, die Leitung einer neugegründeten Hochschule für Musik zu übernehmen, ihn bewogen, seinen dauernden Wohnsitz in der neuen Kaiserstadt aufzuschlagen. Seine Wirksamkeit in dieser Stellung, die damit verbundenen Zwischenfälle gehören der jüngsten Vergangenheit an, liegen also noch so nahe, daß der Blick nicht alle Einzelheiten sicher zusammenzufassen vermag, und daher ein so zu sagen perspectivisches Urtheil nicht gefällt werden kann. Wir schließen also unsere Erzählung der Thatsachen ab und beschäftigen uns nunmehr mit der Betrachtung und Prüfung des Individuums.

              Wenn man als bezeichnendes Merkmal der classischen Schule annimmt, daß sie Formschönheit, Einheitlichkeit des Stiles, Maß in Benuzung der Mittel, Beschränkung der Gefühlsbewegungen, also die Herrschaft des Geistes über die Einbildungskraft, als Gesetz aufstellt, im Gegensatze zur romantischen, welche den Formzwang verwirft, Originalität, freie Bewegung der Gefühle, Prägnanz des Ausdruckes, unbeschränkten Gebrauch der Mittel verlangt; so muß Joachim als der edelste Vertreter des classischen Stiles bezeichnet werden. Ja, er ist jezt eigentlich der einzige große ausübende Instrumentalist der classischen Schule. Denn fest steht die Thatsache, daß Genialität, Eigenthümlichkeit, höchste Ausbildung der Ausdrucksmittel vorzugsweise bei den Virtuosen und Sängern der romantischen Schule zu finden sind. Tausig, der leider so früh der Kunst Entrissene, Rubinstein, Bülow, die den unbestrittenen ersten Rang unter den Clavierspielern einnehmen, Laub, Singer, Wilhelmi, die Geiger, die neben Joachim großen Ruf erlangen und erhalten konnten, gehören der romantischen Richtung an,[10] und die größten deutschen Sänger, Niemann und Betz, sind entschiedene Anhänger Wagner’s; dagegen läßt sich von den moisten “classischen” Clavierspielern und Geigern behaupten, daß sie ihrer Phantasie nicht zu viel Spielraum gewähren, weil die Finger sie im Stich ließen, d. h. weil ihre Technik dem Fluge nicht folgte, daß also ihr Maßhalten nicht freier Selbstbestimmung, sondern der Nothwendigkeit entspringt, daß sie nicht über die Stränge hauen”, weil der Arm zu kurz ist, der Leidenschaft keine Macht über sich gewähren, weil sie einfach keine Leidenschaft spüren. Was Rosenkranz in seiner “Aesthetik des Häßlichen” vortrefflich von manchen hervorbringenden Künstlern sagt, paßt eben so gut auf die nur wiedergebenden: “die Abwesenheit aller positiven Incorrectheit, die Anwendung bekannter edler Formen im Einzelnen, die Enthaltung jedes Ueberschwungs, die Zahmheit des gewählten Ausdrucks, die negative Sauberkeit, mit welcher das Detail ausgeglättet ist, betrügt nicht über die Gehaltlosigkeit des Innern.” Wir unsererseits erkennen die in England sehr hochgeschätzte, auch jezt in deutschen Kreisen in die Mode kommende musikalische Achtbarkeit und “Solidität”, die äußerliche abgeschliffene Form, eben so wenig als das Wesen des classischen Vortrags an, wie wir der gegensätzlichen Richtung, die uns Ungewöhnliches, Bizarres als Eigenthümliches aufdrängen will, irgend eine künstlerische Berechtigung zugestehen.

              Aber eben weil unsere Anschauungen so scharf trennende sind, müssen wir Joachim höchste Bewunderung zollen. Er gebietet über alle Mittel der genialsten Romantiker: ausgebildetste Technik und Kühnheit, umfassendste Kunst der Tonfärbung, Schärfe des Ausdrucks, Leidenschaft und unermüdende Kraft; und doch ist er ein echter Classiker, voll Poesie innerhalb der schönsten Formgrenzen, der Meister, der, “mit Zeit und Fleiß an die Kunst gebunden, die Natur in seinem Herzen glühen läßt”,[11] der die höchste Freiheit in der höchsten künstlerischen Gesetzmäßigkeit entfaltet: nur wer ihn oft gehört hat, wer ihn bewundern konnte, wie er in seinem zweiten und dritten Concerte, oder in den Paganini’schen Capricen die größten erdenkbaren Schwierigkeiten ruhig und sicher überwindet, der vermag die wahrhaft hohe Selbstverleugnung zu würdigen, mit welcher Joachim, vom brillanten Solospiel sich abwendend, den Schwerpunkt seiner Leistungen in das Quartettspiel legt. In diesem ist er auch unvergleichlich, nicht blos durch seine hohe Auffassung und durch den vollendeten Vortrag, sondern durch die Art, wie er die Mitwirkenden leitet und führt, wie er sie mit seinem Geiste durchdringt, und zu einer von anderen Quartetten nie erreichten Gesammtleistung vereinigt. Zur vollständigen Durchführung einer solchen Aufgabe ist allerdings eine Beschränkung der Gefühlsregungen, des Ausdruckes tiefster Empfindung nothwendig, und Mancher mag vielleicht lieber die Vollendung der Form, als diesen Ausdruck vermissen; wir aber müssen uns nach reiflichster Erwägung dahin aussprechen, daß ein wahrhaft classisches Quartett nicht anders gedacht werden kann, als es Joachim jetzt in Berlin gebildet hat; er ist eben der größte Musiker unter den Geigern.

              Und wie seine Meisterschaft ist auch seine gesellschaftliche Stellung in ihrer Art einzig zu nennen. Kein ausübender Künstler wandelte je seinen Weg mit solch’ vollkommener Nichtbeachtung aller äußerlichen Nebenmittel. Tausig stand ihm in dieser Hinsicht am nächsten, hat nie der Presse oder anderen Einflüssen das mindeste Zugeständniß geboten; aber er war eine stürmische Natur, konnte ohne innere und äußere Kämpfe nicht bestehen, mußte immer Partei nehmen, und seinen Geist nach den verschiedensten Richtungen beschäftigen, und zählte daher nur heftige Gegner oder entschiedene Freunde; Rubinstein, der sich ebenfalls von allen unkünstlerischen Manoeuvern vollkommen fernhält, gebietet über eine bezaubernde Persönlichkeit, die ganz geschaffen ist, das Publicum sofort einzunehmen, und alle Ungleichheiten des Vortrags, wie sie manchmal neben Leistungen höchster Meisterschaft vorkommen, übersehen zu lassen. Was Liszt betrifft, so war seine Kunst des Inscenesetzens fast ebensogroß wie die seines Clavierspiels und noch heute läßt sich der Abbé Liszt vom ehemaligen Concertgeber Liszt belehren, “wie’s gemacht wird.” Aber Joachim’s Natur ist, jeder polemischen Richtung abgewendet, eine glücklich harmonische, die das schöne innere Gleichgewicht anstrebend, auf die künstlerische Lebensaufgabe concentrirt, von der Außenwelt nur so viel aufnimmt, als sie zur geistigen Nahrung bedarf; seine äußere Erscheinung, die kräftige Gestalt, das ernste, bärtige Gesicht,[12] die ruhige Haltung, sind nicht von der Art, die das elegante Publicum sofort günstig stimmt; und fern von seinem Wesen liegen die blendende Genialität in der Conversation und all’ die gesellschaftlichen Talente, die der Abbé aus seiner frühern Laufbahn in die jetzige mit herübergenommen hat. Und doch vermochte Joachim einen Ruhm und eine Stellung in der Gesellschaft zu erlangen, wie jezt kein Anderer, und wie in England ein ausübender Künstler sie noch nie errungen hatte. Denn in diesem eigenthümlichen Lande, das noch heute Stoff zu den mannigfaltigsten psychologischen Studien bietet: in welchem die stärksten Gegensätze des öffentlichen Lebens sich organisch entwickelt haben: in welchem das Gesetz Freiheit giebt, aber die Gesellschaft in selbst auferlegter Sklaverei der Gewohnheiten und Gebräuche und in scharf gesonderten Kategorien lebt: in welchem die reichsten Universitäten und die großartigsten Bibliotheken und Sammlungen der Welt der wissenschaftlichen Laufbahn das größte Feld bieten, dagegen fast keine Anstalt existirt, in denen die Söhne des nicht reichen Mittelstandes, des Bürgers und Gewerbsmannes ohne viele Kosten die Bildung erwerben können, die an jedem kleinen Gymnasium oder an der Realschule einer kleinen deutschen Stadt erworben werden muß:[13] in welchem die Armee gar kein privilegirter, nach eigenen Gesetzenregierter Stand war,[14] die Officierstellen dagegen bis vor wenigen Monaten noch verkäuflich, daher nur den reichen Leuten zugänglich gewesen sind: in welchem auch die Wissenschaft mit den seltensten Ausnahmen ein specielles Erwerbsgeschäft war, und es nie einem Professor einfallen konnte, als vortragender Rath des Ministerpräsidenten berufen zu werden, oder gar die Ministerstelle zu erklimmen; in diesem eigenthümlichen, in gar manchen Dingen bewunderungswürdigen Lande ist die Stellung eines ausübendenKünstlers eine sehr einträgliche, aber nach deutschen Begriffen eine gesellschaftlich sehr untergeordnete. Er ist ein gut bezahlter “professional”, aber sonst wenig beachtet, und er muß eine Lectionen gebende oder Solo-spielende oder singende Maschine werden, wenn er nicht seinen Zweck in England ganz verfehlen will. Ist er zu Ruf und Protection (patronage) hoher Damen gelangt, dann wird er als gut bezahlter Lehrer berufen, ist er Geiger oder Sänger, so wirkt er in den Privat-soiréen oder Matinéen der großen Herren und gegen hohes Honorar (terms) auch in öffentlichen Concerten gegen feste Bedingungen; da die meisten dieser Aufführungen in die “Season, d. h. vom Anfang Juni bis gegen Ende Juli fallen (wo die Italienische Oper ihre Preise auf die Hälfte herabsetzt), so muß er so zu sagen Alles mitnehmen; und es ist nichts Seltenes, daß ein en vogue stehender Romanzensänger, der außerhalb Londons nicht bekannt ist, jeden Tag der Woche (Sonntag ausgenommen) zwei bis drei Mal dieselben Stücke vorträgt, des Mittags in einem Morgenprivatconcerte, um sechs Uhr in einem öffentlichen Concerte und Abends zehn Uhr wieder im Salon eines großen Herrn, und in dieser Weise während einer “Season” fünf_bis sechstausend Thaler erwirbt.[15]Und die bedeutendsten in London ansässigen Musiker geben nach fünfundzwanzigjähriger Thätigkeit noch immer um neun ein halb Uhr Morgens Unterricht in den Pensionen von Brighton (wohin sie mit der Eisenbahn fahren müssen) nachdem sie Abends zuvor in irgend einer Gesellschaft (entertainment) bis Mitternacht den mehr aristokratischen als musikalischen Gesang einiger Herzoginnen und Marchionesses am Piano begleitet, zuvor aber in irgend einem Concerte einen Psalm dirigirt haben.[16]

