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Joseph Joachim

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Joseph Joachim

Category Archives: Reminiscences & Encomia

Hermann Kretzschmar: Joseph Joachim (1907)

10 Friday Jan 2014

Posted by Joachim in Miscellaneous Articles, Reminiscences & Encomia

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Archiv für Musikwissenschaft, 2. Jahrgang, Heft 3 (July, 1920), pp. 411-416.

This article, written in 1907, was published in 1920.

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Joseph Joachim (1907)
By Hermann Kretzschmar, Berlin

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Hermann Kretzschmar

Wenn unser Archiv das Gedächtnis Joseph Joachim’s hiermit auffrischt, erfüllt es eine Pflicht der Liebe und Dankbarkeit, zugleich nimmt es aber damit auch Stellung zu einer für die Musik wichtigen Frage: der Frage nach dem Wert der Virtuosität. Denn vor allem bewundert die musikalische Welt in Joseph Joachim den großen, unersetzlichen Virtuosen.

Ist der Virtuose wirklich der bloße, der Kränze der Nachwelt unwerte Eintagsarbeiter, ist seine Tätigkeit bedingungslos der des Komponisten unterzuordnen? Die ältere Geschichte bleibt darauf die Antwort schuldig, den sie kannte nur eine von Dufay bis auf Mozart fast ununterbrochne Personalunion zwischen schaffendem und ausübendem Musiker. Anders die neuere. Sie bescheinigt nicht bloß das uralte Vorrecht des Virtuosen, mit der Elementarmacht der Töne Wunder zu wirken, sie beweist auch seine entscheidende Bedeutung für die höhere musikalische Kultur mit zahlreichen Beispielen. Grade im neunzehnten Jahrhundert hat es sich immer wieder ereignet, daß beste Komposition brachlag, weil es an Interpreten fehlte, hat sich gezeigt, daß zu Zeiten ein Stab ausgezeichneter Virtuosen und Dirigenten wichtiger sein kann als der ganze Komponistennachwuchs. Franz Habeneck und die Beethovensche Sinfonie in Frankreich, Franz Liszt und das Musikdrama Richard Wagner’s, Johann Herbeck und das Schicksal der Schubertschen Werke — wem wären diese Fälle unbekannt? Es bedarf keines Hinweises, daß in diese Reihe großer, für die Weiterentwicklung der Tonkunst bestimmend gewordene Nothelfer Joseph Joachim mit an die erste Stelle gehört. Er war nach jeder Richtung ein vorbildlicher Virtuose im höchsten Sinne des Wortes, ein Künstler, mit dessen Entwicklung und Wirksamkeit auch spätere Geschlechter vertraut bleiben müssen. Darum darf man auch heute wieder auf das Wesen von Joachim’s Vorbildlichkeit einen Blick werfen. Denn wenn wir in einem Wunsch einig sind, so ist es der, daß es auch in Zukunft der deutschen Musik nicht an Männern Joachim’schen Geistes fehlen möge!

Freilich kann nur das Lehrbare, nur der Teil von Joachim’s Künstlertum, der durch Studium und Lebenserfahrung erworben wurde, Nachfolgern als Muster dienen. Das Beste am Menschen und Musiker ist angeboren, und im letzten Grund verehren wir einen Künstler als den auserlesenen Träger göttlicher Gaben und Gnaden. Nach dieser unerforschlichen Seite hin war Joachim besonders reich gesegnet, und auch die freundliche Lebensbegleiterin, die wir Glück nennen, ist nur selten von seiner Seite gewichen.

Wir haben Ursache, dem Geschick schon für das Elternhaus und für die Kindheit zu danken, die Joachim beschert waren. Neunjährig kommt er in die Lehre eines der bedutendsten Violinpädagogen des 19. Jahrhunderts, der den Knaben väterlich liebevoll nicht bloß zu einem fertigen Geiger macht, sondern auch seine musikalische Seele über die damalige Wiener Leichtfertigkeit hinweg auf Beethoven weist. Schon hier bei Joseph Böhm, dem einzigen, der sie noch spielte, hat Joachim die Beethoven’schen Quartette kennen gelernt. Auf Böhm folgt Mendelssohn. Im Gepräge des Wunderbaren, das Joachim’s Lebensgang bis dahin trägt, fehlen selbst die kleinen Zufälle nicht, die in die Entwicklung des Auserwählten entscheidend einzugreifen pflegen. Der erste Wiener Lehrer, ein Hellmesberger, erklärt den Knaben auf die steife Bogenführung hin für talentlos, der Künstlerberuf soll aufgegeben werden. Da trifft der berühmte Ernst ein und führt den kleinen Joachim zu Böhm. Böhm weist seinen Schüler aufs Pariser Konservatorium, die vormärzliche Münze musikalischen Weltruhms. Da verheiratet sich eine Tante [sic] Joachim’s nach Leipzig, und der Neffe [sic] zieht ihr nach. Dieser zufälligen Fügung verdanken wir, daß Joachim der deutschen Musik mehr geworden ist, als etwa ein zweiter Vieuxtemps. Er selbst hat es immer als das größte Glück seines Lebens bezeichnet, unter Mendelssohn’s Hand gekommen zu sein. Nun, ein gutes Stück dieses Glücks ist für jede Musikerziehung erreichbar. Es bestand in der Sorge, die Mendelssohn, kühn den weitern Violinunterricht streichend, die Übungen auf ein Minimum reduzierend, aber Naturwissenschaften, alte und neue Sprachen aufs Tagespensum setzend, der Erweckung von Mißbegierde und geistigen Interessen in seinem Schützling widmete, darin, daß er das bestaunte Geigergenie in den breiten und reichen Kulturboden einpflanzte, ohne den auch die beste künstlerische Fachbegabung so leicht im Handwerk stecken bleibt.

Auch der Charakter Joachim’s erhält durch das Beispiel Mendelssohn’s, der nicht umsonst Schiller’s “Festgesang an die Künstler” komponiert hat, seine Gestalt. Wie der Knabe die ersten großen Londoner Triumphe dankbar aber gelassen hinnimmt, so hat er sich auch im späteren Leben nie durch äußere Ehren und Erfolge bestimmen lassen. Daß aus seiner naiven eine große Natur wurde, daß Joachim seinen Beruf priesterlich auffaßte und führte, daß ihm alles, was auf die Kehrseite des Virtuosentums gehört, fremd blieb, daß ihm die Sache alles bedeutete, daß er als Mensch und Künstler die Schlichtheit selbst war, daß er bei aller Bescheidenheit nach dem Höchsten strebte — da waren die Ergebnisse von Mendelssohn’s Charktererziehung.

Aber drittens und endlich verdankte Joachim den bei Mendelssohn verbrachten Lehrjahren auch eine Reihe spezifisch musikalischer Vorzüge. Die immer und immer wieder gerühmte Stileinheit seiner Vorträge, die Kunst, jedem Meister gerecht zu werden, die Unmittelbarkeit, mit der aus seinem Spiel die Musik gewissermaßen leibhaftig vor den Hörer trat — das alles war Mendelssohn’sches Vermächtnis, war die Frucht der alten “Affektenlehre” des 18. Jahrhunderts, in der Mendelssohn aufgewachsen war, nach der er zu allererst auf klarste Ausprägung des Charakters jedes ganzen Satzes und jeder einzelnen Stelle drang. Neben dieser Reinheit und Sicherheit des Stils haben eindringendere Analytiker immer wieder die unaufdringliche Elastizität der Tempoführung als eine Joachim’sche Spezialität erkannt. Wenn man ihm darüber gelegentlich ein Wort der Bewunderung aussprach, wehrte er mit der Bemerkung ab: “Das habe ich von Mendelssohn.” Diese Tatsache festzustellen ist heute nicht überflüssig, den die junge Welt hat, irregeleitet durch R. Wagner’s im übrigen höchst bedeutendes Pamphlet “Über das Dirigieren,” sich angewöhnt, Mendelssohn als Schulbeispiel eines oberflächlich eleganten Dirigenten zu betrachten.

Ohne Zweifel sind auch Joachim’s Weimarer Jahre noch auf der Seite des Glücks zu buchen. Die Bekanntschaft mit Bettina von Arnim und ihrem Kreis hat da den Dichter in Joachim ebenso angespornt, wie der plötzliche Ansturm allermodernster Kunstideen ihn zu kritischer Klärung zwang; vor allem aber ist er in Weimar durch Liszt’s plastische Art, Musik anzufassen, durch seine wunderbare Akzentuierungskunst, durch seinen Enthusiasmus für den letzten Beethoven musikalisch noch reicher geworden.

Bis dahin ist Joachim’s Lebensgang lediglich beneidenswert. Von Hannover ab wird er dadurch vorbildlich, daß die Eigenschaften in den Vordergrund treten, mit denen jeder Künstler die angeborene Begabung zu höherem Wert steigern kann: ein edler, energisch auf Weiterschreiten gerichteter Wille und ein planvoller unablässiger Bildungseifer. Der berühmte junge Hofkonzertmeister, der nicht bloß die Gleichaltrigen seit langem überragt, dem eine glänzende Zukunft sicher ist, setzt sich nochmals auf die Schulbank, läßt sich zeitweilig in Göttingen immatrikulieren, besucht in Heidelberg Vorlesungen und nimmt in der Musik die unter Moritz Hauptmann schon befriedigend abgeschlossenen theoretischen Studien nochmals mit heißem Eifer und von den schwierigsten Seiten her in Angriff. Wir wissen heute, daß Joachim damit auf große, bleibende Leistungen in der Komposition lossteuerte. Auf diesem Gebiet hat er die nötige Anerkennung nicht gefunden, und das ist ein tragischer Punkt in Joachim’s scheinbar ungetrübtem Künstlerglück. Er ist darüber hinweg zur inneren Ruhe und Resignation gekommen, er konnte sogar später seine Bestrebungen und Leistungen als schaffender Künstler mit Ironie behandeln. So erzählte er ganz vergnüglich, wie bei einem seiner letzten Londoner Konzerte seine Kompositionen von “Ich hab’ im Traum geweinet” und eines andern von Schumann vertonten Gedichts auf dem Programm durch einen Druckerspuk als “Leider” von Joachim vermerkt waren. Aber es muß ihm seiner Zeit einen schweren Kampf gekostet haben, als Komponist zu verzichten, und völlig hat er diesen Fehlschlag nicht überwunden. Zu Andreas Moser, seinem vortrefflichen Biographen, äußerte er noch in den neunziger Jahren: “Wer weiß, was aus mir geworden ware, wenn ich Mendelssohn nicht so früh verloren hätte!” Auch bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Künstlerjubiläums im Jahre 1889, wo er mit der Aufführung von mehreren dieser Jugendkompositionen überrascht wurde, konnte man sehen, wie es ihm schwer war, der Rührung und der wogenden Gefühle Herr zu werden. In der Tat sind auch die Joachim’schen Kompositionen ungerecht behandelt worden, insbesondere die schönen, durch große Konzeption und Stilfeinheiten ausgezeichneten Ouverturen. Sie stehen in der Gewähltheit der Gedanken und in der Ausgeglichenheit der Arbeit noch höher als das bekannte “Ungarische Konzert,” obwohl auch dieses, wenn man bedenkt, das es mitten in die Spohr’sche Zeit hereintrat, als Zeugnis einer wirklich eigenen höhern Begabung volle Gültigkeit hat. Ganz ohne Echo sind Joachim’s Kompositionen denn auch nicht geblieben. Schumann erkannte ihre Bedeutung, und der junge Brahms beklagt in seinen jüngst veröffentlichten Briefen an Jul. Otto Grimm, daß Joachim, “der einzige Poet, den die deutsche Musik zur Zeit aufzuweisen habe,” sich mit Konzertieren in England abnützt.

Aber Joachim richtete überall, auch in bildender Kunst und Poesie, nach dem höchsten Maßstab und am strengsten die eigenen Leistungen. Da glaubte er den nach zehnjähriger, scharfer Beobachtung hinter dem jungen Johannes Brahms zurücktreten zu müssen. Der Briefwechsel zwischen Joachim und Brahms gewährt uns einen genaueren Einblick in die gemeinsamen Studien der beiden Freunde und legt allgemein klar, daß Joachim der früh gereifte und feine Praktiker dabei in der ersten Zeit viel mehr gegeben als empfangen hat. Wir müssen es nehmen, wie es gekommen ist, und brauchen nicht zu klagen. Im Gegenteil: Joachim hat als ausübender Künstler die deutsche Musik tiefgreifend und für die nächsten Menschenalter so entscheidend gefördert, wie das unter den Komponisten nur ganz wenigen Ausnahmen erreichbar ist.

Das namentlich von dem Augenblick ab, wo er nach Berlin, an die Spitze der neuen Königlichen Hochschule für Musik berufen wurde. Hier wuchs er sich bald zu einem der hervorragendsten künstlerischen Palladine des Neuen Reichs aus. Für das Thema: Joachim als Lehrer und als Haupt des geigenden Jungdeutschland kann da auf den guten Aufsatz verwiesen werden, den Arnold Schering, einer seiner Schüler, im Septemberheft des Jahrganges 1907 der Zeitschrift der J. M. G. veröffentlicht hat. Auch der Solist Joachim ist im wesentlichen und glücklicherweise derselbe geblieben, der er schon in Leipzig, Weimar und Hannover war. Anders steht es schon mit dem Dirigenten. Als solcher gab er, Arm in Arm mit seinen Freunden Friedrich Chrysander und Philipp Spitta die Parole aus: mehr historische Bildung! Später hat er seine Schütz-Aufführungen wieder fallen lassen und sein tiefes Interesse für alte Musik, das er schon in der hannöverschen Zeit durch die Herausgabe der Corelli’schen Konzerte bekundet hatte, öffentlich weniger betätigt. Aber es blieb ihm Herzenssache, die mit der stilgerechten Belebung alter Meister auf die Erweiterung des musikalischen Horizontes zielende Arbeit der Musikwissenschaft zu verfolgen. Ohne ihr anzugehören, hat er bis an sein Ende allen Sitzungen der vom Preußischen Kultusministerium eingesetzten musikgeschichtlichen Kommisson beigewohnt, schon schwer leidend führt er Bogen und Taktstock zum letzten Mal zum Ruhme seines geliebten Sebastian Bach; eine Gruppenleitung bei der begonnenen Gesamtausgabe der Werke Joseph Haydn’s beschließt die lange Reihe der ihm amtlich überkommenen Aufträge. Dieses Verständnis für die Wichtigkeit geschichtlicher Aufklärung der Musiker war bei Joachim schon in Leipzig, wenn auch durch die nur mangelhaften Versuche Ferd. David’s, geweckt worden; mit der Zeit hatte er darin eine Höhe erreicht, auf der er unter den namhaften praktischen Musikern nur wenige wie Fétis, Gevaert, Wüllner über sich hatte. Auch hier ist bis jetzt in der jüngeren Generation kein Ersatz für ihn zu finden.

Den bedeutendsten Platz nimmt aber in Joachim’s Berliner Arbeit die Gründung und Führung des nach ihm benannten Streichquartetts ein. Das Quartettspiel stand ihm schon in Weimar hoch und von ihm ließ er auch dann nicht, als er das Solospiel in weiser Berücksichtigung seiner Kräfte aufgegeben hatte. So klar war ihm die Wichtigkeit der Kammermusik, insbesondere die Wichtigkeit, die sie für unser naturwissenschaftliches, auch in der Musik zum Kultus des bloßen Rohmaterials neigendes Zeitalter haben muß. Hier galt es gegen eine in Primitive zurückfallende Kunst neuer Klänge und Tonfarben, die der höchsten Kultur entsprungene Gedankenkunst durchzusetzen. Das wird noch einen langen Streit geben, aber wir dürfen zufrieden sein, daß die Joachim’sche Partei im letzten Menschenalter festen Boden gewonnen hat. Es ist geradezu erstaunlich, wie sich überall, nicht bloß in Deutschland, die Zahl der Vereinigungen für Kammermusik vermehrt hat, wie besondere Arten, die abgestorben scheinen, wieder aufleben. Statistisch steht es fest, daß dieser Aufschwung von Joachim’s Berliner Quartet ausgeht. Man darf deshalb dem geschichtlichen Urteil schon heute mit der Behauptung vorgreifen: Das Hauptverdienst Joachim’s ist: eine neue Blüte der Kammermusik herbeigeführt zu haben, ein Verdienst reich an Ergebnissen und noch reicher an Hoffnungen. Noch bleibt viel zu tun, vor allem gilt es, daß das Ensemblespiel in der Weise alter Zeit wieder in die Hausmusik eingebürgert wird. Noch fehlt es für die Zukunft der Kammermusik an einem zweiten Brahms, an einer Brahms’schen Schule. Aber vergessen wir nicht, daß die Komposition als letzte Frucht guter Organisation reift. Diese Organisation aber ist da, und der Bonner Verein Beethovenhaus ist als ihre Spitze, ihr Leitstern gedacht.