              Wenn einer von ihnen ein eigenes Concert veranstaltet, so stehen auf dem Zettel alle die Namen der hohen Damen, die ihn mit ihrer Protection beehren und Billete abkaufen: Under the immediate patronage of Her Grace the Duchess, oder Her Ladyship the Countess, oder the Right Honourable etc. Ein solches Programm enthält nie weniger als fünfzehn Nummern, nach einer Arie von Händel oder Bach kommt eine Romanze von Stigelli oder Gumbert; und wenn der Zettel nur viele berühmte Leute nennt, dann ist der Erfolg gesichert. In der italienischen Oper (Her Majesty’s) kommen alljährlich acht bis zehn “große” Sänger und Sängerinnen aus allen Weltgegenden und von den verschiedensten Theatern zusammen, von denen die meisten Italienisch nur radebrechen, und sehr oft den Inhalt des Textes gar nicht verstehen; sie haben nie zusammengewirkt; mit zwei bis drei Proben führen sie heute den Trovatore vor, morgen den Don Juan, übermorgen vielleicht den Fidelio von Beethoven oder Stiffelio von Verdi. So ist das elegante Musikleben in London beschaffen.

              Wir wollen nun nicht etwa gesagt haben, daß die Hauptstadt von Großbritannien nicht ein wahrhaft musikalisch gebildetes Publicum besitzt, die Stadt von drei Millionen Einwohnern, in der Händel gelebt, Haydn und Mendelssohn die höchste Anerkennung gefunden haben, in welcher ja eben Joachim eine solche hochgeachtete Stellung einnimmt. Wir wollen hier auch genau hervorheben, daß der Engländer im Allgemeinen vor jedem bedeutenden Componisten Respect hat, nicht blos aus Liebe zur Tonkunst sondern weil seiner Nation jeder bedeutende Producent als ein tüchtiger Mann erscheint; aber das Eine wollen wir feststellen, daß der Musiker in England vor Allem Geschäftsmensch ist und sein muß. Viele dort lebende Herren Musiker werden das nicht eingestehen, aber es ließen sich Facta aus den besten Kreisen und von den besten Musikern anführen, welche obige Behauptung unwiderleglich beweisen.

              Und mitten in solchen Verhältnissen hat Joachim sich eine Stellung gegründet, daß er in der Gesellschaft nicht als der berühmte Geiger, sondern als der gleichberechtigte Gentleman angesehen wird. Er hat aber allerdings nie in Privatkreisen für Honorar gespielt, sondern nur als befreundeter Künstler bei Freunden. Seine bezahlten Leistungen gehörten der Oeffentlichkeit, dem Publicum; dem Einzelnen, noch so Hochgestellten gegenüber blieb er unabhängig. In den letzteren Jahren ist er sogar nur während der ersten Monate des Jahres in den Monday popular concerts, meistens als Führer des Quartetts aufgetreten, also gar nicht mehr in der “Season”, wo die elegante Welt erst nach London kommt. Auch sein ganzes ruhiges bestimmtes Wesen ist dem Engländer sympathisch. Und wenn der Engländer einen Fremden in sein Haus aufnimmt, d. h. nicht blos an gewissen Tagen zu Tische oder des Abends ladet, sondern ihn auffordert, ihn öfters zu besuchen, so lernt dieser ein Leben kennen, so eigenthümlich, so schön gleichmäßig geregelt, und doch nicht einförmig, so unbefangen und behaglich frei innerhalb der nur durch Sitte und angenehmen Ton gesetzten Schranken, wie er es ähnlich fast nirgends wiederfindet. Und Joachim gehört zu den bevorzugtesten Fremden in England! So steht dieser Künstler da, wol der Glücklichsten Einer! Man kann von ihm sagen: sein ganzes Leben war bisher nach den schönsten Gesetzen der Tonkunst geführt: jede Dissonanz war durch den Gang der Accorde vorbereitet, nie erschien sie jäh und störend, und wenn sie gesetzmäßig eintrat, so löste sie sich auch in Wohlklang auf. Und wenn er gerade durch diese Lebensführung sich gewöhnt hat, auch im Aeußerlichen nur das Harmonische zu suchen, nur das gesellschaftlich Angenehme gelten zu lassen, Manches in Kunst und Leben Berechtigte von sich fern zu halten , wenn es dem Harmonischen nicht ganz entspricht, so kann ihn kein anderer Vorwurf treffen, als der einst auch Goethe traf. 

              Wir haben nun noch seiner Gattin einige Worte zu widmen. Amalie Schneeweiß ist in Graz in der Steiermark (wenn wir nicht sehr irren 1841) geboren. In ihrer Vaterstadt erhielt sie den ersten Unterricht und betrat dann die Bühne, zuerst das Wiener Hofoperntheater, für kleinere Rollen. Hier haben wir einer Episode aus dem Kunstleben zu gedenken, die so charakteristisch, so merkwürdig, ja so einzig in ihrer Art ist, daß sie nicht verschwiegen werden darf. Eine Sängerin verweigerte eines Tages die Rolle der Brautführerin im Freischütz weiter zu übernehmen, weil sie zu einer weniger untergeordneten berechtigt war; an ihre Stelle mußte eine kleine Choristin treten; diese gefiel durch ihr munteres Wesen und angenehmes Aeußere und ward auch von nun an von der Regie mehr beachtet, während jene um ihrer berechtigten Forderung willen vielleicht neue Zurücksetzung erfahren mußte; die Choristin nennt sich heute Frau Lucca, die andere heißt Amalie Joachim.[17]

              Wir können den weitern Aufenthalt der Künstlerin in Wien, so wie den in Leipzig übergehen; die Entfaltung ihrer Kunst, das Erkennen ihres eigentlichen Berufs begann in Hannover. Hier hatte sie einen ihrer würdigen Wirkungskreis gefunden; hier lernte Joachim sie kennen, fühlte sich von ihrem Gesang, von ihrem Wesen zu ihr gezogen; hier feierte sie ihre Vermälung, nachdem sie noch zuvor im Fidelio und Orpheus — ihr Bräutigam leitete das Orchester — von der Bühne Abschied genommen hatte. Sie widmete sich fortan dem Oratorium und dem Liede, für welche ihre ganze künstlerische Wesenheit geschaffen ist, und an der Seite des Gatten feierte sie überall Triumphe. Sie ist in ihrem Fache jezt unstreitbar die Erste. Wir verkennen nicht, daß ihre so schöne und weiche Stimme der Geläufigkeit entbehrt, welche überhaupt der deutschen Gesangskunst ferner liegt, als der italienischen und besonders der französischen, die ja vor Allem auf Kehlenfertigkeit gerichtet ist; wir wollen auch die Bemerkung der Hörer, die hier und da in dem Vortrage mancher Lieder mehr Feuer und Leidenschaft wünschten, nicht ganz ignoriren. Aber wir wollen auch feststellen, daß in edler künstlerischer Auffassung, im einheitlichen wahrhaft classischen Vortrage — von dem auch die kleinste, nur effectvolle, aber dem Geiste des Werkes nicht entsprechende Schattirung (Nüance) fern gehalten wird — keine jetzige Sängerin der Frau Joachim gleich steht; und selbst die einst so hoch gefeierte Lind — die überhaupt gar vieles Bühnenhafte in den Concertsaal brachte, und sich nicht scheute, auf einem Düsseldorfer Musikfeste ein ganz schaales Bellini’sches Rouladenparadestückchen zu singen — hätte Bach niemals in solcher Weise vortragen gekonnt. So sind denn Joseph und Amalie Joachim die würdigsten ausübenden Vertreter deutscher Tonkunst. — Kann es wol ein schöneres Loos geben?

A. H. Ehrlich


[1] Heraklit.

[2] Pechatschek war damals der beliebteste Compositionenfabrikant für die Violine, wie seiner Zeit Herz für das Clavier. 

[3] Die ältere Schule (Viotti, Baillot, Rode, Kreutzer) hatte eine viel edlere, wenn auch weniger brillante Richtung eingehalten. 

[4] Er war auch Ernst’s Lehrer gewesen.

[5] Wir erinnern uns ganz genau, wie in den vierziger Jahren Schumann mit seiner Frau in Wien war und diese das wundervolle Concert vor halbleerem Hause und mit geringem Erfolg spielte; wie seine schweigsame, in sich gekehrte Natur ihm wenig Freunde gewann; wie er, nachdem seine Frau zwei wenig besuchte Concerte gegeben hatte, und durch die zugesagte Mitwirkung der Jenny Lind die Aussicht auf ein sehr volles drittes gewann, mit einem Male der Presse und den Künstlern keine Karten sandte, und sich heftige Vorwürfe zuzog, und wie selbst Fischhof, der für ihn aufopfernd gewirkt und gestrebt hatte, der langjährige Mitarbeiter seiner Zeitung, sich mit ihm nicht zurecht fand. Schumann gehörte — gleich Beethoven — zu jenen Naturen, die bei allem Edelsinn und innerer Lauterkeit die schroffsten äußerlichen Regungen nicht bemeistern können, vielleicht gerade weil der Widerspruch zwischen den inneren Anschauungen und den äußeren Formregeln ein zu großer ist. Schumann’s Natur war, wie so viele Stellen seiner Compositionen, synkopistisch — die schönsten Harmonien durch Vorhalte und raschen Wechsel beckend und berwirrend.

[6] So schrieb Mendelssohn an Devrient.

[7] In dem Artikel über Karl Tausig.

[8] Im Jahre 1856 oder 57 veröffentlichten Brahms, Joachim, Scholz u. A. eine entschiedene Erklärung gegen die Ansichten und die Zeitungspolemik der neudeutschen Partei. 

[9] Der Verfasser war so glücklich, bei dieser Berufung thätig mitzuwirken. Er hatte eben seine Stellung als Hofpianist angetreten, als er von dem Hofintendanten um seine Meinung befragt wurde, welcher Künstler wol an die Stelle des kürzlich verstorbenen Concertmeisters und zweiten Kapellmeisters Hellmesberger berufen werden könnte. Er nannte Joachim, den er nicht persönlich kannte, aber deffen hohe künstlerische Bedeutung ihm überall gepriesen, und besonders von Liszt (bei einem Besuche in Weimar) ausführlich dargelegt worden war. Auf die Bemerkung, daß Joachim in Weimar lebenslänglich angestellt sei, und daher eine officielle directe Anfrage sich nicht gut bewerkstelligen ließe, schrieb der Verfasser an Liszt, und dieser machte sich anheischig, Joachim von den bindenden Verhältniffen zu befreien, wenn ihm in Hannover ein bedeutenderer “Wirkungskreis” gesichert würde. Das geschah, und nach einem Besuche in Hannover erklärte Joachim sich zur Annahme der neuen Stellung bereit. Da der Verfaffer die Absicht hegt, die auf diese Angelegenheit bezügliche Correspondenz mit manchem andern für das Kunstleben Interessanten gelegentlich zu veröffentlichen, muß er, um späteren Mißdeutungen vorzubeugen,schon jetzt diesen Zwischenfall erwähnen, wenn auch dessen Erwähnung mit der Studie über Joachim in keinem unmittelbaren Zusammenhänge steht.

[10] Wenn auch die beiden Letztgenannten nicht direct der neuromantischen Schule beigezählt werden können, so zeigen sie doch in der Wahl ihrer Programme mehr Neigung für die mit der Romantik zusammenhängende Richtung.

[11] Siehe Goethe’s Sonnett “Natur und Kunst”.

[12] In früherer Zeit, als er noch keinen Bart trug, zeigte der untere Theil des Gesichts, Mund und Kinn, Aehnlichkeit mit dem von Sebastian Bach.

[13] Von der Organisation deutscher Gymnasien hat man in England keinen Begriff; nur Privatanstalten bieten dem Mittelstande einige Aushülfe für seine Kinder.

[14] In den königlichen Theatern darf die Uniform nicht getragen werden. Jedermann erscheint im schwarzen Anzuge.

[15] Der Verfasser hat selbst mehrere derartigeBeispiele gesehen: ein italienischer Tenorist, dessen Stimme für die Oper nicht ausreichte, verlegte sich auf die sentimentale Romanze; er war ein sehr angenehmer Salonsänger, dabei ein sehr hübscherMann von feinen Manieren, ward bei Hofe sehr gut aufgenommen und konnte zuletzt alle ihm zukommenden Einladungen nicht annehmen; er sang durchschnittlich drei Mal des Tages in Concerten. Auch Fräulein Jetti Treffs, jetzigevFrau Strauß, machte in London Furore mit einem Liedchen von Kücken, und hat es in einer “Season” wenigstens vierzig Mal gesungen.

[16] Der Verfasser spricht auch hier aus eigener Anschauung.[17] Der Gewährsmann für diese Erzählung ist Joachim. Der Verfasser traf diesen vor etwa zwei Jahren in Berlin vor einem Schusterladen, in welchem Frau Joachim Bestellungen machte. Als sie herausgekommen war fragte Joachim : (wörtlich): “Haben Sie nicht den Artikel über die Lucca in der “Gartenlaube” geschrieben?”
“”Gewiß, er war ja mit meinem Namen unterzeichnet.””
“Erinnern Sie sich noch der Stelle, wo Sie erzählten, eine Choristin, welche das “Wir winden Dir den Jungfernkränz” singen sollte, war krank geworden und die Lucca sei an ihre Stelle getreten?”
“”Wie sollte ich nicht!””
“Nun, hier steht die Choristin !”
Frau Joachim erklärte darauf den Sachverhalt, wie er oben erzählt ist.

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Joseph Joachim: Atelier Victoria, Berlin, 1900

26 Sunday Nov 2023

Posted by Joachim in Iconography

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Cabinet photograph (7.25 x 12.75 inches/18.5 x 32.5 cm).
Atelier Victoria, Inhaber Paul Gericke, Berlin, W. Potsdamer Strasse 34

Signed and dated “Berlin, 26ten Mai 1900”

Offered for sale by Schubertiade Music, November, 2023

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Joseph Joachim Recommends Young Richard Burgin, October 4, 1902

13 Monday Nov 2023

Posted by Joachim in Letters, Students, Uncategorized

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Joseph Joachim Recommends Young Richard Burgin, October 4, 1902


Charlottenburg Berlin den 4ten Oktober 1902

Es gereicht mir zu besonderen
Vergnügen zu bezeugen daß der
neunjährige Knabe Richard
Burgin eine außerordentliche
Begabung für die Violine besitzt.
Ich war geradeuzu überrascht von
dem Aplom und der Leichtigkeit mit
welcher das Kind einen schwierigen
Satz von Vieuxtemps vortrug.
Wenn irgendwo so ist es hier ange-
bracht für eine nachhaltige ern-
ste Führung zu sorgen und zu ver-
hüten, daß ein Talent vorzeitig in
der Oeffentlichkeit ausgebeutet wird.

Joseph Joachim
—–
Charlottenburg, Berlin, October 4, 1902

It gives me great pleasure to attest that the nine-year-old boy, Richard Burgin, possesses an extraordinary talent for the violin. I was genuinely surprised by the confidence and ease with which the child performed a challenging movement by Vieuxtemps. If anywhere, it is appropriate here to ensure serious and sustained guidance and to prevent premature exploitation of such talent in the public eye.

Joseph Joachim


For a fascinating memoir of Richard Burgin see Diana Lewis Burgin’s website: http://dianaburgin.com/Memoralia01-Introduction.html from which this letter is taken.

Transcription and translation © Robert W. Eshbach, 2023

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Hans Joachim Moser: “Erinnerungen an Joseph Joachim und eine Gedenkrede”

30 Wednesday Aug 2023

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Hans Joachim Moser: “Erinnerungen an Joseph Joachim und eine Gedenkrede.” ed. Dietz-Rüdiger Moser
Literatur in Bayern, vol. 22/23, no. 88/89 (June/September 2007): 42-49


Hans Joachim Moser Erinnerungen_Gedenkrede

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A Letter to Wagner 6 April, 1854

29 Tuesday Aug 2023

Posted by Joachim in Letters

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 A Letter to Wagner 6 April 1854

Joseph Joachim to Richard Wagner, Hanover, 6 Apr 1854
Folder 392-09-010, Special Collections Records, New York Philharmonic
Shelby White & Leon Levy Digital Archives ID: 392-09-010  


In October, 1853, Joachim traveled with Liszt and a number of other Liszt disciples, to Basel, Switzerland, to visit Wagner, who was in political exile there. They spent time together at the Hotel Les Trois Rois — Wagner read aloud from his new Nibelung poem (Siegfried), and they ended up drinking the intimate “Du” to one another (something Bülow subsequently had a hard time making himself do with Liszt). Joachim was smitten with Wagner, and the elder man, for his part, promised Joachim that he could play concertmaster when the Ring cycle was eventually premiered.

This letter, written the following April, mentions Joachim’s resolve to perform Wagner’s Tannhäuser in Hanover — still a rather daring thing to do, given Wagner’s poor reputation with the music director there (Marschner), with the public, and especially Wagner’s status as a political radical (had Wagner attended, he would have been arrested, tried as a traitor, and risked a death sentence).

A Wagner devotée, Joachim succeeded in pushing it through with the Crown and the theater intendant (who made the programming decisions) and Tannhäuser was indeed performed on January 21, 1855, with Niemann singing the title role. The Hanover opera house was new at that time, and considered one of the best in Germany. A prestigious performance.


Hannover, am 6ten April
1854.