Die Tatsache, das Joachim gewissermaßen zum Hausherrn dieses Vereins geworden ist, führt uns vor eine weitere Leistung, durch die sein Virtuosentum ebenfalls geschichtlich bedeutend geworden ist, vor Joachim als Beethovenapostel.

Die heute so beliebte, in erster Linie auf die Taubheit des Komponisten und auf das sogenannte Heiligenstädter Testament gestützte Behauptung, daß Beethoven’s Wirken ein Martyrium gewesen sei, bleibt, wenn ihr auch noch so viele Klinger und Lamprechte beitreten, eine sentimentale Geschichtsfälschung. Wahr ist nur, daß einzelne Werke Beethoven’s der Willigkeit seiner Zeitgenossen doch zuviel zumuteten. Darunter gehören vor allem die letzten Quartette. Sie sind nach den ersten Wiener Anläufen total aus der Praxis verschwunden und, wie die bekannten Äußerungen Spohr’s und Moritz Hauptmann’s ergeben, auch bei den Besten unverstanden geblieben. Nur R. Schumann erklärt schon in den dreißiger Jahren Beethoven’s letzte Quartette für die volkstümlichste Musik, die es gibt. Aber Schumann hat mit diesem hellseherischen Satz auf die Praxis keinen Einfluß geübt, sondern diese hat sich auf vereinzelte schwache Versuche beschränkt, unter denen die des älteren Müllerquartetts und die des Florentiner Quartetts äußerlich hervorzuheben sind. Erst durch Joachim’s Ausdauer, Intelligenz und Interpretationskunst hat sich für diese eigensten Schätze Beethoven’s eine feste, hoffentlich immer mehr wachsende Gemeinde gebildet. Das bestimmte die Bonner Männer, die sich im Febr. 1889 entschlossen, das Geburtshaus Beethoven’s zu einem Denkmal pietätvoller und lehrreicher Erinnerung umzugestalten, Joachim an seinem fünfigjährigen Künstlerjubiläum die Ehrenpräsidentschaft des zu bildenden Vereins anzubieten. Joachim nahm hocherfreut an, taufte den jungen Verein auf den Namen Beethovenhaus und trat sofort für ihn in seiner still aktiven Weise in Tätigkeit. Schon am 3. Mai hat er Johannes Brahms, Clara Schumann und Hans v. Bülow als Ehrenmitglieder gewonnen, noch vor Ende des Monats meldete er Fürst Bismarck und Graf Moltke als außerordentliche Ehrenmitglieder an. Der Sammlung übermittelte er kostbarer Geschenke, den Beethoven’schen Brief an Simrock vom Oktober 1804, die mit Beethoven’s eigenhändigen Zusätzen versehenen Abschriften des B-dur- und A-moll-Quartetts, eine Haarlocke des Komponisten, Beethoven’s Streichinstrumente, das Originalporträt Schimon’s, die Gehörinstrumente Beethoven’s. Zu wiederholten Malen nimmt Joachim an den Sitzungen der Vereins teil und ist stets über dessen Angelegenheiten bis ins Kleinste unterrichtet. Noch im Gründungsjahre wurden bekanntlich große mehrtägige Kammermusikfeste beantragt. Darin sah Joachim zunächst eine zu gewagte Kraftprobe, bald aber ließ er seine Bedenken fallen und hat dann nicht bloß durch die regelmäßige Mitwirkung seines Berliner Quartetts, sondern noch viel mehr mit dem Einfluß, den er auf die Programme übte, es dahin gebracht, daß Bonn durch diese Feste der Vorort und das Mekka der Kammermusik und zugleich ein glänzender Beleg für die auch fernere Möglichkeit der ehemaligen Dezentralisation der deutschen Musik werden kann. Man sieht aus diesen Programmen allein schon den ganzen Joachim, auch den herrlichen, gütigen Menschen mit seiner über alle Kleinlichkeit und allen Egoismus erhabenen Kollegialität, die nur die Förderung der Sache kannte. Seinen Rang als Musiker bezeugen diese Bonner Feste in den Proben geschichtlichen Sinns, die sich in den Vortragslisten dieser Konzerte finden und durch die Einstellung von Werken lebender Komponisten. Zum Teil waren sie die Resultate von durch Joachim veranlaßten Preisausschreiben. Die Idee, sowohl rückschauend wie vorausschauend das Wohl der Gattung zu fördern, muß als ein Hauptpunkt in dem Testament gelten, das Joachim für Bonn und die Kammermusik, wir dürfen sagen für die Musik überhaupt hinterlassen hat. Auch wenn die, die ihn persönlich gekannt, die unter dem Zauber seines Spiels gestanden haben, längst ruhen, wird der Segen seines Wirkens fortdauern und als Sporn und Beweis für eine höhere Mission des Virtuosen dienen.

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Mrs. E. Cawood: Joachim and His School

07 Tuesday Jan 2014

Posted by Joachim in Miscellaneous Articles, Reminiscences & Encomia

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The Windsor Magazine, Vol. 7 (Dec. 1897 — May 1898), pp. 744-749.

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Screen shot 2014-01-07 at 5.51.32 PM

Joachim and His School

Mrs. E. Cawood

There is a good deal of misinformation in this article, particularly directly after she writes: “A little summary of Herr Joachim’s career may be welcome, especially as the facts are well authenticated.” Nevertheless, Mrs. Cawood provides an interesting glimpse into atmosphere of the Berlin Hochschule under Joachim.

A matter of interest: the birth date that she gives for Joachim, July 15, 1831, was a date that Joachim himself believed to be his birthday, and celebrated as such until his middle years.


TitleThe_Windsor_Magazine Joachim School 744The_Windsor_Magazine Joachim School 745The_Windsor_Magazine Joachim School  p. 746The_Windsor_Magazine Joachim School p. 747The_Windsor_Magazine Joachim School p. 748The_Windsor_Magazine Joachim School p. 749

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Mrs. E Cawood Joachim and his School

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Ludwig Wittgenstein: Josef Joachim (1907)

06 Monday Jan 2014

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Neue Freie Presse. Morgenblatt, no. 15441 (Sunday, 18 August, 1907), p. 11.

Translation © Robert W. Eshbach 2014

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[At the time of writing, Ludwig Wittgenstein was 18 years old. This remembrance is somewhat idiosyncratic regarding tense, and has been translated as written. It is also somewhat unclear as to voice: the “father” referred to is Ludwig Wittgenstein’s paternal grandfather, Hermann Wittgenstein. Ludwig’s paternal grandmother, Fanny Figdor Wittgenstein, was Joseph Joachim’s cousin, and, for a number of years, Joachim’s guardian. She is apparently the “mother” referred to. It seems, therefore, that this remembrance is actually that of Ludwig Wittgenstein’s father Karl, “communicated” by Ludwig Wittgenstein.]

Josef Joachim.

Communicated by Ludwig Wittgenstein.

“The little boy played at a large evening party; we listeners were filled with joyful amazement; while we speak of it, he leaves us unnoticed, and when I look for him I find him asleep, lying on a divan, an adorable child. That was the first time that I saw Joachim.” This is the way my mother told it.

Later, the child spent several years at her home in Leipzig. At first, Felix Mendelssohn had misgivings about his coming: how would he be able to help the boy? “Just let him breathe your air,” replied my father. To which Mendelssohn gave the friendly reply: “That he will have!” A happy stroke of fate. Before me lies a letter from Mendelssohn to my father, a testimony to the love and care that the noble man devoted to Joachim: “You are to be thanked,” Mendelssohn wrote then from London, “that you and your wife were responsible for bringing this exceptional boy into our midst; you have my thanks for all the joy he has given me in particular; and if heaven keep him in good and sound health, everything else that we wish for him will not then fail to be forthcoming — or rather, it cannot fail, for he no longer needs to become an eminent artist and a fine person: he is both already, as certainly as a boy of his age can be or ever has been.

With this [successful concert], the chief object of a first English visit has, in my opinion, been fully attained: every one here who is interested in music is his friend and will remember him. Now I wish, as you know, that he should soon return to a perfectly tranquil life, retiring entirely from public playing in order that he may use the next two or three years to develop his inner resources in every regard, practicing his art in all those areas in which there is still room for improvement without neglecting that which he has already achieved, composing industriously, and even more industriously going for walks and caring for his physical development, so that in three years’ time the youth may be as healthy in mind and body as the boy. I consider this impossible without perfect peace and quiet; may this be granted in addition to all the good things that Heaven has given him.”

The sixteen year-old Joachim wrote home about Mendelssohn’s death in a letter, which, it is said, no one could read with dry eyes.

Since our childhood, Joachim’s character was held up to my siblings and me as an example; even then, we heard from our mother: ‘Josef has never told a lie.”

So he has, even apart from his work as an artist, kept himself to be a noble, good, touchingly modest man, loved and honored by all who had the good fortune to know him.

JJ Initials

Josef Joachim.

Mitgeteilt von Ludwig Wittgenstein.

“In einer großen Abendgesellschaft spielte der kleine Knabe vor; wir Zuhörenden staunten voll freudiger Bewunderung; indem wir darüber sprechen, verlässt er uns unbemerkt, und da ich ihn suche, finde ich ihn im Schlaf auf einem Divan liegend, ein entzückendes Kind. Das war das erstemal, daß ich Joachim sah.” So erzählte meine Mutter.

Später war der Knabe einige Jahre bei ihr in Leipzig. Felix Mendelssohn hatte erst Bedenken gegen sein Kommen: wie vermöchte er den Knaben zu fördern? “Ihre Luft soll er atmen,” erwiderte mein Vater. Worauf Mendelssohn gar freundlich: “Die soll er haben!” Eine glückliche Fügung! Vor mir liegt ein Brief Mendelssohns an meinen Vater, ein Zeugnis der Liebe und Sorge, die der edle Mann Joachim gewidmet hat: “Haben Sie Dank,” schreibt Mendelssohn damals aus London, “daß Sie und Ihre Gemahlin die Ursache waren, diesen vortrefflichen Knaben in unsere Gegend zu bringen; haben Sie Dank für alle Freude, die er mir namentlich schon gemacht hat; und erhalte ihn der Himmel uns in fester guter Gesundheit, alles andere, was wir für ihn wünschen, wird dann nicht ausbleiben — oder vielmehr es kann nicht ausbleiben, denn er braucht nicht mehr ein vortrefflicher Künstler und ein braver Mensch zu w e r d e n, er ist es schon so sicher, wie es je ein Knabe seines Alters sein kann oder gewesen ist.” … “Der Hauptzweck der bei einem ersten englischen Aufenthalt nach meiner Meinung zu erreichen war, ist hierdurch aufs vollständigste erreicht: alles, was sich hier für Musik interessiert, ist ihm Freund und wird seiner eingedenk bleiben. Nun wünsche ich, was Sie wissen: daß er bald zu vollkommener Ruhe und gänzlicher Abgeschiedenheit vom äußerlichen Treiben zurückkehre, daß er die nächsten zwei bis drei Jahre nur dazu anwende, sein Inneres in jeder Beziehung zu bilden, sich dabei in allen Fächern seiner Kunst zu üben, in denen es ihm noch fehlt, ohne das zu vernachlässigen, was er schon erreicht hat, fleißig zu komponieren, noch fleißiger spazieren zu gehen und für seine körperliche Entwicklung zu sorgen, um dann in drei Jahren ein so gesunder Jüngling an Körper und Geist zu sein, wie er jetzt ein Knabe ist. Ohne vollkommene Ruhe halte ich das für unmöglich; möge sie ihm vergönnt sein zu allem Guten, was der Himmel ihm schon gab.”

Von Mendelssohns Tode hat dann der sechzehnjährige Joachim nach Hause in einem Briefe berichtet, den nach der Ueberlieferung niemand trockenen Auges lesen konnte.

Meinen Geschwistern und mir wurde seit unserer Kindheit Joachims Charakter gerühmt; schon damals hörten wir von unserer Mutter: “Josef hat nie eine Lüge gesagt.”

So hat er, auch abgesehen von seinem Wirken als Künstler, sich zeitlebens bewährt als der Edle, Gute, rührend Bescheidene, geliebt und verehrt von allen, die ihn zu kennen das Glück hatten.

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Edith Sichel: Joseph Joachim. — A Remembrance (1907)

05 Sunday Jan 2014

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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The Living Age, Seventh Series, Vol. 36 (July, August, September 1907), pp. 693-695

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JOSEPH JOACHIM. — A REMEMBRANCE

Edith Sichel

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            “Coleridge is dead!” Charles Lamb would suddenly exclaim in the midst of other conversation, during the weeks that followed the poet’s death. And those who have loved Joseph Joachim feel the need of repeating such words to make them realize that he has gone. When men have lived the life of art or goodness belonging more or less to the eternal order of things, it is more difficult to grasp their mortality. For those who care for beauty, for the best in music and in life, a link has snapped never to be replaced. Music is not dead, cannot die; but the interpreter-genius who revealed it in its purest depths has passed away.

Those who, but a few years ago, heard him still at his strongest (at his best he always was) know the utmost limit of human achievement in art. “Whether in the body, or out of the body, I know not,” was the feeling with which one always came away from hearing him. What was it that made his playing what it was? Was it his tone, his phrasing, the might and grace of his rhythm? Was it the wonderful union of passion and restraint? It was all these, it was something more than these. He had not drunk at the spring of inspiration, he was that spring himself. It was this fount within him which compelled him, in spite of his vital personality, to become the music that he played; to be, in turn, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms. Perhaps it is the heritage of his race to be the selfless testifier that he was. “If people would only trust the music,” he once said, “they too often put themselves into it.” Once when Brahms heard Joachim play again after an interval, “I felt,” he wrote, “that there had been something lacking in life. Oh, how he plays!”

This particular effect of his music was due not only to the musician; it came from the man. If he stands for art he also stands for goodness: for duty, for loyalty, for obedience. Not for virtue, which affects a man’s relation to himself, but for the kinder, sweeter power which means his bond with others; the “human charity,” which Beethoven said “was the only superiority that counted.” Sometimes one was even tempted to wish that Joachim’s charity did not suffer so long and be kind. The most social of men, he would not reject anybody.

Of course, like all interesting people,

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he liked interesting people best, and men who had made their mark in the world inspired him with respect and curiosity. He was courtly without being a courtier. His feeling for the Emperor, for Royalty, was a sentiment — the sentiment that Goethe had at Weimar. Bismarck was one of the persons for intercourse with whom he had cared most, and for the last sixty years he had known most people worth knowing both in Germany and England. In the ‘fifties he had played to Goethe’s Bettina, and in his drawing-room at Berlin there hung a water-color sketch of him and a quartette of that day, high-collared in swallow-tailed coats, playing to a little old lady, Bettina von Arnim.