Lieber Freund

            Endlich erhältst du mit
vielem Dank die Lohengrin=Stücke
die hoffentlich noch zeitig genug ein=
treffen fürs Musikfest der Eidgenossen.
Meine Hoffnung, vor Schluß der Saison
noch eine Aufführung derselben und
der 9ten Sinfonie zu erbitten, ist
vereitelt — wie es eben meist mit
den besten Wünschen geht, hat man

2

Mich auf den nächsten Winter mit auch
diesem Lieblingswunsch vertröstet.
Eine gute Nachricht ward mir indeß
zu Theil: die Aufnahme deines Tannhaü=
ser in unser Opern=Repertoire. Da
der neue Intendant, Graf Platen, keine
Mühe scheut, gute Sänger zusammen
zu kaufen (leider der passendste Aus=
druck!) so darf ich für den kommenden
Winter wohl auf eine gute Ausführung
Deiner Oper rechnen, denn das Orchester
hier ist in vielen Stücken wohl das

3

beste Norddeutschlands.
Deine Freunde müßen schon einstweilen
mit den deutschen Theatern zufrie=
den sein, bis du sie zu den Nibe=
lungen zu dir in die Schweitz rufst:
Du vergißt doch nicht, daß Du mich
mit der Concertmeisterei bei dem
Orchester betrauen wolltest? Ich
werde Dich noch daran erinnern! Ob
ich aber im kommenden Sommer
nach Zürich komme, kann ich noch
nicht mit Bestimmtheit sagen —

4

außer der Lust, die vorhanden ist, fehlt es mir an
manchen Dingen dazu; aber vielleicht
wird es noch ausführbar. Vor der Hand
bleibe ich den April über hier, um
einen versprochenen Besuch Liszt’s
abzuwarten. Später gehe ich wahrschein=
lich nach Göttingen: nicht um mich
für ein Doctor=Examen zu prepari=
ren! Es ist aber hübscher gelegen
als das öde Hannover, und ich
möchte gerne einiges Musikalische
aufschreiben. In verehrungsvoller
Ergebenheit Dein

Joseph Joachim


Hanover, 6th April 1854.

Dear Friend,

At last, you are receiving the Lohengrin scores with much gratitude, which will hopefully arrive in time for the Swiss Music Festival [Music Festival of the Eidgenossen]. My hope to request a performance of the same and the 9th Symphony before the end of the season has been thwarted — as is often the case with the best wishes, they are usually delayed. I have been consoled with the promise of fulfilling this favorite wish of mine in the upcoming winter.

However, some good news has come my way: the inclusion of your Tannhäuser in our opera repertoire. Since the new intendant, Count Platen, spares no effort to buy good singers (unfortunately, the most fitting expression!), I can count on a good execution of your opera for the coming winter. The orchestra here is, in many respects, one of the best in Northern Germany.

For now, your friends will have to be content with the German theaters until you summon them to the Nibelungen in Switzerland. You haven’t forgotten that you intended to entrust me with the concertmaster position in the orchestra? I will remind you of it again! However, I cannot say with certainty yet whether I will come to Zurich next summer. Apart from the desire that exists, some things are still lacking; but perhaps it will still be feasible. For the time being, I will remain here throughout April to await a promised visit from Liszt. Later, I will likely go to Göttingen: not to prepare for a doctoral exam! Nevertheless, it is more pleasantly situated than the desolate Hanover, and I would like to write down some musical things. In admiring devotion, your

Joseph Joachim



Hanover Opera House

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Eichendorff Poem

28 Monday Aug 2023

Posted by Joachim in Ephemera

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“Viele Boten gehn und gingen
Zwischen Erd’ und Himmelslust,
Solchen Gruß kann keiner bringen,
Als ein Lied aus frischer Brust.”

Joseph Joachim

Poem by Joseph von Eichendorff
(* 10.03.1788 – † 26.11.1857)


Emissaries oft take wing
Between the Earth and Heavn’s delight,
Yet none can such a greeting bring
As a song’s unguarded flight.

— Tr. RWE


Washington State University Libraries, Manuscripts, Archives, and Special Collections

Note from Joseph Joachim, undated (Autograph note, signed), with supporting documentation. 1855-1907.
Retrieved from the Digital Public Library of America, http://content.libraries.wsu.edu/cdm/ref/collection/signature/id/815.
(Accessed August 28, 2023.)

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‘For All are Born to the Ideal’: Joseph Joachim and Bettina von Arnim

16 Wednesday Aug 2023

Posted by Joachim in 2 Articles and Essays — RWE

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‘For All are Born to the Ideal’: Joseph Joachim and Bettina von Arnim
Music and Letters, Volume 101, Issue 4, November 2020, Pages 713–742.


Music & Letters: ‘For All are Born to the Ideal’

[click link]


Obwohl Joseph Joachim im Milieu des deutschen romantischen Salons aufgewachsen ist, haben seine Biographen den entscheidenden Einfluss von Frauen auf seine künstlerische Entwicklung weitgehend ignoriert. Dies ist ein bedeutendes Versäumnis, wie Katharina Uhdes jüngste und kommende Publikationen zu Joachims Kompositionen zeigen. In seiner von Andreas Moser verfassten Autobiographie Joseph Joachim, Ein Lebensbild, deren frühe Ausgabe noch zu seinen Lebzeiten erschien, bemühte sich Joachim, sich so darzustellen, wie er später gepriesen werden sollte: als evangelischer christlicher Deutscher, der von einer Reihe ikonischer männlicher Vaterfiguren — darunter Joseph Böhm, Mendelssohn, Schumann und Liszt — gefördert wurde, als würdiger, prinzipientreuer Verfechter klassischer Traditionen und als Torwächter des preußischen Musikestablishments. Letztendlich hat ihm diese Selbstdarstellung jedoch sehr geschadet, da sie unter anderem eine warmherzige, sympathische ungarisch-jüdische Natur, eine romantische, virtuose Jugend, eine frühe, bedeutende Berufung als Komponist und eine umfangreiche und bedeutende britische Karriere verbarg. […] (Click Link for Full Article)


Although Joseph Joachim came of age in the milieu of the German Romantic salon, his biographers have largely ignored the critical influence of women on his artistic development. This is a significant omission, as Katharina Uhde’s recent and forthcoming publications concerning Joachim’s compositions reveal. In his veiled autobiography, Joseph Joachim, Ein Lebensbild, written by Andreas Moser, the early edition of which appeared while he was yet alive, Joachim was at pains to present himself as he would eventually come to be eulogized: as an Evangelical Christian German, mentored by a series of iconic male father figures—including Joseph Böhm, Mendelssohn, Schumann, and Liszt—a worthy, principled upholder of Classical traditions, and a gatekeeper of the Prussian musical establishment. In the end, this self-portrayal has done him much harm, however, concealing inter alia a warmly sympathetic Hungarian-Jewish nature, a romantic, virtuoso youth, an early, significant vocation as a composer, and an extensive and important British career. […] (Click Link for Full Article)


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J. E. Sandys: Oration at Cambridge University Upon the Awarding of the Mus. Doc. to Joseph Joachim, March 8, 1877

28 Wednesday Jun 2023

Posted by Joachim in Documents, Joachim in Great Britain, Reminiscences & Encomia

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Sandys, John Edwin. Orationes Et Epistolae Cantabrigienses. London: Macmillan, 1910, 3-4.
[English translation below © Robert W. Eshbach]


J. E. Sandys: Oration at Cambridge University
Upon the Awarding of the Mus. Doc. to Joseph Joachim, March 8, 1877

QUAE abhinc annos triginta in hac ipsa curia, coram Alberto Principe Cancellario nostro admodum deflendo, coram ipsa Regina nemini nostrum non dilecta, hunc, vixdum e pueris egressum, eximios cantus fidibus modulantem audivit; eadem Academia virum, per omnem Europam inter principes totius artis musicae iam diu numeratum, hodie reducem salvere iubet. Hodie nobis redditus est Orpheus, —utinam ipsa etiam adesset Eurydice; [1] nunc iterum, ut poëtae verbis utar quem Cremonae vicina genuit Mantus, Academi in silvis Orpheus

‘obloquitur numeris septem discrimina vocum
iamque eadem digitis, iam pectine pulsat eburno.’ [2]

Quid dicam de illis qui inter fautores tanti ingenii olim exstiterunt, de viris sempiternae memoriae Mendelssohnio et Schumanno? Nobis autem tamquam triplici vinculo hospitii coniunctus est Regiae Academiae Artium apud Berolinenses Professor, trium deinceps Professorum Cantabrigiensium amicus, primum Thomae Attwood Walmisley, deinde Wilelmi Sterndale Bennett, denique illius qui nuper horum sacrorum antistes a vobis est creatus,

τὸν πέρι μοῦσ᾽ ἐφίλησε, δίδου δ᾽ ἀγαθόν τε κακόν τε:
ὀφθαλμῶν μὲν ἄμερσε, δίδου δ᾽ ἡδεῖαν ἀοιδήν. [3]

Tantis igitur gloriatur praeceptoribus ars illa, quae in solitudine consolatur, in turba delectat vitaeque communis societatem iucundiorem reddit; quae fessos recreat, aegrotantibus, si non ipsam dare salutem (sicut olim insanienti Hebraeorum regi), auxilium tamen aliquatenus ferre hodie conatur; quae ipsum Dei cultum adiuvat, et intimos animi affectus exprimit, ipsa intima numerorum cantuumque nixa scientia. Quid autem si ars tanta Musarum nomine vere digna, in hac etiam Musarum domo quasi in ordinem redacta atque via quadam et ratione alumnis nostris tradita, inter severiora nostra studia sedem suam aliquando vindicabit? Quid si, inter tot ‘tripodas, praemia fortium,’ novam quandam laureolam Apollini Musagetae dedicare volueritis? Interim huic Apollinis ministro quem ipsum prope appellaverim Arcitenentem, huic interpreti certe divinorum in arte sua virorum Sebastiani Bach et Ludovici Beethoven; qui magnus ipse vates magnorum vatum memoriam non sinit interire; [5] hanc lauream nostram Apollinarem, hunc titulum Doctoris in Musica, donare licet: qui honos numquam antehac ab ulla Academia Britannica habitus est alienigenae, uno illo excepto, qui nascentis mundi primordia immortali cantu consociavit, Iosepho Haydn. [6]

At enim Λίνον μὲν ἐπ᾽ εὐτυχεῖ μολπᾷ Φοῖβος ἰαχεῖ, τὸν κάλλειφθιτόν
κιθάραν ἐλαύνων πλήκτρῳ  χρυσέῳ. [7]

Gravamur hodie abesse popularem huius viri, alterum Musarum Teutonicarum decus, virum in difficillimo musicae genere facillimum, Iohannem Brahms [8] Quamquam autem ipse fato iniquo procul retentus est, carmen illius egregium quod ‘fatorum’ nuncupatur vesperi audietis; audietis etiam novum opus, quo non modo ceteros omnes sed se ipsum superasse dicitur. Post tot triumphos nemo negabit tanto viro consentaneam esse requiem. Ceterum quo maiore animi aegritudine illum absentem desideramus, eo elatiore gaudio praesentem salutamus Iosephum Ioachim.