Quartettabend

Carl Johann Arnold: Quartettabend bei Bettina

But the great friendships of his life were those for Mendelssohn, the Schumanns, and Brahms. His relations with Schumann began when he was very young. He had been playing Beethoven’s Concerto, and he and Schumann came out together from the hot, crowded concert-room into the star-lit open. “Little Master Joachim,” said Schumann, looking skywards, “do you think that star knows that you have just played the Beethoven Concerto and that I am sitting by you here?” As he spoke, he laid a hand tenderly upon the boy’s knee. The incident was always alive to Joachim as if it had been yesterday. Fifty years afterwards he loved to tell the story, in his vivid way, acting the gesture, recalling the tones which the years had not dulled for him. Joachim’s friendship for Brahms was one of those rare comings together which influence the history of art, like the friendship of Goethe and Schiller, of Coleridge and Wordsworth. In some ways the meeting of these two meant more than the conjunctions of creators, for without Joachim it is difficult to conceive how Brahms would have been adequately revealed to the world. Joachim immediately recognized in him a sovereign of the legitimate dynasty. He himself had no mean place in the company of great composers, but, humbly putting his creative work aside, he devoted himself to the reverent interpretation of the greater masters, more especially of this last one, whom the world as yet did not understand. It was England that he found the most responsive, and he reaped his reward. After forty-five years, his last pleasure in this country was to lead a performance of all Brahms’ chamber-music and to witness its established success.

The difference between Joachim and other artists was that intellectual equals such as these did not spoil him for the less effectual myrmidons. But with all his kindness it would be misleading to write of him as if he were a saintly bishop, instead of the most human of human beings. He did not affect tame company; he loved good looks, he loved quick wits and brilliance. He was himself witty. His humor had a sly malice, an innocent finesse, and he did not object on occasions to point it at particular persons. Some one had been criticising Mr. Z., a fussy man of his acquaintance. “But he is such a kind friend,” he rejoined — then, as if by an after-thought — “and he always lets me know it.”

Another time, at a concert of Bach’s music, he was sitting next a lady of high rank; they were looking over the score together. “She pointed out the beauties that were there — and some beauties that were not there,” he remarked afterwards. But his vision of their weaknesses did not at all interfere with his liking either for Mr. Z. or the lady. His satire was never discourteous. He was asked if a woman of note — a reputed liar — were untruthful, as was supposed. “Let us call it romantic,” he answered; “she was a very attractive person.” The difficulty in defining Joachim, the most unpara-

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doxical of persons, is to bring home to those who did not know him the union in him of simplicity and subtlety, of dignity and spontaneity, of a warmth that thrilled its recipient with a dislike of extravagance and excess; to make men realize the fulness of his artist’s temperament, together with the qualities least supposed to belong to an artist. Joachim’s punctiliousness, his self-control, his good manners, his good sense, his distaste for what was not obvious, his still greater distaste for what was lawless, are not the attributes usually pertaining to the popular idea of a genius.

We have said that he gave up composition. It was not only to interpret the work of others that he did so. It was to fulfil his mission as a teacher. Those who have had the memorable good fortune to watch him among his pupils at his Hochschule, to see him conduct his orchestra, a king whose kingdom was youth; those who have witnessed his patience with all who did their best, his wrath with what was lazy or slovenly, understand how he spent himself for them. Of his sovereign kindness to young musicians, there are many stories to tell. He loved young life; he exacted nothing from it. “Am I boring you, children?” he asked some girls a little time ago, while he was playing Mozart.

Not only among his scholars was Joachim a King. There is a picture of him fresh before my eyes, when once, after a festival at Bonn, he was returning from a Festfahrt on the Rhine. As he stepped off the boat, a crowd received him, and he passed up to the town between two files of cheering people; undergraduates, tradesmen, Herr Doktors, English pilgrims, friends of all sorts. He had not expected an ovation; he was moved almost to tears as he walked between the ranks with royal simplicity; and

Blessings and prayers, a nobler retinue
Than sceptered king or laurelled conqueror knows,
Followed this wondrous potentate

            Yet the most enduring image of him, the one which lives for ever in our hearts, is the image of Joachim the player, standing by himself, or sitting with his Quartet, his Jovian head straight to the audience. The massive hair, the watchful eyes, the wonderful square, supple hands, from which virtue went forth, complete the man. He is surrounded by an atmosphere of concentration. His face wears a look of tension, a patient, almost troubled expression. Then the mighty bow is upraised, the Olympian fiddle poised against the shoulder, and the first attack holds us breathless. The tension disappears from his countenance; it becomes calm with a victorious serenity, with a rare intellectual force. There is no exaltation, no throwing back of the head, no common sigh of emotion, or excitement. But the eyes are transfigured with a spiritual light; the face is pervaded by an intense reverence.

The impression belongs to many places: to the Ducal Schloss at Meiningen amidst the green Thuringian hills; to the hall in the humble Yorkshire village at whose festival, amongst the moors, he liked to play; to the grim smoking towns of the Black Country; most familiarly to St. James’s Hall, where he reigned so long.

Once at the rehearsal of a concert in that little Yorkshire village, he was sitting deep in talk with a friend. The last singer had finished her performance, but he did not perceive it. He looked up, and discovered that he was waited for. “It is my turn now; I must go,” he said, concerned, almost as if he were a child hastening to obey his master’s call. His turn has come now — the call found him ready.

Edith Sichel.

__________

Excerpted from the Oxford Dictionary of National Biography:

Sichel, Edith Helen (1862–1914), historian and philanthropist, was born on 13 December 1862 at 25 Princes Gardens, London, the daughter of Michael Sichel (1819–1884), a cotton merchant, and his wife, Helena Reiss (1833–1888); her parents were Christians, but of German Jewish descent. She was well educated, becoming proficient in French, German, and Latin. In 1876 she met and formed a close friendship with Mary Elizabeth Coleridge (1861–1907), with whom she went to read Greek classics with William Johnson Cory (1823–1892), the poet and former master at Eton. She also attended Professor John Wesley Hales’s lectures on Elizabethan and Jacobean drama in 1880.

At the age of twenty-three Edith Sichel joined the Whitechapel branch of the Metropolitan Association for Befriending Young Servants. Through her work here she met Canon Samuel Barnett and his wife Henrietta, and also Emily Ritchie, who became her closest friend. Her philanthropy, informed by her deep Christian faith, was essentially conservative and individualistic: accepting as God-given the class system of Victorian society, she held that the core of her mission was the creation and development of personal friendships, and had little interest in administrative and committee work which resulted from the growth of institutional social work.

Sichel’s faith in personal initiative in philanthropic work was evidenced by her private projects, pursued after bad health had forced her to abandon her work in the East End in 1891. In 1889 she and Emily Ritchie established a nursery for East End workhouse children in Chiddingfold near Witley, where they were renting a cottage. When they moved to The Hurst, Hambledon, in 1891 they started a home for Whitechapel girls, where they intended to train them for domestic service.

However, Edith Sichel’s leading interest from the 1890s was her literary career. Her first published work, the tale of a Wapping girl entitled ‘Jenny’, which appeared in the Cornhill Magazine in 1887, was inspired by her East End work. She became a steady contributor to journals and magazines, including The Pilot, the Monthly Review, the Times Literary Supplement, and the Quarterly Review, revealing herself to be an enthusiastic, perceptive, and generous reviewer of histories, biographies, and memoirs. In 1893 she published Worthington Junior, an undistinguished novel, before turning to the more congenial pursuit of French history. The Story of Two Salons (1895) described the salons of the Suards and Pauline de Beaumont, while The Household of the Lafayettes (1897) dealt with the pre- and post-Revolution history of a prominent French family. In 1903, with G. W. E. Russell, she published Mr Woodhouse’s Correspondence, a collection of comic correspondence (which had originally appeared in The Pilot) between the family and associates of the imaginary Algernon Wentworth-Woodhouse, a rich, miserly, and valetudinarian egotist. This was followed in 1906 by The Life and Letters of Alfred Ainger, a tribute to a close friend. Another such tribute appeared in 1910, when she contributed a memoir to Gathered Leaves, a posthumous collection of pieces by Mary Coleridge, whose death in 1907 was a considerable blow. Women and Men of the French Renaissance (1901) foreshadowed more directly her magnum opus, a two-volume account of the life and career of Catherine de’ Medici, published as Catherine de’Medici and the French Reformation (1905) and The Later Years of Catherine de’Medici (1908). The Renaissance, written for H. A. L. Fisher’s Home University Library of Modern Knowledge series, and Michel de Montaigne, both published in 1911, were the last of her works to appear in her lifetime. In humorous self-deprecation, Sichel described herself as ‘only a gossiping lady’s maid who curls the hair of History’. In fact her histories were well researched in primary as well as secondary sources, and she believed that a woman historian could have a distinctive and serious role in exploring the more personal and domestic aspects of history. Vivid, impressionistic portraits of many leading figures in French courts and salons bear witness to her appropriately Renaissance belief that history was ‘human life remembered’ (Ritchie, 147, 45).