[1] Amalie Joachim

[2] Virgil, Aen. iv. 646 [recte: vi — RWE] [“Matching their gestures with the seven tones,
Striking the lyre, now with his fingers, now with his ivory plectrum.” — RWE]

[3] “Then the herald drew near, leading the good minstrel, whom the Muse loved above all other men, and gave him both good and evil; of his sight she deprived him, but gave him the gift of sweet song.” Homer, Od. Viii 61.

[4] In the context of the phrase “inter tot ‘tripodas, praemia fortium,'” the word “tripodas” refers to the ancient Greek tripod, which was a three-legged stool or stand often used as a ceremonial or artistic prize. It symbolized victory, honor, and recognition. In this context, “tripodas” metaphorically represents prestigious awards or accolades given to accomplished individuals or victors. — RWE

[5] Overture on the death of the patriot-poet Heinrich von Kleist, composed for this occasion. [Elegiac Overture ‘In Memoriam Heinrich von Kleist’, Op. 13 — RWE]

[6] Mus. Doc. At Oxford, 1794.

[7] “Now Apollo plucks his sweet-voiced lyre with a golden plectrum and a sad song follows his song of joy.” Euripides Heracles, H. F. 349.

[8] Composer of the Schicksalslied (Song of Destiny), Triumphlied and Deutsches Requiem. A grace of the Senate, proposing to confer the degree of Mus. Doc. on Herr Brahms, as well as Prof. Joachim, was passed 18 May, 1876.


Thirty years ago, in this very hall, in the presence of Albert, our much-lamented Prince Consort, and before our beloved Queen herself, this man, scarcely out of his boyhood, was heard playing exquisite melodies on the strings of his violin. Today, the same Academy bids welcome to a man who has long been counted among the foremost in the whole art of music, as recognized throughout all of Europe. Today Orpheus has returned to us—would that Eurydice [1] herself were also present! Now, once again, as the poet born in Mantua near Cremona says, Orpheus speaks among the groves of Academe:

‘obloquitur numeris septem discrimina vocum
iamque eadem digitis, iam pectine pulsat eburno.’ [2]

What is there to say about those who once stood among the admirers of such great talent, about men of everlasting memory like Mendelssohn and Schumann? But for us, he has been united as if by a triple bond of fellowship, as a Professor at the Royal Academy of Arts in Berlin; as a friend of three successive Professors at Cambridge, first of Thomas Attwood Walmisley, then of William Sterndale Bennett, finally, the one recently appointed by you as the guardian of these sacred traditions,

τὸν πέρι μοῦσ᾽ ἐφίλησε, δίδου δ᾽ ἀγαθόν τε κακόν τε:
ὀφθαλμῶν μὲν ἄμερσε, δίδου δ᾽ ἡδεῖαν ἀοιδήν. [3]

Such, then, are the great teachers in whom that art glories — an art which brings consolation in solitude, delight in company, and makes the fellowship of common life more pleasant; which refreshes the weary, and though it may not grant salvation itself (as it did once to the mad Hebrew king), strives today to offer some degree of succor to the sick; which aids in the very worship of God and gives expression to the innermost emotions of the soul, relying on the profound understanding of numbers and the science of sacred song. But what if this art, worthy of the name of the Muses, organized even within this very house of the Muses and handed down to our students through a specific approach and system, should someday claim its place among our more serious pursuits? What if, among all these “tripods” [4] and “rewards for the brave,” you were to wish to dedicate a new kind of laurel to Apollo, the leader of the Muses? Meanwhile, this minister of Apollo, whom I might almost call the Arcitenens [“bow-bearer” — Apollo] himself, this interpreter of divine works in his own art, [5] and certainly of Sebastian Bach and Ludwig Beethoven, who are themselves great prophets, does not permit the memory of great prophets to perish. To him it is fitting to bestow this our Apolline laurel, this title of Doctor of Music. This honor has never before been given by any British Academy to a foreigner, except for one, he who by his immortal song joined together the beginnings of a world just coming into being: Joseph Haydn. [6]

But indeed,

Λίνον μὲν ἐπ᾽ εὐτυχεῖ μολπᾷ Φοῖβος ἰαχεῖ, τὸν κάλλειφθιτόν
κιθάραν ἐλαύνων πλήκτρῳ  χρυσέῳ. [7]

We are greatly saddened by the absence today of that beloved man, the other pride of the Teutonic Muses, the most adept in the most challenging genre of music, Johannes Brahms. However, although he himself has been kept far away by cruel fate, you will hear this remarkable composition of his, which is called “Fate,” this evening; you will also hear a new work, by which it is said that he has not only surpassed all others but even himself. After so many triumphs, no one will deny that such a great man deserves appropriate rest. However, the more we long for Brahms in his absence, the greater our joy in welcoming Joseph Joachim in his presence.

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Joachim in Moscow, 1872

08 Thursday Jun 2023

Posted by Joachim in Uncategorized

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Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 68, Nr. 13 (22 März 1872), s. 136
[English translation with links below © Robert W. Eshbach, 2023]


Joseph Joachim in Moscow
Portrait by Alexander
Eichenwald


Moskau.

            Das siebente Concert der russischen Musik-Gesellschaft am 3. Febr. War ein musikalisches Ereigniß durch die Mitwirkung Joachim’s. Derselbe spielte Beethoven’s Concert sowie drei ungarische Tänze nach Brahms, und genügt es zu sagen, daß derselbe sich in der Wiedergabe des Concerts selbst übertraf. Von den kleinen Sachen mußte er einen Tanz da capo spielen. Außer diesen Piecen wurde Rubinstein’s Characterbild “Iwan der Grausame” gespielt sowie ein Chor aus einer neuen russischen Oper “Opritschnik” von Tschaikowsky und die Volkmann’sche D moll-Symphonie. Rubinstein’s Composition machte auf das hiesige Publikum großen Eindruck, desgleichen die Symphonie. Der Chor hingegen zündete nicht sehr. —

            Am 5. Febr. gab Joachim eine eigene Matineée im Theater unter Mitwirkung von Frau Alexandrowa und Nicolaus Rubinstein mit folgendem Programm: Ouverture zu “Rußlan und Ludmilla” von Glinka, neuntes Concert von Spohr, Arie aus “Rußlan” von Glinka (Frau Alexandrowa), Chaconne von Bach, Ouverture zu “Oberon,” Concert von Bruch, Schubert’s “Erlkönig” (Frau Alexandrowa) sowie Romanze und Ungarische Tänze von Joachim. Auch hier electrisirte Joachim das Publikum so, daß die Hervorrufe nicht enden wollten und schließlich eine Zugabe (Schumann’s Abendlied) erzwangen. Frau Alexandrowa sang mit einer Innigkeit, wie sie selten zu finden, und wurde auch durch Hervorruf ausgezeichnet. Besonderen Reiz hatte der “Erlkönig” noch durch das vollendete Accompagnement Rubinstein’s. Das Concert war im Ganzen sehr besucht und trug dem Concertgeber eine Netto-Einnahme von 1800 Rubel ein. —

            Am folgenden Tage (den 6.) Abends war die zweite Quartett-Soirée der russischen Musik-Gesellschaft unter Mitwirkung Joachim’s sowie der H.H. Laub, Grimaly [recte: Hřmalý], Gerber, Fitzenhagen und N. Rubinstein. Aufgeführt wurden: Beethoven’s Kreutzer-Sonate (Rubinstein und Joachim), Violin-Suite von Bach (Joachim), Duo concertante für 2 Violinen von Spohr (Laub und Joachim) und A moll-Quartett Op. 132 von Beethoven (Joachim, Grimaly, Gerber und Fitzenhagen). Obgleich des Guten an diesem Abend wohl etwas zu viel geboten war, so waren wir doch sämmtlich sehr zufrieden damit, umsomehr, da uns Gelegenheit gegeben wurde, Joachim in jedem Genre, nämlich im Sonaten-, Solo- und Quartett-Spiel bewundern zu können. Und wie wurde er bewundert: Des Beifalls kein Ende, sodaß J. noch eine Gavotte von Bach zugeben mußte. Den Höhepunkt des Enthusiasmus erreichte das Publikum, als die beiden genialen Violinhelden Joachim und Laub zusammen auf das Podium traten, um sich zu messen. Ja, es war ein Wettkampf, wie ihn wohl so leicht keine zweite Stadt zu hören bekommt. Einer schien den Andern übertreffen zu wollen, und doch könnte man Keinen über den Andern stellen. Hatte der Eine mehr Ton, so spielte der Andere so zart, daß ihm Jener nicht folgen konnte, kurz, es war ein Hochgenuß, wie er nicht sobald wieder kommt. Zum Schluß, um noch Allem die Krone aufzusetzen, folgte das großartige A moll-Quartett von Beethoven. Joachim spielte ausgezeichnet wie immer und wurde darin von H.H. Grimaly, Gerber und Fitzenhagen kräftig unterstützt. Welcher Applaus auch hier folgte, brauche ich kaum zu bemerken und erwähne nur noch, daß man an diesem Abend die Quartettsoirée im großen Saal des Adligenclubs gab und derselbe ausverkauft war. —

Hall of the Nobility in Moscow


Neue Zeitschrift für Musik, vol. 68, no. 13 March 22, 1872), p. 136


Moscow.