In 1911 Edith Sichel began to hold classes for female prisoners at Holloway Prison, where her sister was already a visitor. She became deeply interested in the 1914 Prison Reform Bill, drawing up a report for the commissioners of prisons and attending police courts to examine sentencing. This additional work may have contributed to her unexpected death, on the night of 13 August 1914, while visiting friends at Borwick Hall, near Carnforth, Lancashire.

Edith Sichel was remembered by her contemporaries as a woman of great charm, witty, cultivated, and cheerful, with a genius for friendship. Both her books and her letters reveal an attractive and vivacious personality. While her poetry is generally third rate and laboured, her prose is elegant, absorbing, and seasoned with epigrams. Her appearance was striking rather than handsome—photographs show a large-featured, dark-haired woman, a sort of beautified George Eliot—but observers commented on her expressive face, ‘full of mobility, vigour and refinement’ (Cornish, 217).

Rosemary Mitchell

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Edward Normanton Bilbie: Joseph Joachim (1921)

01 Wednesday Jan 2014

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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From: Edward Normanton Bilbie, Experiences of a Violinist at Home and Abroad, Ann Arbor: privately printed, 1921, pp. 26-27.

__________

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JOSEPH JOACHIM

This great player and musician has had so much said about him that I shall speak mainly of his technique and a few points in style. In fame he stands beside the greatest players and his name will be carried down in history. He was famous from a child to the day he died. He was pre-eminently a player of the classics and a great quartette player. His style was so satisfying that when one heard him play a solo it seemed that his way must be the only way to play it. His bowing was remarkable, his left hand fine. His spiccato was so liquid, so delicate, or again it was so solid, so hammer-like. His trill, his scale runs, his broad, full tone, his various qualities of tone, his portamento, all were specially fine in comparison with the best players of his time, yet he never moved the common feelings but filled you with the full satisfaction of hearing

27

music played that seemed to speak to you. You lived in it for the time. He was so impersonal that though as a pupil trying to acquire the so-called “Joachim bowing” I would intend watching him, as soon as he began to play I practically never saw him again until he was through. He seemed absolutely without affectation and drew no attention to himself. He dressed shabbily at times. I have walked behind him on the street and noted his splendid build, the noble head. He was not tall but heavy without being corpulent. His interpretation of the three B’s and the rest of the classical writers could not be surpassed, but apart from all this his influence was of the greatest good in the musical world. He set an example to artists as much as to pupils and of his teaching I need say nothing. He was associated with Wagner and Liszt as a young man but pulled away from them. This was a good thing for it left him to do his great work as an exponent of the classics and Wagner did not need him. Strange to say, Joachim often played out of tune but one excused it in him. He was frequently nervous and I have often heard his bow tremble when first starting out on a solo but it soon would ring clear. In quartette he even scratched some at times, but what of it! He did not play the violin like a mincing dancing-master, but like a man full blooded, intellectual, human. In selecting his pupils from the crowds who went to him in all parts of the world, he considered their character as much as their talent. He was born at Kitsee, Hungary, in 1831, and died at Vienna [sic] at the age of 75, while on a concert tour [sic]. Like his boyhood’s friend, Mendelssohn, he was a Christian Jew. Although reputed to be poor at the time I studied in Berlin, he died worth $380,000. I did not study with Joachim — he had a long waiting list and I could not wait. I know a young man who studied in the Hoch Schule for five years and only got with Joachim four the last five months of his sojourn in Germany. I studied with a man so musically alluring that the thought of leaving him seemed unthinkable.

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Arthur Hartmann: Joachim’s Death

31 Tuesday Dec 2013

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Arthur Hartmann, Claude Debussy as I Knew Him and Other Writings by Arthur Hartmann, Samuel Hsu, Sidney Grolnic, and Mark Peters (eds.), Rochester: University of Rochester Press, 2003, pp. 210-211.

__________

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Joachim’s Death

Deathbed

On the afternoon of 15 August 1907, I was in my home in Berlin giving an American girl a lesson. The sultriness was intense, and presently a terrific thunderstorm with rain broke over the earth. Terrified by it all, I commented to the young woman, “What a storm, eh? What a time for Joachim to die, just like Beethoven!” The lesson terminated and the storm died. I took my hat and went for a walk. Passing a small music store not far from my house, I glanced into the window and there saw the proprietor beckoning to me. Entering, I at once noticed his bloodshot eyes, his tear-stained face. “What is it? What’s the matter with you?” I asked with sudden concern. He choked, sobbingly, “But didn’t you hear? Joachim died this afternoon!” and leaning against the wall, he wept unrestrainedly.

I waited for several days, knowing that hundreds of people were streaming to his house to see the Grand Old Man before burial. And one day I, too, presented myself in Charlottenburg and asked the maid if I might enter. I found myself quite alone in the large rooms and heard the maid say, “There is a gentleman here who asks to see the Meister.” Presently a lady appeared and asked me, “Were you a pupil of my father?” “No, Madame,” I answered quietly, but also without adding any polite words of regretting not to have been. “Your name?” she asked curtly, and I gave it. She inclined her head and with her left hand invited me to advance. And finally I stood at the foot of the casket and gazed long at that calm face, those crooked and twisted fingers, those large tufts of hair protruding from the top of his nose and near his ears, and fervently I prayed: “O, great God Almighty, if only I could take up where he left off, and carry on!” The room was piled high with wreaths from Emperors, Kings, Academies, Artists, and Pupils. I approached closer, and leaning over him gazed at him long — long — all alone with the great, dead Joachim! Then I bowed to him and backed out of the room.

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Anne Thackeray Ritchie: Concerning Joseph Joachim (1901)

11 Wednesday Dec 2013

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Concerning Joseph Joachim, From Blackstick Papers, by Mrs. Richmond Ritchie (Anne Isabella Thackeray Ritchie)

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Anne Isabella Thackeray Ritchie (1837-1919)

Daughter of William Makepeace Thackeray

Published: The Critic, Vol. 38 (January-June, 1901), pp. 344-349

Before life was experience — when it was curiosity, hope, speculation, all those desires with which existence begins — the writer was sent by her father to some musical meetings, which are now so long over that the very rooms in which they first originated do not exist any more. They were Willis’s Rooms, out of St. James’s Street. The Musical Union was the name given to the concerts, which were an admirable invention of Mr. Ella’s to try to raise the standard of music from certain shallow depths to which it seemed gradually to be sinking. There used to be an encouraging picture of a lyre on the programme, and a pretty little sentence — “Il più gran omaggio alla musica sta nel silenzio” — printed in colored letters at the end of it. This, alas! is not yet the universal opinion; promiscuous clap-trap applause and boisterous encores, often before the last notes have died away, being still in fashion.

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The Ballroom, Willis’s Rooms

I believe the Musical Union eventually migrated to St. James’s Hall, but it was in Willis’s cool and stately halls, with the faded velvet seats, that the writer  for the first time heard those familiar and delightful strains of Joachim’s violin, which have so happily sounded on through the latter half of a century of change and perplexity, ever bringing truth and strength and tranquillity [sic] among them.

[…]

$(KGrHqJHJD!E90vmFvMFBPe7,PN5+!~~60_57

Thackeray’s House, No. 2 Palace Green

Currently the Embassy of Israel

Illustration by James S. Ogilvy, 1902

When the writer first personally knew Dr. Joachim, it was in her father’s house at Palace Green. She can remember seeing him coming in one rainy afternoon in springtime, and entering the long light-blue drawing-room. He was a young man then. He was carrying a rolled-up scroll — it was an original score of Beethoven’s which some one had just given him; he showed us the cramped, fierce writing, the angry-looking notes of those calm harmonies. I have never again seen a Beethoven MS.; but the remembrance is distinct of that one, as well as of Joachim’s talk of Beethoven himself, of his mighty self and his protesting nerves, and his impossible difficulties with housekeepers and maids-of-all-work. I have sometimes heard Joachim speak of Schumann with the gentlest affection and reverence, and then of Brahms, — above all of Brahms, and of his meeting with him, one of the greatest emotions of his life.

We had once the happy opportunity of hearing the Joachim quartet at Dresden. It seemed to me then, as now, that I had never heard music before, so beautiful, so exquisite did it sound in that dark, bare Gewandthaus [sic] by the Elbe. It may be a foolish fancy, but to the writer’s mind music never sounds so well as when there is flowing water within reach, whether it is best for those who listen by the Rhine at Bonn or by the Elbe at Dresden matters little; or shall we write of a Romance of Schumann’s, a Concerto of Mozart’s, that were sounding but a few days ago in an old Chelsea house? Joachim was not there, but it was his teaching and inspiration that called forth the harmony. One of his most faithful followers was at the piano; his friend and pupil, Mrs. Liddell, had brought her violin. To the writer, hurrying home afterwards with happy pulses, the very mists of winter seemed to bear the beautiful impression along with them, and the tides of the stream to repeat it.

But perhaps of all places the Hochschule at Berlin is the place we like best to remember Dr. Joachim, and to think of him in the midst of his young pupils, as they sit in serried rows in the concert room. It is a sight to satisfy the touched spectator, for so much that is personal goes into music that to watch the master gravely facing the pupils, and that vast young assembly eagerly attentive and following his guiding hand and glance, seems a revelation to the music itself. Many of the scholars are scarcely more than children, but they play as if they were men and women grown, and they answer in a moment to his sign. Some especial bar or cadence does not go rightly; he makes them repeat it again and again; suddenly, with a flash along the line, they understand correctly, and then the music goes on once more. It was Beethoven’s great concerto for the violin that they were playing when we were there. A few parents and friends sit listening, a daughter of Mendelssohn’s among them. As the countless bows sweep up and down, an up-springing wave of swelling sound seems to spread from one end to the other of the great hall. They young, serious musicians bring the movement triumphantly to its close; the master looks approving; then comes a moment’s pause. “Miss Lenora Jackson will play the solo,” he says, and a girl of sixteen, in a straw hat, with a long plait of hair, steps quickly forward, lays her straw hat upon a chair, tosses back her fair hair, and begins to play.

It was a child playing to the others, a child with perfect taste and sure handling; the young orchestra listened and approved, and when she finished burst into gay, delightful applause. The master joined, too, clapping his two hands. It was a happy moment for everybody.

This Hochschule, as we know, is perhaps Joachim’s greatest interest in life, and to it we owe the spread of his wise and beautiful teaching.

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Der Adler, Vienna, July 6, 1843

19 Thursday Sep 2013

Posted by Joachim in Concert Reviews & Criticism, Reminiscences & Encomia

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Der Adler: Allgemeine Welt- und National-Chronik, vol. 1,  no. 156 (Vienna, July 6, 1843), p. 651.

__________

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[Pesth] Der kleine Violin-Virtuose Joseph Joachim aus Pesth, ein wahrer Wunderknabe, ist von Wien, woselbst er von den ersten Meistern Unterricht erhielt, hier angekommen. Dieses ausgezeichnete musikalische Genie hat in der Residenz vor den höchsten Personen außerordentliches Aussehen erregt, und bereits hat er hier in Privatzirkeln sich hören lassen und die Zuhörer in Erstaunen versetzt. Man hofft, ihn bald in einem öffentlichen Konzerte bewundern zu können (Spiegel.)

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William Allingham on Joachim, Browning, and Carlyle

31 Saturday Aug 2013

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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William Allingham, A Diary, H. Allingham and D. Radford (eds.), London: Macmillan and Co., 1907, pp. 249-250.


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William Allingham

We talked of music. B[rowning] goes to all the best concerts and musical parties he can. Spoke of people who know nothing at all of music. ‘Last night at a private house — Joachim playing “Beethoven”; Mrs. P., sitting next me, knew and cared absolutely nothing about it.’

I tried to say that there are people with no ear and also people with some, though not much, and these latter may, having sensitive and imaginative souls, be much moved by what does reach them; and I instanced Carlyle — but had no sooner uttered the name than B., more suo, snatched the ball out of my hands, and ran off with it in another direction.

‘Carlyle talks the most utter rubbish about Beethoven, knows absolutely nothing about it, etc. etc.’ And went on to declare, in his rapid way, that no untrained person could know or feel anything of this high music. ‘It cannot be reached per saltum — instead of a melody in a song or ballad, you have, in the harmonies and transitions, countless melodies melted and flowing and mingling,’ and so on.


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Max Bruch: Gedenkworte für Joseph Joachim (1907)

09 Friday Aug 2013

Posted by Joachim in Reminiscences & Encomia

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Gedenkworte bei der Gedächtnisfeier der Königl. Akademischen Hochschule für Musik in Berlin für Joseph Joachim Gesprochen von Dr. Max Bruch

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Max Bruch and Joseph Joachim

Hochgeehrte Versammlung!

Wenn ich es im Namen des Direktoriums unserer Hochschule unternehme, in dieser Stunde unsers hingeschiedenen hochverehrten Kollegen und teuren Freundes Joseph Joachim liebend zu gedenken, so kann es nicht meine Absicht sein, im engen Rahmen eines kurzen Gedenkwortes ein auch nur einigermaßen vollständiges Bild eines so überaus reichen Daseins Ihnen vorzuführen. Ich muß mich darauf beschränken, einzelne Züge aus dem Leben des verewigten Meisters hervorzuheben und möchte vor allem versuchen, den Empfindungen Ausdruck zu geben, die uns angesichts dieses tiefschmerzlichen Verlustes bewegen.

Als am 15. August d. Js. die Trauerkunde sich verbreitete, Joseph Joachim habe die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, bemächtigte sich eine tiefe und schmerzliche Bewegung aller, die klar erkannten, was er als Künstler und als Mensch der Welt gewesen war. Unzählige Kundgebungen innigster Trauer und herzlichster Sympathie aus allen Ländern bewiesen, wie sehr man den großen Toten überall bewundert und geliebt hatte. Man konnte den Gedanken nicht fassen, daß diese ganze hohe, unvergleichliche Kunst mit dem guten, herrlichen Menschen zugleich zu Grabe getragen werden solle. Wir, die wir ihn täglich unter uns sahen, hatten uns immer wieder von neuem seiner herrlichen Frische und Arbeitskraft gefreut und hieraus die Hoffnung geschöpft, daß er uns noch lange, bis zu den äußersten Grenzen des menschlichen Daseins, erhalten bleiben werde. Es sollte nicht sein — er erlag dem Verhängnis.

Besondere Ursache zu tiefster Trauer hat unsere Hochschule. Fast vier Dezennien hindurch hatte Joachim ihr seine beste Kraft gewidment, er war aufs engste mit ihr verflochten; der Ruhm seines Namens, das Beste seiner harmonischen Persönlichkeit und seines hohen Künstlertums, kamen ihr zugute. Mit unauslöschlicher Dankbarkeit gedenken wir daher heute unseres heimgegangenen Meisters und Freundes und aller unvergeßlichen Verdienste, die er sich im langen Laufe der Jahre um unsere Schule erworben hat. Allzeit trug er sie treu im Herzen. Unablässig war sein Sinnen darauf gerichtet, wie er sie stark und tüchtig erhalten, heben und fördern könnte; freudig und dankbar begrüßte er alles, was in dieser Richtung, seinen Wünschen entsprechend, seitens der Staatsregierung geschah. Seine sorgenden Gedanken gehörten, bis die Macht der Krankheit ihn überwältigte, in unveränderter Lebendigkeit der Hochschule an. Als ich im Juli d. Js. zum letzten Mal an seinem Bette saß und seine Hand lange in der meinigen hielt, da klagte er über die Untätigkeit, zu der ihn sein Zustand verurteilte und sprach dann leise, fast unhörbar, vor sich hin: “Meine armen Schüler!”