            The seventh concert of the Russian Musical Society on February 3 was a musical event due to Joachim’s participation. He played Beethoven’s concerto, as well as three Hungarian dances by Brahms, and suffice it to say that he surpassed himself in the rendition of the concerto. Among the smaller things, he had to play one dance da capo. In addition to these pieces, Rubinstein’s character picture “Ivan the Terrible” was played, as well as a chorus from Tchaikovsky’s new Russian opera “Oprichnik” and the Volkmann D minor Symphony. Rubinstein’s composition made a great impression on the local audience, as did the symphony. The chorus, however, did not ignite much enthusiasm. –

            On 5 Feb. Joachim gave his own matinee in the theater with the participation of Ms. Alexandrova [Aleksandra Aleksandrova-Kochetova] and Nikolai Rubinstein with the following program: Overture to “Ruslan and Ludmilla” by Glinka, ninth concerto by Spohr, aria from “Ruslan” by Glinka (Ms. Alexandrova), Chaconne by Bach, Overture to “Oberon,” concerto by Bruch, Schubert’s “Erlkönig” (Ms. Alexandrova) as well as Romanze and Hungarian dances by Joachim. Here, too, Joachim electrified the audience in such a way that the call backs did not want to end and finally demanded an encore (Schumann’s Abendlied). Ms. Alexandrova sang with an intimacy that is rarely found, and was also called back. The “Erlkönig” was particularly enchanting due to Rubinstein’s accomplished accompaniment. The concert was very well attended overall, and brought the concert-giver a net income of 1,800 rubles. –

            On the evening of following day (the 6th), the second quartet soirée of the Russian Music Society took place with the participation of Joachim as well as Messrs. [Ferdinand] Laub, [Jan] Grimaly [recte: Hřmalý], [Yury] Gerber, [Wilhelm] Fitzenhagen and N. Rubinstein. The following works were performed: Beethoven’s Kreutzer Sonata (Rubinstein and Joachim), Violin Suite by Bach (Joachim), Duo Concertante for 2 violins by Spohr (Laub and Joachim) and A minor Quartet Op. 132 by Beethoven (Joachim, Grimaly, Gerber and Fitzenhagen). Although there was a bit too much of a good thing this evening, we were all very satisfied with it, all the more so since we were given the opportunity to admire Joachim in every genre, namely in sonata, solo and quartet playing. And how he was admired: there was no end to the applause, so that J. had to perform a gavotte by Bach as an encore. The peak of enthusiasm was reached when the two genius violin-heroes Joachim and Laub took the stage together to compete. Yes, it was a competition the likes of which no other city is likely to hear. Each seemed to want to surpass the other, and yet one could not place one above the other. If one had stronger tone, then the other played so delicately that the former could not follow him. In short, it was a delight such as will not soon come again. Finally, to crown it all, came the magnificent A minor quartet by Beethoven. Joachim played superbly as always and was strongly supported by Messrs. Grimaly, Gerber and Fitzenhagen. I need hardly mention the applause that followed here, too, and I will only add that on this evening, the quartet soirée took place in the great hall of the Club of the Nobility, and that it was sold out. –

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Wilhelm von Lenz: Josef Joachim in Petersburg

07 Wednesday Jun 2023

Posted by Joachim in Uncategorized

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Neue Berliner Musikzeitung
XXVI. Jahrgang, no. 30 (17 Juli 1872), s. 228

[English translation below © Robert W. Eshbach, 2023]
See also: Joachim BRIEFE III, pp. 83 ff.


Josef Joachim in Petersburg. Stellung
Des Künstlers in Russland.
Von W. v. Lenz

Du bist der wahre grosse Mann,
Der Lobeswort nicht hören kann.
Er sucht bescheiden auszuweichen
Und thut, als gäb es seines Gleichen! (Faust 2. Theil.)

Das so lange ersehnte Erscheinen von J. Joachim in Petersburg, vor Eintritt der concertsaison, war ein Ereigniss, das in Bedeutsamkeit weitaus die Saison überstrahlte. Petersburg hatte die ganze Reihe der grossen Violinisten des Jahrhunderts, mit der einzigen Ausnahme von Paganini, erlebt, Lipinski, in den derissiger Jahren, später Haumann, Sivori, Ole-Bull, Ernst, Vieuxtemps, Prume, Kontsky, das Quartett der Gebrüder Müller aus Braunschweig, den elegantin Artot, den biederkräftigen Laub, Auer, Wieniawski, Wilhelmj. Im Quartett- als im Concertstyl hatte Petersburg diese unter sich so verschiedene Virtuosen schätzen können. Unter diesen Umständen, bei der Einstimmigkeit der ausländischen Presse über Herrn Joachim, hatte man noch nie einen Künstler mit mehr Erwartung entgegen gesehen. Und noch nie hat ein Künstler mehr seinem Ruf entsprochen. Die Grossfürstin Helene, die Patronin der Russischen musikalischen Gesellschaft, hatte Herrn Joachim zu einem Besuch von Petersburg bestimmt. In ihrem Palais nahm der Künstler Wohnung.

Wer immer in Beethoven, einen Dichter erkannt hat, und diese Anschauung gewinnt, post tot errores! immer mehr Anhänger, einen Dichter, der in den Zeichen der Musik eine ideale Geschichte des menschlichen Gemüths und Herzens schrieb, der darf einem Violinisten sagen: “Gieb mir Beethoven und ich will Dir sagen, wer Du bist!” Herr Joachim gab uns bei seinem ersten Auftreten 3 Quartette von Beethoven, die den 3 Geistesstudien entsprachen, die man immer allgemeiner in Beethoven unterscheidet und die darin bestehen, dass Beethoven in seinen ersten Werken (in runder Zahl bis Op. 20) in den Formen, Rahmen und Farben von Haydn und Mozart, selbstständige Bilder schuf; in seinen mittleren Werken seine eigene, grosse Persönlichkeit entfaltete, eigene Ideen in eigenen Formen entwickelte — in seinen letzten Werken aber (über Op. 100 hinaus) die Musikidee von allen Schablonen entfesselnd, nur nach seiner Idee lebt, die er vorzugsweise auf das speculative Gebiet des menschlichen Gedankens versetzt, indem er für seine eigenartige Spekulation auch eigenartige Formen sich erfindet.

Herr Joachim hatte aus der ersten Beethovenperiode das B-dur-Quartett (Op. 18) gewählt, aus der zweiten das E-moll-, aus der dritten das Es-dur-Quartett. Eine rationelle Wahl der, bei uns, nur Laub (1856) Gerecht geworden war. Joachim möchten wir der deutschen Eiche, in deren symbolischer Bedeutung vergleichen. Alles in ihm, in seiner Leistung, ist trefflich und einfach, mächtig und stark. Keine Spur von Virtuosenthum, im Gebahren, in einem selbstzufriedenen Herauskehren einer für sich und an sich Geltung heischenden Persönlichkeit. Herr Joachim trat in den, der Musik besonders günstigen grossen Saal des Kaufmannsclubb, als ob er zu demselben nach längerer Abwesenheit zurückkehre. So auch war sein Empfang von Seiten des lange vor Anfang wie zu einem Fest dicht versammelten Publikums. Dieser Beifallssturm, dieses Akklamiren waren nicht gemacht, war ein beredtes Zeugniss der Herzensfreude, einmal das Höchste geniessen zu dürfen. Das kleine B-dur-Quartett, wie man es zur Unterscheidung von dem der dritten Periode zu nennen pflegt, ist Haydn und Mozart im Styl, mit einem Ausbau Beethoven’scher Phantasie (La Malinconia). Wir haben es nie so reizend gehört, nie eine Tonfülle im piano, wie die von Herrn Joachim, nie ein so durchgeführtes Verständniss des Ganzen im Einzelnen, des Einzelnen im Ganzen. Da wurde nichts hervorgehoben, da wartete nicht die zweite Stimme auf ihre Eintritte, um zu glänzen; sie wusste sich als Theil im Ganzen, in der Leistung zum Ganzen fand sie ihre Aufgabe. Jede Note dieses Quartettes ist ein langjähriger Einwohner Peterburgs [sic] dennoch erschien das Werk in vielen seiner Theile neu, vor allem in der an’s Herz greifenden Exposition des Andante-Motivs durch Herrn Joachim, und im Trio des Scherzos in dessen von den Violinisten “wiederhaarig” genannten, unbequem liegenden Bravour-Figur, deren technische Schwierigkeit der Künstler spielend überwand, in dem Prestissimo des Schlusses. Eine dermaassen beschleunigte Bewegung, bei so durchsichtiger Klarheit, ist eine Leistung in thesi, die Signatur der Gesammtleistung des Künstlers aber, die Unterordnung seiner Persönlichkeit unter die Egigenart des Dichters, dessen Interpretation er sich weiht. Herrn Joachim’s Gesammtleistung ist wie ein griechischer Tempel, über dessen Kunstausdruck, über dessen unnahbare Plasticität der Künstler (Mensch) nicht zur Erscheinung kommt. Nun schildert Beethoven hervorragend den Kampf des Menschen gegen das Leben. Dieser Kampf steht in Herrn Joachim’s Darstellungen unvergleichlich da, nicht in gleichem Maasse, der Kämpfer, das subjective Moment. Der Menschenbrust steht im Allgemeinen, der Mensch, das Menschliche, auch noch in der Kunst, am nächsten. Der Schmerz und die Freude, man will sie auch noch in dem die Kunst darstellenden Menschen mitfühlen, nicht nur in dem Austruck, den der Mensch dem Gefühl in der Kunst zu geben vermag. Das Subjekt, mit einem Wort, hat für den Menschen ein unmittelbareres Interesse, als das Objekt. Die objektivste (künstlerisch vollendeste) Darstellung ist die des Herrn Joachim, hat man unter den Richtungen zu wählen, so wird man der letzten den Vorzug geben müssen, steht sie gleich der Masse im Publikum entfernter. Das E-moll-Quartett ist spezifisch, dramatischen Inhaltes, hier fehlen nur die Bretter, die die Welt bedeuten, hier ist die Wolfsschlucht, hier pfeifen Freischützkugeln (1ster Satz). Vielleicht wäre hier in der ersten Stimme mehr Subjectivität am Platze gewesen. Das Ganze des Bildes, in Technik und Auffassung, war wiederum das Vollendetste, und das bedeutend, gegen alle Beispiele, beschleunigte Tempo im Finale eine traumartige Ueberraschung. Im Scherzo platzte an Herrn Joachim’s Violine die E-Saite. Ein über jede Schwierigkeit seines Instrumentes gebietender Virtuose, wie Herr Joachim, konnte in anderen Positionen den Satz zu Ende spielen. Dazu war dieser Künstler zu gewissenhaft, er versah sich nicht der Gelegenheit zu einer Virtuosenthat, die es Eindrucks selten verfehlt; er zog seine Saite auf, so natürlich, so einfach, wie bei einer Probe und das Publikum benutzte die Pause zu anhalgendem Applaudiren. Baillot machte es anders! Das war in Paris, wo der Seiltanz immer am Platz. Baillot platzte die E-Saite im Finale (Fugato) des Beethoven’schen C-dur-Quartetts; er fuhr stehend fort und selbst den greisen Cherubini sah Reporter applaudiren (1829). Es war aber auch darnach, das Finale!