Wir alle wissen, wie ernst der geniale Meister es jederzeit mit seinen Pflichten genommen hat. Niemals gab er sich nach, niemals gestattete er sich die geringste Erleichterung, immer war er der erste am Platz, stets ein leuchtendes Vorbild für Lehrer und Schüler. Das Kleinste behandelte er mit derselben Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit wie das Größte. Niemals war ihm eine Mühe zu groß, wenn es sich um das Wohl unserer Anstalt handelte. Mit Rührung gedenken wir alle, seine Mitarbeiter, der großen Freundlichkeit seines Wesens, seiner rücksichtsvollen Milde, seines tiefen künstlerischen Ernstes und seiner sich immer gleich bleibenden kollegialischen Gesinnung. Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit waren die Leitsterne seiner langjährigen gesegneten und ruhmvollen amtlichen Tätigkeit. Gerne erinnern wir uns auch, wie er, in klarer Erkenntnis des Notwendigen und in vollem Einverständnis mit dem Direktorium, aller Stagnation stets vorzubeugen verstand; denn er war jederzeit bemüht, den großen Lehrkörper dieser Anstalt frisch zu erhalten, und ihm neues Blut zuzuführen, indem er den älteren bewährten Lehrern neue, ausgezeichnete jüngere Kräfte zugesellte.

Einen besondern Gegenstand seines liebevollen Nachdenkens und sehr unausgesetzten Fürsorge bildete die Notlage mancher begabten aber unbemittelten Schüler. Er persönlich erwies im geheimen unzähligen Studierenden Gutes und erkannte auch mit lebhaftem Danke an, was in dieser Beziehung von seiten einzelner wohlgesinnter und hochherziger Kunstfreunde geschah; aber im Gespräch mit den Freunden wiederholte er doch immer wieder: Dies alles genüge noch nicht, es bleibe immer noch viel zu tun, denn das Elend sei zu groß.

Die Hingebung und Liebe, welche der Meister seinen Schülern entgegenbrachte, wurde von allen, die seit dem Bestehen unserer Hochschule des Glückes teilhaftig geworden waren, von ihm zu den Höhen der Kunst emporgeleitet zu werden, in überreichem Maße erwidert. Diese Empfindungen unwandelbarer Liebe und tiefer Dankbarkeit fanden einen spontanen, ja überwältigenden Ausdruck, als im Frühjahr 1899 zu Joachims sechzigjährigem Künstlerjubiläum die Scharen seiner ehemaligen Schüler aus der ganzen Welt hierher strömten, um den über alles geliebten Meister noch einmal ihrer unverbrüchlichen Treue und Verehrung zu versichern. Es war eine Huldigung der Geiger, wie man sie noch nie erlebt hatte. Der gesamten, langjährigen und bewundernswerten pädagogischen Tätigkeit Joachims drückte diese herrliche und ganz eigenartige Feier gewissermaßen das Siegel auf. Ernsthaft und beglückt stand der Miester unter seinen begeisterten Jüngern; wir aber durften uns abermals mit Stolz und Freude sagen: Er ist unser!

Ueber seine Kompositionen redete Joachim sehr selten, und wenn er sich einmal gelegentlich gegen einen Freund darüber äußerte, so geschah es mit der ihm eigenen Zurückhaltung und Bescheidenheit. Um so nachdrücklicher möchte ich heute an dieser Stelle darauf hinweisen, daß der Meister uns neben andern höchst schätzbaren Werken eine wahrhaft geniale Schöpfung hinterlassen hat, welche schon für sich allein hinreichen würde, dem großen Geiger auch unter den schaffenden Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts einen höchst ehrenvollen Platz für immer zu sichern. Es ist das Violinkonzert in Ungarischer Weise, ein Kunstwerk, welches durch die Größe der Konzeption, die Schönheit der Gedanken, durch Feuer, Kraft und Leidenschaft und die glücklichste Verbindung des nationalen Elements mit dem künstlerischen hervorragt. Die Wiedergabe dieses Konzertes im Sinne Joachims wird immer zu den schönsten, wenn auch schwierigsten Aufgaben gehören, welche bedeutende Geiger sich stellen können. Wir hoffen in diesem Winter durch Aufführung verschiedener Kompositionen des Meisters an dieser durch ihn geweihten Stätte ein reicheres und vollständigeres Bild von seinem Schaffen darbieten zu können, als es heute möglich wäre.

Bewundernswert war die außerordentliche Reife und Sicherheit seines Urteils, ob er nun Freunden als einsichtiger Berater mit produktiver Kritik zur Seite stand, oder in amtlicher Eigenschaft formulierte Gutachten erstattete. Stets waren diese Urteile die reife Frucht langjähriger Erfahrung und ernsthaften, unausgesetzten Nachdenkens über die Geheimnisse der Kunst. Sollten in späteren Zeiten einmal die Archive der Kgl. Akademie der Künste und der Mendelssohn-Stiftung der Forschung zugänglich gemacht werden, so würde die Nachwelt staunen über die Fülle künstlerischer Weisheit die auch in diesen bedeutsamen Lebensäußerungen des herrlichen Mannes überall zutage tritt.

Joachim war groß und einsichtig genug, um wahre schöpferische Kraft immer und überall zu erkennen und zu würdigen — auch da, wo er vielleicht im einzelnen nicht zustimmen konnte oder sogar den eingeschlagenen Weg im ganzen für bedenklich halten mußte. Entschieden ablehnend, und zwar mit Recht, stand er nur solchen Tendenzen gegenüber, die aus völliger Verkennung des Wesens, der Bedeutung und der Ziele der organischen Musik hervorgingen. Er dachte hierüber wie der Meister aller Meister, Goethe, der sich zu seiner Zeit über ähnliche Bestrebungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst und der Literatur mit den Worten äußerte:

“Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben,
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.”

So wirkte Joachim viele Jahre lang unter uns, und so lebt er in seiner herrlichen Eigenart für immer in unserer Erinnerung: Ein großer, überall stets willkommenenr und geliebter Künstler, ein treuer Hüter des Heiligtums, dem er sich schon in früher Jugend angelobt hatte, unserer Kunst; ein ernsthafter, imponierender und liebevoller Lehrer, stets bereit, das wahre Talent in jeder Weise zu fördern; ein Fürst unter Fürsten, aber im Verkehr mit Hohen und Geringen immer derselbe; fest in sich ruhend; aber treu teilnehmend an den Geschicken anderer; zu jedem Opfer für die Kunst stets bereit; ein ehrlicher und durch und durch wahrhaftiger Künstler, der jederzeit den Mut seiner Meinung hatte, unbekümmert um wechselnde Zeitströmungen. Umrauscht von den begeisterten Huldigungen aller Völker, im strahlenden Glanze des Weltruhms, blieb er doch in seinem innersten Wesen wie in seinem äußern Auftreten der schlichteste Mann, der mit unbegrenzter Verehrung zu den Meistern emporblickte, deren größter Interpret er war. Alles in allem eine ebenso liebenswerte wie mächtige Persönlichkeit, deren Zauber sich niemand entziehen konnte, der ihr jemals nahe getreten war.

Wahrlich, was Wilhelm von Humboldt, einst von einem andern Großen sagte, das dürfen wir heute mit vollem Recht auf unsern Joachim anwenden: “Er war der glücklichste Mensch, er hatte früh das Höchste ergriffen und besaß Kraft, es festzuhalten. Es war seine Region geworden; und nicht genug, daß das gewöhnliche Leben ihn darin nicht störte, so führte er aus jenem bessern eine Güte, eine Milde, eine Klarheit und Wärme in dieses hinüber, die unverkennbar ihre Abkunft verrieten.”

Er ruht nun von seiner Arbeit. Sein Geist aber möge stets in uns lebendig sein, damit wir, jeder an seinem Teil, immerdar in seinem Sinne fortwirken und bei allem, was wir tun, nur das Heil der wahren, großen und ewigen Kunst vor Augen haben. Wir alle werden seiner nie vergessen und bis zum letzten Atemzuge in unwandelbarer Liebe und Treue gedenken unseres Meisters und Freundes Joseph Joachim.

__________

Signale für die Musikalische Welt, Vol. 65, (November 13, 1907), pp. 1172-1175.

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