XXVI. Jahrgang, no. 30 (24. Juli 1872)­, s. 233­­.

(Schluss.)

Die Darstellung des alle technischen und physischen Schwierigkeiten auf einmal bietenden Quartetts Op. 127 war die Krone des Abends, in Scherzo und Finale, insbesondere deren Tempi man noch nicht in diesem Feuer gehört hatte. Einheitlicheren, freudig erregieren Beifall mag selbst Herr Joachim noch nicht gefunden haben! Das Publikum erhob sich, die Grossfürstin becomplimentirte den Künstler in ihrer Separatloge. Hervorzuheben ist die unübertreffliche Mitwirkung unserer Herrn Dawidow (Cello), Pickel (2te V.), Weikmann (Viola). Und das Extraconcert der Russ. Mus. Gesellschaft, im bis auf den letzten Platz besetzten Saale der Adelsversammlung, erschien mit dem Violinconcert von Beethoven. Geist und Styl desselben unterschieden sich quantitative, nicht specifisch vom Quartettstyl. Die Figuren (Passagen) im zweiten und letzten Satze ausgenommen, ist das Concert nicht weniger die Verwerthung einer einheitlichen Idee durch die Orchesterstimmen, mit einer an deren Spitze gestellten Stimme als prima inter pares, als Ebenbürtige unter Ebenbürtigen, wie im Quartett, was Beethoven schon damit ausspricht, dass er in der Pauke, Solo, in 4 dumpfen, bedeutsamen Schlägen, sein Hauptthema aufstellt. Der erste Satz, ein gleichsam an das Publikum herantretender feierlicher Festzug, ist die Verherrlichung des Gesammtbegriffes musikalischer Kunst, nicht die Verehrung des goldenen Kalbes, in einem Solospieler. Wir haben das von Violinisten ersten Ranges bei uns oft gegebene Werk, nicht vollendeter im Einzelnen, nie zum Ganzen der Erscheinung, so abgerundet gehört. Trillerketten, so abgemessen so sing- und klangreich auf den letzten Stufen noch, haben wir nicht erlebt, nie eine so unerschütterlich feste und ruhige Haltung in einem Virtuosen beobachtet. Herrn Joachim’s Bogen scheint die Saite nie verlassen zu haben, sein Ansatz ist kein Anfang, immer Fortsetzung. In seinem eigenen Concert glänzte der Künstler im Violinconcert von Mendelssohn und in der Gesangsscene von Spohr, mit anderen Worten, in einem musialischen Inhalt, mit hervorragender erster Stimme, die dem Bilde seine Bedeutung aufdrückt. Das Seelenleben in Mendelssohn hörten wir nie edler, durchdachter darstellen. Hier wurde die Leistung durch ein subjektives Moment im Virtuosen unterstützt, der, in das Gedicht aufgegangen, dasselbe in persönlicher und künstlerischer Begeisterung recitirte, man darf wohl sagen sprach. Das Adagio war wie eine neue Schöpfung. Eine Kantilene wie diese, eine Vollendung in den Abschlüssen der Perioden begegneten wir, für unseren Theil, nur in Spohr und Bernhard Romberg, und im piano nicht in der krystallreinen Höhe von Herrn Joachim, eines Vertreters der grossen, der grössten Schule des Saiteninstrumentes, einer Schule, die den Virtuosenstand verschmäht, nur Musikgeist will und kennt. Dies ist Zeichen und Wappen des Künstlers. Das Spohr’sche Concert war demselben die Gelegenheit, die virtuose Seite des, Effektiverliebtheiten nicht abgeneigten Saiteninstruments herauszukehren, in triumphirenden Doppelgängen, heroischen Skalen über das ganze Register, mit dem ganzen, diesem Apparat überhaupt abzugewinnenden musikalischen Eindruck. Die Violinsonate von Tartini (G-moll), eine Romanze eigener Komposition, die ungarischen Tänze von Brahms zum Klavier vollendeten den Cyklus aller vom Künstler, zu einem Abend zusammengestellten Style. Die Sonate von Tartini ist von so innigem Gehalt, so dramatisch im dritten Satz, so humoristisch, dass man sie für ein gelungenes Produkt unserer Tage halten könnte. Jede inhaltliche Intention machte Herr Joachim geltend. Unter der Glätte seiner Bogenführung und der unerschütterlichen, plastischen Sicherheit, die ihn bezeichnet, verschwanden die technischen Schwierigkeiten, von denen man nicht begreift, wie sie vor mehr als hundert Jahren überwunden warden könnten. Damals war der Triller ein integraler Selbstbestandtheil, nicht wie in unseren Tagen, Verzierung, Abschluss

234

Und leider oft Spielerei. Wie Herr Joachim das geltend zu machen wusste! Sein Trillerstyl war hier wieder ein anderer als in Beethoven, Mendelssohn, Spohr.

Petersburg ist fortgeschritten in musikalischer Mündigkeit. Der Zugeständnisse, die ihm Herr Joachim im Salonstyl zur Begleitung des Pianoforte machte, brauchte es nicht, nicht des Abendliedes von Schumann, der Barcarole von Spohr, einer zweiten Auflage der Brahms’schen Tänze. Es ist immer ein missliches Ding, coram populo, vor einem die Gesammtheit des musikalischen Begriff symbolisierenden Orchester, ein Salonsprechen am Klavier, entstehen zu sehen. Ein Quartett auf dem Podium des Orchesters, hätte sich ganz anders gemacht, wäre dem Publikum viel interessanter, hätte der Begabung des Künstlers im grossen Styl mehr entsprochen, wäre auch etwas Neues gewesen, wie die Ausführung von zwei Concerten an einem Abend, etwas bei uns Neues war. Die Wahl der Ouverturen im Concert war eine treffliche, Coriolan, Euryanthe. Nur zu schnell nahm dieselben Herr Naprawnik, mit dem trefflichen Orchester der russischen Oper, wobei an Inhalt verloren geht, was etwa (wenn anders!) an Effekt auf das grosse Publikum gewonnen ist. An seinem zweiten Quartettabend gab Herr Joachim das Sextett für Streichinstrumente von Brahms, was bei uns neu. Ueberwältigend wirkte der prägnante Ausdruck des Humors in dem C-dur-Quartett von Haydn (Anfang in den 2 Violinen) dessen Minuetto wiederhot warden musste. Ein so tief gehender Humor, eine so sprechende Bedeutung ist uns nie auf der Geige vorgekommen. Nicht der Chaconne von Bach, eines archäischen Monuments, brauchte Herr Joachim, um in Petersburg der erste lebende violinist zu sein, der Ebenbürtige aller dagewesenen. Am Hofe des Grossfürsten Constantin bewunderten wir Herrn Joachim im Ottetto von Mendelssohn, von dem jede Note in Petersburg bekannt ist. Eben so grossen Beifall fand der Künstler in Moskau. Von einem Konservatorium zum andern andern angekündigt, von der Grossfürstin Helene auch nach Moskau berufen, wo Alles vorbereitet, das grosse Theater ausverkauft war, wäre dennoch Herr Joachim fast nicht mit seinem eigenen concert zu Stande gekommen. Die Erlaubniss des Hofministers in Petersburg, Chef aller kaiserlichen Theater, war durch den General-Gouverneur von Moskau einzuziehen. Man telegraphirte auch direct an die Grossfürstin. Die Stunde drängte, Versäumnisse waren vorgekommen, das Concert kam nur soeben im letzten Augenblick zu Stande, mit dem grössten Erfolg. Hier spielte unter Anderen, Herr Joachim mit Laub, Professor am Moskauer Konservatorium ein Duett von Spohr.


Neue Berliner Musikzeitung
Vol. 26, no. 30 (17 Juli 1872), p. 228

Josef Joachim in Petersburg.
Position of the Artist in Russia.
By W. v. Lenz

You’ve a truly great man’s ways:
He won’t hear a word of praise.
He’ll modestly defer to us
And act as if all were equals. (Faust 2nd part.)

The long-awaited appearance of J. Joachim in Petersburg, before the concert season, was an event that far outshone the season in importance. Petersburg had experienced the whole array of the great violinists of the century, with the sole exception of Paganini; Lipinski, in the thirties, later Haumann, Sivori, Ole-Bull, Ernst, Vieuxtemps, Prume, Kontsky, the quartet of the Müller brothers from Braunschweig, the elegant Artot, the strong and sober Laub, Auer, Wieniawski, Wilhelmj. Petersburg had been able to appreciate these virtuosi, so different from one another, in both the quartet- and concert style. Under these circumstances, with the unanimity of the foreign press about Mr. Joachim, no artist had ever been awaited with a greater sense of anticipation. And never has an artist better lived up to his reputation. Grand Duchess Helene, the patroness of the Russian Musical Society, had chosen Mr. Joachim to visit Petersburg. The artist took up residence in her palace.

Whoever has recognized a poet in Beethoven — and this view is gaining more and more followers, post tot errores! — a poet who, with musical symbols, wrote an ideal account of the human mind and heart, may say to a violinist: “Give me Beethoven and I will tell you who you are!” Herr Joachim gave us at his first appearance 3 quartets of Beethoven, which corresponded to the 3 psychological types that one always distinguishes more broadly in Beethoven, and that proceed from the fact that in his first works (in round number up to Op. 20), Beethoven created independent pictures in the forms, frames and colors of Haydn and Mozart; in his middle works, he developed his own great personality, his own ideas in his own forms — but in his last works (beyond Op. 100), he liberates the musical idea from all models, lives only according to his vision, which he prefers to transfer to the speculative realm of human thought by also inventing strange forms for his singular innovations.

Herr Joachim chose the B flat major quartet (Op. 18) from the first Beethoven period, the E minor quartet from the second, and the E flat major quartet from the third; a rational choice that, in our country, only Laub (1856) had done justice to. We would compare Joachim to the German oak, in its symbolic meaning. Everything in him, in his performance, is admirable and simple, powerful and strong. There is not a trace of virtuosity in his behavior; no self-satisfied display of personality that strives after recognition for, and in, itself. Herr Joachim entered the large hall of the Merchants’ Club, which is particularly conducive to music, as if he were returning to it after a long absence. So, too, was his reception from the audience that had crowded in long before the concert commenced, as if for a feast. This storm of applause, this acclamation, was not feigned; it was an eloquent testimony of heart’s joy to for once be allowed to enjoy the best. The little B-flat major quartet, as it is called to distinguish it from that of the third period, is in the style of Haydn and Mozart, with an elaboration of Beethovenian fantasy (La Malinconia). We have never heard it played so charmingly, never with such fullness of tone in the piano as by Herr Joachim, never such a realized understanding of the whole in the detail, the detail in the whole. Nothing was emphasized, the second voice did not wait for its entrance to shine; it understood itself as a part of the whole, in the service of the whole it found its role.

Every note of this quartet is a familiar resident of Peterburg [sic], yet the work appeared new in many of its parts, especially in the heart-stopping exposition of the Andante motive by Herr Joachim, and in the trio of the Scherzo with its uncomfortably situated bravura figure in the prestissimo of the conclusion, called “cranky” by violinists, whose technical difficulty the artist easily overcame. Such a rapid pace, with such transparent clarity, is an achievement in thesi, but also the signature of the artist’s overall achievement — the subordination of his personality to the unique character of the poet to whose interpretation he consecrates himself. Herr Joachim’s overall performance is like a Greek temple, above whose artistic expression, above whose unapproachable plasticity the artist (Mensch) does not emerge. Now, Beethoven masterfully describes the struggle of man against life. This fight is incomparable in Herr Joachim’s interpretations; not to the same extent the fighter, the subjective aspect. Broadly speaking, the person, the human, stands closest to the human breast — also in art. Pain and joy — one wants also to feel them sympathetically in the person representing the art, not just in the expression that the person is able to give to the artwork itself. The subject, in a word, has a more immediate interest for a man than the object. Herr Joachim’s is the most objective (artistically most perfect) representation. If one had to choose among approaches, one would have to give preference to the latter (though) it is less appealing to most of the audience. The E minor quartet is of specific, dramatic content; here, only the stage that represents the world is missing; here is the Wolf’s Glen; here the Freischütz-bullets whistle (1st movement). Perhaps more subjectivity would have been appropriate here in the first violin part. The whole of the presentation, in technique and conception, was again most accomplished, and the markedly rapid tempo in the finale, contrary to all precedent, a dream-like surprise. In the scherzo, the E string of Herr Joachim’s violin broke. A virtuoso like Herr Joachim, commanding every difficulty of his instrument, could finish the movement in other positions. This artist was too conscientious for that; he did not avail himself of the opportunity to perform a virtuoso deed, which rarely fails to impress — he replaced his string as naturally, as simply, as in a rehearsal and the audience used the pause for sustained applause. Baillot did it differently! That was in Paris, where the tightrope walk is always in place. Baillot broke his E string in the finale (fugato) of Beethoven’s C major quartet; he continued standing and reporters saw even the aged Cherubini applauding (1829). But after that came the finale!


Vol. 26,  no. 30 (24. July 1872­­), p. 233­­.

(Conclusion.)

The performance of the Op. 127 Quartet, which presents all technical and physical difficulties at once, was the crown of the evening, in the scherzo and finale especially, whose tempi had never been played with such fire. Herr Joachim may never have heard more unanimous and joyfully excited applause! The audience rose and the Grand Duchess complimented the artist in her private box. The unsurpassable contributions of our Messrs. Davydov (cello), Pickel (2ndvln.), and Weikmann (viola) should be acknowledged. And the extra concert of the Russ. Mus. Society, in the hall of the nobility, which was filled to capacity, featured Beethoven’s Violin Concerto. Its spirit and style did not differ in quantity from music of the quartet. With the exception of the figures (passages) in the second and last movement, the concerto is not less the exploitation of a unified idea by the orchestral voices as in the quartet, with a voice placed at their head as prima inter pares, as equal [sic] among equals, which Beethoven states initially by setting up his main theme in the timpani, solo, in 4 sombre, significant beats. The first movement, a solemn procession approaching the audience, as it were, is the glorification of the overall concept of musical art, not the worship of the golden calf, in a solo player. We have often heard this work, given by first-rate violinists, incomplete in detail; never so well-rounded as a whole. We have never witnessed trills so measured, so melodious and resonant even on the final steps, nor have we observed such unwavering and calm composure in a virtuoso. Herr Joachim’s bow seems to have never left the string; his preparation is not a beginning but a continuation. In his own concert, the artist shone in Mendelssohn’s Violin Concerto and in the Gesangsscene by Spohr, in other words, in a musical content, with an outstanding principal voice that gives the image its meaning. We have never heard Mendelssohn’s spiritual life portrayed more nobly or thoughtfully. Here, the performance was supported by a subjective element in the virtuoso who, immersed in the poem, recited it with personal and artistic enthusiasm — one might even say, spoke it. The Adagio was like a new creation. A cantilena like this, a perfection in the endings of the periods, we encountered, for our part, only in Spohr and Bernhard Romberg, and in the piano not in the crystal-clear height of Mr. Joachim, a representative of the great, the greatest, school of the stringed instrument, a school that scorns the virtuoso status and only seeks and knows musical spirit. This is sign and emblem of the artist. Spohr’s concerto was an opportunity for him to show the virtuoso side of the stringed instrument, which is not averse to love of effect, in triumphant double stops, heroic scales spanning the entire range, producing a musical impression that could only be gained by employing all of these devices. Tartini’s Violin Sonata (G minor), a romance of his own composition, and Brahms’ Hungarian Dances with piano completed the cycle of pieces assembled by the artist for the evening. Tartini’s sonata is of such intimate content, so dramatic in the third movement, so humorous, that it could be considered a successful product of our day. Herr Joachim made every intention of the content tell. Under the smoothness of his bowing and the unshakable, sculptural certainty that characterizes him, technical difficulties disappeared that one cannot believe could have been overcome more than a hundred years ago. At that time, the trill was an integral component, not, as in our days, an ornamentation, a termination,

234

and unfortunately often a gimmick. How Herr Joachim knew how to manifest that! The style of his trills was different here than in Beethoven, Mendelssohn, and Spohr.

St. Petersburg has advanced in musical maturity. The concessions that Herr Joachim made to it in salon style with piano accompaniment were not necessary; not for Schumann’s Abendlied, Spohr’s Barcarole, or a second edition of Brahms’s dances. It is always an awkward thing to witness a salon-style performance with piano accompaniment, coram populo, in front of an orchestra, which symbolizes the entirety of the musical concepetualization. A quartet on the orchestra podium would have been much more fitting, much more interesting for the audience, and would have corresponded more to the talent of the artist in grand style. It would also have been something new, just as the performance of two concertos in one evening was something new for us. The choice of overtures in the concert was excellent: Coriolan, Euryanthe. However, they were conducted too quickly by Mr. Napravnik, with the excellent orchestra of the Russian Opera, losing in content what is gained (if anything!) in effect on the large audience. On his second quartet evening, Mr. Joachim performed the Sextet for Strings by Brahms, which was new to us. The concise expression of humor in Haydn’s Quartet in C major (beginning in the second violins) had an overwhelming effect, and its minuet had to be repeated. We have never witnessed such profound humor, such eloquent significance, on the violin before. Herr Joachim did not need Bach’s Chaconne, an archaic monument, to become the first living violinist in Petersburg, the equal of all who came before. At the court of Grand Duke Constantine, we admired Herr Joachim in Mendelssohn’s Octet, every note of which is well-known in Petersburg. The artist received equally great acclaim in Moscow. Announced from one conservatory to another, summoned by the Grand Duchess Helene also to Moscow, where everything was prepared and the grand theater sold out, Herr Joachim nevertheless almost failed to hold his own concert. The permission of the Court Minister in St. Petersburg, the chief of all Imperial theaters, had to be obtained through the Governor-General of Moscow. They also telegraphed directly to the Grand Duchess. Time was pressing, there had been delays, and the concert came together only at the last moment — with great success. Among other things, Herr Joachim played a duet by Spohr with Laub, a professor at the Moscow Conservatory.


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